Schweiz
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Interview

«Der Satz ‹Ich bringe dich um› fällt täglich fast in jedem Schweizer Schulhaus»

Eine 13-jährige Schülerin aus Spreitenbach beging Suizid – mutmasslich, weil sie in den sozialen Medien gemobbt wurde. «Eine neue Dimension in der Schweiz», sagt Social-Media- Experte Philippe Wampfler. Und er erklärt, welche Rolle die Schule übernehmen müsste.

Mario Fuchs / az Aargauer Zeitung



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Es brauche eine neue Art von Unterricht, sagt Philippe Wampfler, der an der Kantonsschule Enge in Zürich unterrichtet: «Kinder müssen künftig Lehrern etwas zeigen dürfen.» Pirmin Kramer

Seit Jahren befasst sich Philippe Wampfler mit dem Spannungsfeld Schule und soziale Medien. Er hat zwei Bücher zum Thema verfasst, lehrt und forscht an der Universität Zürich, zuvor an der Kantonsschule Wettingen. Den Fall in Spreitenbach kennt er aus der Berichterstattung. Im Interview mit der AZ zeigt er sich bestürzt, nimmt aber die Jugend auch in Schutz: Erwachsene dürften nicht alles wörtlich nehmen und müssten offen sein fürs Gespräch.

Herr Wampfler, eine 13-Jährige begeht Suizid – wohl, weil sie in sozialen Medien gemobbt wurde. Ist das eine neue Dimension?
Philippe Wampfler:
In anderen Ländern gab es vergleichbare Fälle. In der Schweiz ist es, so weit ich weiss, der erste Suizid, an dem Social Media grossen Anteil hatten. Social Media sind selten der einzige Grund für eine Verzweiflungstat, sondern der Faktor oder Auslöser.

Warum ist die Situation eskaliert?
Gewisse Jugendliche in diesem Alter handeln alle intensiven Erlebnisse via Social Media aus. Sie generieren dort einen Grossteil ihres Selbstwerts, ihres Selbstbilds. Das kann tragische Folgen haben, wie dieser Fall zeigt.

Eine Schülerin aus Dietikon hatte sich nach dem Tod der 13-Jährigen in einem Video an ein weiteres Mädchen gewandt: «Also du kleine Nutte. Wir finden dich schon. Du wirst genauso sterben wie Sabrina.» Wieso postet jemand so was?
Das mag etwas paradox klingen, aber: Es ist auf eine gewisse Art eine Verarbeitung des Geschehenen. Um das nachvollziehen zu können, muss man wissen, dass Jugendliche auf Plattformen wie Instagram eigene Normen entwickeln. Was ist Stärke, was Souveränität? Wie muss ich mich präsentieren, was passt zu meinem Image? Es gibt klare Regeln, was cool ist, was nicht. Daraus kann, ohne es anfänglich gewollt zu haben, irgendwann die maximale Eskalation entstehen.

Was ist diese maximale Eskalation?
Die Todesdrohung ist das Heftigste, was man verbreiten kann. Sie ist hochgradig problematisch und ein massiver Übergriff. Aber aus dem Kontext gerissen, ist es schwierig zu beurteilen, was in den Beteiligten vorgeht.

Ist einer Jugendlichen klar, was sie mit diesen Worten anrichten kann?
Rein kognitiv kann eine Jugendliche in diesem Alter nicht abschätzen, was ein einzelner Post auslösen kann. Man kann aber sagen, dass hier offenbar die Eskalation gezielt gesucht wurde.

Jetzt ermittelt die Polizei. Müssten Lehrer und Eltern hellhöriger sein?
Das nützt nicht zwingend. «Ich bringe dich um» ist ein Satz, der täglich in fast jedem Schulhaus der Schweiz fällt. Für die Jugendlichen hat das oft keinen grossen Stellenwert. Sie bewegen sich in einer anderen Kommunikationswelt. Erwachsene sind nicht Teil dieser. Sie können aus einem Instagram-Bild nicht das gleiche lesen wie die Jugendlichen.

Können Sie ein Beispiel geben?
Das ist schwierig. Vielleicht kann man es vergleichen mit der TV-Serie «Die Simpsons». Das Kind lacht, wenn Bart blöd umfällt. Die Erwachsenen lachen, wenn ein politisch-sarkastischer Spruch fällt. Sie sehen dieselbe Serie, aber nehmen sie ganz anders wahr.

Was ja nicht schlimm ist.
Im Grunde nicht. Aber das Problem ist: Jugendliche wissen nicht, was medienethische Verantwortung heisst. Sie sind im Prinzip Laien, die Content liefern und kommentieren. Als Eltern muss man sie zwar machen und eigene Erfahrungen sammeln lassen. Aber wenn es zu einer Krise kommt, wie in Spreitenbach, kann man nicht darauf vertrauen, dass sie selber wissen, was zu tun ist.

Also ist doch mehr Kontrolle nötig?
Nicht unbedingt. Erstens widerspräche das der Aufgabe der Eltern, Kinder eigene Entwicklungen machen zu lassen. Zweitens bedeutete es, sie müssten das ganze soziale Umfeld kontrollieren, was schlicht nicht möglich ist.

Was empfehlen Sie?
Am besten ist es, zu Hause ein offenes Gesprächsklima zu pflegen. So, dass die Jugendlichen reden kommen, wenn sie etwas Verstörendes gesehen oder gehört haben. Und Eltern nachfragen können, aber ohne zu werten.

Suizid-Gedanken: Hier erhalten Sie Hilfe

Sie glauben, dass Sie eine persönliche Krise nicht selbst bewältigen können? Lassen Sie sich helfen. In der Schweiz gibt es zahlreiche Stellen, die rund um die Uhr für Menschen in suizidalen Krisen sowie ihr persönliches Umfeld da sind – vertraulich und kostenlos.

Die Dargebotene Hand:
Telefon: 143 (Kurzwahlnummer), www.143.ch

Beratung + Hilfe 147 für Jugendliche:
Tel.: 147, www.147.ch

Reden kann retten:
www.reden-kann-retten.ch 

Für Hinterbliebene nach einem Suizid:
www.trauernetz.ch

Das ist sehr allgemein formuliert. Empfehlen Sie konkrete Regeln?
Bis zu einem gewissen Alter ist es sinnvoll, dass man die Leute, mit denen man auf Social Media kommuniziert, direkt kennt. Dass ein Kind, wenn es irritiert ist, mit einem anderen Kind reden kann, bevor es auf Social Media reagieren muss. So kann einer Eskalation oft vorgebeugt werden.

Unternehmen Schulen genug in dieser Hinsicht?
Ich bin sicher, dass es viele Lehrkräfte gibt, die das gut machen und darüber reden. Aber das ist noch nicht systematisch genug. Viele Primarschulen haben einfach ein Handyverbot nach dem Motto: aus den Augen, aus dem Sinn. Jugendliche werden immer noch oft alleine gelassen damit, Kompetenzen in den neuen Medien aufzubauen.​

Was muss sich ändern?
Mit dem Lehrplan 21 erhält das Thema mehr Bedeutung. Das ist wichtig. Derzeit ist es noch zu sehr von der Klassenlehrperson abhängig, ob Themen wie Cybermobbing behandelt werden. Es passiert zwar teilweise, aber oft zu spät und zu moralisierend.

Sind viele Lehrer überfordert?
Jein. Es braucht einfach ein Umdenken, eine neue Art Unterricht: Kinder müssen künftig den Lehrern etwas zeigen dürfen, Lehrer müssen nicht nur die sein, die alles erklären, sondern auch einfach mal Fragen stellen und psychologisch begleiten dürfen.

Braucht es Instagram- und Facebook-Kurse im Schulunterricht?
Nein. Die Prävention muss in eine allgemeine Richtung gehen. Weil wir gar nicht wissen können, welches Tool als nächstes kommt, und welche neuen Regeln dort wieder gelten, ergibt es keinen Sinn, Kompetenzen für die einzelnen Plattformen aufzubauen. Es geht darum, dass die Jugendlichen lernen, wie man mit anderen Haltungen, Perspektiven, Kulturen umgeht.

Ist die Schule der richtige Ort dafür?
Auf jeden Fall. Nur sie kann sicherstellen, dass alle gleichmässig in Kontakt kommen damit. Für viele Eltern ist es ein grosses Thema – aber es gibt genauso viele, die das mit ihren Kindern nicht besprechen können oder wollen.

Was tun, wenn trotz allem irgendwo im Netz ein Nacktfoto der eigenen Tochter auftaucht?
Dann muss man jemanden beiziehen, der sich damit auskennt. Im Aargau ist es der Jugendpsychologische Dienst von «ask!». Allenfalls sollte man auch die Polizei einschalten. Sie erkennt schnell, ob beispielsweise eine Drohung ernstgenommen werden muss. Und sie hat die Mittel, um Inhalte aus dem Netz entfernen zu lassen. (aargauerzeitung.ch)

Sterbehilfe für gesunde Menschen?

Video: srf

Die Familiendramen in der Schweiz der letzten zehn Jahren

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