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Das Organisationskomitee von Sion 2026 und Swiss Olympic am offiziellen Kick-off-Event der Kandidatur.
Das Organisationskomitee von Sion 2026 und Swiss Olympic am offiziellen Kick-off-Event der Kandidatur.Bild: KEYSTONE

«Sion 2026» – der Stoff, aus dem die olympischen Illusionen sind

Und jetzt also Sion 2026. Olympische Winterspiele in der Schweiz bleiben die grösste Illusion der modernen Schweizer Geschichte.
08.03.2017, 13:4808.03.2017, 14:07

Olympische Winterspiele in der Schweiz – eine Illusion? Ja. Dabei wäre eine Nation mit dem Reichtum, der Infrastruktur und der Sportkultur der Schweiz problemlos dazu in der Lage, diese Spiele zu organisieren. Der Nutzen für unser Land, für die Infrastruktur, aber auch für das patriotische Wohlbefinden sind eigentlich unbestritten. Olympische Spiele in der Schweiz wären zudem ein starkes Signal unserer Stärke. Die Spiele wären in Sion 2026 genauso machbar und finanzierbar wie 1928 und 1948 in St.Moritz.

Skispringer an den Olympischen Spielen in St.Moritz 1928.
Skispringer an den Olympischen Spielen in St.Moritz 1928.

Aber warum eine Illusion? Die Antwort auf diese Frage ist bereits am späten Donnerstagnachmittag mit dem offiziellen «Startschuss» zur Kandidatur 2026 beantwortet worden. Der Exekutiv-Rat von Swiss Olympic (sozusagen der Bundesrat des Schweizer Sports) hat mit 12:1 Stimmen beschlossen, diese Kandidatur aufzugleisen. Nicht einmal das höchste Gremium unseres Sportes unter dem Präsidium von Jürg Stahl brachte Einstimmigkeit zustande.

Die Hürde Föderalismus

Diese eine Gegenstimme – sie kam angeblich von einem Athletenvertreter im Gremium – ist mehr als eine Episode. Die Schweiz ist auch dank ihres föderalistischen Systems eines der erfolgreichsten Länder der Geschichte. Aber dieses System erschwert die vorbehaltlose Begeisterung des ganzen Landes, aller Stände, aller Gesellschaftsschichten für eine Idee – noch in frischer Erinnerung ist das epochale Chaos rund um die letzte Expo. Das gilt erst recht für den Sport. Denn der Sport hat bei weitem nicht die politische und gesellschaftliche Bedeutung, die er haben müsste.

Soll Sion 2026 Olympische Winterspiele ausrichten?

Und wie soll es denn eine nationale Begeisterung quer durch alle Parteien für Winterspiele geben, wenn nicht einmal Jürg Stahl bei Swiss Olympic für Einstimmigkeit sorgen kann? Hat diese Bewerbung eine Chance? Theoretisch ja. Praktisch nein. Die politischen Hürden im eigenen Land sind zwar durch einen schlauen Schachzug nicht unüberwindlich hoch: Die Kosten für den Steuerzahler werden auf fünf Kantone (Wallis, Waadt, Bern, Fribourg, Graubünden) verteilt und damit wird es unter Umständen möglich, den Radar der obligatorischen Volksabstimmung zu unterfliegen.

Voraussichtlich braucht es nur ein «Ja» im Standortkanton Wallis. Aber die Zeit, um den innenpolitischen Haushalt rund um diese Bewerbung in Ordnung zu bringen, ist mit zwei Jahren knapp. Das Konzept ist zwar mit mehr als zehn Standorten – Sion, Collombey-Muraz, Thun, Crans-Montana, Veysonnaz, Leysin, Kandersteg, Aigle, Ulrichen, Lausanne, Bern, Visp, St.Moritz, Martigny und Montreux – dezentralisiert. Aber das ist auch bei den anderen voraussichtlichen Bewerbern (Innsbruck, Lillehammer, Stockholm, Calgary, Almati und Sapporo) so.

Hier sollen die verschiedenen Sportarten stattfinden.
Hier sollen die verschiedenen Sportarten stattfinden.Bild: sion2026.ch

Scheitern an der Naivität

Wer wirklich antritt, wird erst im August 2019 bekannt sein – bis dahin muss auch die Kandidatur «Sion 2026» bereit sein. Am «Dossier» wird «Sion 2026», wenn es denn alle innenpolitischen Hürden genommen hat, also nicht scheitern. Die Kandidatur wird in jeder Beziehung auf Augenhöhe mit den anderen Bewerbern stehen. Aber am Ende wird sie an unserer Naivität scheitern. Wie schon bei der Bewerbung «Sion 2006» werden unsere tüchtigen Funktionärinnen und Funktionäre, unsere Politikerinnen und Politiker die Einzigen sein, die davon ausgehen, dass niemand bestochen werden muss. Olympische Illusionen eben.

Aber warum dann überhaupt eine Kandidatur? So lange der Schweizer Sport lebt, ist es seine Pflicht, sich in regelmässigen Abständen für die Winterspiele zu bewerben. «Wir bewerben uns für Olympische Spiele, also sind wir.» Diese Bewerbungen gehören zu unserem Sport wie das Glockengeläut zur Herde beim Alpabzug.

Der Olympia-Goldrausch

Und schliesslich und endlich ist so eine Bewerbung eine wunderbare Geschäftsidee. Geschäftsidee? Ja. Wer wird, wenn irgendwo ein Goldrausch ausbricht, verlässlich und unspektakulär reich? Auch dann, wenn das Ziel (das Gold zu finden) nicht erreicht wird? Die Schaufel- und Schubkarrenverkäufer.

Sion würde als Austragungsort sicher eine gute Figur machen.
Sion würde als Austragungsort sicher eine gute Figur machen.Bild: KEYSTONE

So ist es beim «olympischen Bewerbungsrausch.» So eine Bewerbung öffnet viele, viele Kassen – öffentliche und private – und viele, viele Frauen und Männer können viel, viel Geld verdienen. Ach, was es bei einer Bewerbung alles für Konzepte zu schreiben, Analysen zu machen, Gutachten zu erstellen, Pläne zu erarbeiten, Büros einzurichten, Reisen zu machen und Sitzungen abzuhalten gilt! Und jede Bewerbung ist auch ein Jahrmarkt der Eitelkeiten. Christian Constantin wird auf diesem Markt auch seine Bude aufstellen.

Christian Constantin: Einer der Profiteure der Olympiakandidatur?
Christian Constantin: Einer der Profiteure der Olympiakandidatur?Bild: KEYSTONE

«Sion 2026» ist eine schöne, wunderbare Geschichte. Sie liefert uns Stoff für olympische Illusionen, für olympische Träume, und solche Träume sind immer gut. Darüber hinaus ist «Sion 2026» Wirtschaftsförderung im besten Wortsinne. Und wenn wir die Spiele doch erhalten sollten, dann werden Träume wahr.

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