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Der gefährlichste Song der Welt ist ...?

Wie bedrohlich kann ein Rocksong sein, dass er eine FBI-Untersuchungen rechtfertigt? Im Falle von «Louie Louie» ging es 1964 um nicht weniger als die Rettung der amerikanischen Jugend. 



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Toga! Zusammenhang klar? Runterscrollen! Bild: pinterest

Verehrte Leserschaft, es gibt einen Grund, weshalb dieser Artikel heute erscheint: Jubelt, denn heute, am 11. April, ist International Louie Louie Day! Jawohl, ein internationaler Feiertag, um den vielleicht grossartigsten Song der Geschichte des Rock'n'Rolls zu ehren. Dies umso mehr, weil just jener Track anno dazumal eine FBI-Untersuchung nach sich zog. Jawohl: Das Federal Bureau of Investigation investierte Zeit und Geld darin, einen Popsong zu untersuchen. Aber erst mal von vorne: 

Anfang Februar 1964 eröffnete das FBI einen neuen Fall. Es galt festzustellen, ob das Lied «Louie Louie» in der Version der Kingsmen als Gefährdung der nationalen Sicherheit einzustufen sei. Fast zwei Jahre lang durchleuchteten Experten den Track, spielten ihn langsamer, schneller und rückwärts ab. Sie versuchten den Text zu verstehen, erkundeten, ob geheime Botschaften in dem Lied versteckt waren. 

Ihr kennt den Song: 

Möglicherweise hast du auch mal in fragwürdigem Zustand dazu getanzt. Etwa so wie in jener Szene aus Animal House

Anfangs 1964, also, erhielt Matthew Welsh, Gouverneur von Indiana, einen Brief von einem Teenager, der die Besorgnis äusserte, die Lyrics von «Louie Louie» seien obszön. Der Gouverneur beschaffte sich besagte Platte, hörte sich diese an ... und war entsetzt. Er veranlasste, dass der bundesstaatliche Sende-Verein Indiana Broadcasters Association den Song im Staat vom Äther verbannte. 

Dabei war zu diesem Zeitpunkt das Stück schon seit sieben Jahren im Umlauf. 1957 war die Originalversion von R’n’B-Sänger Richard Berry ein regionaler Hit an der Westküste. Der Riff basierte auf «El Loco Cha-Cha» vom kubanischen Bandleader Rene Touzet, der Gesang äffte einen karibischen Dialekt nach – wohl ein Versuch, von dem in den USA aufkommenden Calypso-Boom zu profitieren. 

Berry’s Version inspirierte zahllose Cover-Versionen von Garagenbands im Teenie-Alter. Eine davon war The Kingsmen aus Portland, Oregon, die den Track in einem einzigen Take aufnahmen. Sänger Jack Ely konnte während der Aufnahme den eigenen Gesang kaum hören: Dementsprechend angestrengt brüllte er die Vocals ins Mikro. 

Die Musiker waren noch dabei, das Stück zu lernen, als das Band lief. Deutlich zu hören ist etwa der Patzer nach dem Gitarren-Solo, als Sänger Joe Ely zu früh einsetzt. Die Kingsmen hassten ihre Aufnahme. 

The Kingsmen Louie Louie

Und gleich nach der Aufnahme entstand vermutlich dieses Foto: Diese Herren sehen mal genervt aus. Bild: Oregon Music News

Doch das Chaotische der Kingsmen-Version kam offenbar an. Nach einem lauen Start erreichte «Louie Louie» am 14. Dezember 1963 schliesslich die Nummer zwei der US-Charts. 

Freud'sche Verhörer?

«Every night and day I play with my thing» / «She’s got a rag on, I’ll move above» / «I felt my bone, ah, in her hair» 

Knapp einen Monat später erreichte jener Brandbrief den Gouverneur von Indiana und die Dinge nahmen ihren Lauf. Das FBI nahm sich der Sache an und zitierte ein Gesetz, das den Transport obszönen Materials zwischen Bundesstaaten verbietet. Den ungeheuren Aufwand der Untersuchung verdeutlicht der 118 Seiten umfassende Abschlussbericht. (Das Original-FBI-Dokument findet man hier.)

Verzweifelt versuchten Bundesagenten, dem Text irgendwas halbwegs Suggestives zu entlocken. Eine Interpretation des Gesangs war, dass es um Masturbation gehe: «Every night and day I play with my thing», hörte ein FBI-Spezialist heraus. Ein anderer kam zum Schluss, die Kingsmen beschrieben Cunnilingus mit einer menstruierenden Frau - «She’s got a rag on, I’ll move above» – ein denkbar unwahrscheinliches Thema für eine Rock’n’Roll-Band anno 1963. Eine andere Zeile, die einer herausgehört haben will: «I felt my bone, ah, in her hair». 

Die Wahrheit? The Kingsmen sangen Richard Berrys Originaltext zwar ein wenig undeutlich, aber letztendlich wortgetreu nach. Und der geht wie folgt (alle mitsingen, bitte!):

Louie Louie, me gotta go 
Louie Louie, me gotta go
Fine little girl she waits for me
Me catch the ship for cross the sea
I sail the ship all alone
I never think I'll make it home
(Chorus)
Three nights and days me sail the sea
Me think of girl constantly
On the ship I dream she there
I smell the rose in her hair 

(Chorus)
Me see Jamaica moon above
It won't be long, me see my love
Me take her in my arms and then
I tell her I never leave again 

The Kingsmen waren vielleicht lärmig und brachial, doch in erster Linie eine Partyband und gänzlich unbedrohlich. Weshalb nahm sich das FBI der Sache mit solcher Inbrunst an?

Der Aufwand gegen «Louie Louie» hat weniger mit den Kingsmen zu tun als mit der Ära. Es ist wohl kein Zufall, dass die Untersuchung just zu der Zeit gestartet wurde, als die Beatles in den USA erstmals Fuss fassten. Anfangs der 60er Jahre hatte der Rock’n’Roll nach seinen revolutionären Anfängen in den 50er Jahren nämlich bereits seine erste Zähmung erlebt. Musiker verwässerten ihre subversiven afroamerikanischen Lyrics und suggestiven Moves und transformierten sie in ein erfolgreiches, elternkonformes Pop-Package, das gewinnträchtig vermarktet werden konnte. 

The Beatles, from left, Paul McCartney, John Lennon, Ringo Starr, and George Harrison, take a fake blow from Cassius Clay, who later changed his name to Muhammad Ali, while visiting the heavyweight contender at his training camp in Miami Beach, Fla., in this Feb.18,1964 photo.  Harrison died Thursday, Nov. 29, 2001, in Los Angeles following a battle with cancer. He was 58.(KEYSTONE/AP Photo/Str) ===  ===

Achtung, Amerika: Hier kommt die kommunistische Subversion! Liverpooler Pilzköpfe und afroamerikanische Boxer werden deine Jugend korrumpieren! Bild: AP

Bobby Vinton, Bobby Darin, Bobby Vee und etliche andere süsse Bobbys dominierten die Charts. Heute werden die Beatles vielleicht als charmant und unproblematisch wahrgenommen, doch die Tatsache, dass vier fremdländische Jungs, die wieder den Ur-Rock’n’Roll spielten, solchen Erfolg hatten, beunruhigte anno 1964 manch einen konservativen Geist. Als kurz danach noch die Rolling Stones auftauchten, galt die Jugend Amerikas als akut bedroht.  

Die «British Invasion», wie die Erfolgswelle englischer Bands Anfangs der 60er Jahre genannt wurde, war interessanterweise auch der Todesstoss für die Kingsmen. Sie konnten den Erfolg ihrer Debütsingle nie wiederholen. Doch die Tatsache, dass die FBI geschlagene zwei Jahre lang «Louie Louie» untersuchte, zementierte dessen Ruf als ultimativer Rocksong. 

«Louie Louie» ist Subversion, ist Punk, ist Kunst, ist unnachgiebig in seiner Stumpfheit, ist hochpolitisch in seiner Aussagelosigkeit und ist schlicht und einfach ein grossartiger Party-Track.

Kein Wunder, dass es die eher rebellischeren Bands aus den Punk- und Rock’n’Roll-Ecken der Musikwelt den Track x-fach coverten: Motörhead, The Clash, Led Zeppelin, Iggy PopBlack Flag und etliche mehr. Die Liste ist lang. Obwohl es die Komponisten nie als solches konzipierten: «Louie Louie» ist Subversion, ist Punk, ist Kunst, ist unnachgiebig in seiner Stumpfheit, ist hochpolitisch in seiner Aussagelosigkeit und ist schlicht und einfach ein grossartiger Party-Track.

Mehr als 50 Jahre nach der FBI-Untersuchung steht ausserdem fest: «Louie Louie» wird von niemandem mehr als bedrohlich angesehen. Der Beweis: Es existieren Marschmusik-Versionen des Songs. Vorrrrrrrrwärts! PAAAAAARTY!

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