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100'000 Delfine und Kleinwale werden pro Jahr getötet

epa04032473 A handout picture provided by the Sea Shepherd Conservation organization shows the selection process of dolphins, during the annual dolphin hunt in Taiji, Japan, 20 January 2014. According ...
Die berüchtigte alljährliche Delfinjagd im japanischen Taiji hat zu internationalen Protesten geführt. Japan führt die Liste der Delfinjäger nicht mehr an.Bild: EPA/SEA SHEPHERED

100'000 Delfine und Kleinwale werden pro Jahr getötet – mit immer brutaleren Methoden

30.07.2018, 16:4930.07.2018, 17:36

Nach Schätzungen von Tierschützern werden weltweit pro Jahr rund 100'000 Delfine und Kleinwale getötet – mehr als bisher angenommen. Zu diesem Schluss kommen Tierschützer, die über 300 wissenschaftliche Studien sowie Augenzeugen- und Zeitungsberichte ausgewertet haben. Sie sprechen von einer «Bibliothek des Grauens».

Als Hauptgründe für die Zunahme der Jagd nennen die Organisationen Animal Welfare Institute, Whale and Dolphin Conservation und Pro Wildlife in ihrem Bericht: Delfine werden in armen Ländern zunehmend verzehrt, obwohl sich in ihnen Schadstoffe ansammeln könnten. Und sie werden als Köder für Fische benutzt, die wegen der Überfischung immer seltener anbeissen. Die Jagden seien in vielen Ländern unreguliert, in anderen auch illegal. Ihre Folgen seien meist nicht bekannt und schwer abzuschätzen, schreiben die Tierschützer.

Eine Zusammenfassung der Ergebnisse hat Pro Wildlife veröffentlicht. Der gesamte Bericht «Small cetaceans, big problems – The status of small cetaceans hunts» soll am 31. Juli online erscheinen.

Zwei unabhängige Experten wollten sich auf Anfrage zu dem Report nicht konkret äussern, weil ihnen eigene Erkenntnisse fehlen.

Grausame Tötung

Die Liste der Länder mit den meisten getöteten Tieren führt dem Bericht zufolge keineswegs Japan an. Das Land war mit Bildern toter Delfine und vom Blut rot gefärbtem Wasser aus der Bucht des Fischerstädtchens Taiji in die Kritik geraten. In Japan sei seit dem Jahr 2000 die Delfinjagd stark zurückgegangen – von gut 18'300 auf rund 2300 getötete Tiere. Damit liegt das Land auf Platz zehn der Jagdnationen.

Gestrandete Delfine lösten 2015 in Japan Angst vor Erdbeben aus

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Angst vor Erdbeben wegen gestrandeter Delfine in Japan
Wissenschaftler obduzierten am Samstag die Kadaver von 156 Breitschnabeldelfinen, die am Tag zuvor an zwei Stränden der japanischen Pazifikküste entdeckt worden waren.
quelle: epa/epa / koichi kamoshida
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«Die Zahl der Methoden ist angewachsen.»
Sandra Altherr, Biologin

Dafür rückten Lateinamerika, Afrika und Asien auf. Ganz vorne stehen laut Bericht Peru und Nigeria mit mehreren tausend getöteten Tieren, aber selbst in Italien und in der Türkei stiessen die NGOs auf Fälle.
Die Top Ten der grössten Delfinjäger sind:

  1. Peru: bis zu 15'000 Tiere/Jahr (v.a. Köder für die Haifischerei)
  2. Nigeria: circa 10'000 Tiere (kommerzialisierter Beifang)
  3. Brasilien: mehrere tausend Tiere (v.a. als Köder für Fischerei)
  4. Venezuela: mehrere tausend Tiere (für Fleischmarkt und als Fischerei-Köder)
  5. Madagaskar: mehrere tausend Tiere (für Fleischmarkt und als Fischerei-Köder)
  6. Indien: mehrere tausend Tiere (für Fleischmarkt und als Fischerei-Köder)
  7. Südkorea: mehrere tausend Tiere (für Fleischmarkt) 
  8. Malaysia: mehrere tausend Tiere (für Fleischmarkt und als Fischerei-Köder)
  9. Grönland: > 3100 Tiere (Subsistenzjagd)
  10. Japan: aktuell weniger als 2300 Tiere (für Fleischmarkt)

Wenn sich das Meer rot färbt: Die Delfinjagd geht weiter

Video: watson

Nicht nur seien die Zahlen erschreckend, sondern auch die Art der Tötung, hiess es. Die Tiere würden mit Harpunen beschossen, mit Booten und Netzen eingekreist, mit Speeren, Macheten, Gewehren, Messern, Haken oder Dynamit getötet. «Die Zahl der Methoden ist angewachsen», sagte Sandra Altherr, Biologin und Mitbegründerin von Pro Wildlife.

«In vielen Ländern ist die Hai-Fischerei die grösste Motivation, Delfine zu jagen.»
Sandra Altherr, Biologin

Als Köder

Geschnittenes Delfinfleisch werde immer öfter auf Haken oder in Reusenfallen als Köder eingesetzt. Fischer machten damit Jagd auf teure Speisefische wie Hai, Thunfisch oder den Wels-artigen Piracatinga im Amazonas. Hier würden auch bedrohte Süsswasser-Delfine gejagt, weil sie sehr speckig und deshalb gute Köder seien, sagte Altherr. «In vielen Ländern ist die Hai-Fischerei die grösste Motivation, Delfine zu jagen.»

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Auch andere Forscher sehen darin eine neue Entwicklung. Zudem sehen sie einen Rückgang der Jagd in Japan und eine Zunahme in anderen Ländern.

Laut dem Report ersetzt vor allem in Ländern Westafrikas Delfinfleisch schwindende Erträge aus der lokalen Fischerei, um die wachsende Bevölkerung zu ernähren. Die Fischbestände seien durch internationale Industrieflotten ausgedünnt, so dass für die Einheimischen zu wenig zur eigenen Versorgung bleibe.

Zähne als Brautschmuck

Auch der Beifang, bei dem Delfine zufällig in Fischernetzen landen, sei ein wachsendes Problem. Zumindest in Ländern, in denen der Beifang kommerziell genutzt werden dürfe, landeten die Tiere nicht mehr ganz so zufällig im Netz. «Da sehen wir, dass es einen Übergang gibt zu einer beabsichtigen Jagd», sagte Altherr. Auf den Salomonen in der Südsee wiederum sind die Zähne der Tiere begehrter Brautschmuck, dort sterben laut Altherr rund tausend Tiere im Jahr.

Delfine und Kleinwale seien im Gegensatz zu den Grosswalen nicht durch das Moratorium der Internationalen Walfangkommission gegen kommerziellen Fang geschützt, erläuterte Pro Wildlife. Die Umweltschützer fordern internationale Schutzbestimmungen. Bisher gebe es nur einen lückenhaften Flickenteppich, der aus regionalen Regeln und Jagdverboten für bestimmte Arten bestehe. In vielen Ländern sei die Jagd gar nicht beschränkt.

(sda/dpa)

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Video: srf
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