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So billig und gut isst du nie wieder Dim Sum: Ein Besuch im Tim Ho Wan in New York

alle Bilder: Jennifer Zimmermann



New Yorker sind ruppig und ungeduldig, so das Klischee. Geht es ums Essen, beweisen sie aber eine Engelsgeduld. So auch, als im Dezember letzten Jahres das Dim Sum Restaurant Tim Ho Wan in der East Village eröffnete. Noch Wochen später standen Dutzende bis zu 3.5 Stunden lang Schlange – trotz Minustemperaturen und Schneestürmen.

Was ist Dim Sum?

Dim Sum ist chinesischer Brunch, der seinen Ursprung in Kanton, einer Millionenstadt in Südchina hat und aus vielen kleinen Häppchen besteht. Die kleinen gedämpften, frittierten oder gebackenen Gerichte erinnern an die spanischen Tapas oder die orientalischen Mezze, mit dem Unterschied, dass viele davon süsslich sind. Die wörtliche Übersetzung von «Dim Sum» lautet «das Herz berühren». Je nach Interpretation wird das Herz des Essenden erwärmt und/oder der Ausdruck besagt, dass der Koch das Essen mit viel Liebe zubereitet hat. 

Tim Ho Wan ist nicht nur das erste Lokal der Kette auf amerikanischem Grund, sondern machte sich auch einen Namen als das billigste Restaurant mit einem Michelin-Stern: 2010 erhielt ihr Hongkonger Lokal die begehrte Auszeichnung. Seither gibt es weltweit 45 Restaurants – und weitere sollen folgen.

Im Ableger in New York kosten sämtliche Gerichte weniger als 5.50 Franken – na dann, nichts wie los!

«Wir wollen als Experten für traditionelle, kantonesische Dim Sum bekannt sein.»

Mitgründer und Chefkoch Mak Kwai Pui gegenüber Edible Manhattan 

Unscheinbar: Hinter dieser Fassade erahnt keiner ein Sternerestaurant.

«Tim Ho Wan» bedeutet «Glück hinzufügen» – und dieses ist mir am Mittwochabend hold. Wir betreten das Restaurant und warten keine zehn Minuten, bis uns ein Tisch zugewiesen wird.

Im Restaurant herrscht Hochbetrieb und das Ambiente erinnert mehr an einen Fast-Food-Diner als an einen Gourmet-Tempel: Das Personal wuselt zwischen den roten Ledersofas und den einfachen Holztischen umher, aus der offenen Küche dringt Lärm und der Geruch von Frittiertem zu uns.

Dim Sum, NYC, Tim Ho Wan, Chinesisch

Wir folgen den Empfehlungen der Kellnerin und bestellen die Klassiker, darunter die Baked BBQ Pork Buns, Congee (Reissuppe) und die Steamed Rice Roll with Minced Beef. In guter Fast-Food-Manier lässt das Essen nicht lange auf sich warten.

Wie es sich für Dim Sum gehört, trinke ich Tee zur Mahlzeit, der in der kantonesischen Tradition namens «yum cha» ursprünglich den Hauptbestandteil des Brunch bildete. Ich entscheide mich für den süssen Chrysanthemen-Tee, der mich im Geschmack an ein türkisches Dampfbad erinnert – und sehr gut schmeckt.

Die Gerichte kommen gestaffelt und schneller, als wir sie essen können. Mein lautstarkes Rätseln über die Zutaten veranlasst unsere Sitznachbarn dazu, uns die Speisen zu erklären – ganz im Stil der hilfreichen Amis. Zuerst zum allseits bekannten Liebling:

Baked BBQ Pork Buns (Gebackenes Brötchen mit Schweinefleisch an Barbecuesauce)

Süss-salzige Versuchung: die viel gerühmten «Buns», auch bekannt als «chinesische Hamburger».

Aussen schön knusprig gebacken, die Füllung saftig und weich. Das Brötchen schmeckt ähnlich wie ein Scone und ist für meinen Geschmack zu süss. Die süss-klebrige Barbecue-Füllung mit Schweinefleisch schafft da keine Abhilfe. Unsere Sitznachbarn Jenny und Colin, beide gebürtige Chinesen, verraten uns, dass ihnen die Brötchen im Hongkonger «Tim Ho Wan» viel besser schmecken. Es geht weiter mit dem nächsten Gang:

Congee with Pork and Preserved Egg (Reissuppe mit Schweinefleisch und fermentiertem Ei)

Dim Sum, NYC, Tim Ho Wan, Chinesisch

Dim Sum, NYC, Tim Ho Wan, Chinesisch

Die Konsistenz der Suppe erinnert an Wackelpudding und Haferflocken zugleich. Geschmacklich kenne ich nichts Vergleichbares: Zuerst bin ich begeistert, nach einigen Löffeln wird mir das Ganze aber zu süss und die gelatineartigen, fauligen Eier ekeln mich ein wenig.

Spannend hingegen ist die Herstellung der «tausendjährigen Eier»: Während mehrerer Monate wird ein rohes Ei, meist ein Entenei, manchmal ein Hühnerei, in einem Brei aus Lehm, Asche, Salz, Kalk und Reishülsen (oder Stroh) eingelegt. Dabei ändern sich Farbe, Konsistenz und Geschmack des Eies: Eine chinesische Delikatesse ist geboren.

Nächster Gang: Sticky Rice in Lotus Leaf (Klebriger Reis in Lotusblatt)

Auch hier sind wir froh um die Hilfe von Jenny und Colin: Dank ihnen lassen wir das Lotusblatt unangetastet und erfahren, dass die Füllung eine Mischung aus Schweine-, Rind- und Hühnerfleisch ist. Dieses Gericht ist mit Abstand mein liebstes und ein salziger Gegenpol zu den vielen süssen Speisen.

Es folgt: Steamed Rice Roll with Minced Beef (Gedämpfte Reisnudelrolle mit gehacktem Rindfleisch)

Einmal mehr ist mir alles ein wenig zu «schwabbelig» in der Konsistenz.

Ein weiterer Dim-Sum-Klassiker und für mich erneut eine Premiere: Reisnudelrollen, die mit Sojasauce gegessen werden. Aussen sind sie glitschig, aber mit Biss; innen ebenso. Geschmacklich top, mit einem Hauch von Thai Basilikum. 

Als nächstes gibt es: Deep Fried Vegetable Spring Roll (Frittierte Gemüse-Frühlingsrolle)

Exklusiv auf dem New Yorker Menu: Frittierte Frühlingsrollen, wie man sie kennt und liebt. Sehen aus wie frittierte Frühlingsrollen, schmecken wie frittierte Frühlingsrollen. Nichts besonderes.

Jenny, meine Sitznachbarin, meint dazu nur:

«Ich würde niemals die Frühlingsrollen bestellen, das ist mir zu amerikanisiert. Wenn, dann bestelle ich sie, wenn ich Vietnamesisch essen gehe.»

Es geht weiter mit: Steamed Pork Dumplings with Shrimp (Gedämpfte Schweinefleisch-Dumplings mit Shrimps, garniert mit Goji-Beeren)

Vor diesem kulinarischen Erlebnis meinte ich ja, dass «Dim Sum» ein Synonym für «Dumplings» sei. Ich bin froh, wurde ich eines besseren belehrt. Dennoch gehören Dumplings wie diese sicherlich zu meinen Favoriten des chinesischen Brunch.

Und nun: Steamed Egg Cake (Gedämpfter Eierkuchen)

Und wieder schlägt der Zucker zu. Viel zu süss ist mir dieser nach Karamell schmeckende Eierkuchen, der aber herrlich luftig ist.

Zum Abschluss: French Toast with Custard («Fotzelschnitte» mit Eiercreme)

Wie ein x-fach frittierter Donut schmeckt dieses herzhafte, aber schwerverdauliche Dessert.

Dieses Dessert ist die zweite New Yorker Exklusivität auf dem Menu. Denn die Chefköche und Gründer von Tim Ho Wan namens Mak Kwai Pui und Leung Fai Keung wissen: «Amerikaner lieben frittiertes Essen!»

Ich liebe es, neue Gerichte auszuprobieren und als gebürtige Amerikanerin liebe ich eigentlich auch alles, was süss ist. Michelin Stern hin oder her, an diese glitschigen, süss-salzigen Häppchen werde ich mich noch gewöhnen müssen. Immerhin ist der Preis von 30 Franken pro Person unschlagbar.

Mehr Essen! Zum Beispiel: Streetfood aus aller Welt – weil man sich sonst nichts gönnt!

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