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Diktatur der Frühaufsteher: Warum Langschläfer in der Gesellschaft keine Chance haben

Diktatur der Frühaufsteher: Warum Langschläfer in der Gesellschaft keine Chance haben

Gerade im Winter fällt es vielen Menschen schwer, morgens aus dem Bett zu kommen. Warum müssen Schule und viele Jobs so früh beginnen? Weil eine Gruppe von Frühaufstehern über die Allgemeinheit bestimmt.
20.01.2015, 11:5629.07.2016, 15:19
frederik jötten 

Heute weiss ich, dass nicht ich schuld war, sondern das System. Meine Pubertät verbrachte ich im Halbschlaf, zumindest in der Schule. In meiner Erinnerung liege ich von der achten bis zur zehnten Klasse mit dem Kopf auf der Tischplatte. Abends und nachts war ich topfit und blieb lange auf. Aufstehen musste ich aber um halb sieben, da blieb nicht viel Zeit zum Schlafen.

frühaufsteher
«Der frühe Vogel kann mich mal»: Nicht allen Menschen liegt es, schon morgens fit zu sein.bild: Shutterstock

Lange Zeit dachte ich, dass es einfach mein Fehler gewesen sei, jetzt weiss ich: In der Pubertät gerät der Schlafrhythmus durcheinander. Für einen 16-Jährigen ist es eine Zumutung, um 8 Uhr morgens irgendeinem Unterricht zu folgen, sagt Schlafforscher Göran Hajak. Trotzdem verlegt kaum eine Schule die Anfangszeit des Unterrichts auf einen späteren Zeitpunkt.

Die Eigenschaft, morgens fit zu sein, ist angeboren

Denn die Menschen, die etwas zu bestimmen haben in diesem Land, Politiker und Beamte, sind sogenannte Lerchen, also Frühaufsteher – sonst könnten sie ihre Jobs gar nicht machen. Wer könnte sonst morgens um 7 Uhr Interviews im Radiofunk geben? Die meisten Menschen suchen sich unbewusst einen Beruf, der mit dem jeweiligen Schlafrhythmus vereinbar ist, denn sonst leidet man ein Leben lang. 

In die Machtpositionen kommen deshalb vor allem Lerchen. Dabei sind diejenigen, die früh aufstehen, nicht etwa besonders leistungsstark oder fleissig – die Eigenschaft morgens fit zu sein, ist angeboren wie die Haarfarbe. Aber mit ihrem Kartell bestimmen die Frühaufsteher, dass andere Menschen auch früh aufstehen müssen, indem sie die Öffnungszeiten der Ämter so gestalten, indem sie die Anfangszeiten der Schulen und Betriebe so festlegen.

Wenn die innere Uhr anders tickt

Diese Menschen haben dafür gesorgt, dass in der Mittelstufe ganze Fremdsprachen und Geschichtsepochen an mir vorbeigezogen sind, ohne dass davon bei mir was hängen geblieben wäre. In Unter- und Oberstufe war ich ein passabler Schüler. Aber dazwischen eine Null. Wie gesagt, in der Pubertät spielt die innere Uhr verrückt, die meisten werden zu Langschläfern und Spätaufstehern. 

Ich blieb es auch danach, bin also eine sogenannte Eule. Damit blieben mir die Traumjobs in Politik, Ämtern und Behörden also versagt. Auch grosse Firmen fallen damit für mich als Arbeitgeber flach. Lehrberufe und das Ärztedasein sind ebenfalls nicht attraktiv.

Ich bleibe liegen

Ehrlich gesagt ist das für mich nicht schlimm, ich habe den richtigen Beruf mit dem richtigen Schlafrhythmus für mich gefunden. Andere Menschen können von mir aus so früh aufstehen, wie sie wollen, ich bleibe liegen. Aber, wie viele potenzielle Top-Politiker wird es geben, die dem Staat verloren gehen, weil sie nicht um 8 Uhr morgens fit sind zum Arbeiten? 

Wie viele Ingenieurstalente mussten einen anderen Berufsweg einschlagen, weil sie nicht so früh aufstehen können, wie das deutsche Unternehmen erwarten? Und wie muss man sich fühlen, wenn man sein Talent nicht verwirklichen kann, weil man durch die Frühaufsteher-Lobby geknechtet wird? 

Die Autorin Bettina Hennig hat in ihrem Buch «Der frühe Vogel kann mich mal» genauer dargelegt, welche negativen gesellschaftlichen Auswirkungen der Frühaufstehwahn hat. Am schlimmsten finde ich, dass diese Diktatur der Frühaufsteher nicht einmal Mitleid mit den Schülern hat. Was auch immer die Schlafforschung sagt – sie müssen sich weiter früh zum Unterricht quälen.

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43 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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thymar
20.01.2015 14:30registriert November 2014
Die Umfrage ist vorurteilsbehaftet. Es sollte heissen "Frühaufsteher" & "Spätaufsteher", denn länger schlafen die Spätaufsteher nicht, nur zeitversetzt zu den Frühaufsteher. Man könnte die zwei Gruppen auch Frühzubettgeher und Langwachbleiber nennen. Das bietet eine andere Perspektive auf die ganze Situation. Nach dem Nachtessen wird bei mir gearbeitet und wenn andere müde aus der Wäsche schauen und zu nichts mehr zu gebrauchen sind und bald bettfertig sind, bin ich noch lange produktiv. Die Arbeitsmenge kann bei Menschen beider Gruppen genauso gross sein, sie wird nur nicht zur selben Tageszeit verrichtet. Ich finde, dieser Umstand wird im Artikel etwas wenig hervorgehoben.
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zappeli
20.01.2015 12:41registriert Juli 2014
Weiss nicht so recht, wie ernst das dem Autoren ist. Eher Satire? Trotzdem könnte man mal drüber nachdenken. Ist schon schön, wenn man früh aufstehen kann und den ganzen Tag vor sich hat. Aber ich pack es nicht. Meine beste und kreativste Zeit ist abends oder sogar nachts.
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Stellar
20.01.2015 13:56registriert Februar 2014
Persönlich würde ich mich zu den Eulen zählen und diesem Wahn in gewisserweise zustimmen.
Besonders das teilweise ignorrante Verhalten wenn man später zur Arbeit erscheint, obwohl man auch später die Arbeitsstelle verlässt kenn ich aber auch. Dabei kann man auch sagen das Arbeiten mit flexiblen Zeiten, hat sich je nach Branche schon ziemlich angepasst.
Was gesellschaftlich auch sinnvoll ist und eigentlich ausgeweitet werden sollte um unnötige Peak-Zeiten zu vermeiden. Wie Absurd ist es das der Grossteil der Arbeitnehmer zur gleichen Zeit zur Arbeit eilen und damit die Verkehrskapazitäten ausreizen, was wieder in strukturellen Ausbauarbeiten mündet. Das gleiche gilt natürlich auch für die Mittagszeiten. Was weitergedacht in einer Liberalisierung enden wird, da auch in Anbetracht der höheren Bevölkerungsdichte es wohl schwierig wird anderst zu agieren ohne weitere Ressourcen zu verschwenden. Das aufbrechen hat durch die sogenannte 'globalisierung' teilweise ein bisschen stattgefunden.
Natürlich hängt auch sehr vieles von der Regelung der Kommunikation ab um komplexere Abläufe auch zu koordinieren.
Seitens der UniTrier gibt es einen ein bisschen fundierteren Bericht bezüglich Chronotypen (http://www.uni-trier.de/fileadmin/fb1/prof/PSY/HBF/mindmag86-tgb.pdf)
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