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«Es knackt und knirscht, aber es lässt sich nicht schlucken» – Besuch beim Insekten-Brunch

Angeekelt und neugierig-entzückt zugleich. Bild: Claudia Salzmann



Es knackt und knirscht zwischen den Zähnen, aber egal, wie sehr ich darauf herumbeisse, das Beinchen lässt sich weder zerkauen noch schlucken. Wagemutig habe ich immerhin den Rest der Heuschrecke verspeist, spucke nun ihr Bein (oder ist es doch ein Fühler?) wieder aus und streife es am Tellerrand ab. 

Lecker ist anders, aber es könnte auch bedeutend schlimmer sein. Die Konsistenz ist knusprig, so wie zu stark frittierte Pommes, ganz okay also. Die Heuschrecken sind aber nicht etwa frittiert, sondern lediglich getrocknet. Das angeblich nussige Aroma des Tierchens selbst wird von einer Marinade aus Orangensaft, Apfelessig und Gewürzen überdeckt, wobei dem Koch wohl die Essigflasche aus der Hand gerutscht ist. Nach ein paar verspeisten Hüpfern wird mir leicht übel, was aber weniger am Geschmack liegt, als daran, dass ich die Viecher immer genauer betrachte und mir bewusst wird, was ich da eigentlich esse. Zum Glück kommt mit der Vorspeise auch reichlich leckere Guacamole und Tortilla-Chips, die ich dankbar nachschaufle.

Knackiges Trio posiert auf Guacamole. Bild: Jennifer Zimmermann

Nussig, erdig – einzigartig

Ich bin im Guadalupe Inn, einem Restaurant im Brooklyner Stadtteil Bushwick. Hier findet im Rahmen des kulinarischen, 3-tägigen Events «Brooklyn Bugs» ein Insekten-Brunch statt. Schon seit jeher werden in der mexikanischen Küche Insekten verwendet. Für den heutigen Brunch werden klassische mexikanische Gerichte mit «Chapulines» (Heuschrecken) und «Gusanos» (Agavenwürmer) aufgepeppt. Letztere gelten als Delikatesse und man kennt sie von der mexikanischen Spirituose Meskal, in der oft ein solcher Wurm zu finden ist. Alle Insekten für den Brunch wurden denn auch aus Mexiko importiert.

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Gusano-Wurm: Die böse Überraschung kommt zum Schluss. Bild: claudia salzmann

Das Brooklyn-Bugs-Festival findet zum ersten Mal statt und wurde vom Koch Joseph Yoon auf die Beine gestellt. An seine erste Insekten-Mahlzeit kann er sich nicht erinnern, der Weg zu ihnen hingegen ist ein spannender: «Die Künstlerin Miru Kim hat mich gebeten, sie bei ihrem Projekt ‹Phobia/Phagia› zu unterstützen. Mithilfe dieser Fotoserie überwindet sie ihre Angst vor Insekten, indem sie sie isst. So bin ich auf den Wurm gekommen», erzählt Jospeh.

Dass Insekten eine hervorragende Quelle von Eiweiss sind – 100 Gramm Heuschrecken enthalten gemäss Angaben des Lieferanten des Insekten-Brunches 67 Gramm Eiweiss, wohingegen 100 Gramm Rindfleisch nur 28 Gramm enthalten – ist hinlänglich bekannt. Ebenso, dass sie einfach und nachhaltig gezüchtet werden können. Diese beiden Faktoren machen die Entomophagie (menschlicher Verzehr von Insekten) zu einer valablen Zukunftsperspektive. Mehr noch geht es Joseph aber darum, mit den einzigartigen Geschmäckern der Insekten zu experimentieren.

«Es gibt in der Tat Insekten, die einfach nur schrecklich schmecken. Ich will ihren erdigen Geschmack zähmen.»

joseph yoon

Die Bezeichnung «erdig» trifft den Nagel auf den Kopf, wenn es darum geht, den Geschmack des Gusano-Wurms zu beschreiben. Als hätte ich gerade eine Handvoll Waldboden geschluckt, so schmeckt er – und ich muss mich beherrschen, damit ich ihn nicht ausspucke.

Immerhin ist die Konsistenz knusprig und nicht etwa schleimig, wie ich befürchtet hatte. Zum Glück gibt es zu diesem Hauptgericht (à 20 Franken, inklusive Guacamole, Chips und Cocktail), das aus Bohnenmus, Rührei mit grüner Salsa und Kakteenstückchen besteht, nur zwei solche Würmer als Garnitur. 

Fun fact: Das Mehl der Gusano-Würmer kann als glutenfreier Mehlersatz gebraucht werden. Bild: Claudia Salzmann

Anders beim zweiten Hauptgang (ebenfalls 20 Franken), den Tacos mit Rührei, Avocado und Heuschrecken: Hier haben sich die Köche nicht lumpen lassen und kräftig «Chapulines» beigefügt. 

Man beachte das abgetrennte Bein unten rechts im Bild. Bild: Jennifer Zimmermann

Den rund 40 anwesenden Gästen scheint es sehr zu schmecken. Joann, die neben mir sitzt, schaufelt enthusiastisch einen Haufen Heuschrecken auf ihren Taco und beisst genüsslich rein. Als wir uns später unter zwei Augen unterhalten, eröffnet sie mir:

«Insekten ekeln mich schrecklich, aber sie sind besser als das Entenembryo, das ich kürzlich beim Philippinen probiert habe.»

Bald macht sie ihr eigenes Restaurant auf, das unter anderem Heuschrecken und Ameisen servieren wird. Mich beschleicht das Gefühl, dass es vielen wie ihr ergeht: Nach aussen hin geben sie sich cool, in Wirklichkeit ekeln sie sich. Es wird wohl noch einige Überzeugungskraft von Entomophagen brauchen, damit das Insekten-Essen nicht nur ein vorübergehender Trend bleibt.

Mit Essen soll man nicht spielen, aber das Innenleben der Heuschrecken machte mich zu neugierig. Bild: Claudia Salzmann

Wir haben die «Insect Balls» gekostet, damit du nicht musst

Video: watson/Emily Engkent

Krabbelküche: Insekten-Gerichte, die man uns schmackhaft machen will

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