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Um ein Kilogramm Kokain herzustellen, werden im südamerikanischen Dschungel rund 700 Kilogramm Koka-Blätter verarbeitet.
Um ein Kilogramm Kokain herzustellen, werden im südamerikanischen Dschungel rund 700 Kilogramm Koka-Blätter verarbeitet.Bild: AP/AP

In der Schweiz werden über 13 Kilo Kokain konsumiert – pro Tag

Der Kokainmarkt ist grösser als alle anderen Betäubungsmittelmärkte zusammen – Cannabis ausgenommen. Eine neue Studie zeigt, wie der Markt funktioniert, was er umsetzt und was ihn antreibt. Diese Ergebnisse sollen nun zu einer Debatte für eine bessere Drogenpolitik beitragen.
12.07.2018, 05:0112.07.2018, 06:48
anna wanner / nordwestschweiz

Nein, es sind nicht nur Banker, die sich für bessere Leistungen Kokain in die Nase ziehen. Bauarbeiter koksen genauso wie Hausfrauen und Ärztinnen. Die grosse Vielfalt der Kokainkonsumenten in der Schweiz ist eine der Haupterkenntnisse einer neuen Studie von Sucht Schweiz, die in Zusammenarbeit mit dem Institut für Kriminologie der Uni Lausanne und dem Institut für Sozial- und Präventivmedizin des Unispitals Lausanne erarbeitet wurde.

Ganze Ladungen
voll Kokain gehen
der hiesigen Polizei
selten bis nie
ins Netz. Meistens
werden kleinere
Mengen – 5 Kilogramm
– aufs Mal
geschmuggelt.
Im Handel auf der
Strasse sind
1-Gramm-Kugeln
die häufigste
Währung.
Ganze Ladungen voll Kokain gehen der hiesigen Polizei selten bis nie ins Netz. Meistens werden kleinere Mengen – 5 Kilogramm – aufs Mal geschmuggelt. Im Handel auf der Strasse sind 1-Gramm-Kugeln die häufigste Währung.Bild: AP/dpa

Die Menge, die eine einzelne Person konsumiert, unterscheidet sich stark: Die grosse Mehrheit kokst gelegentlich, etwa am Wochenende. Im Schnitt beläuft sich die Konsumation auf rund 10 Gramm Kokain pro Jahr – was laut Experten für die Gesundheit unbedenklich ist. 20 Prozent der Konsumenten koksen aber deutlich mehr.

Die Studienautoren unterscheiden bei den regelmässigen Koksern zwischen Personen mit Drogenvergangenheit, etwa früheren Heroinsüchtigen, und Personen, die sozial gut integriert sind, Job und Familie haben – und nebenbei mehr als 4 Gramm Kokain pro Woche sniffen. Das ergibt aufs Jahr 230 Gramm.

Diese 5 Städte haben die meisten Kokain-Quellen im Abwasser

Video: srf/SDA SRF

Konsum stagniert

Untersucht haben die Forscher zwar den Markt im Kanton Waadt, die Erkenntnisse liessen sich aber weitgehend auf die Schweiz anwenden, wie Frank Zobel, Vizedirektor von Sucht Schweiz, sagt. Wenn also die Waadtländer pro Tag rund 1,3 Kilogramm Kokain einnehmen, bedeutet dies für die ganze Schweiz rund 13,7 Kilo bei 100'000 bis 150'000 Konsumenten. Die Ergebnisse decken sich mit Untersuchungen von Abwasser, die unlängst in fünf Städten durchgeführt wurden – daraus lassen sich Rückschlüsse auf den Kokainkonsum ziehen.

Die Waadtländer Studie ist in ihrer Form einzigartig, weil sie über die Menge des Konsums hinaus Erkenntnisse liefert. So deckt sie nicht nur die Umsätze, den Gewinn und wahrscheinliche Stundenlöhne von Drogendealern auf (34 bis 78 Franken pro Stunde). Sie beschreibt auch, wie die Ware in die Schweiz kommt, wie und in welcher Form sie geschmuggelt wird und wie das Auftreten von Nigerianern und anderen Westafrikanern eine neue Dynamik im Markt auslöste: Die Droge wurde billiger.

«Wer Kokain auf der Strasse kauft, weiss nicht, was tatsächlich drin ist.»
Frank Zobel, Vizedirektor Sucht Schweiz

Ein Gramm Kokain kostet rund 100 Franken, in den Neunzigern zahlten Konsumenten dafür noch 300 bis 500 Franken. Dass der Konsum deswegen gestiegen ist, lasse sich so nicht belegen, sagt Zobel: «Neu ist, dass Kokain für die ganze Bandbreite der Gesellschaft zugänglich ist.»

Nicht nur die Konsumenten sind unterschiedlich, auch der Zugang und die Anbieter – das heisst, wo und von wem die Droge verkauft wird. Das kann im Darknet sein, übers Telefon, per SMS und Velokurier, bei privaten Treffen oder unter Freunden. Am häufigsten ist der Kauf auf der Strasse. Zu den Dealern gehören Schweizer genauso wie Südamerikaner, Ostafrikaner oder Albaner.

Eine weitere Erkenntnis ergibt sich aus den Proben von Kokain-Kugeln, welche die Polizei beschlagnahmt hat. «Wer Kokain auf der Strasse kauft, weiss in der Regel nicht, was tatsächlich drin ist», sagt Zobel. Die Qualität des Stoffs gleiche einer Lotterie:

  • Die Kugeln à 1 Gramm weisen im Schnitt eine Reinheit unter 40 Prozent auf.
  • Neun von zehn Proben enthalten das gesundheitsschädigende Entwurmungsmittel Levamisol.
  • Und das aufputschende Schmerzmittel Phenacetin wird etwa ebenso häufig beigemischt, um Kokain zu strecken, wie Babymilchpulver.

Allerdings beobachtet Zobel, dass die Reinheit zunimmt. In Zürich zeigen die Drogen-Checks eine deutlich bessere Qualität mit fast 90 Prozent Kokain im Durchschnitt. Darauf wird auch die höhere Kokainkonzentration im Abwasser zurückgeführt.

Für Erwachsene zulassen wie in Neuseeland?

Kokain ist der bei weitem umsatzstärkste Betäubungsmittelmarkt der Schweiz. Zobel sagt: «Der Kokainmarkt ist grösser als alle anderen Pillen- und Pulvermärkte zusammen.» Zu Letzteren gehören Heroin, Amphetamine, Thai-Pillen oder Ecstasy.

Kokain kann man
rauchen oder
spritzen. Die
meisten Kokser
sniffen das Pulver,
das heisst, sie ziehen
es durch die
Nase ein. Über die
Schleimhäute
wird das Kokain
(ein wasserlösliches
Salz)
schnell absorbiert.
Kokain kann man rauchen oder spritzen. Die meisten Kokser sniffen das Pulver, das heisst, sie ziehen es durch die Nase ein. Über die Schleimhäute wird das Kokain (ein wasserlösliches Salz) schnell absorbiert.shutterstock

Die Studie soll demnach auch eine Grundlage für eine faktenbasierte Diskussion über Drogenpolitik schaffen. «Wir müssen wegkommen von den höchst emotionalen und ideologischen Debatten», fordert Zobel. Er ist überzeugt: «Wenn wir die Situation objektiv ansehen und pragmatisch vorgehen, tun sich Lösungen auf.»

Beispielsweise Zwischenschritte nach dem Vorbild Neuseeland. Dort hat die Regierung anerkannt, dass gewisse Partyleute ein Bedürfnis nach aufputschenden Drogen haben. Neuseeland plant deshalb Substanzen, die nachweislich wenig gesundheitsgefährdend sind, für Erwachsene zuzulassen.

Thilo Beck, Chefarzt Psychiatrie der Arbeitsgemeinschaft für risikoarmen Umgang mit Drogen, sagt, er könne ob des Berichts lediglich zum wiederholten Male feststellen, dass die Verbote nichts bewirken. Beck redet deshalb der Liberalisierung das Wort. Dass diese eine Lawine neuer Konsumenten auslösen könnte, hält er für realitätsfern. «Wer Kokain kaufen will, kann das heute schon problemlos tun.»

Die Beschaffung von Kokain sei vergleichbar mit dem Bestellen einer Pizza. Ihm gehe es nicht um Verharmlosung, sondern darum, der Realität ins Auge zu sehen: «Beim Koksen handelt es sich offenbar um ein Bedürfnis eines grossen Teils der Bevölkerung. Substanz-Konsum passiert.» Die Frage sei deshalb, wie Konsumenten adäquat begleitet werden können, damit sie gesund und sicher bleiben. Verbote erreichten da wenig. 

20 Franken kostet eine Dosis Kokain
Für ein Gramm bezahlt der Konsument
100 Franken, allerdings tricksen die
Dealer bei der Menge: In den meisten
Fällen ist nicht mehr als 0,8 Gramm
enthalten. Für eine «Line» wird 0,05 bis
0,1 Gramm berechnet. Eine Dosis kann
mehrere «Lines» umfassen, das hängt
vom Konsument ab. Der Preis ist in den
letzten 30 Jahren stark gesunken, von
300 bis 500 Franken auf heute 100 pro
Gramm.
87 Prozent der Proben mit Entwurmungsmittel
Gestreckt wird Kokain entweder mit
Verdünnungsmitteln, um eine höhere
Menge zu erzielen. Dazu wird meist
Babymilchpulver verwendet. Meist ist
es aber eine Mischung mit pharmakologisch-aktiven
Substanzen, um die
Wirkung zu verstärken. In neun von
zehn Proben fanden die Laboranten
Levamisol, ein Medikament gegen Fadenwürmer,
das bei häufigem Konsum
die Gesundheit gefährdet. In acht von
zehn Proben konnte Phenacetin nachgewiesen
werden, ein Schmerzmittel,
das euphorisierend wirkt, wegen gesundheitsschädigender
Wirkung aber
nicht mehr gehandelt wird.
13,7 Kilo pro Tag in der Schweiz
Der Konsum unterscheidet sich unter
den Koksern stark. Im Schnitt konsumiert
ein regelmässiger, sozial gut integrierter
Kokser 230 Gramm pro Jahr.
Das sind pro Woche 4 Gramm Kokain.
Sie zählen zu einer Minderheit. Die
Mehrheit der Konsumenten (80 Prozent)
snifft nur gelegentlich Kokain,
weniger als ein Mal pro Woche, rund
10 Gramm pro Jahr. Trotzdem werden
jährlich 5 Tonnen Kokain in der
Schweiz konsumiert, das sind 13,7 Kilogramm
täglich. Die Schweizer Städte
Basel, Bern, Genf, St.Gallen, Zürich gehören
nachweislich zu den Orten, wo
europaweit am meisten gekokst wird.
28 - 39 Millionen Gewinn alleine in der Waadt
Zwischen 47 und 57 Millionen Franken
setzt der Kokain-Markt in der Waadt
jährlich um, wie die Studienautoren
schätzen. Das werfe einen Gewinn von
28 bis 39 Millionen für Händler und
Zwischenhändler ab.
1480 Franken pro Gramm pures Kokain
Auf dem Weg vom Produzenten zum
Konsumenten wird das Kokain mehrmals
gestreckt, nicht erst in der
Schweiz. Da das Pulver eine deutlich
höhere Reinheit aufweist, wenn es die
Drogenlabore Südamerikas verlässt,
wird es auch in Europa, meist in Häfen in Spanien oder den Niederlanden
mit anderen Stoffen gemischt. Dadurch
variiert der Preis für reines Pulver
stark. Auf dem Waadtländer Drogenmarkt
kostet ein Gramm pures Kokain
zwischen 79 Franken und 1480 Franken.
Das zeigt zudem, dass der Preis
nicht zwingend mit der Qualität korrespondiert.
1,5 Kilogramm im Körper versteckt
Der Grossteil des nach Europa geschmuggelten
Kokains landet in den
grossen Frachthäfen von Spanien, den
Niederlanden, aber auch Deutschland
und Italien. Oft gelangen die Drogen
über Bodypackers oder Mules, welche
die Drogen in dichte Päckli verpackt
schlucken oder in ihrem Koffer oder
Auto verstecken, in die Schweiz. Die
am häufigsten gehandelten Päckli wiegen
10 Gramm, sogenannte «Fingers».
Ein Mule kann über hundert davon
schlucken, um es über Grenzen zu
schmuggeln, sie transportieren 0,5 bis
1,5 Kilogramm Kokain in ihrem Körper.

Die dümmsten Kokain-Schmuggel-Aktionen der Schweiz

1 / 11
Die dümmsten Koks-Schmuggel-Aktionen der Schweiz
quelle: epa/keystone / olivier maire
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58 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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raues Endoplasmatisches Retikulum
12.07.2018 08:11registriert Juli 2017
Kein Rückgang des Konsums dafür fliesst viel Geld in den Schwarzmarkt und ist ein Faktor bei der Destabilisierung Mittel- und Südamerikas. Und die Freiheit des einzelnen, tun und lassen zu können was man will, solange man nicht direkt jemandem schadet auch nicht beachtet.
Als Hightech-Land sollten wir ein Hightech-Produkt wie Kokain und generell Drogen eigentlich selber herstellen und verkaufen.
Sprich legalisiere!
985
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Zum Kommentar
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manhunt
12.07.2018 06:41registriert April 2014
„Nigerianern und anderen Ostafrikanern“
nigeria liegt an der westküste afrikas.
933
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Zum Kommentar
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Dr Barista
12.07.2018 08:15registriert Juni 2016
100.— pro Gramm, 13.7 kg (13700 g) pro Tag, ergibt 1370000.— pro Tag. Sind ca. 500 Mio. pro Jahr... mit einer Steuer von 50% oder mehr gibt das ein nettes Sümmchen, weleches eingenommen werden könnte, zur Zeit aber in ganz andere Taschen fliesst...
923
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