Wie Verfechter der Telegonie die weibliche Sexualität kontrollieren wollen
Die moderne Esoterik verirrt sich immer öfter in spirituelle und geistige Sphären, die geprägt sind von magischem Denken und krudem Aberglauben. Die infizierten Exponenten schweben durch eine Parallelwelt, in der alles zur Wahrheit gefriert, was sie sich in ihrer Sehnsucht nach Erlösung erträumen. Ihr Bewusstsein ist geprägt von unrealistischen Wünschen, die aus Angst und Sehnsucht geboren wurden.
Viele User denken wohl, dass wir sie träumen und fantasieren lassen sollen, schliesslich würden sie ja niemandem wehtun. Doch das ist oft naiv und falsch verstandene Toleranz. Denn die esoterischen Ideen können gefährlich sein oder unheilvolle Auswirkungen zeigen.
Esoterische Auswüchse
Ein Beispiel solcher esoterischen Auswüchse ist die Telegonie. Viele Leserinnen und Leser werden denken: Telegonie, was ist denn das? Die Kurzform: Frühere Sexualpartner prägen Frauen und ihre Kinder unheilvoll und dauerhaft.
Der Glaube daran entstand in der Antike und wurde erst hinterfragt, als die Erkenntnisse zur Genetik den Unsinn entlarvten. Doch die moderne Esoterik kramte die Telegonie wieder aus der Mottenkiste.
Die Theorie der Telegonie besagt, Kinder würden genetisch von den früheren Sexualpartnern geprägt. Vor allem vom ersten. Konkret: Töchter und Söhne würden den genetischen Abdruck des ersten Liebhabers ihrer Mutter aufweisen. Mit anderen Worten: Kinder erhalten nicht nur genetische Einflüsse vom leiblichen Vater, sondern auch von Männern aus früheren Liebschaften.
Obwohl heute klar ist, dass diese Theorie so absurd ist wie der Glaube an den Storch, feiert die Telegonie in radikalen esoterischen Kreisen ein Revival. So befasst sich zum Beispiel die esoterische Beraterin Ivi Kappler mit der Telegonie.
Sie bezeichnet sich im Internet als Energetikerin, Coach und Bewusstseinstrainerin und bietet Matrix-Healing, Quantenheilung und Seelengespräche an. Dabei verwendet sie angeblich kosmische und universelle Gesetze.
In ihrem Video mit dem Titel «Genetische Fingerabdrücke und Einflüsse früherer Sexualpartner» fragt sie, weshalb sich manche Väter schwertun, ihre Kinder zu akzeptieren, und viele Frauen postnatale Depressionen entwickeln. Ihre Antwort: Sie würden spüren, dass fremde Gene eine Rolle spielten und das Baby nur teilweise ihr Fleisch und Blut sei.
Denn neben der DNA von Mutter und Vater würden sich auch frühere sexuelle Kontakte auf künftige Kinder auswirken. Diese würden sogar oft auch optische Merkmale der ersten Sexualpartner aufweisen. Eine Frau könne «ein Kind gebären mit dem energetischen und genetischen Abdruck ihres ersten Sexualpartners». Es seien etwa 70 Prozent. Professor Dorian Ski würde das Phänomen mit neuen Forschungen bestätigen.
Völkische Idee
Wie viele andere Verfechter der Telegonie zeigt auch Ivi Kappler eine rechte Schlagseite. Sie sagt im Video: «Meine Recherchen ergaben, dass die Telegonie-These von neonationalsozialistischen Vertretern wie Patock oder Wjatscheslaw Seewald herangezogen wird, um zu zeigen, dass die eigene Rasse bedroht sei. Patock zitiert zur Bestätigung die These aus den NS-Blutschutzgesetzen.»
Kappler führt weiter das Argument von Patock an, dass viele Männer antideutsch seien, weil ihre Mütter von Ausländern vergewaltigt worden seien. Zum Schluss verkündet die Esoterikerin, dass sich Leute, die sich von den telegonetischen Abdrücken befreien lassen möchten, bei ihr melden können.
Die Juristin und «Schwurbeljägerin» Linda Titze lässt auf Instagram einen Verfechter der Telegonie zu Wort kommen, um anschliessend seine irren Ideen zu zerpflücken. Seine zentrale Aussage lautet: «Stell dir mal vor, die ganzen Sexualpartner, mit denen du jemals zusammen warst, besonders der allererste, steckt noch in deinem Körper, in deinem Gehirn, in deiner DNA. Als Fremdenergie ist der ganze Kram noch vorhanden und belastet dich, weil du das unbewusst und unwissentlich weiter überträgst. Habe ich mir nicht ausgedacht, das ist ein Gesetz, ein Naturgesetz, das nennt sich Telegonie.» Die gute Nachricht sei, dass man diese Belastung auslöschen könne.
Idee wird kommerzialisiert
Was beim esoterischen Hype kaum überrascht: Inzwischen gibt es Seminare, Coachings und esoterische Beratung zum Thema Telegonie. Das Geschäft mit der Angst wird kommerzialisiert und kennt keine Grenzen.
Die Telegonie verfolgt eine misogyne Reinheitsidee, mit der Frauen kontrolliert und unterdrückt werden. Es ist keine Überraschung, dass die Idee vor allem im rechtsradikalen, verschwörungstheoretischen und völkischen Milieu propagiert wird.
Bezeichnend ist denn auch, dass die esoterische und völkische Anastasia-Bewegung die Idee vertritt. Sie basiert auf den erfolgreichen Büchern des russischen Esoterikers Wladimir Megre. In seinen weit verbreiteten Werken lässt er die fiktive sibirische Heilerin Anastasia auftreten, die ein spirituelles und esoterisches Weltbild zeichnet, in dem die Naturverklärung, der Ahnenkult, die spirituelle Reinheit, die völkische Idee und die Telegonie eine zentrale Rolle spielen.
Anhänger in der Schweiz
Anastasia hat auch in der Schweiz Anhänger, die das patriarchale Ideal hochhalten. Verfechter der Telegonie sind auch unter völkischen Gruppen wie den Reichsbürgern weit verbreitet.
Der Glaube an die Idee der Telegonie hat eine pseudoreligiöse Komponente. Die Vermischung mit radikalen politischen Ideologien führt zu einer toxischen Mischung, die die Gläubigen in eine verhängnisvolle Parallelwelt abrutschen lässt.
Mit seinem Blog bedient Hugo Stamm seit Jahren eine treue Leserschaft mit seinen kritischen Gedanken zu Religion und Seelenfängerei.
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