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Wüthrich (Mitte) mit seinen kanadischen Eismeister-Kollegen vom Eishockey (links) und Eisschnelllauf.  Bild: AP/Canadian Press

Ringmeister Zaugg

Dieser Schweizer macht bei Olympia das perfekte Curling-Eis

Hans Wüthrich (61) vermag noch nicht übers Wasser zu schreiten wie Jesus. Aber er ist der olympische Gott des gefrorenen Wassers. Als Chef-Eismeister bei den Curling-Wettbewerben.

Klaus Zaugg, gangneung



Eigentlich ist Eis gratis und ein Geschenk des Himmels. Es wird kalt. Wasser gefriert und wir haben Eis. Eigentlich. Wenn es aber darum geht, auf Eis zu spielen, dann braucht es irdisches Handwerk. Oder besser: Kunsthandwerk.

Weltweit beherrschen die Magie des Eismachens nur wenige so gut wie Hans Wüthrich. Manche sagen der «World Curling Federation Chief Ice Technician» sei gar der Beste. Die etwas sperrige Bezeichnung heisst eigentlich: «Welt-Eismeister Curling». Seit 1993 ist der kanadisch-schweizerische Doppelbürger für perfektes Eis bei praktisch allen globalen Titelkämpfen – WM, Olympia – bei den meisten Europameisterschaften und allen kanadischen Titelkämpfen für die perfekte rutschige Unterlage verantwortlich.

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So macht Wüthrich sein Curling-Eis. Video: YouTube/WinnipegFreePress

Vom «Buechibärg» in Kanadas Weizen-Provinz

Wüthrich ist auf einem Bauernhof in Brügglen im solothurnischen Sehnsuchtsland Bucheggberg aufgewachsen. 1976 reist er im Alter von 19 Jahren nach Kanada. Um schliesslich dort zu bleiben und Kanadier zu werden. Weil es auf der Weizenfarm im zugigen Manitoba im Winter kaum etwas zu tun gibt («nur ab und zu eine Dienstfahrt mit dem Traktor»), wendet er sich wie ein echter Kanadier dem Curling zu.

Als freiwilliger Helfer beim Eismachen und dann, als der lokale Eismeister in Pension geht, als dessen Nachfolger. So ist eines zum anderen gekommen. Der Bauer aus dem Kanton Solothurn hat längst die vierstufige Eismeister-Ausbildung in Kanada durchlaufen. 2003 hat ihn der kanadische Curlingverband mit dem «Award of Achievement» geadelt. Ein Orden für besondere Leistungen.

Hans Wüthrich – mit eigener Wikipedia-Seite – ist beim olympischen Curling-Spektakel bekannt wie ein weisser Tiger. Wenn der Chronist nach dem Curling-Eismeister fragt, leuchten bei allen sofort die Augen. «Oh, Hans» sagen jene, die asiatischer Muttersprache sind. «Oh, Häns» die Anglophonen. Und so dauert es nicht lange, bis der Hexenmeister des gefrorenen Wassers herbeigerufen ist.

Mixed-Curling-Halbfinals

Das Schweizer Mixed-Duo Martin Rios und Jenny Perret fühlt sich auf diesem Eis wohl: Es spielt am Montagmittag ab 12.05 im Halbfinal gegen Russland. Den Finalgegner ermitteln zuvor Kanada und Norwegen.

Jede Eis-Sportart braucht ihre ganz eigene Unterlage

Unkompliziert, freundlich, humorvoll. Die sympathische Bescheidenheit, die den Solothurnern vom Lande eigen ist, hat er in fremden Landen bewahrt, das freundliche Wesen der Kanadier angenommen. Gerne erzählt er über sein Leben. Professioneller Eismeister ist er nur im Winter. Im Sommer betreibt er im kanadischen Gimli, einer Stadt mit nicht einmal 10'000 Einwohnern, 80 Kilometer ausserhalb von Winnipeg, ein Gartenbau-Geschäft. Zusammen mit Frau Patti, Sohn Dylan und sieben Angestellten. Was im Winter das perfekte Eis, ist ihm zur warmen Jahreszeit der perfekte Rasen.

Canada's Kaitlyn Lawes and John Morris prepare to throw the stone during their mixed doubles curling match against South Korea at the 2018 Winter Olympics in Gangneung, South Korea, Sunday, Feb. 11, 2018. (AP Photo/Aaron Favila)

Wüthrichs Reich: Die Curling-Halle in Gangneung. Bild: AP

Bald einmal wird dem Laien klar, wie schwierig es sein muss, perfektes Eis für die Titanen der rutschenden Steine zu produzieren. Hans Wüthrich sagt, die höchste Kunst des Eismachens brauche es fürs Curling. Robust müsse Eis fürs Kunstlaufen sein. Um die Sprünge auszuhalten. Etwas dünner fürs Eishockey. Etwas wärmer beim Eisschnelllauf, weil Eis kurz vor dem Schmelzpunkt am schnellsten sei. Am dicksten, etwas mehr als 30 Millimeter und von der allerhöchsten Güteklasse müsse das Eis fürs Curling sein. Weil die Eisqualität während eines ganzen Spiels bei konstanter Temperatur gleich hoch bleiben müsse.

Schlaflos in Südkorea

Dazu gehört, dass Luftfeuchtigkeit und Temperatur in der Halle auch bei hohem Zuschaueraufkommen möglichst konstant bleiben. Deshalb gehört ein ausgeklügeltes Lüftungssystem zu einer Curling-Arena. Auf dem Computer-Bildschirm kann Wüthrich die Daten im Minutentakt ablesen und das Hallenklima überwachen.

Zehn Tage hat er hier mit seinem 15-köpfigen Team für die Herstellung des Curling-Eises gebraucht. «Während dieser Zeit haben wir uns so organisiert, dass wir rund um die Uhr durcharbeiten konnten.» Auch jetzt, wenn alles läuft, ist er 16 bis 18 Stunden in der Halle. Schlaflos in Südkorea. Oder zumindest fast schlaflos. Wüthrich kommt am Morgen als Erster und geht am Abend als Letzter.

«Ich will nichts dem Zufall überlassen und nicht schuld sein, wenn ein gespielter Stein wegen des Eises misslingt.» Es ist der Fleiss und das Verantwortungsbewusstsein, die dem Bauern vom Buechibärg eigen sind. Und wer sich ein bisschen umhört, um zu erfahren, warum Hans Wüthrich der beste Eismeister der Welt sei, dann kommen alle zum gleichen Schluss: er investiere mehr als die anderen in eine Arbeit, die seine grosse Leidenschaft sei.

Die reinste Form des Wassers

Unzählige aufwändige Arbeitsgänge mit mehreren Eisschichten sind also notwendig, bis das glatte Spielfeld zubereitet ist. Und es braucht dafür das reine, das perfekte Wasser, das mit einer Maschine demineralisiert wird. Es ist die reinste Form des Wassers. Wie jenes am ersten Tag der Schöpfung.

Vielleicht müsste man probieren, über einen See aus solchem reinen Wasser zu schreiten. Niemand würde sich auf dem Planeten Curling wundern, wenn es Hans Wüthrich gelänge.

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