Sport
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Berns Daniele Grassi reagiert nach seinem 1:0 Tor im Eishockeyspiel der National League zwischen den ZSC Lions und dem SC Bern am Freitag, 21. September 2018, im Zuercher Hallenstadion. (KEYSTONE/Ennio Leanza)

Bild: KEYSTONE

Eismeister Zaugg

Wie der SCB für billige Siege seine Zukunft aufs Spiel setzt

Die Frage ist nach dem 3:0 gegen Langnau nicht, ob, sondern nur wann der SCB die Tabellenführung übernehmen und wochenlang die Liga dominieren wird. Aber das SCB-Spiel trägt schon den Keim des Scheiterns in sich.



So kommt es, wenn zwei Coaches alles im Griff haben. Der SCB gewinnt gegen Langnau mit einem nahezu perfekten Spiel 3:0.

Eine Partie wie aus dem Lehrbuch: eine frühe Führung (1:0 nach 1:45 Minuten), noch vor der ersten Pause die Absicherung (2:0 nach 19:30 Minuten), dann ein wenig durch die Partie surfen. Als die Jungs etwas nachlässig werden, nimmt Kari Jalonen sein Time-Out genau zum richtigen Zeitpunkt und schliesslich fällt das 3:0 30 Sekunden vor Schluss ins leere Netz.

ZUR MELDUNG, DASS DER FINNE KARI JALONEN NEUER HEADCOACH DES SCHWEIZER MEISTERS SC BERN WIRD, STELLEN WIR IHNEN AM Montag, 18. APRIL 2016, FOLGENDES ARCHIVBILD ZUR VERFUEGUNG - New Lev coach Kari Jalonen is seen during the KHL match HC Lev Praha vs HC Traktor Chelyabinsk in Prague, Czech Republic, October 11, 2013. (AP Photo/CTK /Michal Kamaryt)

SCB-Trainer Kari Jalonen. Bild: AP NY

Kari Jalonen mag zwar nicht von einem perfekten Spiel reden. Aber er ist sehr zufrieden. Zwei Partien, ein Gegentor und Leonardo Genoni mit einer Fangquote von 98,06 Prozent. Mehr Kontrolle ist in diesem unberechenbaren Spiel nicht möglich. Mehr geht nicht.

Der SCB ist im dritten Jahr unter Kari Jalonen eine schier unheimliche Hockey-Maschine geworden. Sie funktioniert defensiv so gut wie keine andere Mannschaft in den letzten Jahren. Und so zeichnet sich ab, dass der SCB unerbittlich an die Tabellenspitze vorrücken und sich dort wochenlang behaupten wird. Diese Balance zwischen Talent und Taktik erreicht kein anderer Trainer.

Auch Heinz Ehlers hat in Langnau alles im Griff und spielt SCB-Hockey. Aber halt mit viel weniger Talent. 0:3 gegen ist das logische Resultat. Die Langnauer hätten hundert Stunden gegen diesen perfekten SCB spielen können und keine Chance gehabt.

Tigers' Head coach Heinz Ehlers shouts against his players, during a National League regular season game of the Swiss Championship between Geneve-Servette HC and SCL Tigers, at the ice stadium Les Vernets, in Geneva, Switzerland, Tuesday, January 2, 2018. (KEYSTONE/Salvatore Di Nolfi)

Langnau-Trainer Heinz Ehlers. Bild: KEYSTONE

Und doch trägt das SCB-Spiel bereits den Keim des Scheiterns in sich. Im letzten Frühjahr sind die SCB-Leitwölfe im Halbfinale gegen die ZSC Lions mit leeren Energie-Tanks stehengeblieben. Andrew Ebbett brachte kein Tor mehr zustande. Und sollte der SCB diese Saison in der Champions Hockey League und im Cup erfolgreich sein, wird die Belastung nicht geringer sein als letzte Saison.

Weil das SCB-Spiel nahezu perfekt funktioniert – bereits viel besser als jenes der potenziellen Herausforderer aus Zürich, Zug oder Lugano – könnte Kari Jalonen die Belastung für seine Stars dosieren. Gerade in der Partie gegen das chancenlose Langnau hätten die Hinterbänkler die Leistungsträger entlasten und die Talente wertvolle Erfahrungen sammeln können.

Berns Mark Arcobello, rechts, im Duell mit Tigers Yannick Blaser, links, waehrend dem Eishockey National League Spiel zwischen dem SC Bern und den SCL Tigers, am Samstag, 22. September 2018, in der PostFinance Arena in Bern. (KEYSTONE/Marcel Bieri)

Berns Mark Arcobello (rechts) im Duell mit Tigers Yannick Blaser. Bild: KEYSTONE

Aber Kari Jalonen ist unerbittlich. Er vertraut nur den Stars. Den 35-jährigen Andrew Ebbett schickte er gegen die freundlichen Emmentaler 20 Minuten und 34 Sekunden aufs Eis, den 30-jährigen Mark Arcobello gar für 22 Minuten und 38 Sekunden.

Der 20-jährige André Heim konnte hingegen seine Eiszeit mit dem Tropenzähler abmessen: 8 Minuten und 18 Sekunden und nicht ein einziger Einsatz im Powerplay.

Die grossen Playoff-Wenden im Schweizer Eishockey:

Kari Jalonen ist ein kluger Kommunikator und rühmt André Heim ungefragt, und dessen Agent Gaétan Voisard ergänzt: «Jalonen schätzt Heim sehr.»

Alles Blabla. Schon das Buch der Bücher lehrt uns: An ihren Taten, nicht an ihren Worten sollt ihr sie messen. Die einzige Währung der Anerkennung ist Eiszeit. Die bekommt André Heim, noch bis 2020 vertraglich an den SCB gefesselt, nicht. Er riskiert seine Karriere. Wenn der neun Jahre ältere Grégory Sciaroni wieder eingesetzt werden kann, ist er der Ersatzbank näher als einem Powerplay-Einsatz.

Berns Andre Heim, rechts, und Alain Berger feiern den Treffer zum 1:1 im Eishockey Meisterschaftsspiel der National League zwischen dem SC Bern und Lausanne HC, am Freitag, 21. September 2017, in der PostFinance Arena in Bern. (KEYSTONE/Peter Schneider)

André Heim (rechts) hat vielleicht bald ausgejubelt.  Bild: KEYSTONE

Ein Blick zurück als Mahnung. Marco Müller bekam 2016/17 von Kari Jalonen durchschnittlich nicht einmal 10 Minuten Eiszeit pro Partie. Er flüchtete rechtzeitig. Inzwischen ist er Ambris wichtigster Schweizer Center. In Davos erzielte er soeben beim 5:2 den Siegestreffer (das 3:2) und wurde während fast 18 Minuten eingesetzt.

Ich will jetzt nicht auch noch das Beispiel von Samuel Kreis bringen, der von Kari Jalonen 2016/17 mit durchschnittlich 6 Minuten und 49 Sekunden Eiszeit abgefertigt, zwischendurch nach Olten in die NLB verbannt und in der darauffolgenden Saison in Biel Nationalverteidiger geworden ist – mit 23 Punkten. Es sähe sonst wie eine Polemik aus.

Bienne's player Samuel Kreis, left, fights for the puck with LuganoÕs player Giovanni Morini, right, during the fourth match of the semifinal of National League Swiss Championship 2017/18 between HC Lugano and EHC Bienne, at the ice stadium Resega in Lugano, Switzerland, Monday, April 2, 2018. (KEYSTONE/Ti-Press/Alessandro Crinari)

Samuel Kreis (links) verliess den SCB und kommt nun bei Biel auf erheblich mehr Eiszeit. Bild: KEYSTONE/TI-PRESS

Saisonvorschau mit «Zöggeler»

Video: nico franzoni, adrian bürgler

Marc Lüthi jammert über zu hohe Spielerlöhne und moniert durchaus zu Recht vor allem die hohen Bezüge der Hinterbänkler. Dabei ist er längst der schlimmste Lohntreiber für Mitläufer geworden. Er kauft die vierte Linie völlig überteuert ein (auf diese Saison Daniele Grassi und Matthias Bieber). Dabei könnte er diese Positionen mit eigenen Junioren besetzen.

SCB CEO Marc Luethi praesentiert die Bilanz der SCB-Eishockey AG der vergangenen Saison am Mittwoch, 5. September 2018, in der PostFinance Arena in Bern. (KEYSTONE/Lukas Lehmann)

SCB-CEO Marc Lüthi. Bild: KEYSTONE

Der freundliche, kluge Sportchef Alex Chatelain lässt diese Kritik nicht gelten und sagt, die Eiszeiten für die Spieler der vierten Linie seien auch bei der Konkurrenz nicht anders.

Er sollte sich ein wenig mit den ganz offiziellen neusten Statistiken befassen, bevor er solche Märchen erzählt. Biel führt die Tabelle an. Beim heftig umstrittenen 4:1 in Lausanne (das 2:1 fiel erst in der 52. Minute) hat bis auf Michael Hügli jeder eingesetzte Spieler mindestens 11 Minuten Eiszeit bekommen und keiner ist 20 Minuten oder länger aufs Eis geschickt worden.

Gegen Langnau mussten beim SCB in einer Partie, die schon nach 20 Minuten entschieden war, drei Schlüsselspieler länger als 20 Minuten arbeiten. Dafür kamen sage und schreibe sechs (!) nicht auf 10 Minuten Einsatzzeit (Berger, Bieber, Grassi, Heim, Kamerzin, Burren).

Wie kann es sein, dass ein so exzellent gemanagtes Hockeyunternehmen wie der SCB seinen Trainer so fuhrwerken lässt? Ganz einfach: Das süsse Gift des Erfolges entschuldigt alles. Niemand wagt einem Trainer zu widersprechen, der in zwei Jahren zweimal die Qualifikation gewonnen und einmal den Titel geholt hat. Aus den Bernern sind längst tiefgläubige «Jaloner» geworden.

Die Schweizer Trikots in der Champions Hockey League 18/19:

Aber im Frühjahr 2020 läuft der Vertrag des finnischen Erfolgstrainers aus. Dann wird der SCB mit einer überalterten und überteuerten Mannschaft vor schweren Jahren stehen. Kein talentierter junger Spieler, der noch bei Sinnen ist, wechselt inzwischen nach Bern, und wer seine Karriere retten will, verlässt Bern.

Dabei könnte kein anderer Spitzenklub so gut eine «Hybrid-Politik» betreiben; einerseits erfolgreich sein und andererseits die Mannschaft mit eigenen Talenten erneuern.

Das wäre umso einfacher, weil die Mannschaft dank eines exzellenten Trainers ja systemsicher und taktisch so gut geschult ist. Aufstieg und Niedergang von Mannschaften sind unvermeidlich. Weil sich Mannschaften erneuern müssen. Gerade der SCB hätte alles, um diesen Niedergang so abzufedern, dass die Position in der Spitzengruppe der Tabelle nicht geräumt werden müsste.

Und kein kritisches Wort gegen Kari Jalonen. Für seine Reputation zählen nur Siege. Er muss sich nicht darum kümmern, was in Bern nach ihm kommt. Er wird in Finnland nie gefragt werden, ob er André Heim im Powerplay eingesetzt hat. Es ist nicht sein Problem, dass es beim grössten Hockeyunternehmen in diesem Land niemanden mehr mit einem klaren sportlichen Verstand gibt, der dem Trainer sagt, dass nicht die ganze Zukunft der Gegenwart geopfert werden darf.

Die neuen NL-Ausländer 2018/19:

Eishockey Saison 2018/19

Keine Eishockey-WM – Patrick Fischers verlorener Traum

Link zum Artikel

Wegen Corona-Krise: Bleibt René Fasel ein Jahr länger Hockey-Welt-Präsident?

Link zum Artikel

Die WM ist abgesagt – was die Folgen sind und wie es beim Verband weitergeht

Link zum Artikel

Die NHL pausiert, aber «gespielt» wird trotzdem – Goalie wehrt 98 Schüsse ab

Link zum Artikel

Profisportler kaufen für Ältere ein oder bieten sich als Babysitter an

Link zum Artikel

Hoffnung für Hockey und Fussball – Kurzarbeit wird bald möglich sein

Link zum Artikel

Simon Sterchi kommt – was für eine schauderhafte SCB-Transferbilanz

Link zum Artikel

Gaëtan Haas: «Das Spiel in der NHL ist nicht schneller, es sieht nur schneller aus»

Link zum Artikel

Solange man ins Stadion durfte, war Eishockey so populär wie nie

Link zum Artikel

6 grosse Schweizer Hockey-Karrieren, die durch das Coronavirus vorzeitig beendet wurden

Link zum Artikel

Ein Virus beendet Jonas Hillers Karriere: «Es gäbe noch viel schlimmere Szenarien»

Link zum Artikel

Nichts, einfach nichts – ein Wochenende ohne Sport und der Anfang einer neuen Zeitrechnung

Link zum Artikel

Das banale Ende aller Träume – kein Meister, keine Dramen

Link zum Artikel

Der Star aus der Hundehütte – wie Kevin Fiala vom Mitläufer zum Teamleader gereift ist

Link zum Artikel

«Als würde man zum Geburtstag keinen Kuchen kriegen» – das sagt der ZSC zur Playoff-Absage

Link zum Artikel

So sieht der neue Gästesektor in Fribourg aus (es ist ein «Käfig»)

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Eismeister Zaugg

Ambri und die Valascia – des Eismeisters Abschied von der steinernen Seele unseres Hockeys

Nach dieser Saison wird mit der Valascia ein Kraftort des Schweizer Eishockeys für immer von der Landkarte verschwinden. Ein letzter Rundgang durchs mythischste Stadion unseres Hockeys.

Beginnen wir unsere letzte Geschichte über die Valascia mit ein wenig Pathos. Gustave Flaubert ist ein französischer Dichter aus dem 19. Jahrhundert. Er hat einmal geschrieben: «Es gibt Orte auf der Welt, die so schön sind, dass man sie an sein Herz pressen möchte.» Wäre er ein Hockey-Chronist gewesen, dann hätte er mit diesem Satz die Valascia gemeint.

Soweit die Romantik. Aber Polemik gehört auch dazu. Es gibt ein Buch über Ambri, zusammengestellt von Ruedi Ingold. Darin gibt es eine …

Artikel lesen
Link zum Artikel