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Nur weil Usain Bolt seinen Gegnern regelmässig davonläuft, heisst das noch lange nicht, dass er gedopt ist.
Nur weil Usain Bolt seinen Gegnern regelmässig davonläuft, heisst das noch lange nicht, dass er gedopt ist.Bild: DIEGO AZUBEL/EPA/KEYSTONE
Kommentar

Usain Bolt ist sauber – warum wir Olympia-Helden nicht gleich zu Doping-Sündern machen sollten

Wenn ein olympischer Held durch ausserordentliche Leistungen Geschichte schreibt, taucht sofort das Unwort Doping auf. Das ist die grösste Unsitte des Sports im 21. Jahrhundert.
18.08.2016, 08:3418.08.2016, 08:43
klaus zaugg, rio de janeiro

Die Begebenheit hat sich vor acht Jahren in Peking zugetragen. Michael Phelps hatte soeben die achte Goldmedaille gewonnen. Eine Jahrhundertleistung. Doch eine der ersten Frage an der Medienkonferenz war: «Wann sind Sie das letzte Mal auf Doping getestet worden?»

Phelps holte an den Sommerspielen 2008 in Peking acht Mal Gold.
Phelps holte an den Sommerspielen 2008 in Peking acht Mal Gold.Bild: AP

In Rio ist es nicht viel anders. Ausgerechnet Lance Armstrong verbreitete per Twitter nach Fabian Cancellaras Goldfahrt Dopinggerüchte über den Berner. Im Zusammenhang mit grandiosen Leistungen wird beinahe reflexartig die Frage gestellt: Hat er «geladen»? Als wolle jede Berichterstatterin und jeder Berichterstatter gratismutig zeigen, dass sie bzw. er auch gegen Doping sei.

Natürlich wird «geladen». Wer glaubt, alle Helden von Rio seien sauber, der glaubt auch, dass der Zitronenfalter seinen Lebensunterhalt mit dem Falten von Zitronen verdient.

Doping gehört zum Sport wie das organisierte Verbrechen zur globalen Wirtschaft und die Untreue zur Ehe.

Es wird auch getrickst und betrogen

Hat Usain Bolt «geladen»? Nein. Weil er bis heute nicht erwischt worden ist. So einfach ist das. Und das sollten wir so akzeptieren. Ja, es stimmt: Die Sprinter laufen heute schneller als jene Belzebuben, die nachweislich gedopt hatten (wie Ben Johnson 1988). Aber es gibt möglicherweise auch noch andere Erklärungen für die Leistungssteigerung. Zum Beispiel die Verbesserung der Technik und der legalen Trainingsmethoden.

Bolts Goldlauf über 100 m.streamable

Wer von den Doping-Polizisten nicht erwischt wird, ist sauber. Seine Heldentaten sind zu bejubeln. Erst wer erwischt wird, ist unnachgiebig nach den Buchstaben der Reglemente zu verurteilen und zu sperren.

Naiv? Keineswegs. In der globalen Berichterstattung über die Hochzeiten der Royals spekulieren die Chronistinnen und Chronisten auch nicht ständig über die Möglichkeit einer Scheidung und des Fremdgehens. Obwohl wir alle wissen, dass die Hälfte der Ehen wieder geschieden werden.

Wenn ein Unternehmen ein gutes Geschäftsergebnis publiziert, dann mutmassen die Analysten auch nicht gleich, ob wohl hinter dem Gewinn Lug und Betrug steckt. Obwohl wir längst wissen, dass getrickst und betrogen wird.

Chancengleichheit nicht gegeben

Die Doping-Vorverurteilung schadet dem Sport und die Doping-Jagd, so bitter notwendig sie auch sein mag, ist immer noch juristischer Wildwest. In einzelnen Ländern gibt es Gesetze, die es möglich machen, Staatsanwaltschaft und Polizei in Marsch zu setzen (z.B. Frankreich und Italien). In anderen Ländern gibt es hingegen keine Rechtsgrundlage (z.B. in der Schweiz).

Am erfolgreichsten waren bisher in der Dopingfahndung beziehungsweise in der Überführung der Täter und Hintermänner nicht die Sportverbände. Sondern die Steuerbehörden. Indem sie die Geldflüsse in diesem globalen Geschäft aufdeckten.

Und da ist noch etwas: Die Chancengleichheit, eines der Grundrechte im Sport, ist bei weitem nicht gegeben. Es ist nicht einmal notwendig, China oder Schwarzafrika zu bereisen, um zu erahnen, dass in diesen Gegenden unangemeldete Dopingkontrollen im Training während den Aufbauphasen zu Olympischen Spielen ein bisschen weniger häufig und ein bisschen schwieriger durchzuführen sind als beispielsweise in der Schweiz oder in Deutschland.

Vor den Spielen 2004 in Athen haben unsere Dopingfahnder mit Ex-Weltmeister Oscar Camenzind auf dem Klausenpass einen möglichen Olympiasieger hochgehen lassen.

Oscar Camenzind gab 2004 zu, EPO genommen zu haben.
Oscar Camenzind gab 2004 zu, EPO genommen zu haben.Bild: KEYSTONE

In China oder Russland wäre das mit ziemlicher Sicherheit nicht passiert. Dagegen ist nichts einzuwenden. Die Athletinnen und Athleten in der Schweiz dürften die meistkontrollierten der Welt sein und es ist kein Zufall, dass noch nie eine Schweizerin oder Schweizer bei Olympia positiv getestet worden ist.

Ein paar sind gleicher

Aber gehen die Dopingfahnder gegen eine Lichtgestalt wie Usain Bolt mit dem gleichen Eifer vor wie gegen Gewichtheber aus Armenien? Was passiert, wenn einer wie Usain Bolt erwischt werden sollte? Werden die zuständigen Funktionäre der Versuchung der Vertuschung widerstehen? Usain Bolt gehört zu den Sportlern mit dem weltweit grössten Vermarktungspotenzial.

Es ist nicht ganz auszuschliessen, dass auch in Rio vor den Dopingfahndern alle gleich sind. Und ein paar gleicher. Gerade weil solche Zweifel berechtigt sind, muss erst gelten: Nicht erwischt = unschuldig und sauber. Ohne Wenn und Aber.

Ich lasse mir die Begeisterung für einen Jahrhundertathleten wie Usain Bolt oder die Goldfahrt von Fabian Candellara nicht durch Doping-Gerüchte schmälern.

Fabian Cancellara mit seiner zweiten olympischen Goldmedaille.
Fabian Cancellara mit seiner zweiten olympischen Goldmedaille.Bild: Patrick Semansky/AP/KEYSTONE

Obwohl ich weiss, dass «geladen» wird. Obwohl ich weiss, dass der Zitronenfalter keine Zitronen faltet. Trotzdem ist der Zitronenfalter ein schönes Wesen und wenn ich einen sehe, dann denke ich auch nicht jedes Mal daran, dass er nicht Zitronen falten kann

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Kann keine Zitronen falten: der Zitronenfalter.bild: wikipedia/Jörg hempel

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