Sport
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Jenny Perret of Switzerland and Martin Rios of Switzerland in action, from left, during the Mixed Doubles Curling round robin game between Switzerland and Finland one day prior to the opening of the XXIII Winter Olympics 2018 in Gangneung, South Korea, on Thursday, February 08, 2018. (KEYSTONE/Alexandra Wey)

Jenny Perret und Martin Rios waren einst ein Paar und spielen morgen zusammen um den Olympiasieg. Bild: KEYSTONE

Ringmeister Zaugg

Kalte Küsse für eine Medaille – warum es für den Erfolg keine Liebe braucht

Jenny Perret (26) und Martin Rios (36) zanken und siegen. Das streitbare Mixed-Curling-Paar besiegt im Halbfinal Russland mit 7:5, spielt morgen Mittag um Gold und beschert der Schweiz die erste Medaille.



Ach, endlich einer, der authentisch ist. So redet, wie er denkt. Und so ist Martin Rios in einer Welt, in der jedem durch Medienschulungen die verbalen Persönlichkeitskanten mit der Nagelfeile eingeebnet werden, ein bunter Hund. Ein bisschen wie Paul Accola und Gölä – aber mit viel mehr Charme. Einem Lausbuben-Charme.

Ganz offensichtlich hat Martin Rios in diesem Curling-Drama kühlen Kopf bewahrt. Er wird hinterher auch sagen, dass er überhaupt nicht nervös war. «Warum auch? Ich hatte ja nichts zu verlieren. Drei Jahre haben wir auf das Ziel Olympia hingearbeitet. Auch wenn wir keine Medaille geholt hätten, so war es schon wegen des tollen Erlebnisses die Mühe wert. Die Stimmung in der Schweizer Delegation ist super. Und überhaupt: warum nervös sein? Es ist ja nur Curling.»

Martin Rios of Switzerland and Jenny Perret of Switzerland, from left, celebrate after the Mixed Doubles Curling semi final game between Switzerland and Olympic Athletes from Russia during the XXIII Winter Olympics 2018 in Gangneung, South Korea, on Monday, February 12, 2018. (KEYSTONE/Alexandra Wey)

Eine dicke Umarmung muss nach dem Einzug in den Olympiafinal genügen. Bild: KEYSTONE

Seine Partnerin Jenny Perret konnte hingegen ihre Nervosität nicht verbergen – und nach dem Sieg die Emotionen auch fast nicht. Die Tränen standen ihr zuvorderst, als sie über diesen dramatischen Halbfinal Auskunft gab. «Ich habe noch gar nicht realisiert, was passiert ist. Ich war so nervös, dass ich einfach nur das Ende des Spiels herbeigesehnt habe.»

Was Martin Rios so kommentierte: «Zum Glück war Jenny nervös. Dann kann sie nicht mehr denken und spielt besser. Es ist immer gut, wenn sie den Kopf im Spiel nicht einschalten kann.» Aber er sagt es so charmant, dass es nicht boshaft wirkt. Auch seine scherzhafte Bezeichnung für die Frauenhockeymannschaft («Hockeyhühner») wirkt, so wie er es sagt, charmant. Man kann ihm einfach nicht böse sein.

Ein Glarner Löli

Nun steht das Spiel um Gold an. «Wir haben das nach aussen nie kommuniziert – aber Gold war unser Ziel. Dafür sind wir hierhergekommen.» Eigentlich könnte er jetzt, da er als Medaillengewinner feststeht, bis zum Ende der Spiele bleiben. Aber so oder so wird er am nächsten Sonntag schon wieder in der Schweiz sein. «Ich werde bei den Junioren-Meisterschaften in Arlesheim vorbeischauen.» Ja, die Medaille werde er mitnehmen.

So zanken sich Perret und Rios während des Spiels. video: srf

Ein weiteres Ziel hat er auch schon erreicht. Er wollte ein Foto mit Lindsey Vonn im olympischen Dorf – und hat es. Weil es ihm die Chronisten nicht glauben wollen, zückt er das Smartphone und zeigt das Bild. «Mit dem UNO-Generalsekretär habe ich auch noch ein Foto gemacht.» Und auf die Frage warum, sagt er mit viel Selbstironie: «Weil ich halt ein Glarner Löli bin.»

Martin Rios und Jenny Perret sind noch aus einem Grund eines der interessantesten Paare unserer Sportgeschichte. Weil die Spielerinnen und Spieler «verdrahtet» (mit Mikrofonen ausgerüstet) sind, erlebt das TV-Publikum, wie die beiden während des Spiels miteinander umgehen wie ein «chifelndes» Ehepaar aus einem Gotthelffilm.

Martin und Jenny waren einst ein Liebespaar, trennten sich 2015. Aber sie erkannten, dass sie gemeinsam olympischen Ruhm erreichen können und spannten fürs Curling weiterhin zusammen.

Kommunikation wichtiger als Harmonie

Martin Rios sagt, was wie Zank wirke, gehöre zum Spiel. «Harmonie brauchen wir nicht. Wir haben harte Köpfe, aber wir wissen, wie wir Lösungen finden können.» Um hoch konzentriert zu sein, sei es besser, wenn Adrenalin durch die Adern fliesse. Harmonie ist definitiv kein Adrenalin-Booster. Das russische Curling-Duo ist verheiratet – und hat doch verloren.

epa06518077 Anastasia Bryzgalova (L) and Aleksandr Krushelnitckii of the Olympic Athlete from Russia play Jenny Perret and Martin Rios of Switzerland in the Mixed Doubles Round Robin semi final match at the Gangneung Curling Centre in Gangneung during the PyeongChang Winter Olympic Games 2018, South Korea, 12 February 2018.  EPA/JAVIER ETXEZARRETA

Anastasia Bryzgalova (l.) und Aleksandr Krushelnitckii sind ein Liebespaar – dennoch bleibt der grosse Erfolg aus. Bild: EPA/EPA

Der Glarner mit spanischen Wurzeln – er hat auch zwei Jahre für Spanien gespielt – und die Bernerin schreiben eine aussergewöhnliche Geschichte. Aber so selten sind erfolgreiche Paare, die sich nicht lieben, gar nicht. Marika Kilius und Hans-Jürgen Bäumler waren in den 1960er-Jahren das deutsche Sport-Traumpaar schlechthin und verzauberten ein ganzes Land. Sie wurden zweimal Weltmeister, sechsmal Europameister und holten zweimal olympisches Silber. Aber sie tauschten nur kalte Küsse.

Bild

Marika Kilius und Hans-Jürgen Bäumler. bild: twitter

Es geht also auch ohne Liebe und Leidenschaft. Entscheidend für den sportlichen Erfolg ist weder Harmonie noch Liebe. Sondern Kommunikation. Damit beide genau wissen, was zu tun ist. Um die richtigen Entscheidungen zu treffen. Deshalb ist es letztlich unerheblich, ob liebevoll geflüstert oder hässig Tacheles geredet wird.

Die letzte sportliche Extrem-Situation

Martin Rios passt mit seinem Wesen und Wirken gar nicht in diese ruhige, leise Welt des Curlings. Eher würde man in ihm einen ehemaligen Hockey-Haudegen vermuten, der sich nach seinem Rücktritt ins Curling verirrt hat. Man traut ihm gar nicht zu, so feinfühlig mit Curling-Steinen umgehen zu können.

Noch vor einem Jahr sah es ganz und gar nicht so aus, als könnte dieses unkonventionelle Traumpaar die erste Medaille an den Spielen 2018 holen.

Mit einem Sieg bei den Schweizer Meisterschaften holte das streitbare Curling-Duo erst einmal den WM-Startplatz. Doch dann tauchte ein Video auf, das angeblich beweisen sollte, dass Martin Rios in einem Spiel einem Stein mit dem Fuss eine entscheidende Richtungsänderung gab. Was im Curling absolut tabu ist und ungefähr so verpönt wie beim Schwingen einen Gegner ins Ohr beissen.

Ausgerechnet die jeder Polemik abholde, hoch angesehene Agentur SDA polemisierte vom «mutmasslichen Sportbetrug». Die beschauliche Curling-Szene geriet vorübergehend in Aufruhr.

Sanktionen gab es letztlich keine, aber in einem vom Verband angeordneten Entscheidungsspiel mussten sie den WM-Startplatz bestätigen. Und schafften bei dieser WM in Kanada auf sensationelle Art und Weise die Qualifikation für die Spiele in Südkorea. Sie mussten, um der Schweiz einen olympischen Startplatz zu sichern, das Finale erreichen – und holten in einem dramatischen Finale gegen Gastgeber Kanada gar WM-Gold.

Switzerland Jenny Perret throws a stone beside teammate Martin Rios during a mixed doubles curling match against Canada's Kaitlyn Lawes and John Morris at the 2018 Winter Olympics in Gangneung, South Korea, Saturday, Feb. 10, 2018. (AP Photo/Natacha Pisarenko)

Final gegen Kanada: Noch einmal ist volle Konzentration gefordert. Bild: AP/AP

Und jetzt geht es um Gold wieder gegen ein kanadisches Duo. Die Vorrundenpartie war allerdings 2:7 verloren gegangen.

Aber das will gar nichts heissen: Martin Rios und Jenny Perret zeichnet aus, dass sie nie aufgeben und bisher jede sportliche Curling-Extremsituation mit Bravour gemeistert haben.

Schweizer Curler bald auch dabei? Alle Olympiasieger von Pyeongchang

Unvergessene Olympia-Momente: Winterspiele

Deutschland verpasst die grosse Sensation, weil der Puck auf der Linie kleben bleibt

Link zum Artikel

Pirmin Zurbriggen krönt seine Karriere mit dem Abfahrts-Olympiasieg in Calgary

Link zum Artikel

Steven Bradbury schreibt das schönste Olympia-Märchen überhaupt 

Link zum Artikel

Mit Full-Doublefull-Full springt Sonny Schönbächler zum Olympiasieg

Link zum Artikel

Strassenbauer, Pistencowboy, Pechvogel, Stehaufmännchen, Olympiasieger

Link zum Artikel

Die Geburtsstunde einer Legende: Jamaika hat 'ne Bobmannschaft!

Link zum Artikel

Tanja Frieden freut sich schon über den silbernen «Plämpu», da schenkt ihr Jacobellis Gold

Link zum Artikel

26.02.1988: Vreni, vidi, vici

Link zum Artikel

27.02.2010: Alles scheint nach dem Sturz verloren – da schwimmt sie einfach übers Eis und rettet Deutschland in den Final

Link zum Artikel

26.02.2002: Hexerei, von der Putzfrau geweihtes Wasser und Doping – Johann Mühlegg läuft, bis er auffliegt

Link zum Artikel

20.02.2014: Ein Sturz produziert das beste Photo-Finish aller Zeiten – zumindest für Profiteur Armin Niederer

Link zum Artikel

25.02.1994: Am Ende strahlt die Schöne Nancy Kerrigan und das Biest Tonya Harding vergiesst bittere Tränen

Link zum Artikel

Liechtenstein ist so klein, dass es fast in eine Gondelbahn passt. Wieso uns der Nachbar 1980 trotzdem abgetrocknet hat

Link zum Artikel

23.02.1980: Das zweite «Miracle on Ice» – in neun Tagen fünfmal Olympiasieger

Link zum Artikel

Strassenbauer, Pistencowboy, Olympiasieger, Pechvogel, Stehaufmännchen

Link zum Artikel

18.02.2006: Als die «Eisgenossen» kanadischer spielen als die Kanadier und sich für eine uralte Schmach rächen

Link zum Artikel

Der historische Schrei des berühmtesten Münstertalers

Link zum Artikel

17.02.2006: Tanja Frieden freut sich schon über den silbernen «Plämpu», als Lindsey Jacobellis ihr Gold schenkt

Link zum Artikel

16.02.2002: Der krasse Aussenseiter Steven Bradbury schreibt das schönste Olympia-Märchen überhaupt 

Link zum Artikel

10.02.2002: Simon Ammann, der voll geile Harry Potter der Lüfte, wird Olympiasieger

Link zum Artikel

Heinzers Bindung bricht – was für eine Blamage für den Olympia-Favoriten

Link zum Artikel

12.02.2006: Die Ösi-Reporter reiben schon gierig die Hände – da klaut ein Franzose doch tatsächlich noch «ihr» Abfahrts-Gold

Link zum Artikel

Der Adler ist gelandet – «Eddie the Eagle» springt in die Herzen der Fans

Link zum Artikel

11.02.1972: Wie die DDR dem Vogelmenschen die Flügel stutzte 

Link zum Artikel

03.02.1972: «Ogis Leute siegen heute» wird zum Motto einer ganzen Nation

Link zum Artikel

04.02.1932: Eisschnellläufer Jack Shea wird Olympiasieger und ahnt nicht, was er damit auslöst

Link zum Artikel

09.02.1964: Die Schweiz erlebt mit der «Schmach von Innsbruck» ein historisches Debakel

Link zum Artikel

07.02.1972: Wie «Aroma-Kaffee» Bernhard Russi zum Abfahrts-Olympiasieger machte

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen
DANKE FÜR DIE ♥

Da du bis hierhin gescrollt hast, gehen wir davon aus, dass dir unser journalistisches Angebot gefällt. Wie du vielleicht weisst, haben wir uns kürzlich entschieden, bei watson keine Login-Pflicht einzuführen. Auch Bezahlschranken wird es bei uns keine geben. Wir möchten möglichst keine Hürden für den Zugang zu watson schaffen, weil wir glauben, es sollten sich in einer Demokratie alle jederzeit und einfach mit Informationen versorgen können. Falls du uns dennoch mit einem kleinen Betrag unterstützen willst, dann tu das doch hier.

Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen?

(Du wirst zu stripe.com (umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)

Oder unterstütze uns mit deinem Wunschbetrag per Banküberweisung.

Nicht mehr anzeigen

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

10 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
deepsprings
12.02.2018 17:00registriert February 2015
Sie: "tüüf... tüüüüf.... tüüüüüüüüf!"
(meint: der Stein kommt zu lang)
Er: "Ja ich chan kei Salz streue..."
😂🤣😂
1601
Melden
Zum Kommentar
c_meier
12.02.2018 18:46registriert March 2015
Haha das "WÜSCHE RIOS!" tönt fast wie im Militär 👍
HoppSchwiiz
PS ist #chanidsalze schon in der Sportzitate-Sammlung eingetragen? (neben gring ache u seckle oder "fasch in d Hose gmacht" ;)
700
Melden
Zum Kommentar
Pukelsheim
12.02.2018 19:48registriert January 2017
Geniale Unterhaltung den beiden zu zuhören. Hat mich fast mehr gefesselt als das Spiel selber. Hoffentlich gibt es da noch einmal einen Zusammenschnitt.
„Wüsche Rios“
„Verdammt Jenny“
„Wüsche!“ „Nei!“ „Due mol wüsche wennis der säge“
460
Melden
Zum Kommentar
10

Football Porn

Football Porn Teil IX – die frühen Jahre der Champions League

Football Porn – das Format für Bilder aus der Welt des Fussballs, die unmöglich im Archiv verstauben dürfen. Heute mit einem Special zu den Anfangsjahren der Champions League, die es in dieser Form seit 1992/93 gibt.

Das ist mal ein Auftakt! Gleich am Abend der ersten Gruppenspiele am 25. November 1992 sorgt ein Weltstar für ein Glanzlicht. Marco van Basten erzielt alle vier Tore beim 4:0-Sieg der AC Milan gegen IFK Göteborg.

Milan steht im Mai 1993 auch im ersten Endspiel der neuen «Königsklasse». Vor dem Spiel gegen Marseille kommt es im Münchner Olympiastadion zum Treffen der beiden in jeder Hinsicht integren Klubbesitzer Silvio Berlusconi (Milan, links) und Bernard Tapie.

Dank einem Treffer von Basile Boli …

Artikel lesen
Link zum Artikel