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Bundespraesidentin Doris Leuthard eroeffnet mit einer Drohne den Digitaltag im Zuercher Hauptbahnhof, aufgenommen am Dienstag, 21. November 2017. (KEYSTONE/Ennio Leanza)

Die Chef-Optimistin: Doris Leuthard mit Drohne am Digitaltag im Hauptbahnhof Zürich. Bild: KEYSTONE

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Amtlich geforderte Zuversicht: So wird das nix mit der Digitalisierung

Die Digitalisierung erzeugt Ängste, und das nicht zu Unrecht. PR-Shows wie der Digitaltag genügen nicht, um Vertrauen zu schaffen. Wer das nicht einsieht, den bestraft der Stimmzettel.



«Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Kommunismus.» Mit diesen Worten beginnt das 1848 erschienene Kommunistische Manifest von Karl Marx und Friedrich Engels. Es war eine Zeit der wirtschaftlichen Umwälzungen durch die industrielle Revolution. Das «Gespenst» des Kommunismus war eine Antwort darauf – eine falsche, wie wir heute wissen.

Nun leben wir erneut in einer Zeit, in der sich die Wirtschaft fundamental wandelt. Was damals die Industrialisierung war, ist heute die Digitalisierung. Sie durchdringt so gut wie alle Bereiche unseres Lebens und verändert es damit weit stärker als frühere wirtschaftliche Umbrüche. Das betrifft nicht zuletzt die Arbeitswelt: Neue Jobs entstehen, andere verschwinden.

Das war bei der industriellen Revolution nicht anders. Damals wie heute erzeugt diese Entwicklung Ängste. Wird es in Zukunft genug und gut bezahlte Arbeit für alle geben? Wird mein Job demnächst von einem Roboter übernommen? Das «neue Maschinen-Zeitalter», wie es Kollege Philipp Löpfe nennt, sorgt für Faszination und Verunsicherung.

Mit Digitaltag gegen Ängste

Politik, Wirtschaft und Wissenschaft versuchen, der Bevölkerung die Ängste vor der Digitalisierung zu nehmen. Zu diesem Zweck veranstalteten sie am Dienstag mit viel Brimborium den ersten Schweizer Digitaltag, mit Beteiligung von drei Bundesräten und publizistisch gehypt von den Medien des Ringier-Verlags, dessen CEO Marc Walder zu den Digital-Enthusiasten gehört.

Die Schweiz sei mit ihrer innovativen Wirtschaft und ihrem Bildungssystem für die Digitalisierung gut gerüstet, hiess es. Ängste und Bedenken seien nicht angebracht, meinte Bundespräsidentin Doris Leuthard am Montag an der Konferenz «Digitale Schweiz» in Biel: «Ja, die Digitalisierung verändert unser Leben. Ja, sie ist nicht bequem. Doch zu hadern, führt uns nicht weiter.»

Wie bei Opa Hoppenstedt

Man fühlt sich an Loriots unsterblichen Sketch «Weihnachten bei Hoppenstedts» erinnert. «Opa, sei ein bisschen gemütlich!», fordert der gestresste Familienvater. Auf die Ängste vor der Digitalisierung umgemünzt, heisst das: «Leute, seid gefälligst zuversichtlich!».

Die Mobile Community Preview App der SBB vor der Vorstellung der neuen SBB App, fotografiert am Montag, 31. Oktober 2016 in Zuerich. (KEYSTONE/Manuel Lopez)

Bahnbillette löst man nicht am Schalter, sondern via App. Bild: KEYSTONE

Man vernimmt es, und doch lässt dieser amtlich geforderte Digital-Frohsinn nicht wirklich Freude aufkommen. Denn die heutige digitale Realität gibt eher den Verängstigten Recht. Ja, die digitale Revolution hat vieles in unserem Leben einfacher gemacht. Aber eben nicht alles. Sie sorgt etwa dafür, dass der Kunde vom König zum Sklaven wird, um es bewusst überspitzt zu formulieren.

Die grosse Disruption

Wir werden mehr oder weniger sanft zum Self-Scanning beim Detailhändler und zum Self-Check-in beim Fliegen gedrängt. Wir nehmen den Banken mit E-Banking die Arbeit ab. Wer ein Bahnbillett am Schalter statt am Automaten oder via App lösen will, gilt als hoffnungslos altmodisch. Wer persönliche Betreuung beansprucht, wird mit zusätzlichen Gebühren bestraft.

Ein Blick auf jene Branchen, die bereits von der Digitalisierung erfasst wurden, liefert den Skeptikern Argumente. Musiker müssten wie in früheren Jahrhunderten ihren Lebensunterhalt mit Konzerten bestreiten. Von der Musik selber können sie kaum noch existieren, weil das Internet alle mit dem Urheberrecht erzielten Fortschritte in Sachen Copyright zunichte gemacht hat.

Abbau über alles?

Die Medienbranche – also mein Arbeitsgebiet – wird seit Jahren durchgeschüttelt, weil die Werbung ins Internet abgewandert ist. Medienhäuser bauen laufend Stellen ab, Freelancer müssen sich mit miesen Honoraren durchschlagen. Sicher, es entstehen auch neue Angebote wie watson, aber die Perspektiven für die Branche sind im besten Fall durchzogen.

«Tagesschau»-Beitrag zum Digitaltag. video: Srf

Daraus entsteht der Eindruck, die Digitalisierung werde in erster Linie für Rationalisierungen und Stellenabbau genutzt. Er ist nicht aus der Luft gegriffen, wie eine Aussage des Zürcher FDP-Ständerats und IT-Unternehmers Ruedi Noser am Digitaltag zeigt: «Wenn die Bundesverwaltung konsequent digitalisiert würde, könnten 20 bis 30 Prozent der beschäftigten Personen abgebaut werden.» So schafft man Vertrauen in die Digitalisierung, Herr Noser (Achtung, Ironie!).

Mehr Ungleichheit

Die Verfechter der Digitalisierung sind überzeugt, dass viele bisherige Jobs verschwinden, aber auch viele neue geschaffen werden. Die Anfang Monat vorgestellte Studie «Auswirkungen der Digitalisierung auf Beschäftigung und Arbeitsbedingungen – Chancen und Risiken» des Bundes unterstreicht diese These. Letztlich aber weiss niemand, wie sich der Arbeitsmarkt entwickeln wird.

Der Ökonom und Arbeitsmarktforscher David Dorn, ein Shootingstar seiner Zunft, meinte in der SRF-«Tagesschau», dass die Jobmenge ungefähr gleich bleiben werde. Es werde jedoch zu einer Polarisierung kommen: «Die Beschäftigung konzentriert sich in den am besten bezahlten und am wenigsten bezahlten Jobs.» Dies habe einen Anstieg der Einkommens-Ungleichheit zur Folge.

Dorns Szenario deckt sich mit den Prognosen des renommierten US-Ökononem Tyler Cowen, den watson dieses Jahr interviewen konnte. «Nur wer die vom Arbeitsmarkt nachgefragten Kompetenzen vorweist, wird auch in Zukunft über gute Erwerbschancen verfügen», heisst es auch in der erwähnten Studie des Bundes. Wer nicht mithalten kann, dem droht das Prekariat.

Taxifahrer protestieren gegen Uber auf dem Messeplatz in Basel am Dienstag, 28. Juni 2016. Die Nationale Taxiunion fordert von den Behoerden ein sofortiges Vorgehen gegen Uber. (KEYSTONE/Georgios Kefalas)

Swiss taxi drivers protest against Uber at the Messeplatz, in Basel, Switzerland, Tuesday 28 June 2016. The national taxi driver's union gathered to demand an immediate intervention against Uber. (KEYSTONE/Georgios Kefalas)

Taxifahrer protestieren in Basel gegen Uber. Bild: KEYSTONE

Ein Schlagwort in diesem Zusammenhang ist die Uberisierung, benannt nach dem umstrittenen Fahrdienst-Unternehmen. Auch der beschönigende Ausdruck Gig Economy wird gerne verwendet. Ihre Anhänger bezeichnen sie als Chance für ein selbstbestimmtes Leben. In der Realität drohen miese Arbeitsverhältnisse ohne soziale Absicherung und ausreichende Altersvorsorge.

Schöne neue Arbeitswelt

Auf der Strecke bleiben ein geregeltes Sozial- und Familienleben. Und die Gesundheit. Diverse Studien zeigen, dass die Menschen an der digitalisierten Arbeitswelt die grössere Flexibilität schätzen. Sie fürchten aber auch die ständige Erreichbarkeit und den Stress. Laut einer Erhebung der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften können 46 Prozent der Befragten schlechter schlafen. 42 Prozent fühlen sich nicht glücklicher, obwohl ihre Arbeit vielfältiger wurde.

Sieht so die schöne neue digitale Arbeitswelt aus?

Die Politik und vor allem die Wirtschaft aber sehen kaum Handlungsbedarf. Nur ja keine neuen Regulierungen, lautet die Vorgabe. Ganz im Gegenteil: Verschiedene Vorstösse zielen auf eine Lockerung der Arbeitsgesetzes ab. Zumindest zeitweise sollen die Leute länger arbeiten dürfen. Die Jahresarbeitszeit solle nicht steigen, wird beteuert, doch wer garantiert dies?

Trump als Warnung

Wohin eine solche Laissez-Faire-Haltung führen kann, sieht man in den USA. Dort sind viele mittelständische Industrie-Arbeitsplätze der Automatisierung zum Opfer gefallen und durch schlecht bezahlte Dienstleistungs-Jobs «ersetzt» worden. Diese Entwicklung wurde zum idealen Nährboden für Donald Trump und seinen rabiaten Wirtschafts-Nationalismus («America first!»).

Supporters of Republican presidential candidate Donald Trump listen to him speak during a campaign rally at Lackawanna College, Monday, Nov. 7, 2016, in Scranton, Pa. (AP Photo/ Evan Vucci)

Trump-Fans im Wahlkampf 2016. Bild: AP/AP

Bei uns gibt es andere Möglichkeiten, unliebsame Entwicklungen zu stoppen. Die direkte Demokratie verleiht uns die entsprechenden Instrumente. Dies mag eine Erklärung sein für die krampfhaften Versuche, das Volk für die digitale Zukunft zu begeistern. Hinter der Warnung vor Ängsten steckt die Angst vor einem Backlash mit dem Stimmzettel.

Hoffen auf Weiterbildung

Sie ist nicht unbegründet. In der Wirtschaftskrise der 90er Jahre gab es ebenfalls einen von neoliberalem Deregulierungswahn getriebenen Versuch, das Arbeitsgesetz umfassend zu lockern. Das Stimmvolk schmetterte ihn 1996 im Verhältnis von 2:1 ab. Eine wesentlich moderatere Vorlage hingegen wurde zwei Jahre später in der Volksabstimmung angenommen.

Fieberhaft wird deshalb nach Wegen gesucht, um zu verhindern, dass die Digitalisierung ein Heer der Abgehängten und Arbeitslosen zur Folge haben wird. Weiterbildung wird in diesem Zusammenhang gross geschrieben, ein Lieblingsthema von Wirtschaftsminister und Digitalisierungs-Prediger Johann Schneider-Ammann. Ein Patentrezept aber gibt es nicht.

Wohin die Reise gehen wird, weiss letztlich niemand. Die Digitalisierung lässt sich nicht aufhalten, und sie eröffnet in der Tat viele Möglichkeiten. Vertrauen aber schafft man nicht mit PR-Shows wie dem Digitaltag. Es braucht mehr als Drohnenballette, Snackroboter oder die geplante Swiss ID, um die um ihre Zukunft fürchtenden Menschen zu überzeugen.

Ein Blick in die Vergangenheit sollte Warnung genug sein. Die Gleichgültigkeit gegenüber den sozialen Folgen der Industrialisierung gab nicht nur dem Kommunismus Auftrieb, sondern auch dem Faschismus. Die verheerenden Folgen dieser Entwicklung sind bekannt.

Kollege Roboter

Doch nicht alle Roboter sind gut:

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