Fast seit Beginn des russischen Angriffskriegs in der Ukraine gibt es Befürchtungen, im AKW Saporischschja könnte es zu einer nuklearen Katastrophe kommen. Neue Nahrung erhielten diese Befürchtungen in den letzten Tagen, als dichter Rauch über einem der Kühltürme aufstieg. Der Brand – Ursache dürfte ein Feuer in einem Kühlsystem gewesen sein – ist zwar inzwischen gelöscht, doch die Ukraine und Russland schieben sich weiterhin die Schuld für den Vorfall zu.
Wie gefährdet – und damit: wie gefährlich – ist das grösste AKW Europas, wer kontrolliert es und warum kommt es dort immer wieder zu heiklen Situationen?
Das 1985 in Betrieb genommene Atomkraftwerk Saporischschja befindet sich auf dem Gebiet der ukrainischen Stadt Enerhodar im Südosten der Ukraine. Die Grossstadt Saporischschja, Hauptstadt der gleichnamigen Oblast, liegt 55 Kilometer weiter nordöstlich am Dnipro (Dnjepr). Gut 150 Kilometer flussabwärts befindet sich der 2023 zerstörte Kachowka-Staudamm.
Der zuvor 2100 Quadratkilometer grosse Kachowkaer Stausee, an dessen Ufer das AKW lag, ist deshalb ausgelaufen. Das Kraftwerk liegt nun am südlichen Ufer des Dnipro, der hier die Frontlinie bildet. Gegenüber, am nördlichen, nach wie vor ukrainisch beherrschten Ufer, liegt die Stadt Nikopol.
Das Atomkraftwerk geriet am 4. März 2022, wenige Tage nach Beginn der russischen Invasion in der Ukraine, unter russische Kontrolle. Als der Kreml am 30. September desselben Jahres die Oblaste Cherson, Donezk, Luhansk und Saporischschja annektierte, erklärte er das AKW zu russischem Eigentum. Dies ist völkerrechtlich nicht anerkannt.
Die sechs Druckwasserreaktoren sowjetischer Bauart erbringen je 950 Megawatt Nettoleistung. Mit 5,7 Gigawatt Gesamtleistung ist das AKW Saporischschja das leistungsstärkste Atomkraftwerk Europas. Zusammen mit dem konventionellen Wärmekraftwerk Saporischschja, das rund zwei Kilometer weiter östlich liegt, umfasst das AKW etwa 30 Prozent der gesamten ukrainischen Kraftwerkskapazität. Vor dem Krieg lieferten die beiden Anlagen knapp ein Viertel des gesamten in der Ukraine erzeugten Stroms. Seit dem Wegfall des Atomkraftwerks in Tschernobyl gilt es als essenziell für die Energieversorgung der Ukraine.
Die Reaktoren wurden allerdings im September 2022 aufgrund des andauernden ukrainischen Beschusses heruntergefahren, da ein aktiver Reaktor im Falle eines Treffers eine nukleare Katastrophe verursachen könnte. Seit Juni 2023 sind die Reaktorblöcke komplett abgeschaltet. Die Brennstäbe müssen jedoch weiterhin gekühlt werden. Auf dem Gelände sind Beobachter der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO) stationiert.
Eine neuerliche Inbetriebnahme des AKWs zur regulären Stromerzeugung ist auch nach einem möglichen Ende der Kampfhandlungen fraglich. Die für den Normalbetrieb erforderliche Kühlleistung wurde zuvor mit dem Wasser aus dem Stausee erbracht; seit dieser ausgelaufen ist, dürfte die Wiederinbetriebnahme illusorisch sein.
Seit die russischen Truppen das Kraftwerksgelände besetzt haben, befindet sich das AKW quasi an der Frontlinie. Was die Lage zusätzlich gefährlich macht, ist die Tatsache, dass die russische Armee auf dem AKW-Gelände einen Kommandoposten eingerichtet hat und dort Munition lagert. Aus dem Gelände heraus – und zwar in unmittelbarer Nähe der Reaktorblöcke – beschiessen die russischen Einheiten überdies ukrainische Ziele auf der anderen Seite des Dnipro mit Mörsern und Haubitzen.
Die Invasoren nutzen dabei die nuklearen Anlagen als Schutzschild, da ukrainisches Gegenfeuer kaum möglich ist, ohne die Reaktorblöcke und damit die gesamte Region zu gefährden. Die Genfer Konvention verbietet eine solche militärische Nutzung eines Atomkraftwerks strikt. Zudem gibt es Hinweise, dass das Gelände um das AKW herum vermint worden ist. Dies stelle ein erhebliches Sicherheitsrisiko dar, rügte IAEO-Generaldirektor Rafael Mariano Grossi.
Bereits im Sommer 2022 kam es zu mehreren Kampfhandlungen, von denen das AKW Saporischschja betroffen wurde. Immer wieder kam es zu heiklen Situationen rund um das Kraftwerk, besonders im Jahr 2022. Im Juli wurden mehrere russische Soldaten bei einem ukrainischen Drohnenangriff auf dem AKW-Gelände getötet, und im September brach infolge von Gefechten ein Feuer aus, worauf Block 6 abgeschaltet wurde. Zugleich wurde die letzte Reserveleitung unterbrochen, über die noch eine Stromzu- und -abfuhr ins ukrainische Netz erfolgte.
In letzter Zeit kam es wieder vermehrt zu kritischen Situationen. So griffen im vergangenen April mehrere Kampfdrohnen das AKW-Gelände an. Laut Angaben der IAEO war es der erste direkte Angriff auf dieses Ziel seit November 2022.
Der Brand im Kühlturm des AKWs konnte vollständig gelöscht werden, erhöhte Strahlung wurde in der Umgebung nicht festgestellt. Der Vorfall stellt daher wohl keine unmittelbare Gefahr dar. Auch die Wahrscheinlichkeit, dass die Reaktorblöcke durch Artilleriebeschuss beschädigt werden könnten und dadurch radioaktives Material in die Umgebung entweicht, gilt als eher gering: Die Reaktoren sind durch eine massive Stahlbetonschicht geschützt, die auch den Absturz eines kleinen Flugzeugs überstehen sollte. Viel gefährlicher wäre ein Beschuss des Atommüllzwischenlagers in der Nähe der Reaktoren, in dem zahlreiche Betonbehälter unter freiem Himmel stehen.
Die langfristig grössten Gefahren dürften andere Gründe haben. Dazu gehört der bisher folgenreichste Vorfall rund um das AKW: Die Zerstörung des Kachowka-Staudamms im Juni 2023, für die sich die Ukraine und Russland gegenseitig die Schuld zuweisen. Die Explosion fand zwar weitab des AKWs statt, doch die Anlage verlor dabei ihre Kühlwasserzufuhr.
Obwohl die Reaktoren abgeschaltet sind, müssen die abgebrannten Brennelemente weiterhin über einen langen Zeitraum gekühlt werden. Dafür verfügt das AKW über ein geschlossenes System, die sogenannten Sprinklerteiche. Wasser, das dort verdunstet, muss aus elf Grundwasserbrunnen oder einem Kühlwasser-Becken nachgefüllt werden. Der Wasservorrat dieses Beckens reicht für mehrere Monate aus, doch der Pegel sinkt langsam durch Verdunstung, seit es nicht mehr durch den Stausee aufgefüllt wird. Immerhin verlangsamt ein Drainagesystem den Vorgang.
Laut einem aktuellen IAEO-Bericht sinkt der Wasserstand im Kühlbecken derzeit weiter. Dies ist für Generaldirektor Grossi Anlass zur Sorge. Obwohl die Sprinklerteiche durch die Brunnen momentan ausreichend versorgt würden, könnte eine Beeinträchtigung dieser Quellen dazu führen, dass der Kühlteich als Back-up genutzt werden müsste. Man überwache die Lage deshalb genau.
Eine weitere Gefahrenquelle stellt eine Unterbrechung der Stromversorgung dar – dazu ist es bereits mehrmals gekommen. Für diesen Fall gibt es Notstromaggregate; und in der Tat wurde das AKW seit Kriegsausbruch mit mobilen Notstromaggregaten und zusätzlichen Wasserpumpen ausgerüstet. Die Dieselgeneratoren können den Strombedarf allerdings nur für zehn Tage decken, und sie stehen dicht beieinander, was im Fall eines Treffers zum Ausfall aller Aggregate führen könnte. Ausserdem fehlen für diese Generatoren zusehends die Ersatzteile.
Experten sehen die grösste Gefahr freilich an einem ganz anderen Ort: im Faktor Mensch. Vor Kriegsausbruch arbeiteten rund 11'000 Personen in der Anlage. Von ihnen flohen viele, als die russischen Truppen das Gelände besetzten, doch einige blieben und stellten den Betrieb auch unter russischer Besatzung sicher – im Juni 2023 waren es noch etwa 3500 Mitarbeiter.
Deren enorme psychische Belastung, die ihre Arbeit in einem Kriegsgebiet und unter der Fuchtel eines russischen Militärkommandanten mit sich bringt, betrachtet die IAEO als Risiko für die Betriebssicherheit. Man erinnert sich: Auch bei der Kernschmelze von Tschernobyl war es menschliches Versagen, das zur nuklearen Katastrophe führte.
Fukushima war auch nicht gefährlicher als andere bis die Welle kam.
Solange alles planmässig läuft, ist das Risiko bei jedem klein. Aber wie wir wissen, ist jedes Unglück, Unfall eine Verkettung unglücklicher Umstände, womit jedes KKW ein Risiko ist.
Wenn es im Kriegsgebiet steht, macht es das eben auch nicht besser.
Die können ihre Geschäfte mit uns fröhlich und unbehelligt weiterführen, obwohl Rossatom ein Werkzeug des Kreml ist.
Vielleicht kann das der Atom Bert ja erklären?