Wissen
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Motiv aus Lisa Wenger, Joggeli söll ga Birli schüttle.

Motiv aus Lisa Wenger, Joggeli söll ga Birli schüttle. Bild: Cosmos Verlag, Muri bei Bern

Joggeli, Pitschi, Globi & Co. – Helden der Kindheit

Die Schweiz verfügt über eine lange Bilderbuch-Tradition. Neben Pitschi und Schellen-Ursli gibt es unzählige weitere Bilderbuchhelden, die Generationen von kleinen Leserinnen und Lesern begeistert haben. 

Alexander Rechsteiner / Schweizerisches Nationalmuseum



Der Knecht Joggeli soll Birnen pflücken. Er legt sich aber lieber in den Schatten des Birnbaums anstatt zu arbeiten. Da schickt ihm der Meister den Hund auf den Hals. Doch dieser hat keine Lust, den Joggeli zu beissen. Auch Stöckli, Feuer, Wasser, Kalb und sogar der Metzger bringen nicht die gewünschte Wirkung. Erst als der Meister selbst zum Rechten schaut, fallen schliesslich die Birnen.

Was als Nacherzählung eher absurd klingt, hat Lisa Wenger 1908 in ein unverwechselbares Bilderbuch verwandelt. Joggeli söll ga Birli schüttle gehört seither zum festen Bestandteil des Schweizer Kulturguts. Die wie ein Kasperlitheater gestaltete Kettenreaktion von Metzger bis Birnen zieht seit über 100 Jahren Generationen von Kindern in den Bann. 

Hier bloggt das Schweizerische Nationalmuseum

Drei Museen – das Landesmuseum Zürich, das Château de Prangins und das Forum Schweizer Geschichte Schwyz – sowie das Sammlungszentrum in Affoltern am Albis sind unter dem Dach des Schweizerischen Nationalmuseums vereint.
Im Blog veröffentlichen Mitarbeiter des Nationalmuseums und renommierte Gastautoren Beiträge zu aktuellen Themen.
watson übernimmt in loser Folge ausgesuchte Perlen daraus. Der Beitrag «Die Helden der Kindheit» erschien am 12. Juni 2018. 
blog.nationalmuseum.ch/2018/06/die-bilderbuch-helden-der-kindheit/

Die Erstausgabe von Lisa Wengers Joggeli zeigt die Geschichte mit einem Henker, in den folgenden Auflagen wurde dieser weggelassen.

Die Erstausgabe von Lisa Wengers Joggeli zeigt die Geschichte mit einem Henker, in den folgenden Auflagen wurde dieser weggelassen. Bild: Schweizerische Nationalbibliothek, Bern

Blumiger Anfang

Als Lisa Wengers Joggeli erscheint, gibt es in der Schweiz noch fast keine Bilderbuchproduktion. Vor 1900 kannte man in einzelnen Haushalten höchstens den aus Deutschland stammenden Struwwelpeter oder Max & Moritz. Mit dem Jugendstil entstanden erste Bilderbücher im heutigen Sinn.

Als Pionier des Künstlerbilderbuchs gilt der Berner Ernst Kreidolf. Sein 1898 erschienenes Erstwerk Blumen-Märchen setzte neue Massstäbe für das Bilderbuchschaffen im deutschen Sprachgebiet. Vermenschlichte Blumen, Kräuter, Sträucher, aber auch Heuschrecken, Schmetterlinge oder Käfer sind die Hauptakteure in seinen an Märchen, Mythen und Sagen erinnernden Geschichten, die beim genaueren Hinschauen auch eine kritische oder zumindest nachdenkliche Haltung erkennen lassen.

Motiv aus Ernst Kreidolf, Blumen-Märchen.

Motiv aus Ernst Kreidolf, Blumen-Märchen. Bild: NordSüd Verlag AG, Zürich

So wandeln Herr Schlüsselblum und Frau Enziane Himmelblau durch den reizenden Blumenwald; das Kindermädchen Margarete mit dem Nachwuchs folgt dahinter. Das Gedicht unter dem Bild verleiht der idyllischen Szenerie aber ein schwermütiges Ende: 

«Bis im Herbst, es ist zu schade,
Blatt und Blume sinkt ins Grab –
Auch Herr Schlüsselblum und Frau
Enziane Himmelblau.»

Dem Blumen-Märchen folgten weitere Bilderbücher, die Kreidolf zuerst in Deutschland und nach seiner Rückkehr nach Bern ab 1917 in der Schweiz verlegte. 

Helden aus der Werbung

In der krisengeprägten Zwischenkriegszeit waren es Werbeabteilungen, wie jene von Maggi und Nestlé, die mit Klebbildchen und Sammelpunkten die Nachfrage nach Kinderunterhaltung abdeckten. Später wurden aus Werbemaskottchen Buchfiguren, allen voran Globi, einer der bekanntesten und beliebtesten Bilderbuchhelden der Schweiz, aus der Werbeabteilung von Globus.

Robert Lips und Jakob Stäheli, Globis toller Tag, 1960.

Robert Lips und Jakob Stäheli, Globis toller Tag, 1960. Bild: SIKJM, Globi Verlag Imprint Orell Füssli Verlag

Nach dem Zweiten Weltkrieg herrschte in der deutschsprachigen Schweiz eine Skepsis gegenüber Bilderbüchern aus Deutschland. Davon profitierte das einheimische Verlagswesen. Die politisch-kulturelle Bewegung der geistigen Landesverteidigung verband sich mit dem Wunsch nach heiler Kinderwelt. Felix Hoffmann, Alois Carigiet und Hans Fischer – die drei berühmtesten Schweizer Illustratoren – trugen in ihren Büchern das Bild einer Schweiz, verbunden mit dem herkömmlichen Brauchtum, erfolgreich in die Welt hinaus. 

Hans Fischer, Pitschi. Das Kätzchen, das immer etwas anderes wollte, 1948.

Hans Fischer, Pitschi. Das Kätzchen, das immer etwas anderes wollte, 1948. Bild: NordSüd Verlag AG

Wie Alois Carigiet und Hans Fischer war auch Herbert Leupin Werbegrafiker. Zwischen 1944 und 1949 illustrierte er neun Märchenbilderbücher für den Globi Verlag, darunter Hans im Glück, Hänsel und Gretel oder Dornröschen. Die Illustrationen in Leupins Bilderbüchern erzählen das Märchen eigenständig. Sein Bilderbuchstil entwickelte sich mit den erschienenen Märchen weiter.

Motiv aus Herbert Leupin, Das tapfere Schneiderlein.

Motiv aus Herbert Leupin, Das tapfere Schneiderlein. Bild: NordSüd Verlag AG, Zürich

Einerseits illustrierte er im magischen Realismus, der sich durch die realistische und detaillierte Wiedergabe des Bildgegenstandes auszeichnet, der gleichzeitig aber eine mystische oder eben magische Ausstrahlung erlangt. Ein gutes Beispiel hierfür ist das Tapfere Schneiderlein aus dem Jahr 1944. Besonders in Dornröschen von 1948 gut ersichtlich, wendete er andererseits in seinen Büchern auch einen zweiten, flächigen Stil mit hart konturierten Figuren in leuchtenden Farben an. 

In seinen Bilderbüchern wendet Leupin neben dem magischen Realismus auch einen zweiten, flächigeren Zeichenstil an. Herbert Leupin, Schloss für Dornröschen, 1948. Tempera auf Papier.

In seinen Bilderbüchern wendet Leupin neben dem magischen Realismus auch einen zweiten, flächigeren Zeichenstil an. Herbert Leupin, Schloss für Dornröschen, 1948. Tempera auf Papier. Bild: Schweizerisches Institut für Kinder- und Jugendmedien, SIKJM, Zürich

Hinaus in die Welt

Mit dem Aufbruch Ende der 1960er-Jahre kam es auch in den Bilderbüchern zum Umbruch. Hans-Ulrich Stegers Teddybär Theodor trat seine Reise nach Tripiti an. Der Karikaturist und Objektkünstler setzte in diesem Bilderbuch eigene Erinnerungen und Erfahrungen in Szene. Theodor ist Stegers Teddybär aus Kindertagen und auch die anderen Figuren haben reale Vorlagen. Neu ist, dass die Titelhelden nicht wie bisher in die Welt ziehen, um am Ende der Geschichte wieder heimzukehren, sondern an ihrem Sehnsuchtsort in der Ferne ein neues Zuhause finden. 

Hans-Ulrich Steger, Reise nach Tripiti, 1967

Hans-Ulrich Steger, Reise nach Tripiti, 1967. Bild: Diogenes Verlag AG

Heute wie damals sind der Kreativität der Bilderbuchautorinnen und -autoren keine Grenzen gesetzt. So können durchaus auch gesellschaftliche und politische Themen einfliessen, trotzdem ist die Natur als kindlicher Freiraum aber, wie vor 100 Jahren im Werk von Ernst Kreidolf, nach wie vor ein wichtiges Thema und Motiv von Bilderbüchern. 

Joggeli, Pitschi, Globi …
Beliebte Schweizer Bilderbücher

Landesmuseum Zürich
15.6. – 14.10.2018
Über Generationen begeistern die Figuren aus Schweizer Bilderbüchern unzählige Leserinnen und Leser. Die Familienausstellung im Landesmuseum Zürich lässt Kinder in die Bilderbuchwelten eintauchen, während Erwachsene ihren einstigen Lieblingen im kulturellen Kontext begegnen.

>>> Weitere historische Artikel auf: blog.nationalmuseum.ch

Geschichte – die Vergangenheit lebt!

Das eisige Monsterschiff, das den deutschen U-Booten den Garaus hätte machen sollen

Link zum Artikel

Mugabe ist tot – doch diese 20 Diktatoren sind immer noch an der Macht

Link zum Artikel

Die Schlacht von Tagliacozzo – wie ein listiger Franzose die Staufer zu Grabe trug

Link zum Artikel

Jemand untermalt Filmchen von tanzenden Sowjet-Soldaten mit Hitparaden-Songs und es ist 😂

Link zum Artikel

Vom gefeierten Freiheitskämpfer zum machthungrigen Despoten – das war Robert Mugabe

Link zum Artikel

Der Skelett-See ist mysteriös – nun machen DNA-Analysen die Sache noch rätselhafter

Link zum Artikel

History Porn Teil L: Geschichte in 25 Wahnsinns-Bildern

Link zum Artikel

Verdingkinder müssen Teil ihrer Entschädigung gleich wieder abgeben

Link zum Artikel

Aus DDR wird AfD: Wie der Osten Deutschlands nach rechts rutschte

Link zum Artikel

Deutsche Kriegsverbrechen in Italien: Als Wehrmacht und SS in Fivizzano wüteten

Link zum Artikel

«Es war die Hölle» – dieser Schweizer war am ersten Woodstock dabei

Link zum Artikel

Kann diese Rakete wirklich den Hagel stoppen? 41 Ostschweizer Gemeinden meinen: Sicho 🚀

Link zum Artikel

Massaker in Hollywood: Die Schöne und die Bestie

Link zum Artikel

Wie ein Dorfpolizist zum ersten Massenmörder Skandinaviens wurde

Link zum Artikel

Gewalt und Krankheiten – die Bewohner der ersten Steinzeit-Stadt lebten gefährlich

Link zum Artikel

Als die «Boy Scouts» in die Schweiz kamen

Link zum Artikel

«Wir sahen, was wir sehen wollten» – wenn Ideologen bei Diktatoren zu Besuch sind

Link zum Artikel

Wenn Frauen mit ihren Vaginen reden: Mittelalterliches Sexgedicht entdeckt

Link zum Artikel

Wie Pepsi in der Sowjetunion Fuss fasste – und kurzzeitig eine Militärmacht wurde

Link zum Artikel

War die Mondlandung ein Fake? 13 Behauptungen im Faktencheck

Link zum Artikel

Warum die Konstantinische Schenkung die grösste Lüge des Mittelalters war

Link zum Artikel

Heidi in Japan

Link zum Artikel

Wie Faye Schulman als jüdische Partisanin den Holocaust überlebte

Link zum Artikel

«Trentiner-Aktion»: Als man bei der Migros Italienerinnen bestellen konnte

Link zum Artikel

Historische Amnesie: Wir haben die Gefahr durch Kriege und Krankheiten verdrängt

Link zum Artikel

«Scheisstage» und 10 weitere Geschichts-Fakten, von denen du vermutlich nie gehört hast

Link zum Artikel

Das Bombengeschäft – wie die Schweiz vom Vietnamkrieg profitierte

Link zum Artikel

Von «E.T.» zu Netflix-Hit «Stranger Things»: So magic waren die 80er

Link zum Artikel

Zum Tod von Lee Iacocca gibt's ganz, ganz viele Ford-Mustang-Bilder

Link zum Artikel

Er überlebte den Untergang der Titanic und wurde danach Olympiasieger

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen

Mit Trump gegen Mobbing

abspielen

Video: srf

Das könnte dich auch interessieren:

Warum wir bald wieder über den Schweizer Pass reden werden

Link zum Artikel

«Ich hatte Sex mit dem Ex meiner besten Freundin…»

Link zum Artikel

Die amerikanische Agentin, die Frankreichs Résistance aufbaute

Link zum Artikel

Matheproblem um die Zahl 42 geknackt

Link zum Artikel

Wie gut kennst du dich in der Schweiz aus? Diese 11 Rätsel zeigen es dir

Link zum Artikel

«In der Schweiz gibt es zu viel Old Money und zu wenig Smart Money»

Link zum Artikel

So schneiden die Politiker im Franz-Test ab – wärst du besser?

Link zum Artikel

Röstigraben im Bundeshaus: «Sobald ich auf Deutsch wechsle, sinkt der Lärm um 10 Dezibel»

Link zum Artikel

So erklärt das OK der Hockey-WM in der Schweiz die Ähnlichkeit zum Tim-Hortons-Spot

Link zum Artikel

Die Geschichte von «Ausbrecherkönig» Walter Stürm und seinem traurigen Ende

Link zum Artikel

«Informiert euch!»: Greta liest den Amerikanern bei Trevor Noah die Leviten

Link zum Artikel

Keine Angst vor Freitag, dem 13.! Diese 13 Menschen haben bereits alles Pech aufgebraucht

Link zum Artikel

Der Kampf einer indonesischen Insel gegen den Plastik

Link zum Artikel

«Ich bin … wie soll ich es sagen … so ein bisschen ein Arschloch-Spieler»

Link zum Artikel

Alles, was du über die neuen iPhones und den «Netflix-Killer» von Apple wissen musst

Link zum Artikel

15 Bilder, die zeigen, wie wunderschön und gleichzeitig brutal die Natur ist

Link zum Artikel

Shaqiri? Xhaka? Von wegen! Zwei Torhüter sind die besten Schweizer bei «FIFA 20»

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen

Abonniere unseren Newsletter

5
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
5Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • firmin 17.06.2018 22:06
    Highlight Highlight Joggeli ist auch in dieser Version von K. Flückiger/dasnorm.ch schon seit fast einem Jahrzehnt ein Klassiker: http://www.dasnorm.ch/joggeli_special/ bzw. https://vimeo.com/dasnorm/joggeli https://vimeo.com/dasnorm/joggeli
  • AnDerWand 17.06.2018 16:30
    Highlight Highlight Papa Moll darf nicht fehlen, nebst Globi meine damalige Nr. 2
  • owlee 17.06.2018 15:32
    Highlight Highlight Reise nach Tripiti ❤️
  • BoomBap 17.06.2018 15:30
    Highlight Highlight Oh, das sind grad sehr viele Erinnerungen hoch gekommen, die ich schon vergessen habe. Joggeli hab ich gelesen. Pitschi kenne ich nicht, aber der Stil hat mich sofort an das Buch "Der Geburtstag" erinnert, welches zusammen mit "Flurina" und "Albertli" meine Lieblingsbücher waren.
    • Basoalto 17.06.2018 23:04
      Highlight Highlight S Pitschi ist der Folgeband zum Geburtstag. Auf dem letzten Bild im ‚der Geburtstag‘ findet die alte Lisette den Korb mit den jungen Kätzchen und eines davon ist das Pitschi.

In Deutschland waren die Flüchtlinge nicht mal willkommen, als es Deutsche waren

Wer glaubt, für Fremdenfeindlichkeit brauche es Menschen aus fremden Ländern, irrt. Nach dem verlorenen Krieg drängten sich Millionen Flüchtlinge und Vertriebene aus den deutschen Ostgebieten in Rest-Deutschland. Heute gilt ihre Aufnahme als vorbildlich – doch in Wahrheit schlugen ihnen damals Hass und Verachtung entgegen und der offen ausgesprochene Gedanke, nicht nach Westdeutschland, sondern nach Auschwitz zu gehören.

Der Volkszorn kocht, und der Redner weiss genau, was die Leute hören wollen: «Die Flücht­lin­ge müs­sen hin­aus­ge­wor­fen wer­den, und die Bau­ern müs­sen da­bei tat­kräf­tig mit­hel­fen», ruft Josef Fischbacher. Der Kreisdirektor des bayerischen Bauernverbandes giesst kräftig Öl ins Feuer und nimmt sogar das Nazi-Wort «Blutschande» in den Mund.

Was hier nach Sachsen im Jahr 2016 klingt, ist Bayern im Jahr 1947. Und die Flüchtlinge, die Fischbacher hinauswerfen will, kommen nicht aus …

Artikel lesen
Link zum Artikel