Als Gegner sowie als Fan eines der anderen 31 NFL-Teams ist es zum Verzweifeln. Wie Patrick Mahomes immer wieder einen Weg findet. Wie der Quarterback der Kansas City Chiefs in den entscheidenden Momenten Mal für Mal einen Gang hochschaltet, auch wenn er nicht seinen besten Tag hat. Wie der 28-Jährige mit seinem Team am Ende stets als Gewinner da steht. Mahomes und seine Chiefs scheinen unschlagbar zu sein.
Mit dem 25:22-Erfolg gegen die San Francisco 49ers wurde das Franchise aus Missouri zum zweiten Mal in Folge NFL-Champion – als erstes Team seit Tom Bradys New England Patriots in den Jahren 2004 und 2005. Und wenn man nach dem nächsten Meister fragt, würde wohl ein Grossteil der American-Football-Fans erneut auf die Chiefs tippen. Mit einem dritten Titelgewinn in Serie würden sie NFL-Geschichte schreiben. Bisher ist es keinem Team gelungen, drei Super Bowls in Serie zu gewinnen.
13 plays. 75 yards. 1 Super Bowl victory.
— NFL (@NFL) February 12, 2024
The drive that gave the @Chiefs back-to-back Lombardis. 🏆 pic.twitter.com/rqmkgJPrrk
Dies wird auch für Kansas City alles andere als ein Selbstläufer – trotz des besten Quarterbacks der Liga und einem der besten Trainer der Geschichte des US-Sports, Andy Reid. Denn wer glaubt, dass die Chiefs nun einfach so weitermarschieren, lässt einige Dinge ausser Acht.
Erstens hatte die Offensive schon in dieser Saison teilweise Probleme. Lediglich 21,8 Punkte erzielte sie in der Regular Season im Schnitt, was in dieser Kategorie Platz 15 in der NFL bedeutet und der mit Abstand schlechteste Wert ist, seit Mahomes in der Saison 2018/19 die Zügel der Chiefs-Offense in die Hand gedrückt bekam. Auch bezüglich des erreichten Raumgewinns pro Spiel war es die schwächste Saison mit dem Texaner als Quarterback. Acht Teams erzielten pro Spiel mehr als die 351,3 Yards Raumgewinn der Chiefs. So lässt sich auch erklären, weshalb Mahomes sein Team als Stamm-Quarterback erstmals nicht zu mindestens zwölf Siegen geführt hat.
Dass es in der Offensive immer mal wieder stockt, war auch in den Playoffs zu sehen. Sowohl im Halbfinal gegen Baltimore als auch im Endspiel gegen San Francisco blieben die Chiefs eine ganze Halbzeit lang ohne Touchdown und verliessen das Feld nach mehreren Drives in Serie, ohne Punkte erzielt zu haben. Das Problem ist eindeutig: Kansas City fehlt ein verlässlicher Top-Receiver, seit Tyreek Hill im Sommer 2022 nach Miami gewechselt ist.
In der letzten Saison konnte Travis Kelce den Verlust noch auffangen, im zu Ende gegangenen Jahr war der 34-Jährige aber nicht mehr ganz auf dem Höhepunkt seiner Schöpfung. Der Tight End erreichte die 1000-Yard-Marke durch Passfänge erstmals nach sieben Saisons nicht, bevor er in den Playoffs wieder zu Hochform auflief.
Doch auch Kelce wird nicht ewig auf diesem Niveau weitermachen können. Er wird noch schwerer zu ersetzen sein als Hill. Bei Letzterem schickt sich zumindest Rookie Rashee Rice an, die Lücke als Passempfänger zu füllen. Ein Tight End vom Kaliber eines Kelce ist hingegen kaum zu finden, da er einer der zwei oder drei besten Spieler der Geschichte auf seiner Position ist.
Zweitens ist die Stärke des diesjährigen Meisters nicht so einfach zu reproduzieren wie in den letzten Jahren. Denn anders als bei den ersten beiden Titelgewinnen mit Mahomes legte dieses Mal die Defense den Grundstein. Im Super Bowl hielt sie die sonst herausragenden 49ers bei nur 19 Punkten in der regulären Spielzeit. Ohne den geblockten Extrapunkt-Versuch von Kicker Jake Moddy wäre die Partie nach 60 Minuten wohl vorbei gewesen. Doch weil Leo Chenal seine Hand an den Ball brachte, konnten die Chiefs kurz vor Schluss ausgleichen und eine Verlängerung erzwingen.
Die starken Leistungen sind mit das Verdienst von Defensiv-Koordinator Steve Spagnuolo, der bei seinen Spielern ein unheimlich grosses Ansehen geniesst und bei den Chiefs sehr starke Arbeit leistet. Sowohl die lediglich 17,3 zugelassenen Punkte pro Partie sowie die durchschnittlich 289,8 Yards Raumgewinn des Gegners in dieser Saison bedeuten Platz zwei in der NFL und übertreffen die Defensivstatistiken der Chiefs der letzten Jahre deutlich.
Doch die Verteidigung auf höchstem Niveau zu halten, ist schwieriger als die Offensive. Solange Kansas City Reid und Mahomes hat, wird es mit dem Ball in den eigenen Reihen mindestens überdurchschnittlich sein. Defensivleistungen sind hingegen deutlich volatiler – zumal die Chiefs ein grosses Problem haben. Der Vertrag ihres Star-Pass-Rushers Chris Jones, der zum zweiten Mal in Serie zu einem der besten Spieler seiner Position gewählt wurde, läuft nach dieser Saison aus.
Unter der Gehaltsobergrenze der Chiefs ist nur begrenzt Platz, weshalb das Team bei anderen Spielern und Löhnen sparen oder Jones ziehen lassen müsste. Dies wäre ein herber Schlag, scheint aber nicht unwahrscheinlich. Schon in der letzten Saison stritten sich die beiden Parteien lange um eine Vertragsverlängerung, bis Jones für eine weitere Saison unterschrieb. Noch einmal wird der 29-Jährige wohl kaum weniger als 30 Millionen Dollar pro Jahr akzeptieren.
Eine weitere Problematik der Defense betrifft den Macher selbst. Spagnuolo sagte vor Kurzem, dass er es lieben würde, noch einmal Cheftrainer zu sein. Zwar enttäuschte er bei seiner bisher einzigen Anstellung in St.Louis, doch hätte der 64-Jährige wohl gerne eine Chance, gewisse Dinge geradezurücken. Die Trainerposten für die nächste Saison sind bereits alle besetzt – aber wie sieht es in einem Jahr aus?
Drittens und zu guter Letzt wäre da die starke Konkurrenz in der American Football Conference (AFC). Natürlich ist Mahomes der beste Quarterback der NFL, wahrscheinlich hat noch nie jemand auf dem Niveau gespielt, das der zweifache MVP in seiner Bestform zeigt. In vier seiner ersten sechs Saisons als Stamm-Quarterback – das erste Jahr, nachdem er 2017 an zehnter Stelle gedraftet wurde, verbrachte er als Ersatz für Alex Smith noch auf der Bank – erreichte Mahomes den Super Bowl. Dreimal gewann er diesen und wurde dabei jeweils zum wertvollsten Spieler (MVP) ernannt.
Doch alleine schon, weil in den Playoffs jede Niederlage das Saisonende bedeuten kann, wird es weder in der AFC noch in der NFL langweilig werden. Treffen Mahomes' Chiefs auf Buffalo mit Josh Allen, Baltimore mit Lamar Jackson oder Cincinnati um den derzeit verletzten Joe Burrow, ist der Ausgang meist völlig offen. In Justin Herbert, der bei den Los Angeles Chargers mit Jim Harbaugh einen neuen Trainer hat, sowie Houstons Offensiv-Rookie des Jahres C. J. Stroud stehen schon die nächsten potenziellen Konkurrenten für die nächsten Jahre bereit. Miami mit Tua Tagovailoa sollte man ausserdem ebenso wenig abschreiben wie die New York Jets mit Aaron Rodgers oder Jacksonville um Trevor Lawrence.
Selbst Tom Brady, der schon in seinen ersten vier Saisons als Stamm-Quarterback drei Titel holte, benötigte nach dem Super-Bowl-Triumph in der Saison 2004/05 ganze zehn Jahre, bis er sich einen vierten Championship-Ring an die Finger stecken konnte. Und auch wenn derzeit viele American-Football-Fans und auch -Spieler an den übermächtig scheinenden Kansas City Chiefs mit ihrem Wunderspieler verzweifeln: Langeweile droht in der NFL nicht.