Schweiz
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Die Fluh von Mitholz nach der Explosion, im Vordergrund die zerstörten Wohnhäuser.

Mitholz nach der Katastrophe. Im Hintergrund die Fluh mit dem bei der Explosion abgesprengten Geröll. Bild: festung-oberland.ch

Das explodierte Munitionslager Mitholz ist immer noch gefährlich

Knapp vor Weihnachten 1947 explodierte das Munitionsdepot Mitholz, neun Menschen starben. Jetzt zeigt sich, dass die Munitionsreste dort immer noch brisant sind. 



Mitten in der Nacht brach das Unglück über Mitholz herein. Im Munitionsdepot der Schweizer Armee, das sich in der Fluh oberhalb des Dorfes befand, detonierte etwa die Hälfte der 7000 Tonnen dort eingelagerten Munition. Eine der weltweit gewaltigsten menschengemachten nicht-nuklearen Explosionen verwüstete in der Nacht vom 19. auf den 20. Dezember 1947 das Berner Oberländer Dorf. 

Die Gefahrenlage heute

In den eingestürzten Anlageteilen und im Schuttkegel davor befinden sich schätzungsweise noch rund 3500 Bruttotonnen Munition mit mehreren hundert Tonnen Sprengstoff. Heute hat der Bundesrat bekanntgegeben, dass eine Expertengruppe eine Neubeurteilung der Lage vorgenommen hat. Fazit: Äussere Einwirkungen wie ein Felssturz könnten nach wie vor eine Explosion in der Anlage verursachen. 

Eine solche Explosion könnte Schäden in der nahen Umgebung anrichten. Als Auslöser für eine Explosion kommen auch der Einsturz von Anlageteilen oder eine Selbstzündung von verschütteten Munitionsrückständen in Frage. Zuvor hatten Beurteilungen in den Jahren 1949 und 1986 ergeben, dass es bei einer weiteren Explosion im Munitionsdepot nur zu kleinen Schäden käme. 

Das VBS hat für die Bevölkerung eine Informationsseite aufgeschaltet und unter der Nummer 058 464 73 00 eine Hotline eingerichtet, an die sich Interessierte jederzeit wenden können.

Keine Evakuierung notwendig

Nun sollen weitere Abklärungen vorgenommen werden, erklärte Bundesrat Guy Parmelin in Mitholz vor den Medien. Eine Arbeitsgruppe soll eine Risikobeurteilung vornehmen und Untersuchungen zur Senkung des Risikos treffen. 

Es bestehe aber keine Notwendigkeit, das Dorf Mitholz zu evakuieren oder die Strasse nach Kandersteg zu sperren. Auch die Bahn ist nicht betroffen. Die Grenzwerte für die heute geltenden Regelungen im Umgang mit Risiken würden allerdings nicht eingehalten, sagte Parmelin. Eine Truppenunterkunft und ein Lager der Armeeapotheke, die beide in unmittelbarer Nähe zu den Munitionsrückständen liegen, werden aus Sicherheitsgründen geschlossen. 

Die Katastrophe in Mitholz

Am Morgen nach der Explosion präsentierte sich der Ort der Katastrophe wie ein Kriegsgebiet. Die Bilanz war verheerend:

Die Katastrophe hatte sich um etwa 23 Uhr angekündigt, als Flammen aus den Zufahrtsstollen züngelten und kurz danach laute Geräusche – ähnlich wie Lawinendonner – zu hören waren. Eine halbe Stunde vor Mitternacht kam es zu einer ersten Explosion, die eines der Panzertore absprengte und das Stationsgebäude zerstörte. Der Bahnhofsvorstand und sein Sohn fanden dabei den Tod. 

Eine zweite, stärkere Explosion folgte fünf Minuten später. Sie wurde vom Schweizerischen Erdbebendienst in Zürich registriert und zerstörte mehrere Gebäude. Die heftigste Detonation ereignete sich zehn Minuten nach Mitternacht. Bis zu 150 Meter hohe Stichflammen schossen aus dem Fels, Gesteinsbrocken und glühende Munitionsteile wurden in den Talkessel geschleudert, Pulverdampf und Rauch beeinträchtigten die Sicht und behinderten die Atmung. 

Flucht im Schlafanzug

Die aus dem Schlaf geschreckten Dorfbewohner flohen durch dieses Inferno Richtung Kandergrund, zum Teil nur in Unterwäsche und Mantel, einige sogar ohne Schuhe. Manche kamen nicht mehr dazu, zu fliehen – sie wurden in ihren Häusern von Projektilen oder Bomben getötet. Andere traf es auf der Flucht. 

Feuerwehr und Rettungskräfte waren machtlos gegen die Brände; zu gefährlich war die Situation aufgrund der ständigen Detonationen von Sprengkörpern und den herumliegenden Blindgängern. So beschränkte man sich darauf, die geflüchteten Dorfbewohner in Sicherheit zu bringen und zu versorgen. 

Die Solidarität der Schweizer Bevölkerung mit den schwer getroffenen Dorfbewohnern war gross. Bereits in den nächsten Tagen trafen unzählige Pakete mit Hilfsgütern in Kandergrund ein. Auch Geld wurde gespendet; allein durch die kurz zuvor gegründete Glückskette kamen rund 80'000 Franken zusammen.  

Munitionslager Mitholz: Nach der Explosion wird der hintere Verbindungsgang mit dem Schlauchboot erkundet.

Der hintere Verbindungsgang zwischen den Munitionskammern nach der Explosion.  Bild: festung-oberland.ch

Rascher Wiederaufbau

Die Armee stellte im Frühjahr 1948 Baracken auf, in denen die obdachlosen Familien unterkamen. Der Wiederaufbau des Dorfes dauerte zwei Jahre. An einigen Häusern – von denen manche dieselbe Jahreszahl tragen – erinnern Inschriften an die Katastrophe. 

Das verheerende Unglück hatte jedoch nicht nur für Mitholz Folgen. Da bereits im Mai 1946 ein Munitionslager der Armee detoniert war – bei der Explosion in der Waadtländer Festung Dailly waren zehn Personen gestorben –, wuchs die Beunruhigung über diese Anlagen. Eine Expertenkommission wurde eingesetzt, um das Unglück in Mitholz zu untersuchen – doch deren 1949 veröffentlichter Bericht konnte keine eindeutige Ursache für die Explosion benennen.  

Konstruktionsmängel

Der Bericht übte indes Kritik an der Konstruktion des Munitionslagers. Dieses war 1940 während des Zweiten Weltkriegs in Auftrag gegeben und 1945 fertiggestellt worden. In den sechs 150 Meter langen Munitionskammern lagerten zum Zeitpunkt des Unglücks riesige Mengen an Munition: 700 Eisenbahnwaggons voller Geschosse, wie Verteidigungsminister Karl Kobelt es beschrieb.

Plan des Munitionslagers Mitholz.

Plan des Munitionslagers.  Bild: Wikimedia/Roland Rytz (draemmli)

Ausserdem waren Zünder und Sprengladungen nicht an getrennten Orten gelagert worden. Die Munitionskammern, die zudem wie Kanonenrohre direkt auf das Dorf ausgerichtet waren, hätten überdies besser voneinander getrennt werden müssen. Die Armee erliess darauf strengere Lagerungsvorschriften und bunkerte die Munition fortan in kleineren Depots. 

Unter dem Druck der besorgten Öffentlichkeit versenkte das Militär kurzerhand tausende von Tonnen überalterter Munitionsbestände im Thuner-, Brienzer- und Vierwaldstättersee. Auch 1500 Tonnen Rückstände aus Mitholz wanderten in den Thunersee. Die Frage, wie mit diesen Altlasten umzugehen sei, wurde von den Bundesbehörden ab 2006 untersucht. 2012 kam man zum Schluss, auf eine Bergung zu verzichten.

(dhr/sda)

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    Alle Leser-Kommentare
  • Nominator 29.06.2018 10:24
    Highlight Highlight In diesem freigegebenen Dokument gibt es einen Plan der einen Hinweis darauf gibt, dass noch nicht alles offengelegt wurde: https://www.vbs.admin.ch/de/themen/umwelt/mitholz.detail.document.html/vbs-internet/de/documents/raumundumwelt/mitholz/Munitionslager-Mitholz-Risikobeurteilung-Zwischenbericht-d.pdf.html

    Benutzer Bild
    • Sherlock_Holmes 29.06.2018 17:25
      Highlight Highlight Danke für den link.
      Sehr interessanter Bericht, welcher aufzeigt, warum es sehr schwierig ist, den Bereich zu sanieren.
    • Nominator 30.06.2018 10:26
      Highlight Highlight Sherlock_Holmes Genauso wie früher die Gefahr unterschätzt wurde, wird sie heute wahrscheinlich überbewertet. Munition explodiert nicht einfach so. Die Gefahr eines Brandes ist grösser als die einer Explosion. Um eine Granate zur Detonation zu bringen braucht es schon mehr als einen Steinschlag oder ein Feuer. Sonst könnte man sie gar nicht gefahrlos abschiessen oder sie würde schon hochgehen wenn ein Soldat sie fallen lässt. Die Gefahr geht von den Ladungen und den Zündern aus. Aber die sind durch die Verschüttung nicht mehr in der Lage eine konzentrierte Energie zu entfalten.
    • Nominator 30.06.2018 10:49
      Highlight Highlight Es sind ja keine Blindgänger in scharfer Kombination die da herumliegen, sondern ehemals lager- und transportfähige Einzelstücke. Ausgenommen die kleinere patronenfertige Muniton. Aber diese Teile sind unter den Schuttmassen nicht mehr fähig eine grössere Kettenreaktion auszulösen wie früher in den Lagergestellen und Stollen. Man neigt heute eher zu Überreaktionen in Bezug auf Gefahren. Ganz im Gegensatz zu früher.
  • Wenn Åre = Are dann Zürich = Zorich 29.06.2018 08:18
    Highlight Highlight Ich finde es fahrlässig und verantwortungslos nichts zu machen und im Grunde darauf zu warten, dass wieder etwas passiert :/
  • rodolofo 29.06.2018 07:09
    Highlight Highlight Wenn die Beschützer zur Bedrohung werden...
    ... dann explodiert bald etwas.
  • Tugium 28.06.2018 22:43
    Highlight Highlight Sehr spannender Bericht👍 Genau darum liebe ich Watson😁👌
  • Chili 28.06.2018 22:31
    Highlight Highlight Aus denn Augen aus dem Sinn, ab in den See. Menscheskind wie naiv bist du doch! 🙈
  • Sherlock_Holmes 28.06.2018 21:39
    Highlight Highlight Irgendwann holt die Vergangenheit die Gegenwart ein.
    Vieles ist aus heutiger Sicht kaum mehr vorstellbar, löst aber nach wie vor Betroffenheit aus.
    Umso wichtiger ist es, sich der Folgen unsres heutigen Tuns bewusst zu werden und sich der Verantwortung zu stellen, statt sie zu negieren.
    Im Umgang mit der Umwelt oder den Mitmenschen – und den nachfolgenden Generationen, ganz direkt den eigenen Kindern – gegenüber.
    Und ja, ich versuche das so konkret wie möglich – und nein, es ist meist nicht einfach, aber es lohnt sich.
  • bokl 28.06.2018 21:29
    Highlight Highlight Da zeigt sich exemplarisch das Verlogenheit in der Armeeabstimmungen. Das Volk will eine starke Armee. Genug Mittel werden bewilligt, usw. Die Konsequenzen will aber niemand verantworten. In der CH-Armee gibt es genügend Spezialisten, welchen den Schuttberg in Mittholz räumen könnten. Sie wurden auf Kosten des Volkes ausgebildet. Zum Einsatz gelangen sie nicht, da ein Fehler tödlich währe. Kein VBS-Bundesrat will einen Todesfall auf Kommando erklären müssen. Eine Armee ohne Eier ist aber keine Armee. Geht aufräumen, sonst muss ich noch der GSOA beitreten.
    • pamayer 29.06.2018 06:46
      Highlight Highlight Tritt so oder so der GSOA bei!
    • rodolofo 29.06.2018 07:14
      Highlight Highlight How, gut gesprochen!
      Wenn die zukünftigen Kriegshelden bereits in Friedenszeiten mutig wären, dann müssten sie gar nicht in den Krieg...
    • SemperFi 29.06.2018 08:50
      Highlight Highlight Das ist jetzt aber ein ziemlich wirres Statement, das wohl Ihrer Abneigung gegen die Armee entsprungen ist. Vielleicht versuchen Sie es noch einmal mit Fakten.
      Was haben die Armeeabstimmungen mit dem Umgang mit Risiken zu tun? Wo steht irgendetwas, dass das VBS den Schuttkegel nicht räumen will? Es geht hier nicht um Eier haben oder nicht. Bundesrat Parmelin wird sicher die notwendigen Massnahmen veranlassen, das heisst Verantwortung für Konsequenzen übernehmen.

    Weitere Antworten anzeigen
  • pamayer 28.06.2018 21:07
    Highlight Highlight Mir bleibt die Spucke weg.
    Unmengen von biologisch sehr verträglicher Munition lagert bzw rostet auf dem Grund der besagten Seen.

    Und im Nobeltestaurant mit Blick auf den See rostet die Forelle Blau vor sich hin, was natürlich nicht sein darf, da zu keinen zeitpunkt eine Gefahr für Mensch ausgegangen ist.
    Sonst hätte man ja 2012 etwas unternommen.
    Logisch.
  • Wenn Åre = Are dann Zürich = Zorich 28.06.2018 19:34
    Highlight Highlight War nicht Halifax die stärkste Nicht Nukleare Explosion?
    • pontian 29.06.2018 08:21
      Highlight Highlight In Halifax sind auch etwa 3000 Tonnen Sprengstoff explodiert. Allerdings mitten in der Stadt im Hafen. Da ist die Zerstörung natürlich ungleich grösser als in einem Depot hinter ein paar Metern Fels.

      Hier die Liste der grössten nicht-nuklearen Explosionen. Da ist schon eine Menge in die Luft geflogen!

      https://bit.ly/2tN8YFK
      (Wikipedia)

Die Armee will schon bei 15-Jährigen für den Militärdienst werben

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