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Karikatur in Le Petit Journal, November 1911: Festlegung der deutsch-französischen Grenze im Kongo.

Ein französischer und ein deutscher Kolonialbeamter legen die neue Grenze im Kongo fest. Illustration in «Le Petit Journal», 1911.  Bild: PD

Verrückte Grenzen, Teil III: Sechs skurrile Scheidelinien in Afrika



Seltsame Grenzverläufe gibt es auf allen Erdteilen. Nachdem wir einige Beispiele aus der Schweiz und aus Europa vorgestellt haben, ist nun Afrika an der Reihe. Viele Grenzen auf diesem riesigen Kontinent wurden einst von den Kolonialmächten gezogen – ohne jede Rücksicht auf Land und Leute. 

Kanonenkugeln als Grenzsteine

Was für ein merkwürdiges Gebilde! Gambia, der kleinste Staat auf dem afrikanischen Festland, gleicht einem Wurm, der sich vom Atlantik her ins Landesinnere schlängelt. An der schmalsten Stelle ist das Land von Nord nach Süd nur gerade zehn Kilometer breit. Die ehemalige britische Kolonie ist zudem bis auf ihren Meereszugang komplett von Senegal umgeben, das seinerseits eine ehemalige französische Kolonie ist. Die merkwürdigen Grenzen wurden denn auch – wie so oft in Afrika – von den Kolonialmächten ohne Rücksicht auf die einheimische Bevölkerung ausgehandelt. 

Karte von Gambia

Kreative Grenzziehung: Der Staat Gambia schlängelt sich dem gleichnamigen Fluss entlang.  Bild: caribflame.com

Die schlangenförmige Gestalt Gambias verdankt sich dem gleichnamigen Fluss – und dem atlantischen Sklavenhandel. Der Gambia war für grosse Schiffe bis weit ins Landesinnere schiffbar, das machte den Strom für die Briten interessant, die entlang der westafrikanischen Küste nur einige Handelsstützpunkte besassen. Über das Einfallstor des Gambia konnte die Royal African Company sich einen kräftigen Anteil am lukrativen Menschenhandel sichern – was freilich die französische Konkurrenz nicht eben begeisterte.

Einheimische in Westafrika flüchten vor Sklavenhändlern, Westafrika, 18. Jahrhundert

Sklavenjagd in Westafrika, 18. Jahrhundert: Der Gambia war ein wichtiges Einfallstor für Sklavenhändler. Bild: Encyclopedia Britannica

1889 konnten die rivalisierenden Mächte sich auf einen Kompromiss einigen: Die Briten erhielten links und rechts des Gambias einen Streifen Land, der so breit war, dass die britischen Schiffe nicht von französischem Territorium aus beschossen werden konnten. Zur Feststellung des Grenzverlaufs feuerten britische Kanonenboote vom Fluss aus zu beiden Seiten ins Land hinein – worauf Kolonialbeamte die Kugeln suchten und die Grenze festlegten. Die verläuft heute noch so wie damals, als Gambia noch «Madame Grossbritanniens Blinddarm» war.

Namibias feuchte Nase

«Panhandle» – Pfannenstiel – nennen Geographen lange, dünne Landzipfel, die sich zwischen fremdes Gebiet schieben. Einer der bekanntesten Panhandels ist der sogenannte Caprivizipfel. Das heisst, so hiess das «kartografische Kuriosum» bis vor wenigen Jahren, dann wurde es im Zuge der Dekolonialisierung in «Sambesi» umbenannt. Der Strom bildet die Grenze zu Sambia. 

Karte von Namibia mit Caprivizipfel

Heute ist der Caprivizipfel eine Sehenswürdigkeit für Touristen: Im Gegensatz zum restlichen Namibia gibt es dort zahlreiche Flüsse und Feuchtgebiete.  Bild: safaribookings.com

Der 450 Kilometer lange und an der schmalsten Stelle nur 32 Kilometer breite Landzipfel verdankte seinen Namen dem deutschen Reichskanzler Graf Georg Leo von Caprivi. Der Nachfolger Bismarcks setzte 1890 seine Unterschrift unter einen Vertrag, der einen Landabtausch zwischen dem Deutschen Reich und Grossbritannien besiegelte: Die Deutschen verzichteten auf alle Ansprüche auf Sansibar und in Kenia, dafür erhielten sie von den Briten die Nordsee-Insel Helgoland und eben jenen Zipfel, den man heute gern als «feuchte Nase» des ansonsten wüstentrockenen Namibias bezeichnet.  

Deutsch-Südwest – Reste einer Kolonie

Namibia war damals noch Deutsch-Südwestafrika, und Berlin hoffte mit dem Gebietstausch, mittelfristig eine territoriale Verbindung dieser Besitzung mit Deutsch-Ostafrika (heute die Staaten Tansania, Ruanda und Burundi) und ein zusammenhängendes Kolonialgebiet zu schaffen. Der Zugang zum Sambesi sollte zudem alle Optionen für eine zukünftige «panafrikanische Wasserautobahn» offen halten. Keine der Hoffnungen erfüllte sich: Der Sambesi war als Wasserstrasse ungeeignet, wie sich zeigte, und das deutsche Kolonialreich erlebte keinen Ausbau, sondern ging im Ersten Weltkrieg verloren. 

Der Stiefel von Katanga

Der Caprivizipfel ist nicht der einzige afrikanische Landzipfel, der seine Existenz den expansiven Bestrebungen der Kolonialmächte verdankt. Auch der Katanga-Sporn – französisch Botte de Katanga (Katanga-Stiefel), englisch Congo Pedicle (Kongo-Stiel) genannt – ist ein Produkt des «Scramble for Africa», des Wettlaufs um Afrika, in den sich die Kolonialmächte Europas in der Hochphase des Imperialismus stürzten.

Karikatur im britischen Satireblatt Punch: Der Kongo im Würgegriff der Kautschukliane König Leopold II. (1906)

Fluch des Kautschuks: Der Kongo im Würgegriff König Leopolds II., Karikatur in der britischen Zeitschrift «Punch» (1906). Bild: PD

Indem er die Rivalität der Grossmächte ausnützte, war es dem belgischen König Leopold II. 1885 gelungen, sich das riesige Kongobecken unter den Nagel zu reissen. Leopold regierte den Kongo-Freistaat in Personalunion mit Belgien. Dieser Privatbesitz – 80-mal grösser als Belgien – machte ihn zum grössten Landeigentümer der Welt. Und dieser Eigentümer installierte ein unmenschliches System, um die Reichtümer des Landes, vor allen Dingen den Kautschuk, erbarmungslos auszubeuten. 

Karte von Sambia

Der Congo Pedicle trennt das südliche Nachbarland Sambia beinahe in zwei annähernd gleich grosse Teile.  Bild: marangone.info

Weiter südlich, in der heutigen Provinz Katanga, lockten zudem reiche Kupfervorkommen. Zwischen den Belgiern im Nordwesten und den Briten, die im Südosten von Rhodesien her vorrückten, befand sich das unabhängige Königreich Yeke. Nachdem Soldaten aus dem Kongo-Freistaat den König getötet hatten, konnten die Belgier weit nach Süden vordringen. Sie brachten das Gebiet zwischen der Kongo-Sambesi-Wasserscheide und dem Fluss Luapula unter Kontrolle – den Katanga-Sporn. Heute trennt der Landzipfel, der etwa so gross wie Sardinien ist, den Nachbarstaat Sambia beinahe in zwei Teile. Da in der Provinz Katanga oft Unruhen herrschten, gab es oft keine direkte Verbindung über den Sporn hinweg – der Umweg über sambisches Gebiet ist fast siebenmal länger.  

Strasse durch den Congo Pedicle.

Durch den Pedicle führt eine Strasse, die die beiden Teile Sambias verbindet.  Bild: steelfilings.wordpress.com

Cabinda – Exklave wider Willen

Die Demokratische Republik Kongo ist nach Algerien der zweitgrösste Flächenstaat des afrikanischen Kontinents, doch das riesige Land besitzt nur einen extrem schmalen Zugang zum Atlantik. Der komplizierte Grenzverlauf im Mündungsgebiet des Kongos ergab sich nicht zuletzt durch den Umstand, dass hier schon früh mehrere europäische Seemächte ihre Ansprüche anmeldeten – die Niederländer, später dann auch die Franzosen, als erste aber die Portugiesen. Sie blieben vorerst in ihren Stützpunkten, die sie entlang der afrikanischen Küste errichtet hatten, und drangen erst im 19. Jahrhundert ins Landesinnere vor. 

Cabinda, Angola

Exklave im Mündungsgebiet des Kongos: Die Provinz Cabinda (rot) in Angola.  Bild: Wikimedia/Profoss

Portugal versuchte, seine Besitzungen im südwestlichen Afrika – Cabinda und Angola – zu arrondieren, scheiterte aber 1885 mit seinem Anspruch auf Belgisch-Kongo am Widerstand Deutschlands. Der belgische König Leopold konnte sogar einen schmalen Zugang zum Atlantik durchsetzen, was Cabinda von Angola trennte. Portugiesische Hoffnungen auf eine Landverbindung zwischen Angola und Moçambique zerschlugen sich ebenfalls. In allen drei Kolonien begann Mitte des 20. Jahrhunderts der Kampf gegen die portugiesische Herrschaft, der 1975 mit der Unabhängigkeit von Angola und Moçambique endete.

Cabinda, Angola

Düstere Vergangenheit: Die Portugiesen gründeten Cabinda als Hafen zur Verschiffung von Sklaven.  Bild: Pinterest

Noch vor dem Ende des Befreiungskrieges besetzte Angola auch Cabinda, obwohl dieses Gebiet nie zu Angola gehört hatte und keine Verbindung zu dieser Kolonie hatte. Die Befreiungsbewegung in Cabinda bekämpfte nun die Angolaner statt die Portugiesen, jedoch ohne Erfolg. Heute ist das knapp 8000 km2 grosse Gebiet, in dem rund 700'000 Menschen leben, eine Provinz Angolas. Der Widerstand in der Exklave gegen die angolanische Besetzung ist mittlerweile nahezu erloschen.  

Niemandsland in der Wüste

Schnurgerade von West nach Ost verläuft die Grenze zwischen Ägypten und dem Sudan – nur ganz im Osten, am Roten Meer, gibt es ein umstrittenes Gebiet. Beide Staaten beanspruchen das sogenannte Hala’ib-Dreieck, weil sie sich auf unterschiedliche Grenzabkommen berufen. Die ursprüngliche Grenze, die Ägypten heute als massgeblich betrachtet, wurde 1899 zwischen dem Anglo-Ägyptischen Sudan – einem britisch-ägyptischen Kondominium – und dem britischen Protektorat Ägypten gezogen; sie folgte strikt dem 22. Breitengrad. 1902 teilten die Briten das Dreieck aber dem Sudan zu, schlugen westlich davon jedoch zugleich das kleinere Landstück von Bir Tawil Ägypten zu. Auf diese Grenze beruft sich der Sudan

Bir Tawil und Hala'ib-Dreieck

Das Hala'ib-Dreieck wird von beiden Staaten beansprucht, das Bir-Tawil-Dreieck von keinem.  Karte: Quora.com

Als Folge davon beanspruchen heute weder der Sudan noch Ägypten das rund 2000 km2 grosse Bir Tawil – es ist ein Niemandsland in der Wüste. Das herrenlose Gebiet erinnert – allerdings in viel grösserem Massstab – an Liberland, ein Niemandsland zwischen Kroatien und Serbien, dem wir in Teil II dieser Reihe begegnet sind. 

1902 hatten die Briten die Grenze auch im Niltal geändert; der sogenannte Wadi Halfa Salient bildete danach eine kleine fingerartige Ausbuchtung von sudanesischem Gebiet entlang des Nils. Auch dieses Gebiet ist an sich umstritten; weil es nach dem Bau des Assuan-Staudamms grösstenteils im Wasser versank, blieben Auseinandersetzungen jedoch aus. Beim Hala'ib-Dreieck hingegen kam es zu teilweise gewalttätigen Konflikten. Derzeit kontrolliert Ägypten das Territorium. 

Wo die EU an Afrika grenzt

An der marokkanischen Küste liegen, 250 Kilometer voneinander entfernt, zwei Aussenposten der EU. Ceuta und Melilla sind spanische Exklaven, die wie ihr Mutterland zur EU gehören, nicht aber zur Nato. Die beiden landseitig von Marokko umschlossenen Städte, die beide weniger als 20 km2 gross sind und rund 85'000 Einwohner haben, sind Reste des einst weltumspannenden spanischen Kolonialreiches. Sie wurden zu Exklaven, als Marokko 1956 seine Unabhängigkeit erlangte. Der nordafrikanische Staat beansprucht die spanischen Besitzungen – neben den beiden Städten sind es noch einige winzige sogenannte Plazas de soberanía –, unternimmt derzeit aber nichts, um den Status quo zu ändern. 

Karte: Spanische Plazas de soberanía in Nordafrika

Rest eines weltumspannenden Kolonialreichs: Die spanischen Plazas de soberanía in Nordafrika.  Karte: Wikimedia/Ecemaml

Heute tauchen Ceuta und Melilla regelmässig in den Nachrichten auf: Um die Städte verläuft die einzige Landgrenze der EU zu Nordafrika; sie sind daher ein begehrtes Ziel für Flüchtlinge aus Afrika, die hier versuchen, in die EU zu gelangen. Dramatische Szenen spielen sich jeweils ab, wenn ganze Gruppen von Migranten die Grenzzäune stürmen. Jene, denen es gelingt, die Sperranlagen zu überwinden, werden entweder in ihre Heimatländer abgeschoben oder auf das spanische Festland gebracht. 

epa04470874 Over 30 immigrants remain perched on top of the Melilla fence at the border with Morocco as they try to avoid Spanish Civil Guards after 200 made an attempt to jump over to Spanish territory to reach the Temporary Centre for Immigrants (CETI) in Melilla, Spanish enclave on the northern coast of Africa, early 31 October 2014. According to the latest figures, over 4,000 immigrants have entered Melilla in 2014 of whom 2,000 got in over the fence.  EPA/F.G. GUERRERO

Massenansturm auf den Grenzzaun: Bei Melilla (Bild) und Ceuta grenzt die EU an Nordafrika.    Bild: EPA/EFE

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4Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Grave 10.12.2017 16:12
    Highlight Highlight Wie funktioniert das mit diesem niemandsland ? Kann man da tun und lassen was man will oder wie ist das geregelt ?
    • Mia_san_mia 11.12.2017 01:47
      Highlight Highlight Ja das interessiert mich auch.
    • rauchzeichen 11.12.2017 15:42
      Highlight Highlight Der perfekte Platz sich zurückzuziehen. Andere Staaten mögen dich suchen können, ich bezweifle jedoch, dass der Sudan oder Ägypten sich zuständig fühlten, dich aus dem Niemandsland zu holen und auszuschaffen. Ist ja das Problem des Nachbars. Praktisch bist du da wohl Vogelfrei, bis du der sudanesischen oder ägyptischen Regierung zuweit gehst. Oder Öl findest ;) Dann wollen plötzlich beide die Gegenteilige Grenze von der, die sie heute wollen. Und das ganze Halaib-Gebiet würde zum Niemandsland ^^
  • Gringoooo 10.12.2017 16:01
    Highlight Highlight Sehr lehrreich! Vielen Dank.

In Deutschland waren die Flüchtlinge nicht mal willkommen, als es Deutsche waren

Wer glaubt, für Fremdenfeindlichkeit brauche es Menschen aus fremden Ländern, irrt. Nach dem verlorenen Krieg drängten sich Millionen Flüchtlinge und Vertriebene aus den deutschen Ostgebieten in Rest-Deutschland. Heute gilt ihre Aufnahme als vorbildlich – doch in Wahrheit schlugen ihnen damals Hass und Verachtung entgegen und der offen ausgesprochene Gedanke, nicht nach Westdeutschland, sondern nach Auschwitz zu gehören.

Der Volkszorn kocht, und der Redner weiss genau, was die Leute hören wollen: «Die Flücht­lin­ge müs­sen hin­aus­ge­wor­fen wer­den, und die Bau­ern müs­sen da­bei tat­kräf­tig mit­hel­fen», ruft Josef Fischbacher. Der Kreisdirektor des bayerischen Bauernverbandes giesst kräftig Öl ins Feuer und nimmt sogar das Nazi-Wort «Blutschande» in den Mund.

Was hier nach Sachsen im Jahr 2016 klingt, ist Bayern im Jahr 1947. Und die Flüchtlinge, die Fischbacher hinauswerfen will, kommen nicht aus …

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