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Bernhard Lauterburg vor dem Hauptgebäude der Uni Bern. 
Bernhard Lauterburg vor dem Hauptgebäude der Uni Bern. Bild: watson

Der älteste Student von Bern: Die Geschichte eines Neugierigen

Er war Arzt am Inselspital in Bern, arbeitete als Mediziner in den USA, hat sechs Kinder und ist 72 Jahre alt. Jetzt ist Bernhard Lauterburg der älteste Student von Bern. Nicht zuletzt, weil er sonst seiner Frau das Staubsaugen erklären würde. Was treibt ihn an?
14.06.2016, 12:0615.06.2016, 13:38

Wir alle kennen es, das Gefühl, wenn nach einer Prüfung der gesamte Stress von einem abfällt, man irgendwie trotzdem noch ganz hibbelig und gleichzeitig völlig fertig ist. Bei Bernhard Lauterburg scheint das anders zu sein: Er ist an diesem Mittwochmittag gut gelaunt und völlig entspannt – und das, obwohl er gerade die letzte Prüfung seines Masterstudiums hinter sich gebracht hat.

Und dann war's auch noch eine mündliche Abfrage. Aber das alles kann den 72-Jährigen längst nicht mehr aus der Ruhe bringen. Obwohl auf seinem Gesicht ein verräterisches Grinsen ruht, muss man die Antwort auf die einzig wichtige Frage in diesem Zusammenhang fast schon aus ihm herausprügeln:

watson: «Und wissen Sie schon, ob Sie bestanden haben?»
Lauterburg: «Ach so, ja ja, das haben die mir direkt gesagt.»
w: «Ja und? Haben Sie?»
L: «Ja, bestanden habe ich.»
w: «Und mit der Note sind Sie zufrieden?»
L: «Och ja, das war schon ganz gut.»
w: «Lassen Sie mich raten, es war ein Sechser?»
L: «Richtig.»

Bei der letzten Antwort schaut Lauterburg fast schon ein wenig beschämt unter sich. Der sonst sehr gesprächige Rentner zeigt sich bescheiden. Dabei könnte er mit geschwellter Brust und voller Stolz auf die Vergangenheit zurückblicken – denn dieser Sechser war im Laufe der letzten 50 Jahre sicher nicht der einzige.

Erfolgreicher Mediziner – und was dann?

Zum ersten Mal an einer Uni eingeschrieben hat sich der in Langnau geborene Mann im Jahr 1963. Das Fach seiner Wahl lautet damals Medizin. Sieben Jahre später hat er den Abschluss in der Tasche, im selben Jahr heiratet er die Frau, mit der er bis heute glücklich liiert ist. «Das hat natürlich nur deshalb so lange gehalten, weil sie mich erträgt», witzelt der Vater von sechs Kindern.

1973 zieht es das Paar in die USA, wo Lauterburg als Spezialist für Innere Medizin ein attraktives Jobangebot erhält – zunächst in Rochester, Minnesota, später dann in Houston, Texas. Als die Kinder langsam grösser werden, stellt sich die Frage: Für immer in den USA bleiben oder doch in die Schweiz zurückkehren? Die Familie entscheidet sich für Letzteres, ab 1984 ist Lauterburg dann am Berner Inselspital tätig.

«Sonst hätte ich nur angefangen, meiner Frau zu erklären, wie das mit dem Staubsaugen richtig geht.»
Bernhard Lauterburg

«Bis ich 66 geworden bin, dann hat mich der Staat aussortiert», erzählt Lauterburg. Dass er die gerade gewonnene Freizeit nicht mit Nichtstun und Faulenzen ausfüllen kann, wird ihm schnell bewusst. Eine neue Beschäftigung muss her: «Sonst hätte ich nur angefangen, meiner Frau zu erklären, wie das mit dem Staubsaugen richtig geht.»

Und so zieht es den siebenfachen Grossvater fast 50 Jahre nach seiner ersten Immatrikulation wieder an die Uni. Dieses Mal entscheidet er sich für Geschichte. Gerade in diesem Fach sei es nicht ungewöhnlich, Rentnern zu begegnen: «In den Vorlesungen ist bestimmt ein Drittel der Teilnehmer in etwa so alt wie ich. Aber die meisten von denen sind nur als Gasthörer eingeschrieben», erklärt Lauterburg. So kommt es vor, dass ihm immer mal wieder alte Bekannte und ehemalige Arbeitskollegen über den Weg laufen.

Die Unitobler: Hier sind unter anderem die Geschichtsstudenten untergebracht.
Die Unitobler: Hier sind unter anderem die Geschichtsstudenten untergebracht.Bild: watson

Nur wenige Senioren studieren aktiv

Jene älteren Studenten, die wie er aktiv studieren – also mit Seminaren, Prüfungen und allem Drum und Dran –, könne man wohl an einer Hand abzählen. Doch warum ist er nicht auch einfach nur Gasthörer? So wäre er seiner Frau aus den Füssen und könnte sich den Prüfungs- und Lernstress ersparen. «Nein, das kam für mich nie in Frage, da könnte ich ja ebenso gut ein Buch lesen.»

Gerade die Seminare und die damit verbundene Recherche-, Transkriptions- und Gruppenarbeit sei das, was ihm Spass bereite. Nachdem sein erstes Studium vor allem aus klar strukturiertem Frontalunterricht und Auswendiglernen bestanden habe, freue er sich nun besonders über die individuellen Gestaltungsmöglichkeiten des Geschichtsstudiums.

«Auf dem Heiratsmarkt bin ich auch nicht mehr, ich kann mich also voll auf mein Studium konzentrieren.»
Bernhard Lauterburg

Natürlich seien auch hier ab und zu mal weniger interessante Aufgaben zu erledigen. «Da muss ich dann eben die Zähne zusammenbeissen und mich durchkämpfen. Aber wo im Leben ist denn schon alles perfekt?»

Du oder Sie – das ist hier die Frage

Lauterburg sieht sich selbst in einer privilegierten Position. Anders als seine jüngeren Kommilitonen müsse er sich keine Sorgen ums Geld machen und darum auch nicht nebenbei noch arbeiten. «Und auf dem Heiratsmarkt bin ich auch nicht mehr, ich kann mich also voll und ganz auf mein Studium konzentrieren», erklärt Lauterburg und lacht.

Doch fühlt es sich nicht komisch an, Klassenkameraden zu haben, deren Grossvater man sein könnte? Nein, Lauterburg selbst habe damit kein Problem. Zu amüsanten Situationen würde es aber durchaus ab und zu kommen – zum Beispiel, wenn sich mal wieder einer nicht sicher ist, ob er ihn nun duzen oder besser siezen sollte.

Im Hintergrund das «Jungvolk», im Vordergrund der älteste Student von Bern.
Im Hintergrund das «Jungvolk», im Vordergrund der älteste Student von Bern.Bild: watson

«Ich habe keine Ahnung, ob die anderen Studenten manchmal hinter meinem Rücken über mich lachen. Aber das glaube ich eigentlich nicht», meint Lauterburg. Bei Gruppenarbeiten sei er zumindest immer ein sehr beliebter Partner. «Das ist doch immer so: Wenn es einen gibt, der die ganze Arbeit erledigt, sind die anderen natürlich froh», schmunzelt der 72-Jährige.

Für die Dozenten sei es dagegen vielleicht etwas schwieriger, mit der Situation umzugehen. Denn die wüssten ja nicht, wen sie da überhaupt vor sich hätten. «In meinem Fall ist ihr Student ein Mann, der selbst Jahre lang als Dozent tätig war, aber das muss man ja nicht unbedingt raushängen lassen», erklärt Lauterburg.

Und schlussendlich seien wohl auch die mit ihm zufrieden – vor allem dank seiner fleissigen Mitarbeit. Es komme immer mal wieder zu Situationen, in denen ein Dozent eine Frage stellt und keiner sich traut, etwas zu antworten. «Ich habe keine Angst, mich zu blamieren, also sage ich was. Das bricht dann häufig das Eis.»

Bachelor und Master im Durchmarsch

Angetrieben von seiner grenzenlosen Neugierde räumt Lauterburg ratzfatz den Bachelor ab – und hängt anschliessend gleich noch den Master dran. «Ich brauche immer wieder neue Herausforderungen und liebe es, mich in neue Gebiete einzuarbeiten. Darum bin ich ja auch irgendwann zwischendurch noch in der Politik gelandet.»

Tatsächlich, neben seiner Karriere als Mediziner und Uni-Dozent war Lauterburg von 1996 bis 1999 auch noch als Gemeinderat im Ressort für Soziales und von 2000 bis 2007 als Gemeindepräsident tätig – beides für die FDP in der Gemeinde Bremgarten bei Bern

Jetzt, da die letzte Prüfung abgelegt ist, muss Lauterburg nur noch seine Masterarbeit fertig schreiben – die Abgabe steht Mitte dieses Monats an. Doch was folgt dann als Nächstes? Gibt es schon konkrete Pläne oder will der 72-Jährige nun doch lieber zu Hause bleiben und einen Staubsauger-Streit mit seiner Frau riskieren?

L: «Was ich anschliessend mache, weiss ich noch nicht so genau. Ich könnte vielleicht einen Doktor machen.»
w: «Einen Doktor? Den haben Sie doch schon.»
L: «Ja, in Medizin. Aber ich meine noch so einen richtigen oben drauf.»
w: «Ach so, verstehe. Na dann, viel Erfolg dabei!»
Infobox
An der Uni Bern gibt es eine weitere Studentin, die – genau wie Bernhard Lauterburg – im Jahr 1944 geboren wurde und die ebenfalls aktiv studiert. Wenn man die beiden Geburtsdaten ganz genau anschaut, ist sie sogar noch einen Tick älter als Herr Lauterburg. Die Uni Bern hat im Namen von watson beide Personen angeschrieben, Rückmeldung kam einzig von Herrn Lauterburg.

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15 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Jsgkl
14.06.2016 12:30registriert November 2014
Genial dieser Mann, einfach aus Freude studieren gehen. Beruflich nützt es ihm wahrscheinlich nicht mehr viel, aber warum auch nicht. Langweillig wird es so dem guten Herren sicher nicht.
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JThie
14.06.2016 12:52registriert März 2015
Richtig toll!!! Weiter so, Herr Lauterburg!!
786
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Songbird
14.06.2016 12:26registriert Dezember 2014
Respekt!
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