Sam Darnold sah auf dem Feld Geister – jetzt steht er vor dem Super-Bowl-Triumph
Noch vor anderthalb Jahren galt Sam Darnold als gescheitertes Supertalent. Der 3. Pick aus dem Draft 2018 war zum Ersatz-Quarterback verdammt, in der Saison 2023/24 kam er nur in einem bedeutungslosen Spiel von Beginn an zum Einsatz. Dass er in der Nacht auf Montag (0.30 Uhr) mit den Seattle Seahawks nun im Super Bowl gegen die New England Patriots steht, ist eine Auferstehungsgeschichte sondergleichen.
Der heute 28-Jährige galt vor seiner Ankunft in der NFL lange als grösstes Talent in seinem Jahrgang. Bei den New York Jets, die ihn an dritter Stelle aussuchten, konnte er sich aber nicht durchsetzen. In drei Jahren unterliefen Darnold mehr Ballverluste als ihm Touchdowns gelangen. Er kämpfte mit Verletzungen und erkrankte am Pfeifferschen Drüsenfieber. Kurz nach seiner Rückkehr erlebte er ein Horrorspiel, in dem er vier Pässe zum Gegner warf und den Ball auch noch per Fumble verlor. Bei der 0:33-Niederlage war zu hören, wie er auf der Bank sagte: «Ich sehe Geister.» Darnold verkam zur Lachnummer.
Dies änderte sich auch bei den Carolina Panthers, die ihn 2021 per Trade verpflichteten, nicht. Zwar hatte er dort auch gute Phasen, doch zeigte er nie konstant, dass er der Rolle als Stammquarterback in der NFL würdig war. Nach zwei Jahren unterschrieb er dann in San Francisco, wo er dann eben nur noch Ersatzquarterback war.
Die 49ers erreichten in dieser Saison den Super Bowl, verloren aber gegen Kansas City. Darnold stand in dem Jahr nur sporadisch auf dem Feld. Vor dem grössten Spiel seiner Karriere, erinnert er sich nun an seinen ersten Super Bowl zurück: «Ich stand da hinten in der Ecke und habe gehofft, dass irgendeiner von euch mit mir sprechen will.» Nun reissen sich die Journalistinnen und Journalisten um ihn.
In seiner 7. Saison blühte er auf
Das liegt daran, was in den letzten anderthalb Jahren passiert ist. Zur Saison 2024/25 unterschrieb er einen weiteren Einjahresvertrag. Dieses Mal in Minnesota, wo ihm Rookie J. J. McCarthy vor die Nase gesetzt wurde. Der verletzte sich aber vor dem ersten Saisonspiel, womit Darnold als Stammspieler in die Saison ging – und endlich aufblühte.
Schon in San Francisco arbeitete er unter Kyle Shanahan mit einem Quarterbackflüsterer, in Minnesota kitzelte Kevin O'Connell dann alles aus Darnold heraus. Die Vikings gewannen mit Darnold 14 von 17 Spielen, der 1,90-m-Mann warf 35 Touchdown-Pässe und nur zwölf Interceptions, er erhielt gar Stimmen bei der MVP-Wahl. Platz 1 in der Playoff-Setzliste der NFC vergab Minnesota erst in der letzten Partie der Regular Season. In der ersten Runde der Playoffs folgte die Niederlage gegen die Los Angeles Rams.
Weil Darnold in den letzten beiden Saisonspielen nicht überzeugte, machten ihm die Vikings kein zufriedenstellendes Angebot. Sie trauten ihm nicht zu, seine bisher beste Saison zu wiederholen. Also unterschrieb er für drei Jahre und insgesamt gut 100 Millionen US-Dollar in Seattle. Jetzt zeigt er seine Topleistungen einfach dort. Auch die Seahawks führte der 28-Jährige zu 14 Siegen – und dieses Mal brilliert er auch in den Playoffs.
Beim 41:6-Sieg über San Francisco brauchte es ihn kaum, im Halbfinal gegen die Rams musste er aber eine beinahe fehlerlose Leistung mit 3 Touchdown-Pässen liefern, um sein Team zum 31:27-Sieg und in den Super Bowl zu führen. «Er hat eine Menge Leute zum Schweigen gebracht», konstatierte sein Trainer Mike Macdonald.
Darnold übertrifft Allen und Jackson
Darnolds Aufschwung zeigt das Problem vieler junger Quarterbacks, die früh im Draft von erfolglosen Teams ausgewählt werden. Oftmals erlaubt ihr Umfeld den Erfolg nicht, zu häufig sind die Supertalente auf sich alleine gestellt. So wie Darnold bei den Jets. In Minnesota und Seattle halfen ihm eine starke Defense, eine gute O-Line und Superstar-Receiver wie Justin Jefferson in Minnesota oder jetzt Jaxon Smith-Njigba in Seattle.
Noch immer ist Darnold kein Superstar-Quarterback – und wahrscheinlich wird er das auch nie sein. Womöglich ist er mittlerweile etwas unterbewertet, weil die schlechten Jahre zu Beginn seiner Karriere nachhallen. Im Draft 2018 wurden nach Darnold in Josh Allen (an 7. Stelle) und Lamar Jackson (an 32. Stelle) zwei solche absoluten Spitzenleute ausgewählt. Beide scheiterten in den Playoffs bisher aber immer vor dem Super Bowl an sich oder an ihren Teams. So ist Darnold der erste Quarterback aus jenem Jahrgang, der im Super Bowl steht. Und könnte vor den Superstars Allen und Jackson einen Titel gewinnen.
Sein Gegner erinnert an Tom Brady
Verhindern können dies nur noch die New England Patriots um Jungstar Drake Maye. Der 23-jährige Quarterback bringt die Fans des sechsfachen Super-Bowl-Siegers mit seiner Unerschrockenheit und der hervorragenden Präzision in die Zeiten von Tom Brady zurück.
Wie Darnold wurde Maye vor zwei Jahren an dritter Stelle im Draft gewählt. Seit dieser Saison hat er in Mike Vrabel nun einen hervorragenden Trainer und ein sehr gutes Team um sich. Im Super Bowl sind die Patriots dennoch Aussenseiter, gegen die überragende Seahawks-Defensive wird es nämlich auch Drake Maye schwierig haben.
Kann Darnold seinen fünf Jahre jüngeren Gegenpart tatsächlich übertrumpfen und den Seahawks den erst zweiten Super-Bowl-Titel nach 2014/15 bescheren, würde er im sportverrückten Seattle zur Legende. Und das, obwohl er bereits als gescheitert galt.
Trainer und Star-Receiver schwärmen von Darnold
Der Kalifornier selbst macht sich aber nicht viel aus dieser Geschichtserzählung. Ihm geht es nicht um Genugtuung oder darum, sich an den Kritikern zu rächen. «Harte Arbeit und Hingabe haben mich hierher geführt. Darum ging es mir schon immer, jeden Tag hart zu arbeiten», sagte Darnold vor dem Spiel vom Sonntag.
Star-Receiver Smith-Njigba hat eine klare Meinung zu seinem Quarterback: «Dafür, was er überwinden musste, bewundere ich Sam. Wir glauben an ihn, die ganze Stadt glaubt an ihn.» Auch Trainergenie Macdonald, der sich um die Defensive kümmert, lobt: «Seine Teamkollegen lieben ihn. Er ist unglaublich ehrgeizig und hart im Nehmen. Und er ist ein Gewinner!»
Am Sonntag muss Sam Darnold dies erneut beweisen. Aber das kennt er ja.
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