Sport
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Zuerichs Cheftrainer Arno Del Curto im Eishockey Meisterschaftsspiel der National League zwischen den ZSC Lions und dem SC Rapperswil-Jona Lakers, am Samstag, 2. Maerz 2019, im Hallenstadion in Zuerich. (KEYSTONE/Melanie Duchene)

Bild: KEYSTONE

Eismeister Zaugg

Häme, Schadenfreude und Spott – und doch ist Arno Del Curto der richtige ZSC-Trainer

Die verrückteste «amour fou» unseres Hockeys endet im Katzenjammer. Nun schulden die ZSC Lions Arno Del Curto einen Ehevertrag. Das Verpassen der Playoffs können sie als Betriebsunfall abbuchen.



«Amour fou» steht für eine verhängnisvolle Liebe. Eine «amour fou» endet im richtigen Leben meistens im Chaos. Im Eishockey auch.

Die Verpflichtung von Arno Del Curto als ZSC-Trainer ist eine «amour fou» des Hockeys. Hinterher mag nun mancher sagen, dieser Trainerwechsel von Serge Aubin zu Arno Del Curto sei ein Fehler gewesen.

Aber der Trainerwechsel war kein Fehler. Weder die ZSC Lions noch Arno Del Curto konnten dieser Versuchung widerstehen. Es musste einfach sein. Auch die Hockey-Götter wollten es.

ZSC Lions' Head coachArno Del Curto, right, talks to his players center Raphael Prassl, left, and forward Jerome Bachofner #10, during a National League regular season game of the Swiss Championship between Geneve-Servette HC and ZSC Lions, at the ice stadium Les Vernets, in Geneva, Switzerland, Monday, March 4, 2019. (KEYSTONE/Salvatore Di Nolfi)

Arno Del Curto Bild: KEYSTONE

Die Gelegenheit war so günstig, als hätten höhere Mächte Regie geführt: Arno Del Curto war in Davos gescheitert und hatte keinen Job mehr. Die ZSC Lions waren just zum gleichen Zeitpunkt mit einem «farblosen» Trainer im Mittelmass unzufrieden und wollten bessere Unterhaltung. Wenn nicht jetzt Arno, wann dann? Alle wollten es. Soll jetzt keiner kommen und sagen, er habe gewarnt und gewusst, dass es so herauskommen wird.

Das Scheitern ist wahrlich kläglich. Die 2:3-Niederlage in Genf ist eine der schmählichsten in der Geschichte der ZSC Lions.

Gross werden nun Spott, Häme und Schadenfreude sein. Aber eines geht dabei leicht vergessen: diese Schmach hat für die ZSC Lions keine schwerwiegenden Folgen. Anders als der EHC Kloten, Fussball-GC oder der FCZ haben die ZSC Lions eine breite wirtschaftliche und sportliche Basis und so viel Sportkompetenz, dass sie weiterhin Jahr für Jahr eine Chance haben, die Meisterschaft zu gewinnen. Die Basis ist auch besser als in Bern und Lugano. Deshalb können wir sagen: die Playoffs verpasst – na und? Alles halb so schlimm.

Ein paar Herren sind im Stolz verletzt. Aber das wird bald überwunden sein. Braucht es ein «House Cleaning»? Einen neuen Sportchef? Nein, braucht es nicht. Keiner weiss besser, wie eine solche Schmach zu managen ist als Sven Leuenberger. Er war schliesslich in Bern Sportchef, als der SCB 2014 als erster Meister die Playoffs verpasst hatte. Zwei Jahre später war der SCB schon wieder Meister.

ARCHIVBILD ZUM NEUEN SPORTCHEF DER ZSC LIONS --- Der zuruecktretende Sportchef Sven Leuenberger waehrend einer Medienkonferenz des SC Bern in der PostFinance Arena in Bern am Mittwoch, 18. November 2015. (KEYSTONE/Dominic Steinmann)

Sven Leuenberger Bild: KEYSTONE

Wer in einer «amour fou» den Kopf verliert, hat noch lange nicht den Hockey-Verstand eingebüsst. Die Verpflichtung von Arno Del Curto brachte einfach – wie es für eine «amour fou» typisch ist – viel zu viele Erregungen ins Haus. Es braucht nun lediglich neues ausländisches Personal (wer noch Vertrag hat, sollte ausbezahlt werden, das ist ja kein Problem), einen oder zwei Transfers aus laufenden Verträgen heraus (Sven Leuenberger wird schon wissen, welche) und eine Neuorganisation rund um Arno Del Curto.

Wenn der Trainer wie ein Rockstar gefeiert wird und wichtiger wird als der wichtigste Spieler, dann kommt das Gefühl auf, der Trainer werde es schon richten. Erst recht, wenn auch noch die Kultfigur Mathias Seger zum Assistenten gemacht wird.

Der Vergleich von Arno Del Curto mit einem Rockstar ist vielerorts bemüht worden. Und wenn wir diesem Bild folgen, ist das ZSC-Trainertrio Arno Del Curto, Mathias Seger und Michael Liniger tatsächlich sehr gut musikalisch zu erklären.

Der Zuercher Assistenztrainer Mathias Seger beobachtet das Spiel, im Eishockey Meisterschaftsspiel der National League zwischen dem SC Bern und die ZSC Lions, am Freitag, 1. Maerz 2019 in der Postfinance Arena in Bern. (KEYSTONE/Alessandro della Valle)

Mathias Seger Bild: KEYSTONE

Arno Del Curto war Mick Jagger, Mathias Seger von der Art her (aber nicht den politischen Ansichten) Gölä und der freundliche, intellektuelle Primarlehrer Michael Liniger Bob Dylan. Kein Wunder, haben wir in diesem Zirkus nicht mehr den wahren Arno Del Curto gesehen.

Und was bleibt, wenn sich der Pulverdampf erst einmal verzogen hat und Arno mit den ZSC Lions das «Ich-schäme-mich-Spiel» in der Abstiegsrunde in Davos oben überstanden hat? Die Einsicht, dass die Beziehung mit Arno Del Curto von einer «amour fou» in eine Ehe überführt werden sollte.

Die ZSC Lions sind ihm diese Ehe schuldig. Sie haben ihn unter dem tosenden Applaus des Publikums zu dieser «amour fou» verführt und jetzt wäre es schäbig, ihn sitzen zu lassen. Denn nach diesem Scheitern sind Arno Del Curtos Karrierechancen in der höchsten Spielklasse ruiniert. Arno in Bern? Nicht mehr möglich. Arno in Zug? Keine Chance. Arno in Langnau? Unmöglich. Arno bei den Lakers? Nein, geht nicht. Arno in Biel? Undenkbar. Arno in Ambri? Niemals. Arno im Welschland bei Gottéron, Lausanne oder Servette? Ein Witz.

Es gibt für ihn eigentlich nur noch einen Klub, der es wagen würde, ihn zum Cheftrainer zu machen. Der EHC Kloten. Alle anderen fürchten sich vor der Anstellung eines Rockstars, der mehr Schlagzeilen macht als der beste Spieler, immer für eine mediale Polemik gut ist und für permanenten Unruhe sorgt. Ja, an einem einzigen Tag können sich Ruhm und Ehre und Respekt, erarbeitet in 22 Jahren, auflösen wie ein Morgennebel.

ZSC Lions Assistenztrainer Michael Liniger, links, und Stuermer Simon Bodenmann auf dem weg in die Garderobe in der Drittelspause waehrend dem Eishockey-Meisterschaftsspiel der National League zwischen den SC Rapperswil-Jona Lakers und den ZSC Lions am Freitag, 1. Februar 2019, in Rapperswil. (KEYSTONE/Patrick B. Kraemer)

Michael Liniger (links) Bild: KEYSTONE

Aber kann Arno Del Curto ZSC Trainer sein? Natürlich kann er das. Aber er braucht nun einen Assistenten, der ihm den taktischen Haushalt macht und dafür sorgt, dass die Distanz zwischen ihm und den Spielern wieder grösser wird. Dieser Assistent kann weder Mathias Seger und Michael Liniger sein.

Arno Del Curtos Erfolgsgeheimnis zu Beginn der 1990er-Jahren in Zürich und dann ab 1996 in Davos war seine Nähe zu den Spielern. Und so lange er die Sprache der Spieler sprach, ihre Musik hörte und mit ihnen Karten spielte, gingen sie für ihn durchs Feuer.

Aber mit der Zeit genügte es nicht mehr, die Musik der Jungen zu hören und das Haar zu färben um wie die Jungen zu denken und zu fühlen. Mit dem Abschied der letzten Getreuen, den «Zeugen Del Curtos», hat er in Davos durch seine Nähe zum Personal (die zuvor sein Erfolgsgeheimnis war) den Respekt der Spieler verloren.

Die ZSC Lions kann Arno Del Curto nicht mit Nähe führen. Sonst macht er sich auf Dauer als «Alpöhi» lächerlich. Rockmusik hin, Rockmusik her.

Tigers' Head coach Heinz Ehlers talks too his players, during a National League regular season game of the Swiss Championship between Geneve-Servette HC and SCL Tigers, at the ice stadium Les Vernets, in Geneva, Switzerland, Friday, February 8, 2019. (KEYSTONE/Salvatore Di Nolfi)

Heinz Ehlers Bild: KEYSTONE

Es ist wichtig, dass ein ZSC-Trainer tobt, Emotionen entfacht, rockt und rollt. Das tun auch Heinz Ehlers oder Kari Jalonen. Aber mit der nötigen Respekts-Distanz. So wie das im Hallenstadion schon Bob Hartley und Marc Crawford und Hans Kossmann getan haben. Und da ist noch etwas: bleibt der Trainer, stehen endlich die Spieler in der Verantwortung. Zu viele haben vergessen, wie man das Wort Verantwortung buchstabiert.

Der Sommer wird vieles neu machen. Die ersten Misserfolge in 22 Jahren werden Arno von seiner bisweilen ins Lächerliche gesteigerten Hybris (die ihn manchmal von sich selbst in der dritten Person sprechen liess) heilen. Er kann im guten Sinne ein verrückter Coach werden. Er kann es aber – wie vorhin aufgezeigt – nur noch im Hallenstadion. Weil er nur noch hier ernst genommen wird.

Und wenn es dann doch nicht funktioniert? Dann wird die Unterhaltung grandios sein. Die ZSC Lions haben bei weitem genug Substanz, um dieses Risiko einzugehen.

ZUR ENTLASSUNG VON SCB TRAINER GUY BOUCHER STELLEN WIR IHNEN FOLGENDES ARCHIVBILD ZUR VERFUEGUNG - Berns Headcoach Guy Boucher beim Eishockeyspiel der National League A SC Bern gegen den Lausanne HC in der PostFinance Arena in Bern am Freitag, 13. November 2015. (KEYSTONE/Dominic Steinmann)

Guy Boucher Bild: KEYSTONE

Wenn in einer so mächtigen Hockeyfirma das Chaos ausbricht, sollte die Konkurrenz nicht zu laut lachen. Der SCB feuerte als Titelverteidiger Antti Törmänen und ersetzte den Meistertrainer durch den NHL-General Guy Boucher. Der Kanadier – letztlich ein Clown, der nicht lustig war – versenkte den Meister in der Abstiegsrunde und durfte trotzdem bleiben. Es wurde immer schlimmer und gross war die Häme, als die Berner im Laufe der Saison 2015/16 Guy Boucher feuerten, durch Lars Leuenberger ersetzten und die Playoffs nur auf Rang 8 schafften, weil sie punktgleich mit Lausanne die bessere Bilanz aus den Direktbegegnungen hatten.

Und was passierte dann? Der SCB wurde mit Lars Leuenberger 2016 Meister und verteidigte den Titel 2017 mit Kari Jalonen.

Die Berner sollten noch aus einem anderen Grund nicht schadenfreudig sein. Niklas Schlegel, nächste Saison die Nummer 1 in Bern, war in den beiden letzten Partien, den zwei wichtigsten seiner ZSC-Karriere, mit Fangquoten von 84,85 bzw. 88,89 Prozent kein Held.

Häme, Schadenfreude und Spott tun der Seele für ein paar Tage wohl. Aber es wäre fatal, die ZSC Lions zu unterschätzen.

watson Eishockey auf Instagram

Checks, bei denen es Brunner und drüber geht. Tore, die Freudensprunger verursachen. Memes von Fora und hinten aus der Tabelle. Diaz alles findest du auf unserem Hockey-Account auf Instagram.

Eishockey-Saison 2018/19:

Keine Eishockey-WM – Patrick Fischers verlorener Traum

Link zum Artikel

Wegen Corona-Krise: Bleibt René Fasel ein Jahr länger Hockey-Welt-Präsident?

Link zum Artikel

Die WM ist abgesagt – was die Folgen sind und wie es beim Verband weitergeht

Link zum Artikel

Die NHL pausiert, aber «gespielt» wird trotzdem – Goalie wehrt 98 Schüsse ab

Link zum Artikel

Profisportler kaufen für Ältere ein oder bieten sich als Babysitter an

Link zum Artikel

Hoffnung für Hockey und Fussball – Kurzarbeit wird bald möglich sein

Link zum Artikel

Simon Sterchi kommt – was für eine schauderhafte SCB-Transferbilanz

Link zum Artikel

Gaëtan Haas: «Das Spiel in der NHL ist nicht schneller, es sieht nur schneller aus»

Link zum Artikel

Solange man ins Stadion durfte, war Eishockey so populär wie nie

Link zum Artikel

6 grosse Schweizer Hockey-Karrieren, die durch das Coronavirus vorzeitig beendet wurden

Link zum Artikel

Ein Virus beendet Jonas Hillers Karriere: «Es gäbe noch viel schlimmere Szenarien»

Link zum Artikel

Nichts, einfach nichts – ein Wochenende ohne Sport und der Anfang einer neuen Zeitrechnung

Link zum Artikel

Das banale Ende aller Träume – kein Meister, keine Dramen

Link zum Artikel

Der Star aus der Hundehütte – wie Kevin Fiala vom Mitläufer zum Teamleader gereift ist

Link zum Artikel

«Als würde man zum Geburtstag keinen Kuchen kriegen» – das sagt der ZSC zur Playoff-Absage

Link zum Artikel

So sieht der neue Gästesektor in Fribourg aus (es ist ein «Käfig»)

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen

Hier kannst du auf einem gefrorenen See toben:

Video: srf

So viel verdienen die Schweizer Eishockeystars in der NHL:

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Eismeister Zaugg

Die «60 Prozent-Formel», die unsere Eishockey-Meisterschaft retten kann

Bisher basieren die Einschränkungen im Sportbetrieb auf maximalen Zuschauerzahlen. Hockey-Ligamanager Denis Vaucher fordert eine Abkehr von diesem System. Er hat einen Vorschlag, der den Saisonstart am 18. September möglich machen und die gesamte Saison retten kann: die «60 Prozent-Formel».

Zu den Spielen der laufenden Fussball-Meisterschaft sind höchstens 1000 Zuschauer zugelassen. Bleibt es bei dieser Einschränkung für Sportveranstaltungen, dann wird die Hockey-Meisterschaft nicht wie geplant am 18. September gestartet. Der Bundesrat tritt das nächste Mal am 12. August wieder zusammen. Erst dann ist ein Lockerungs-Entscheid möglich.

Ist die Beschränkung der maximalen Zuschauerzahl der richtige Weg? «Nein» sagt Hockey-Ligamanager Denis Vaucher. «Nur eine auf einem …

Artikel lesen
Link zum Artikel