Wenn Glaube absolut wird – wie sektenhafte Dynamiken entstehen
Wir Menschen hassen nichts so sehr wie Ängste und Unsicherheiten. Sie stellen oft existenzielle Bedrohungen dar, die uns aus der Bahn werfen. Wir suchen nach Rezepten und Lösungen, die uns Sicherheit versprechen.
Dabei landen wir gern bei Religionen, Glaubensgemeinschaften oder gar sektenhaften Gruppierungen, die uns Erlösung und Wahrheit prophezeien. Doch nichts ist so relativ wie die angebliche Wahrheit. Die religiöse ist dabei nicht ausgenommen.
Glaube und Wahrheit beissen sich
Denn im Reich der Religionen geht es um den Glauben. Doch Glaube und Wahrheit beissen sich. Es gibt nicht einmal bei den Naturwissenschaften eine «Wahrheit». Was heute gültig ist, kann morgen überholt sein, weil neue Erkenntnisse das Weltbild verändern.
Diesen Prozess der Wahrheitsfindung umschiffen Religionen gern. Ihre Lehre ist meist in Stein gemeisselt. Jede grundlegende Veränderung wäre eine Relativierung. Denn im Zentrum jedes religiösen Glaubens steht ein göttliches oder allmächtiges Wesen, das uns angeblich die letzten Wahrheiten vermittelt.
Da sich ein Gott vermeintlich nicht irren kann, ist es obsolet, sein Heilskonzept zu hinterfragen oder abzuändern. Die Krux besteht darin, dass wir selbst bei der Gottesfrage auf den Glauben zurückgeworfen werden. Denn es gibt keine Beweise für die Existenz eines göttlichen Wesens. Wir können nur an dieses glauben.
Doch viele Gläubige verdrängen allfällige Zweifel. Sie klammern sich an die Illusion, dass ihr Gott der einzig wahre sei. Ihr «Beweis» besteht darin, dass sie überzeugt sind, ihren Gott zu spüren oder mit ihm kommunizieren zu können.
Oder sie interpretieren ihre starken bis euphorischen religiösen Gefühle als untrügliches Zeichen, dass Gott sie führt und berührt. Folglich muss es ihn geben.
Diese Gläubigen schliessen aus, dass sie sich täuschen. Oder dass die Sehnsucht nach Gott und der religiösen Wahrheit ihre Wahrnehmung trübt. Oder dass die Einbildungskraft sie in die Irre führt und sie Sinnestäuschungen erliegen.
Mit dem Glauben an eine göttliche Instanz ist meist auch die Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod verbunden – in welcher Form auch immer. Den Glauben an ein Jenseits oder die Reinkarnation verbinden sie mit dem Anspruch auf die religiöse Wahrheit. In Wirklichkeit ist es lediglich eine Spekulation, denn Beweise kann niemand liefern.
Es geht also bei Religionen und Glaubensgemeinschaften ausnahmslos um den Absolutheitsanspruch. Sonst wäre es kein religiöser Glaube. Solche Ansprüche sind aber aus psychologischer Sicht eine Todsünde. Das Absolute überfordert uns Menschen heillos. Es führt nur allzu oft ins Extreme und Radikale und fördert den Fanatismus.
Der Glaube kann gefährlich werden
Dann wird der Glaube gefährlich. Er ist meist verbunden mit einem Machtanspruch. Wir Menschen neigen dazu, das Wahre und Absolute anderen Menschen angedeihen zu lassen oder es ihnen aufzudrängen, wie wir es aus den Missionsbestrebungen der vielen Religionen kennen.
Der Absolutheitsanspruch führt oft zu einer sektenhaften Dynamik. Damit pervertieren die betroffenen Gruppen und Bewegungen ihre eigenen ethischen und moralischen Werte und Dogmen, bei denen es um Barmherzigkeit, Nächstenliebe, Achtsamkeit und Einfühlungsvermögen geht.
Beispiele für religiöse Entgleisungen und Machtmissbrauch sind die Massensuizide bei Sekten. In welche Abgründe der Absolutheitsanspruch führen kann, demonstrieren aktuell auch die Mullahs im Iran, die auch Gläubige verfolgen, einkerkern oder hinrichten, weil sie kein Kopftuch tragen oder an einer Demonstration teilnehmen.
Glaubensgemeinschaften weisen im Kern sektenhafte Aspekte auf
Hinweise sind auch die vielen kriegerischen Auseinandersetzungen im Nahen Osten, die neben politischen Gründen auch religiöse Komponenten enthalten. Der Absolutheitsanspruch führt dazu, dass Glaubensgemeinschaften im Kern sektenhafte Aspekte aufweisen.
Nur religiöse Führer, die sich dieser Dynamik bewusst sind, können verantwortungsvoll handeln. Sie erkennen, wenn sich Gläubige radikalisieren, und können Gegensteuer geben. Und sie realisieren, wenn sich sektenhafte Entwicklungen in ihre Bewegung einschleichen.
Doch das Bewusstsein für diese Gefahren ist nach meinen Erfahrungen nicht sehr weit verbreitet.
Mit seinem Blog bedient Hugo Stamm seit Jahren eine treue Leserschaft mit seinen kritischen Gedanken zu Religion und Seelenfängerei.
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