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Ansicht von Aarau von Nordwest mit Holzbrücke, Insel und Weg um 1785. Gabriel Ludwig Lory père (1763 - 1840).  Bild: Schweizerisches Nationalmuseum

Als Aarau Hauptstadt wurde

Vor 220 Jahren war Aarau der politische Mittelpunkt der Schweiz. Die Euphorie war gross, doch den Status als Hauptstadt behielt Aarau nur rund fünf Monate.

06.05.18, 19:49

Raoul Richner / Schweizerisches Nationalmuseum 

Die Helvetik ist in der Schweizer Gedächtniskultur hoch umstritten: Während in zahlreichen Kantonen und deren Hauptorten vielleicht nur schon der Gedanke an diese Epoche ein Schaudern auslöst, lässt sie andere kalt.

In Aarau hingegen gilt diese Zeit, in der die Alte Eidgenossenschaft in sich zusammenbrach, als ein Höhepunkt der Stadtgeschichte. So bekommt man heute auf einer Stadtführung durch die Aargauer Kapitale allenthalben Episoden dieses helvetischen Zwischenspiels zu Gehör … 

Hier bloggt das Schweizerische Nationalmuseum

Drei Museen – das Landesmuseum Zürich, das Château de Prangins und das Forum Schweizer Geschichte Schwyz – sowie das Sammlungszentrum in Affoltern am Albis sind unter dem Dach des Schweizerischen Nationalmuseums vereint.
Im Blog veröffentlichen Mitarbeiter des Nationalmuseums und renommierte Gastautoren Beiträge zu aktuellen Themen. watson übernimmt in loser Folge ausgesuchte Perlen daraus. Der Beitrag «Als Aarau Hauptstadt wurde» erschien am 3. Mai 2018. 
blog.nationalmuseum.ch/2018/05/als-aarau-hauptstadt-wurde/

Aarau geriet 1798 in einen aussergewöhnlichen Strudel von Ereignissen. Noch im Januar fanden sich die Gesandten der eidgenössischen Orte zu ihrer allerletzten Tagsatzung in der Aarestadt ein, um die alten Bünde angesichts des drohenden Franzoseneinfalls noch einmal zu bekräftigen. Doch kaum hatten die Tagsatzungsgesandten Aarau Ende Januar verlassen, probte das bis dahin brave Berner Untertanenstädtchen den Aufstand: Die Bürger sagten sich von Bern los und tanzten bereits am 1. Februar um einen rasch errichteten Freiheitsbaum.

Vorbild für Aarau: Freiheitsbaum auf dem Münsterplatz in Basel am 22. Januar 1798. Bild: Schweizerisches Nationalmuseum

Der Berner Truppenaufmarsch vermochte den Aarauer Freiheitsdrang zwar noch einmal zurückzubinden, doch nur für kurze Zeit, nämlich bis zum Ende der Alten Eidgenossenschaft nach dem französischen Sieg im Grauholz am 5. März

Die Delegierten der revolutionsfreundlichen Kantone vereinbarten, sich Anfang April wiederum in Aarau zu treffen, um nach französischem Muster eine «helvetische Republik» zu gründen. Damit gelangte das kleine, damals bloss 2500 Einwohner zählende Städtchen in den Fokus der Revolutionsaktivitäten. Bereits am 4. April wurde Aarau zur provisorischen Hauptstadt ernannt. Was gab den Ausschlag zu dieser unerwarteten Ehre? Die Atmosphäre!

Die grosse Mehrheit der Bürgerschaft hatte auf den Befreiungsschlag gewartet; die gebildeten und verhältnismässig gut situierten Aarauer witterten ihre Chance, sich endlich aus der väterlichen Herrschaft der Gnädigen Herren zu befreien und ihrem Status entsprechend in der eidgenössischen Politik Einfluss nehmen zu können. Bis anhin endeten die politischen und wirtschaftlichen Karrieren der Aarauer an der Stadtgrenze. Mit der farbigen Stoff-Kokarde am Hut stürzten sie sich ins Demokratie-Experiment. 

Helvetischer Hut mit aufgeschlagener Krempe und grün-rot-gelber Kokarde. Bild: Schweizerisches Nationalmuseum

Bereits den Zeitgenossen war bewusst, dass ausser dem ausgesprochen revolutionsfreundlichen Klima und einer relativ zentralen Lage nicht viel für Aarau als Hauptstadt sprach; das Manko der komplett fehlenden Infrastruktur war allzu augenscheinlich.

Die Helvetische Nationalversammlung bei ihrer ersten Sitzung am 12. April 1798 im Aarauer Rathaus.  Bild: Stadtmuseum Aarau

Die Stadt Aarau agierte entschlossen und rasch, um gegen diesen Mangel anzukämpfen. Noch im April lag ein vom in Bern ansässigen Architekten Johann Daniel Osterrieth gezeichneter Entwurf vor, der die Anlage eines neuen Quartiers im Osten der Altstadt vorsah, womit sich die Stadtfläche verdoppeln sollte.

Johann Daniel Osterrieths gezeichneter Entwurf zur Erweiterung Aaraus.  Bild: Stadtmuseum Aarau

Diesem Plan unter dem Titel «Projet d'Agrandissement de la Comune d'Aarau» zollen Stadtplaner noch heute Respekt für seine Rationalität und seine Weitsichtigkeit. Osterrieth legte in seinem Entwurf Wert auf das Gesamtbild, nicht auf einzelne Gebäude. Das Baukonzept spiegelt die Ideen der Revolution wie etwa die Gewaltentrennung wieder: Direktorium, Parlament und Gerichte sollten in unterschiedlichen Gebäuden untergebracht werden. 

Am 3. Mai 1798 bestätigten die helvetischen Räte Aarau als provisorische Hauptstadt. Wenige Tage später gab die helvetische Exekutive, das Direktorium, sozusagen eine Bestellung auf, welche Art von Räumlichkeiten die Stadt Aarau zur Verfügung stellen sollte. Es herrschte nämlich sowohl an Tagungs- wie an Wohnbauten akuter Platzmangel. Die Stadt stellte ihre öffentlichen Gebäude ausnahmslos der Zentralregierung zur Verfügung und die Bürger nahmen die helvetischen Funktionäre bei sich auf. 

Präsentationsplan der Laurenzenvorstadt.  Bild: Stadtmuseum Aarau

Die Schnelligkeit der Abläufe war beeindruckend: Innerhalb von nur vier Wochen kaufte die Stadt Aarau die Bauplätze an, bestellte Baumaterial und begann unverzüglich – noch vor der Ausarbeitung der konkreten Baupläne – mit dem Aushub für die prioritär zu errichtenden Wohnhäuser. Diese äusserst funktionalen Reihenhäuser, die dem damaligen State-of-the-Art entsprachen, wurden aufgrund der Wohnungsnot zuerst in Angriff genommen. 

Mitten in dieser Bau-Euphorie äusserten einzelne helvetische Parlamentarier Bedenken an der Eignung Aaraus als Hauptstadt. Tatsächlich fand sich im August eine Mehrheit für eine Verlegung der Hauptstadt nach Luzern. Als die Helvetiker Anfang September Richtung Süden zogen, blieb Aarau als Baustelle zurück. Immerhin wurden die Wohnhäuser an der Laurenzenvorstadt noch nach Osterrieths Plänen gebaut – allerdings dauerte dies bis in die 1820er-Jahre. Sie sind zum Stein gewordenen Denkmal für das Hauptstadt-Abenteuer geworden. 

Die «Neuen Häuser» in Aarau sind die einzigen Bauwerke, die über das Planungsstadium der neuen helvetischen Hauptstadt hinauskamen.  Bild: Wikimedia

Was blieb Aarau darüber hinaus vom überstürzten Demokratie-Experiment? Der offene Geist! Aarau strahlte weiter bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts namentlich dank der Schriftsteller Zschokke und Troxler als liberales Zentrum in die Schweiz aus. Ein langlebiges Relikt ist auch der in der Helvetik entstandene und in der Mediationszeit noch vergrösserte Kanton Aargau – dessen Hauptstadt Aarau immerhin bis heute (und meistens unangefochten) bleiben konnte. 

>>> Weitere historische Artikel auf: blog.nationalmuseum.ch

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15Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Bombenjunge 07.05.2018 13:07
    Highlight Gratulation für diese Kooperation!
    Super spannend und man sollte viel mehr Schweizer Geschichte vermitteln. Bin auch Aarauer😁freue mich aber schon auf die nächsten Artikel!
    8 0 Melden
  • sste87 07.05.2018 00:16
    Highlight ... und 1993 wurde Aarau auch noch zur Fussball-Hauptstadt - auch dies nur für kurze Zeit. ;-)
    (Und die damaligen Stadionpläne sind im Gegensatz zur Laurenzenvorstadt noch weit erheblicher in Verzug)
    32 0 Melden
  • leu84 06.05.2018 23:50
    Highlight Aarau kann von Glück reden, dass der Tross weiterzog. Die Bautätigkeiten brachte die Stadt beinahe in den Ruin. Soviel ich noch weiss hatten sie u.a. Schulden in Basel. Es ist immer interessant in Archiven oder Bibliotheken einzulesen oder bei einem Thema sein Wissen zu vertiefen.
    6 2 Melden
  • Sanchez 06.05.2018 22:49
    Highlight Ein ganz feiner Artikel! Gut, als Aarauer muss ich mich ja fast freuen 😊
    41 2 Melden
  • swisscondor77 06.05.2018 22:41
    Highlight Weiter solche Artikel. Sind super!
    22 1 Melden
  • Skater88 06.05.2018 21:49
    Highlight Verflixt, das hat mal wieder mein Interesse geweckt 😁 sehr guter Artikel
    21 0 Melden
  • Staatsgebeutelter 06.05.2018 21:48
    Highlight Na so liberal und weitsichtig sind die aargauer wohl nicht, wenn man bedenkt dass das aargauische Obergericht das von BG meistkritisierte Gericht der Schweiz ist, muss wohl angenommen werden dass die aargauer einfach eine andere Sicht als die meisten anderen Schweizer besitzen.
    6 46 Melden
    • ands 06.05.2018 23:30
      Highlight Aarau ist nicht Aargau.
      28 0 Melden
    • Knety 07.05.2018 00:56
      Highlight Und was fällt denen eigentlich ein um einen Baum zu tanzen?!
      13 1 Melden
    • Bivio 07.05.2018 09:05
      Highlight @Staatsgebeutelter
      Oder könnte es nicht eher sein, dass die Herren und Frauen Bundesrichter in ihrem Elfenbeinturm die Realität nicht sehen und deshalb mit ihren teils irrwitzigen Urteilen die gute und weitsichtige Arbeit der Aargauer (nicht Aarauer!) Gerichte zunichte machen?
      13 14 Melden
    • phreko 07.05.2018 21:50
      Highlight Das hat ja über die Zeit gewechselt: die Städte waren konservativ (die Patrizier wollten ihre Vorteile behalten) und das Land liberal. Besonders der West-Aargau als Untertanengebiet von Bern hatte null interesse daran, dass dies so bleibt. Erst Napoleon hat dieses System durchbrochen...
      3 0 Melden
    • Ständig am Rand 08.05.2018 08:34
      Highlight @phreko: Guter Punkt. So gesehen könnte Napoleon schon fast als Befreier des Aargaus (des Thurgaus, Tessins usw.) von den Gnädigen Herren bezeichnen, wobei es in der Schweiz natürlich schon vor seinem Einmarsch zünftig brodelte...
      1 0 Melden
  • ubu 06.05.2018 21:37
    Highlight Ein weiterer erhellender Beitrag des Landesmuseums. Danke!
    20 0 Melden
  • Ständig am Rand 06.05.2018 21:13
    Highlight Merci für diesen spannenden Artikel. Immer gut, die Helvetik aus anderer Perspektive zu sehen, als in den herkömmlichen Geschichtsbüchern:-)
    92 0 Melden
  • coronado71 06.05.2018 20:38
    Highlight Die Kooperation mit dem Nationalmuseum ist etwas vom Besten was watson.ch hat. Vielen Dank und weiter so!
    221 0 Melden

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