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2022 purzelt ein Wetter-Rekord nach dem anderen – vier Beispiele aus der Schweiz

Der Klimawandel hält weiter an. In der Schweiz führt diese Veränderung zu mehreren Wetter-Rekorden in diesem Jahr. Eine Entspannung ist nicht in Sicht.
28.07.2022, 11:1928.07.2022, 13:11

In diesen Tagen erlebt die Schweiz zwar eine leichte, willkommene Abkühlung – zumindest auf der Alpennordseite: Temperaturen um 25 Grad machen den Lebens- und Arbeitsalltag erträglicher, zudem kühlt es in der Nacht deutlich stärker ab.

Über das Wetter zu reden, ist in Zeiten der anbahnenden Klimakrise jedoch sekundär: Die Auswirkungen der weltweiten Erhitzung lassen sich weniger durch Einzelereignisse, sondern durch eine Gesamtschau erkennen. So gab es auch im letzten Jahrhundert Sommertage mit Hitzetemperaturen von über 35 Grad, was insbesondere von wissenschaftsleugnenden «Klima-Skeptikern» derzeit zur Verharmlosung der diesjährigen Hitzewellen erwähnt wird.

Der Klimawandel führt jedoch zur Häufung solcher Extremereignisse. Und von diesen gab es im Jahr 2022 viele.

Nullgradgrenze: 5184 Meter

Angefangen bei der sogenannten Nullgradgrenze: Sie ist ein ungewöhnlicher Wert, weil sie am schwierigsten im Alltag spontan zu spüren ist. Sie besagt vereinfacht gesagt, auf wie vielen Höhenmetern über Meer es im Mittel null Grad kalt ist. Diese Höhe ist nicht überall gleich und ist – anders als eine Schneefallgrenze – nicht mit dem Auge erkennbar. Die Grösse hilft aber zusammenhängende Faktoren der Wettervorhersage, Biologie und Physik besser einzuordnen. Er wird in der Regel zweimal täglich mit Wetterballons ermittelt.

Hier wurde erst kürzlich ein neuer Rekord erreicht: Am Montag meldete das Bundesamt für Meteorologie und Klimatologie (MeteoSchweiz) einen Wert von 5184 Metern über Meer, was deutlich über dem höchsten Alpengipfel (Dufourspitze, 4634 m ü. M.) liegt.

Der alte Rekord (5117 Meter) stammt vom 20. Juli 1997, wie MeteoSchweiz und MeteoNews mitteilten. Er ist neben dem diesjährigen Wert die einzige Messung mit einem Wert von über 5000 Metern. Die Nullgradgrenze erreicht im Monat Juli üblicherweise Werte um 4325 Meter über Meer. Der klimatologische Trend zeigt nach oben, wie Daten des Bundes zeigen.

Dargestellt wird der mittlere Jahresverlauf der bodennahen Nullgradgrenze in der Nordschweiz für den zeitnahen Zeitraum 1990–2019 (rot) und den vorindustriellen Zeitraum 1871–1900 (blau).
Dargestellt wird der mittlere Jahresverlauf der bodennahen Nullgradgrenze in der Nordschweiz für den zeitnahen Zeitraum 1990–2019 (rot) und den vorindustriellen Zeitraum 1871–1900 (blau).Bild: meteoschweiz

Juni-Rekord: 36,9 Grad im Aargau

Zurück zu den Einzelereignissen: Im letzten Monat wurde in der Schweiz die höchste je gemessene Juni-Temperatur registriert. Am 19. Juli stieg das Thermometer in Beznau AG auf 36,9 Grad. Das entspricht zwar genau dem bisherigen Rekord aus dem Jahr 1947, als es Ende Juni gleich heiss wurde, womit der historische Spitzenwert «egalisiert» wurde.

An übrigen Messstandorten purzelten jedoch gleich mehrere Juni-Rekorde, so etwa in Neuchâtel, Sion oder Buchs AG. All diese Werte stammten aus der Hitzewelle während der Monatsmitte, die auch eine historische Besonderheit hatte: Sie lieferte eine der frühesten Hitzeperioden eines Jahres, nachdem es bereits im Mai 2022 mehrere besonders heisse Tage gegeben hatte.

In der Klimatologie werden solche Hitzewellen mit der sogenannten «Dreitageshitze» gemessen: Solche Ereignisse werden üblicherweise seltener als alle 25 Jahre bereits im Juni erwartet. Ein Blick auf die Daten zeigt jedoch, dass sich auch hier die Klimaerwärmung spürbar macht, auch wenn die diesjährigen Hitzedreitagesperioden im Schnitt noch keinen Rekord darstellen.

Häufigkeit der Hitzetage der vergangenen Jahre – gemessen in Genf.
Häufigkeit der Hitzetage der vergangenen Jahre – gemessen in Genf.Bild: meteoschweiz

Mai: 16 Sommertage im Tessin – 33,7 Grad im Rheintal

Einen Monat davor gab es einen Rekord bei den Sommertagen: Der Mai begann zwar wechselhaft, in der zweiten Monatshälfte dominierte aber das sonnige Wetter. Dies führte nicht nur zu einer ersten Hitzeperiode, sondern auch generell zu weitverbreiteten Tageshöchstwerten von 25 Grad und mehr, womit ein Tag als sogenannter «Sommertag» gezählt wird.

Monats-Spitzenwerte gab es hier in Genf mit 15 Sommertagen (alter Rekord: 2011 mit 14 Tagen) und in Locarno mit 16 (zuvor: 1986 mit 13 Tagen). So sonnig war der Mai seit über 75 Jahren nicht mehr.

Anzahl Sommertage im Mai in Locarno (Messbeginn 1935).
Anzahl Sommertage im Mai in Locarno (Messbeginn 1935).Grafik: Meteoschweiz

Die vielen Sonnenstunden trieb auch die Temperaturen in die Höhe. Am 20. Mai 2022 wurden in Bad Ragaz SG heisse 33,7 Grad gemessen, was ein neuer Tageshöchstwert seit 1953 (32,6 Grad) ist. Die Rekorde purzelten auch in den Bergen: Auf dem Grossen St. Bernhard wurden am 22. Mai 16,4 Grad gemessen – der letzte Mai-Rekord stammte aus dem Jahr 1868 und lag bei 14,8 Grad.

März: Trockenster Monat seit über 100 Jahren

Auch der Frühling lieferte Rekordwerte, namentlich beim Niederschlag. In den zentralen und östlichen Landesteilen erreichten mehrere Standorte die geringste oder zweitgeringste Niederschlagssumme im Monat März – und in der gesamten 100-jährigen Messreihengeschichte, wie MeteoSchweiz schreibt. Gebietsweise lagen vergleichbare trockene Monate über 50 Jahre zurück.

Die Klimatologinnen und Meteorologen des Bundes stellten dies mit den Messwerten in Lachen SZ dar: In der Linthebene wurde mit 19,4 mm Niederschlag noch nie ein so trockener Monat Mai seit 1883 gemessen.

Niederschlagssumme im März am Standort Lachen-Galgenen (Kanton Schwyz). Die grüne Linie stellt die sogenannte Norm dar (ø 94 mm zwischen 1991 und 2020), die rote Linie das gleitende Mittel über 30 Jahre.
Niederschlagssumme im März am Standort Lachen-Galgenen (Kanton Schwyz). Die grüne Linie stellt die sogenannte Norm dar (ø 94 mm zwischen 1991 und 2020), die rote Linie das gleitende Mittel über 30 Jahre.grafik: meteoschweiz

Darunter und unter den darauffolgenden Wetterentwicklungen leiden dieses Jahr insbesondere die Gletscher, wie watson Mitte Juni schrieb: Sie schmelzen nicht nur wegen höheren Temperaturen im Sommer, ihnen fehlt auch der übliche Niederschlag im Winter und Frühling, um sich zu regenerieren.

Ist das Klima oder geht das bald weg?

Wettervorhersagen für einen längeren Zeitraum in der Zukunft gelten als unseriös. Wieso das so ist, erklärte watson in einer Hintergrund-Story über die Gewitterprognose: Die meteorologischen Faktoren sind – mathematisch gesprochen – zu chaotisch, um sie mit grosser Zuverlässigkeit modellieren zu können. Das gilt insbesondere bei «Gewittersituationen».

Das wissen auch seriöse Meteorologinnen und Meteorologen. MeteoSchweiz beliefert die Bevölkerung deshalb nur mit Trendaussichten: Sie sollen nicht aufzeigen, ob im August die 40-Grad-Grenze geknackt wird, sondern nur, auf was man sich mit grosser Sicherheit einstellen kann.

Für die erste August-Woche heisst es dort: Es wird mit extrem hoher Wahrscheinlichkeit wärmer als im langjährigen Schnitt. Das Bundesamt geht für die Nord- und Ostschweiz davon aus, dass es mit über 80-prozentiger Wahrscheinlichkeit über 20,3 Grad sein wird.

Monatsausblick für die erste August-Woche: Mit einer Wahrscheinlichkeit von über 80 Prozent wird es in der Nord- und Ostschweiz wärmer werden als im langjährigen Durchschnitt.
Monatsausblick für die erste August-Woche: Mit einer Wahrscheinlichkeit von über 80 Prozent wird es in der Nord- und Ostschweiz wärmer werden als im langjährigen Durchschnitt.grafik: Meteoschweiz
Monatsausblick für die erste August-Woche: Mit einer Wahrscheinlichkeit von über 80 Prozent wird es in der Nord- und Ostschweiz trockener werden als im langjährigen Durchschnitt.
Monatsausblick für die erste August-Woche: Mit einer Wahrscheinlichkeit von über 80 Prozent wird es in der Nord- und Ostschweiz trockener werden als im langjährigen Durchschnitt.bild: Meteoschweiz

Das klingt eigentlich angenehm kühl – es handelt sich dabei aber um den Mittelwert: Darin eingerechnet sind Tages- und Nachttemperaturen im Zeitraum einer ganzen Woche. Sprich: Die Schweiz wird weiter schwitzen müssen. Und mit ihr die Natur, denn auch beim Niederschlag sieht es derzeit düster aus.

Naiv betrachtet könnte man vermuten, dass das Jahr mit all diesen Rekorden bloss einen Einzelfall darstellt. Der Vergleich mit der Historie zeigt jedoch eindeutig auf, dass die Zeit der sogenannt «natürlichen Schwankungen» vorbei ist: Solche gab es in der vorindustriellen Zeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts, der Trend zeigt jedoch seit über 100 Jahren bloss in eine Richtung: Es wird wärmer und wärmer – verursacht durch die Treibhausgasemissionen.

Diesen Treibhauseffekt erkannten namhafte Klimaforschende schon vor über einem Jahrhundert – im Fall des Physikers Jean Baptiste Fourier sogar vor bald 200 Jahren (passend dazu: Klimawandel erklärt: Wie hängen Treibhauseffekt, Golfstrom und Erderwärmung zusammen?). Solche wissenschaftliche Erkenntnisse wurden aber in der modernen Geschichte der Menschheit regelmässig geleugnet oder nicht berücksichtigt, um das verändernde Wettergeschehen zu deuten.

Die mittlere Temperatur eines jeden Jahres wurde mit dem Durchschnittswert der Jahre 1871–1900 verglichen. Die Aussage der Grafik: Seit 1900 wurde es in Binningen BL immer wärmer.
Die mittlere Temperatur eines jeden Jahres wurde mit dem Durchschnittswert der Jahre 1871–1900 verglichen. Die Aussage der Grafik: Seit 1900 wurde es in Binningen BL immer wärmer.Bild: meteoschweiz

So bezeichnet die Meteorologie die Tage

  • Wüstentag: höchste Tagestemperatur ist über 35 Grad (Tmax ≥ 35 °C)
  • Heisser Tag oder Hitzetag: höchste Tagestemperatur ist über 30 Grad (Tmax ≥ 30 °C)
  • Tropennacht: Die tiefste Temperatur – üblicherweise in der Nacht – fällt nicht nur 20 Grad (Tmin ≥ 20 °C).
  • Sommertag: Die höchste Temperatur ist über 25 Grad (Tmax ≥ 25 °C).
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47 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Grobianismus
28.07.2022 11:30registriert Februar 2022
Mein Beileid an die künftigen Generationen. Zum Glück endet meine Blutlinie bei mir.
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banda69
28.07.2022 11:52registriert Januar 2020
Und jetzt alle Zyniker von der SVP so:

"Das gabs schon immer!"
"Alles nur linke Hysterie"
"Ich lebe gerne in wärmeren Zeiten!"
"Lasst uns die Steuern senken!-

Und ja. Wer SVP wählt, wählt Klimakatastrophe.
2022 purzelt ein Wetter-Rekord nach dem anderen – vier Beispiele aus der Schweiz\nUnd jetzt alle Zyniker von der SVP so:

"Das gabs schon immer!"
"Alles nur linke Hysterie"
"Ich lebe gerne in wärmeren Zeiten!"
"Lasst uns die Steuern senken!-

Und ja. Wer SVP wählt, wählt Klimakatastrophe.
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insert_brain_here
28.07.2022 11:44registriert Oktober 2019
Das ist jetzt wohl der Moment in dem sich die Leugner des menschgemachten Klimawandels zu Fatalisten wandeln weil „Jetzt ist es sowieso zu spät“
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