DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Die Erde ist kugelförmig. Zweidimensionale Karten sind daher zwangsläufig verzerrt. 
Die Erde ist kugelförmig. Zweidimensionale Karten sind daher zwangsläufig verzerrt. 
Bild: NASA

Ein anderer Blick auf die Erde – japanischer Architekt entwirft neue Weltkarte

Der japanische Architekt Hajime Narukawa hat eine Weltkarte entworfen, die auf einer neuen Projektionsmethode beruht. Dafür erhielt er nun den begehrten Good Design Award.
03.11.2016, 19:3004.11.2016, 12:01

Weltkarten haben ein fundamentales Problem: Sie stimmen nicht. Genauer gesagt: Sie sind nie in jeder Hinsicht wirklichkeitsgetreu. Entweder stimmt die Form der Kontinente, dafür sind die Flächen verzerrt. Oder die Flächen sind korrekt dargestellt – auf Kosten der richtigen Form.

Das liegt daran, dass die Erde annähernd eine Kugel ist, also ein dreidimensionales Gebilde, während eine Karte lediglich zweidimensional ist. Bei der Projektion einer Kugeloberfläche auf eine Ebene entstehen zwangsläufig Verzerrungen. 

Das Orangenschalen-Problem: Karten-Projektionen der Erde (engl.). 

Dominierende Mercator-Projektion

Die meisten heutigen Weltkarten beruhen auf der Mercator-Projektion. Der bedeutende deutsche Kartograph Gerhard Mercator (1512–1594) zeichnete 1569 eine grosse Weltkarte, die ihn berühmt machte. Die nach ihm benannte Mercator-Projektion zeichnet sich durch hohe Winkeltreue aus, was für die Schifffahrt und die Luftfahrt von hohem Belang ist.  

<em>Nova et aucta orbis terrae descriptio ad usum navigantium:&nbsp;</em>Mercators Weltkarte von 1569.&nbsp;
Nova et aucta orbis terrae descriptio ad usum navigantium: Mercators Weltkarte von 1569. 
Bild: Wikimedia

Der Nachteil dabei: Je näher ein Gebiet am Nord- oder Südpol liegt, desto grösser erscheint es. Grönland (2,2 Mio. km2) zum Beispiel sieht so gross aus wie der ganze Kontinent Afrika (30,3 Mio. km2). Da Europa und Nordamerika aus diesem Grund grösser wirken, als sie in Wahrheit sind, hat man der Mercator-Projektion auch schon imperialistische Motive oder zumindest eine westlich geprägte Weltsicht unterstellt. 

Klassische Mercator-Projektion: Die Regionen in Polnähe sind viel grösser als jene in Äquatornähe.&nbsp;
Klassische Mercator-Projektion: Die Regionen in Polnähe sind viel grösser als jene in Äquatornähe. 
Karte: Wikimedia

Design-Preis für eine Kartenprojektion

Auch der japanische Architekt Hajime Narukawa störte sich an den Unzulänglichkeiten der Mercator-Projektion – und hat deshalb bereits 1999 eine neue namens «AuthaGraph» entwickelt. Zehn Jahre später gründete er eine gleichnamige Firma – mit Erfolg; Seine Karte wird mittlerweile in japanischen Schulbüchern verwendet. Im Oktober erhielt Narukawa den «Good Design Grand Award 2016» für seine Karte. 

Gewöhnungsbedürftig: Narukawas Projektion.
Gewöhnungsbedürftig: Narukawas Projektion.
Karte: AuthaGraph

Mit seiner Methode will Narukawa Landmassen und Gewässer so genau und realitätsgetreu wie möglich abbilden. Die Erdoberfläche wird zu diesem Zweck in 96 Dreiecke geteilt, aus denen ein Tetraeder geformt wird, der danach aufgeklappt wird. So bleiben die Proportionen weitgehend erhalten. 

Von der Kugel zur Karte: Aus 96 Dreiecken wird ein Tetraeder geformt.&nbsp;
Von der Kugel zur Karte: Aus 96 Dreiecken wird ein Tetraeder geformt. 

Umgekehrt kann aus der Karte wieder ein nahezu runder Globus gefaltet werden. Und – ein besonderer Clou: Die Karte eignet sich zur Parkettierung, das heisst, es können mehrere Exemplare übergangslos in beliebiger Richtung aneinandergereiht werden. 

Die Karte eignet sich zur Parkettierung: Wie in einem Bild von <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/M._C._Escher" target="_blank">M. C. Escher</a> können mehrere Exemplare übergangslos aneinandergehängt werden.&nbsp;
Die Karte eignet sich zur Parkettierung: Wie in einem Bild von M. C. Escher können mehrere Exemplare übergangslos aneinandergehängt werden. 
Hajime Narukawa stellt 2011 seine Karte vor (japanisch, englische Untertitel). 

Gegen kulturelle Vorurteile

Narukawa hat seine neue Projektion allerdings nicht aus dem luftleeren Raum entwickelt. Schon in den 1940er Jahren arbeitete der amerikanische Architekt und Schriftsteller Buckminster Fuller an einer Karte, welche die Erdoberfläche auf einen Ikosaeder projizierte. Diese Dymaxion-Karte sollte nach dem Willen ihres Erfinders kulturelle Vorurteile überwinden, weil sie den Norden nicht oben und den Süden nicht unten darstellt. 

Animiertes GIFGIF abspielen
Animierte Dymaxion-Karte. 
Karte Wikimedia/Chris Rywalt

Auch andere Kartographen haben sich bemüht, neue, «gerechtere» Projektionen zu finden. Bekannt ist beispielsweise die Gall-Peters-Projektion, die weitgehend flächentreu ist. Sie vermeidet die verstärkte Hervorhebung der Flächen im Norden zu Ungunsten des Südens – was dazu führte, dass diese Karte als populäres postkolonialistisches Statement eingesetzt wurde. Allerdings ist sie nicht formgetreu und weist massive Verzerrungen auf; in Äquatornähe sind die Flächen stark in die Länge gezogen, während sie in Polnähe in die Breite gezogen sind. 

Gall-Peters-Projektion.
Gall-Peters-Projektion.
Karte: Wikimedia

Upside down statt Down under

Noch radikaler ist die Karte, die der Australier Stuart McArthur entworfen hat. Er störte sich schon als Schüler an der benachteiligten kartographischen Position seiner Heimat und gab daher 1979 eine «berichtigte» Version heraus. 

McArthurs «verkehrte Welt». Sie ist nicht genordet, sondern gesüdet. Zudem befindet sich Australien im Zentrum, so dass der Atlantik an den Kartenrändern liegt.&nbsp;
McArthurs «verkehrte Welt». Sie ist nicht genordet, sondern gesüdet. Zudem befindet sich Australien im Zentrum, so dass der Atlantik an den Kartenrändern liegt. 
Karte: Topoi.org

McArthur war bei weitem nicht der erste, der eine nach Süden ausgerichtete Weltkarte zeichnete. Viele Karten aus dem islamischen Kulturkreis, der im frühen und hohen Mittelalter auch in der Kartographie führend war, sind gesüdet. Das ist auch bei dieser Weltkarte der Fall, die der marokkanische Kartograph Muhammad al-Idrisi im 12. Jahrhundert zeichnete. Erst mit Beginn des 16. Jahrhunderts setzten sich genordete Karten endgültig durch.

Al-Idrisis Weltkarte ist gesüdet.
Al-Idrisis Weltkarte ist gesüdet.
Bild: Wikimedia

Karten, die nicht dem üblichen Bild entsprechen, irritieren uns, weil sie unseren Sehgewohnheiten widersprechen. Dabei ist es pure Konvention, ob eine Karte genordet oder gesüdet ist.

Sicher ist auf jeden Fall, dass keine Projektion absolut wirklichkeitsgetreu sein kann – und dass Karten immer auch unsere Sicht auf die Welt zugleich illustrieren und prägen.

Und nun: 34 überraschend lustige und nützliche Karten, die du in der Schule nie gelernt hast

1 / 35
34 überraschend lustige und nützliche Karten, die du in der Schule nie gelernt hast
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer

[dhr, 15.07.2018] Karten

Alle Storys anzeigen
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Die Welt in Karten

Diese Länder haben den grössten Anteil an Atomstrom

Während die Schweiz und einige andere Länder den Atomausstieg beschlossen haben, sind an anderen Orten noch Dutzende neue Atomkraftwerke im Bau.

Die Schweiz deckt aktuell knapp einen Drittel ihres Strombedarfs mit Atomenergie. Seit der Abschaltung des AKW Mühleberg Ende 2019 sind hierzulande noch vier Reaktoren in Betrieb: Beznau 1 und 2, Gösgen und Leibstadt.

Einen deutlich höheren Anteil – den höchsten der Welt – hat unser Nachbar Frankreich, wo Kernenergie über 70 Prozent des Stroms ausmacht. Danach folgen die Slowakei und Ukraine, wo die Hälfte des Bedarfs mit Atomstrom gedeckt wird.

Weltweit nutzen laut der Internationalen …

Artikel lesen
Link zum Artikel