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History Porn: Geschichte in 30 Wahnsinns-Bildern, Teil XCVIII.

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History Porn Teil XCVIII: Geschichte in 30 Wahnsinns-Bildern

20.04.2024, 20:0721.04.2024, 17:59
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«History Porn, schau, ab sofort geht es viel zackiger, dich anzurufen!»

USA, 1963:

(Original Caption) The Touch-Tone Phone. Here's the old and the new in the way of telephones. The conventional rotary dial (left) is held up for comparison with the new pushbutton caller.
Bild: Bettmann

Das Drehscheibentelefon hat ausgedient, jetzt kommen die Druckknöpfe!

Emil Cardinaux' Schweiz-Poster

Bern, Schweiz, 1908:

Posters Designed by Emil Cardinaux in the Early 20th Century
Bild: vintag.es

Der Schweizer Maler Emil Cardinaux war ein Repräsentant der von Ferdinand Hodler geführten «Berner Schule», was sich gut in seinen rund 130 Plakaten erkennen lässt. Er malte im Auftrag von Tourismusvereinen und Hotels, für den Schokoladenproduzenten Tobler (Toblerone) und den Lastwagenhersteller Berna – für sie alle galt: «… Wer sich seines Pinsels versichern kann, darf auch der erhofften Werbekraft sicher sein.»

Woran man in London einst starb:

London, Grossbritannien, 1632:



Bild: reddit

1632 hatte London ca. 200'000 bis 350'000 Einwohner. Von registrierten 9584 Todesfällen (getaufte Frauen und Männer) in jenem Jahr kennt man die Ursache – oder hat zumindest die möglichen Umstände des Ablebens aufgeschrieben. Zwischen Symptomen und Krankheiten wurde dabei nicht klar unterschieden und während manche Tode ganz klar auf ein uns noch immer bekanntes Leiden zurückzuführen sind, wurden andere wie «Suddenly» (plötzlich) oder «Kil'd by several accidents» («durch mehrere Unfälle getötet) zwar äusserst schwammig formuliert, bleiben aber noch immer verständlich. Manche Fälle jedoch sind aus heutiger Perspektive ganz und gar rätselhaft, so wie «Cancer, and Wolf» (Krebs und Wolf) beispielsweise.

Deshalb gibt es hier die ganze Todesliste mit den entsprechenden Übersetzungen und Erklärungen:

  • Abortive, and Stillborn (445) = Fehl- und Totgeburten
  • Affrighted (1) = Angst, Schock, der vermutlich einen Herzanfall auslöste. Oder möglicherweise auch ein Delirium.
  • Aged (628) = Altersschwäche
  • Ague (43) = Schüttelfrost, Krankheit mit Fieber, bsp. Malaria
  • Apoplex, and Meagrom (17) = Schlaganfall und Migräne, starke Kopfschmerzen, die tödlich sein können, wenn sie durch einen Gehirntumor, eine Gehirnblutung, -erschütterung oder -schwellung ausgelöst werden.
  • Bit with a mad dog (1) = Biss eines tollwütigen Hundes
  • Bleeding (3) = Blutungen
  • Bloody flux, scowring, flux (348) = Blutiger Fluss, Dysenterie, blutiger Durchfall oder sonstiger, schwerer Durchfall, oft durch Krankheiten wie Cholera herbeigeführt.
  • Brused, Issues, sores and ulcers (28) = Verletzungen, Wunden und Geschwüre
  • Burnt, and Scalded (5) = Verbrennungen und Verbrühungen
  • Burst, and Rupture (9) = Platzen und Zerreissen (Ruptur meint einen Durchbruch, das Reissen einer Gewebsstruktur)
  • Cancer, and Wolf (10) = Krebs und Wolf; Wolf war im 17. Jahrhundert eine Metapher, ein zoomorpher Begriff für Krebs, weil die Krankheit die Betroffenen buchstäblich auffrass. Dieses Verständnis hatte in manchen Fällen sogar Einfluss auf die Therapie: Es kam vor, dass Ärzte rohes Fleisch auf ein krebsartiges Geschwür legten, damit der Wolf sich eine Weile daran laben konnte, anstatt weiterhin den Patienten zu fressen.
  • Canker (1) = bösartiges Geschwür, Krebs
  • Childbed (171) = Tod während oder kurz nach der Entbindung
  • Chrisomes, and Infants (2268) = Tod eines ungetauften Säuglings und Tod eines Säuglings im Alter von weniger als einem Monat.
  • Cold, and Cough (55) = Erkältung und Husten
  • Colick, Stone and Strangury (56) = Kolik, krampfhafte Kontraktionen, Bauchschmerzen, verursacht durch Blinddarmentzündung, Nieren-, Gallen-, oder Blasensteine oder gar eine Ruptur der genannten Organe, Strangurie meint die Krämpfe im Bereich der Harnröhre.
  • Consumption (1797) = Tuberkulose
  • Convulsion (241) = Krämpfe
  • Cut of the Stone (5) = Tod während oder nach der operativen Entfernung der Nieren- , Gallen- oder Blasensteine ohne Narkose und antiseptische Massnahmen.
  • Dead in the Street, and starved (6) = Tod auf der Strasse, verhungert, hierbei handelt es sich wohl um Obdachlose.
  • Dropsie, and Swelling (267) = Tröpfchenbildung und Schwellungen = Ödeme, Anschwellen eines Körperteils
  • Drowned (34) = Ertrinken
  • Executed, and Prest to death (18) = Hinrichtung, zu Tode gepresst
Eine Gravur der peine forte et dure, die einem Gefangenen zugefügt wurde (aus dem "Malefactor's register" von 1780)
Wer nicht gestand, wurde in europäischen Gefängnissen mit Steinen oder sonstigen schweren Gewichten zu Tode gepresst. In ganz Süd- und Südostasien war das Zerquetschen eines Straftäters durch Elefanten seit über 4000 Jahren üblich.Bild: wikimedia
  • Falling Sickness (7) = Epilepsie, weil die Betroffenen durch die krampfartigen Anfälle oft zu Boden gehen.
  • Fever (1108) = Fieber
  • Fistula (13) = Fistel, Geschwür
  • Flocks, and small Pox (531) = Floh und Pocken; Krankheiten, die Pusteln am Körper verursachen, auch Kuhpocken und Windpocken.
  • French Pox (12) = Syphilis
  • Gangrene (5) = Gangrän, Wundbrand, Gewebsnekrose, also das Absterben von Gewebe meist infolge von Blutunterversorgung, gelangen Bakterien ins Blut, stirbt man an einer Blutvergiftung (Sepsis).
  • Gout (4) = Gicht
  • Grief (11) = Trauer
  • Jundies (43) = Gelbsucht, Gelbfärbung von Haut und Augen, oft ein Symptom für Leberversagen
  • Jawnfaln (8) = gefallener Kiefer, Kiefersperre, Tetanus (Starrkrampf)
Bell, Charles; The Wounded following the Battle of Corunna: Tetanus Following Gunshot Wounds; The Royal College of Surgeons of Edinburgh; http://www.artuk.org/artworks/the-wounded-following-the-battle ...
Gemälde von Charles Bell, 1809, zeigt ein Tetanusopfer nach einer Schusswunde mit typischem Krampf in der Streckmuskulatur des Rückens (Opisthotonus). bild: wikimedia
  • Impostume (74) = Abszess, eine Eiterbeule, meist verursacht durch eine bakterielle Infektion
  • Kil'd by several accidents (46) = die oben erwähnten, rätselhaft bleibenden Unfälle
  • King's Evil (38) = früher Schwindsucht, heute Tuberkulose genannt, ist eine von Bakterien verursachte Infektionskrankheit. Wurden die Halsdrüsen befallen, sprach man von Skrofulose (lat. für Halsdrüsengeschwulst). Und diese, so glaubte man zwischen dem 13. Jahrhundert bis in die Frühe Neuzeit hinein in Frankreich und England, könne der rechtmässig gesalbte König durch blosses Handauflegen heilen. Ein entsprechendes Heilungsritual war in beiden Ländern auch Teil der Krönungsriten und wurde regelmässig, zeitweise gar täglich, an Kranken ausgeübt, die dafür oft aus weit entfernt liegenden Gebieten des Königreichs anreisten.
Heinrich IV. bei der traditionellen Zeremonie des königlichen „Hand­auflegens“ bei Skrofulose (Stich aus einem medizinischen Fachbuch, 1609)
Der französische König Heinrich IV. bei der traditionellen Zeremonie des königlichen «Hand­auflegens» bei Skrofulose; Stich aus einem medizinischen Fachbuch, 1609.Bild: wikimedia
  • Lethargie (2) = möglicherweise sind damit Depressionen gemeint.
  • Livergrown (87) = geschwollene, vergrösserte Leber, die Symptom ist von Krankheiten wie chronischer Alkoholismus, Hepatitis, etc.
  • Lunatique (5) = Wahnsinn, geistige Umnachtung
  • Made away themselves (15) = Suizid
  • Measles (80) = Masern
  • Murthered (7) = ermordet
  • Over-laid, and starved at nurse (7) = Unter «Überlagerung» versteht man die versehentliche Erstickung eines Kindes, indem man es im Schlaf überrollt. Was wohl, wenn es sich nicht um eine vertuschte Kindstötung handelte, besonders in armen Familien vorkam, die in sehr beengten Verhältnissen lebten und schliefen.
    «Verhungert beim Stillen» wiederum meint, dass unzureichende Muttermilch vorhanden war oder dass das Baby an einer Krankheit litt, die dazu führte, dass es nicht gedieh, nicht an Gewicht zunahm und starb, obwohl es gefüttert wurde.
  • Palsie (25) = Lähmung, Paralyse oder andere Muskelprobleme.
  • Piles (1) = Hämorrhoiden
  • Plague (8) = Pest
  • Planet (13) = auch bekannt als «planet-struck», jede sehr plötzliche schwere Krankheit oder Lähmung, die auf den Einfluss eines Planeten zurückgeführt wurde. Vergleichbar also mit dem Glauben, dass der Mond – lateinisch luna – Wahnsinn verursache, davon leitet sich der Begriff «lunatic» für eine irre Person ab.
  • Pleurisie, and Spleen (36) = Pleuritis ist eine Brustfellentzündung; dabei handelt es sich um eine dünne Haut, welche die Lungen überzieht und die Brusthöhle von innen auskleidet. Mit «Spleen» sind Milzerkrankungen gemeint.
  • Purples, and spotted Feaver (38) = Blutergüsse und Fleckfieber (meist von Läusen, aber auch von Milben, Zecken, Flöhen verursacht) oder Typhus (durch Salmonellen verursacht), mit dem das Fleckfieber oft verwechselt wurde, weil sich beide Krankheiten unter schlechten hygienischen Bedingungen in Kriegszeiten epidemieartig ausbreiteten und vergleichbare Symptome hervorriefen. Das Fleckfieber begünstigt zudem weitere Infektionen durch andere Bakterien, unter anderem Hirnhautentzündungen (Meningitis).
  • Quinsie (7) = Mandelentzündung, meist ausgelöst durch Bakterien (Streptokokken), die, wenn sie sich ungehemmt ausbreiten und einen Abszess bilden, in die Blutbahn geraten und eine tödliche Blutvergiftung (Sepsis) verursachen können.
  • Rising of the Lights (98) = Mit den Leichten (es hat nichts mit Licht zu tun) sind hier die Lungen gemeint, die aufgrund ihres geringen Gewichts ihren Namen bekamen. Etymologische Quelle ist die indogermanische Wurzel *lengh–, «leicht». Die Lunge war das einzige Organ, das nach dem Schlachten von Tieren oben auf dem Wasser schwamm. «Aufsteigen/Erheben der Leichten» hängt wiederum mit der Vorstellung zusammen, dass sich jene Luftorgane beim Husten in der Brust aufrichten. Es ist also wahrscheinlich von Atemwegserkrankungen die Rede, im Besonderen von Asthma und der Kinderkrankheit Krupp (heute ist dank entsprechender Impfungen hierzulande nur noch der Pseudokrupp im Umlauf), eine durch Viren ausgelöste Kehlkopfentzündung, die am schweren, bellenden Husten erkennbar ist und zum Erstickungstod führen kann.
  • Sciatica (1) = Ischialgie, vom Ischiasnerv ausgehende Rückenschmerzen, die wohl als Symptom einer anderen, tödlichen Krankheit zu verstehen sind, bspw. eine Wirbelsäulenentzündung oder ein Tumor.
  • Scurvey, and Itch (9) = Skorbut (Mundfäule), die Vitaminmangelkrankheit (besonders Vitamin C), die zwischen Kolumbus' Entdeckungsreisen und der Einführung der Dampfmaschinen während der Industriellen Revolution mehr als zwei Millionen Seeleuten das Leben kostete. «Itch» ist Juckreiz und bezieht sich wahrscheinlich auf Krätze, eine Hautinfektion, die durch wühlende, eierlegende und kotende Milben verursacht wird.
Die Hinfälligkeit des Körpers“, so heißt dieser mittelalterliche Stich von Hans Weiditz eines Krätze-Erkrankten
«Die Hinfälligkeit des Körpers» heisst dieser mittelalterliche Stich eines Krätze-Erkrankten von Hans Weiditz.Bild: wikimedia
  • Suddenly (62) = plötzlicher, unbekannter Tod
  • Surfet (46) = Überessen, Völlerei. Der direkte «Tod durch Überessen», oder aber man wurde nach überreichlichem Alkoholgenuss ohnmächtig und erstickte an seinem eigenen Erbrochenem. Zusätzlich könnte es sich hierbei auch um eine Bündelung von Todesarten handeln, die oft mit Übergewicht einhergingen: unbehandelte Diabetes beispielsweise, Cushing-Krankheit (zu viel Cortisol im Blut), Herzversagen usw.
  • Swine Pox (6) = Schweinepocken
  • Teeth (470) = tödliche Zahninfektion
  • Trush, and Sore mouth (40) = Mundsoor/Mundpilz (der auch den Genitalbereich befallen kann) und wunde Stellen im Mund.
  • Tympany (13) = Tympanie; Blähungen (auch Meteroismus genannt), verursacht durch übermässige Ansammlung von Luft bzw. Gas im Verdauungstrakt, die beim Klopfen auf die entsprechende Stelle ein hohles Geräusch verursacht. Tympanie entstammt dem altgriechischen tympanon, was «Trommel» bedeutet.
  • Tissick (34) = Husten, Atemschwierigkeiten, im Besonderen auch auf die Symptome der Lungentuberkulose bezogen, zu denen neben der üblichen Abgeschlagenheit auch ständiges Hüsteln ohne viel Auswurf gehört.
  • Vomiting (1) = Erbrechen
  • Worms (27) = Wurmbefall

Ottla Kafka

Ottla Kafka
Bild: reddit

Der berühmte Schriftsteller Franz Kafka hatte drei weniger berühmte Schwestern: Elli, Valli und Ottla. Er starb 1924 an Tuberkulose. Seine drei Schwestern in den Gaskammern der Nationalsozialisten.

Ottla war die jüngste und ihm liebste Schwester, eine Frau, die sich nicht ins Korsett ihrer Zeit einschnüren liess. Sie las den Blinden vor, war frühe Vegetarierin, erlernte die Landwirtschaft, trieb Sport und heiratete gegen den Willen ihres jüdischen Vaters einen Katholiken, mit dem sie zwei Töchter hatte. Ein Umstand, der sie, anders als ihre zwei Schwestern, vor einer Deportation schützte. Bis sie sich scheiden liess. Wohl, um als Jüdin ihre Familie nicht zu gefährden.

1942 wird Ottla nach Theresienstadt deportiert. Sie arbeitet als Fürsorgerin in einem Säuglingsheim, kann Briefe nach draussen schmuggeln und bekommt Pakete, deren Inhalt sie verschenkt.

Als am 7. Oktober ein Transport von Waisenkindern nach Auschwitz geht, meldet sich Ottla freiwillig als Begleiterin – und wird zusammen mit den Kindern vergast.

Und nochmal ein Cardinaux ...

Posters Designed by Emil Cardinaux in the Early 20th Century
Bild: vintag.es

David Hasselhoff von Vancouver

English Bay, Granville (damaliger Name von Vancouver), Kanada, ca. 1900:

Joe Fortes
Bild: wikimedia

Bevor Joseph Seraphim Fortes (1863–1922), ein junger Seemann karibischer Herkunft, zum ersten offiziellen Rettungsschwimmer von Granville wurde, betrieb er den ersten Schuhputzstand der Stadt. Später arbeitete er als Barkeeper und Portier in verschiedenen Hotels, ehrenamtlich aber betätigte er sich als Rettungsschwimmer und Schwimmlehrer. Tausenden von Kindern brachte er bei, sich über Wasser zu halten, bis er 1897 in Anerkennung seiner Dienste als Rettungsschwimmer angestellt wurde. Als solcher führte er auch Strandpatrouillen als Sonderpolizist durch. «Old Black Joe» oder «English Bay Joe», so nannten ihn die Einwohner, deren Respekt und Zuneigung sich der dunkelhäutige Mann entgegen allen herrschenden Vorurteilen verdient hatte.

Offiziell wird ihm die Rettung von 29 Menschenleben zugeschrieben, doch man geht davon aus, dass es in Wahrheit über hundert waren.

Und nun, ab nach St. Moritz mit Cardinaux:

Posters Designed by Emil Cardinaux in the Early 20th Century
Bild: vintag.es

Der Mann, der die Verbrecher vermass

Paris, Frankreich, um 1900:

Anthropometrisches Datenblatt (beidseitig) von Alphonse Bertillon (1853-1914), Pionier der wissenschaftlichen Polizei, Erfinder der Anthropometrie, erster Leiter des kriminaltechnischen Identifizierun ...
Anthropometrisches Datenblatt von Alphonse Bertillon, 1893.Bild: wikimedia

Um zum Vater des ersten geschlossenen Systems zur Personenidentifizierung zu werden und als solcher die wissenschaftliche Kriminalistik zu revolutionieren, musste Alphonse Bertillon klein anfangen; 1879 als Hilfsschreiber bei der Pariser Polizei-Präfektur, wo er hauptsächlich Beschreibungen straffällig gewordener Verbrecher auf Karteikarten zu übertragen hatte.

Dabei fiel ihm auf, dass der Nutzen jener Informationen höchst gering war. Es musste ein geordnetes System her. Eines, das auf der Einzigartigkeit jedes Menschen aufbaut. Auf dessen unverwechselbaren Körpermassen.

Und so begann er, die eingelieferten Untersuchungshäftlinge zu vermessen, hielt fest, wie gross sie waren, wie breit ihr Kopf, wie lang ihr rechtes Ohr, ihr linker Fuss waren. Seine Kollegen lachten ihn dafür aus, sein Chef drohte ihm mit der Kündigung, und sein Vater, bekannter und verehrter Arzt und Statistiker in der Stadt, war über sein Treiben entrüstet. Bis er das Potential in der Arbeit seines Sohnes schliesslich erkannte und ihm zu einem Posten an der Spitze der Präfektur verhalf.

Auszug aus Bertillons Identification anthropométrique (1893), mit grafischen Darstellungen der Vermessungen
Auszug aus Bertillons «Identification anthropométrique» (1893) mit grafischen Darstellungen der Vermessungen. Seine 11 abgenommenen Körpermasse waren: Körperlänge, Armspannweite, Sitzhöhe, Kopflänge, Kopfbreite, Länge des rechten Ohres, Breite des rechten Ohres (später Jochbeinbreite), Länge des linken Fusses, Länge des linken Mittel- und Kleinfingers und Länge des linken Unterarmes.Bild: wikimedia

Von dort aus startete Bertillon seine Versuche und merkte bald, dass die Identifizierung mit steigender Zahl der Körpermasse genauer wurde. Hatte er 11 Masse beisammen, betrug das Risiko einer Verwechslung 4'191'304 zu 1, was er für ausreichend hielt.

Als es ihm in der Testphase seines Verfahrens gelang, einen rückfällig gewordenen Straftäter auf Basis seiner Körpermasse zu identifizieren, lachte niemand mehr über ihn. Im Jahr 1884 identifizierte Bertillon mit seiner Methode 241 Mehrfachtäter – und wurde zum Leiter des polizeilichen Erkennungsdienstes befördert. Als solcher entwickelte er zusätzlich das Fahndungsfoto (Mugshots) – ein Frontal- und Profilporträt eines Verdächtigen – und kombinierte es mit weiteren individuellen Merkmalen (Tätowierungen, Narben, Charaktereigenschaften) der betreffenden Person. Die mit jenen zahlreichen Informationen versehenen Karten wurden nun systematisch abgelegt.

Das Bertillonsche System wurde von Polizeibehörden in ganz Europa und den USA übernommen, war jedoch sehr kostspielig und alles andere als einfach umzusetzen. Es verlangte den Beamten nicht nur sehr viel Zeit ab; die Messgeräte mussten regelmässig gewartet und neu kalibriert werden und ein geschultes Auge war für jene Präzision verlangende Arbeit zudem unabdingbar. Und dennoch schlichen sich Messfehler ein, es gab Unterschiede in der Messweise und die Messwerte eines Täters waren schliesslich kein fester Wert, da sie sich mit zunehmendem Alter ändern konnten.

Class on the Bertillon system in France in 1911
Frankreich, 1911: Das Bertillon-System wird gelehrt.Bild: wikimedia

Der Diebstahl der Mona Lisa aus dem Louvre im Jahre 1911 versetzte der Bertillonage schliesslich den Todesstoss. Denn der erst zwei Jahre später verhaftete Dieb Vincenzo Peruggia hatte zwar seinen linken Daumenabdruck, der bereits dokumentiert war, auf dem Schutzglaskasten des Bildes hinterlassen, man konnte ihn aber in dem Wirrwarr von Tausenden nach Körpermassen sortierten Karteikästen nicht finden.

Danach war klar: Die Fingerabdrücke sollten fortan die primäre Identifikation eines Kriminellen leisten. Und obwohl Bertillon entschiedener Gegner jenes Verfahrens war – er hielt es für ungenau –, gelang es ausgerechnet ihm selbst als Erstem in Europa, einen Mörder anhand seiner Fingerabdrücke zu identifizieren. Sturköpfig wie er war, liess ihn dieser Erfolg jedoch nicht davon abbringen, die Daktyloskopie weiterhin abzulehnen.

Die Bertillonage war Vergangenheit, beibehalten wurde einzig die Bestandsaufnahme der Täter-Merkmale, der Beschrieb der Narben und Tätowierungen, usw. – und das Fahndungsfoto.

Alphonse Bertillon (French, 1853
«Die Mörder» – aus dem Album «Pariser Tatorte».Bild: Digital Image: The Metropolitan Museum of Art, New York

Und selbstredend der systematische Einsatz der Fotografie zur Dokumentation von Tatorten und Beweismitteln, die ebenso Werk des strebsamen Polizisten waren.

Bertillon entwickelte eine Methode, die Orte des kriminellen Geschehens mit einer auf einem hohen Stativ montierten Kamera zu fotografieren und zu vermessen, bevor sie von den Ermittlern gestört wurden.

Folgende Bilder stammen aus Bertillons Album «Pariser Tatorte» (1901–1908), das wohl von einer Sekretärin angelegt wurde und vom Metropolitan Museum of Art frei zur Verfügung gestellt wird.

Album of Paris Crime Scenes
Attributed to Alphonse Bertillon (French, 1853–1914)
Tatort-Zimmer – aus dem Album «Pariser Tatorte»..Bild: Digital Image: The Metropolitan Museum of Art, New York

Ihr kennt ihn bereits ...

Posters Designed by Emil Cardinaux in the Early 20th Century
Bild: vintag.es

Tiergestützte Therapie

Ann Arbor, Michigan, USA, 1956:

Vintage-Fotografien von Kindern und Tieren in einem Krankenhaus in Michigan, das die Therapie durch Tiere fördert
04. Mai 2020 1950er Jahre, Tiere, Kinder & Jugend, Medizin, Michigan 
Im September ...
Bild: vintag.es

Im September 1956 besuchte der LIFE-Fotograf Francis Miller die Kinder des Universitätskrankenhauses in Ann Arbor, Michigan, um das Tiertherapieprogramm des Krankenhauses zu dokumentieren, das dort bereits seit über 30 Jahren in Betrieb war. Damals behandelte das Universitätsspital von Ann Arbor jährlich etwa 3000 Kinder nicht nur schulmedizinisch, sondern auch mithilfe von Tieren, um die Schmerzen und Ängste, aber auch die Einsamkeit ihrer kleinen Patienten zu lindern.

Die Bilder stammen vom LIFE-Fotografen Francis Miller.

Vintage-Fotografien von Kindern und Tieren in einem Krankenhaus in Michigan, das die Therapie durch Tiere fördert
04. Mai 2020 1950er Jahre, Tiere, Kinder & Jugend, Medizin, Michigan 
Im September ...
Bild: vintag.es
Vintage-Fotografien von Kindern und Tieren in einem Krankenhaus in Michigan, das die Therapie durch Tiere fördert
04. Mai 2020 1950er Jahre, Tiere, Kinder & Jugend, Medizin, Michigan 
Im September ...
Bild: vintag.es

Klein-Albert

Ulm, Königreich Württemberg, 1884:

fünfjähriger Albert Einstein
Bild: reddit

Der fünfjährige Albert Einstein – mit sicherlich mühevoll gebändigtem Haar.

Die Blitzkästen der Vergangenheit

Hondo, Texas, USA, 1944:

(Hondo), Texas
Bild: wikimedia

Oklahoma, 1920er:

Oklahoma, 1920er
Wer durch eine solch trockene, unbefestigte Strasse rast, beschert den Einwohnern dieser Kleinstadt eine gehörige Staub- und Schmutzwolke.Bild: reddit

Und nun, ab auf die Sihltal-Bahn!

Posters Designed by Emil Cardinaux in the Early 20th Century
Bild: vintag.es

Cowgirl – und Krankenschwester

Cheyenne, Wyoming, USA, 1917:

Mildred Douglas Riding Wild Steer, ca. 1917
bild: wikimedia

Mildred Douglas Chrisman reitet einen wilden Stier. Ein Cowgirl, das für Filme Pferde ritt und Löwen, Leoparden und andere wilde Tiere trainierte. Im Alter von 59 Jahren, nach dem Tod ihres Mannes, entschied sie dann, ihren anderen Traum zu verfolgen, und wurde Krankenschwester. Als solche brachte sie gern Fotos und Erinnerungsstücke aus ihrem früheren Leben mit, um sie ihren Mitarbeiterinnen und Patienten zu zeigen.

🐴🐴🐴

San Francisco, Kalifornien, USA, 1908:

Moving a house using horses. San Franciso, 1908.
Bild: via bored panda

Umzug eines ganzen Hauses mithilfe von Pferden.

Der Gotthard ruft!

Posters Designed by Emil Cardinaux in the Early 20th Century
Bild: vintag.es

Arnie forever

Los Angeles, Kalifornien, USA, 1977:

LOS ANGELES - CIRCA 1977: Austrian Bodybuilder Arnold Schwarzenegger lifts a barbell at the bottom of a pool as a topless girl swims by circa 1977 in Los Angeles, California. (Photo by Michael Ochs Ar ...
Bild: Michael Ochs Archives
History Porn
Uns erreichen immer mal wieder kritische Kommentare bezüglich des Namens dieses Formats. Wir können verstehen, dass es teilweise etwas respektlos anmuten mag, von geschichtlichen Tragödien in Verbindung mit dem Begriff «Porno» zu lesen. Wir haben uns aber an Reddit orientiert und lesen den Namen mehr als in Bildern erzählte, unzensierte Geschichte, die anregt und manchmal amüsiert, aber eben auch schockieren kann.
Mit «Porn» können im Englischen auch TV-Shows, Artikel oder eben Fotos gemeint sein, die ein übermässiges, unwiderstehliches Verlangen nach oder Interesse an etwas befriedigen sollen.

History Porn III

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History Porn Teil LXV: Geschichte in 23 Wahnsinns-Bildern
1 / 25
History Porn Teil LXV: Geschichte in 23 Wahnsinns-Bildern
Das Prudential-Hochhaus in Warschau war in den 30ern das höchste Gebäude der Stadt und das zweithöchste Europas. Während des Warschauer Aufstandes 1944 wurde es vom überschweren deutschen Mörser «Ziu» (VI) der Mörserserie Karl mit 2-Tonnen-Granaten beschossen. Was blieb, war das Stahlskelett, das fortan als beliebtes Motiv für Antikriegs-Plakate der Nachkriegszeit diente.
bild: reddit
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So sieht eine Pizza-Party im Weltall aus
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17 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Ichwillauchwassagen
20.04.2024 22:25registriert Mai 2019
History porn!
Mein liebster Watson spezial Teil.
So hätte Geschichte in der Schule noch mehr Spass gemacht.
Scheinbar hätte ein Studium in die Richtung doch Spass machen können aber nun, ich wurde Mechaniker 😊
Als Service Techniker habe ich wenigstens ab und zu die Möglichkeit irgendwo seltsame Museen zu besuchen und mich so zu bilden: Paläontologie, Frühgeschichte, Mittelalter mit Fokus auf Gericht und Strafen (wen interessiert Mode von damals)
Aber ein kompletter Mix von alledem kriege ich von Ihnen Frau Rothenfluh und dann haben wir teilweisen noch denselben Nachnahmen.
Vielen Dank dafür!
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Jackie Brown
20.04.2024 21:04registriert Oktober 2022
Herzlichen Dank an Anna für die spannenden Geschichten und Informationen aus der Vergangenheit!
Die Auflistung der Todesfälle fand ich sehr spannend! Es interessierte mich zu sehen, welche Krankheiten zu dieser Zeit aktuell waren.
Das Bild mit den Schwänen bei der Tiertherapie hat mich sehr gerührt.
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Lordkanzler-von-Kensington
20.04.2024 22:46registriert September 2020
Vielen Dank für den spannenden Wochenend-Lesegenuss.
Ich habe ein Faible für diese alten gemalten Tourismus-Plakate, es entführt einen in die Vergangenheit und es beflügelt meine Phantasie.
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Du salzt dein Essen immer nach? Darum solltest du es lassen
Wer sein Essen häufig nachsalzt, erkrankt eher an Magenkrebs. Eine Langzeitstudie der österreichischen MedUni Wien zeigt nun erstmals, dass sich dieses Risiko auch in den europäischen Krebsstatistiken niederschlägt.

Wie die kürzlich im Fachjournal «Gastric Cancer» publizierte Analyse zeigt, erkranken Menschen, die ihr Essen häufig nachsalzen, um 39 Prozent häufiger an Magenkrebs als jene, die den Salzstreuer bei Tisch nicht benutzen. Der Zusammenhang zwischen Salzkonsum und Magenkrebs ist für asiatische Länder bereits erwiesen.

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