International
Kommentar

Sollten wir nach den Pariser Anschlägen von Israel lernen? Nein, sicher nicht

Kommentar

Sollten wir nach den Pariser Anschlägen von Israel lernen? Nein, sicher nicht

24.11.2015, 10:0124.11.2015, 11:22
William Stern
Folge mir
Mehr «International»

Die Politikwissenschafterin und Islamkritikerin Ayaan Hirsi Ali forderte kürzlich in einem Beitrag im «Wall Street Journal» Europa müsse von Israel lernen, um das «Krebsgeschwür des islamistischen Extremismus in seiner Mitte» auszurotten. Anstatt den jüdischen Staat im Nahen Osten zu dämonisieren, soll Europa von den Erfahrungen Israels Nutzen ziehen, so die prononcierte Kritik der Niederländerin. Der konservative israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu doppelte kurz darauf nach: Europa müsse im Umgang mit dem sogenannten «Islamischen Staat» nach Israel blicken – dort habe man effektive Methoden gegen den islamistischen Terrorismus entwickelt.

Tatsache ist, dass es in Israel seit langem keine grösseren Terroranschläge mehr gegeben hat. Die rigorosen Sicherheitsmassnahmen im jüdischen Staat haben Wirkung gezeitigt. Gleichzeitig ist die jüngste Anschlagsserie in Israel – Messerattacken von meist jugendlichen Arabern und Angriffe mit Fahrzeugen – aber auch Beweis dafür, dass dem Terrorismus mit Zäunen, Militärpräsenz und Geheimdienst-Technologie alleine kaum beizukommen ist. 

Israels Ministerpräsident Netanjahu: Eine gemeinsame Front gegen den sogenannten «Islamischen Staat».
Israels Ministerpräsident Netanjahu: Eine gemeinsame Front gegen den sogenannten «Islamischen Staat».
Bild: NIR ELIAS/REUTERS

Überdies ist der Preis für die Sicherheitsmassnahmen hoch – nicht nur in finanzieller Hinsicht. Die Vorkehrungen Israels, um seine Einwohner vor Hamas, «IS», Hisbollah, Kaida, Iran und den feindlich gesinnten arabischen Staaten im Nahen Osten zu schützen, schränken die Bürger in ihrer Freiheit empfindlich ein. Allerdings ist in Israel «die Bereitschaft, für Sicherheit zu leiden», wie die NZZ schreibt, wohl um einiges grösser als in Europa. Die Erfahrungen der Shoa, die chaotische Staatsgründung, der isolierte Status im Nahen Osten und das Leben im permanenten Kriegszustand beeinflussen das Abwägen zwischen Sicherheit und Freiheit wohl entscheidend.

Hinzu kommt, dass eine ganze Bevölkerungsgruppe marginalisiert wird. Für die 1.7 Millionen Araber ist das, was amerikanische Muslime nach 9/11 erlebten, seit langem schmerzhafte Realität. Misstrauische Blicke in der Öffentlichkeit, Schikane bei Polizeikontrollen und vor Gericht: De facto ist Israel in vielerlei Hinsicht eine staatlich verordnete Zweiklassengesellschaft, und eine solche kann eine aufgeklärt- demokratische westliche Welt nicht tolerieren.

Israels Sicherheitsmassnahmen

Denn: Was hiesse «von Israel lernen» konkret? Ein Blick auf die rigorosen Sicherheitsmassnahmen, die Israel seit der Staatsgründung 1948 prägen:

Israel
AbonnierenAbonnieren

Zäune 

Projektname «Hourglass» (Stundenglas): Ein 230 Kilometer langer Zaun an der Grenze zu Ägypten.
Projektname «Hourglass» (Stundenglas): Ein 230 Kilometer langer Zaun an der Grenze zu Ägypten.
bild: wikimediacommons

Israel hat sich weitgehend abgeschottet. Im Norden, wo das Land an den notorisch instabilen Libanon und an das bürgerkriegsversehrte Syrien grenzt, stehen Zäune und Stacheldraht. An der Grenze zu Jordanien wurde vor kurzem mit dem Bau eines neuen Zauns begonnen, das Tote Meer und den See Genezareth verbindet eine Zaunanlage und im Süden trennt ein 230 Kilometer langer Zaun Israel vom Nachbarland Ägypten.

Militarisierung der Gesellschaft

Israelische Sicherheitskräfte während einer Personenkontrolle in West-Jerusalem.
Israelische Sicherheitskräfte während einer Personenkontrolle in West-Jerusalem.
Bild: JIM HOLLANDER/EPA/KEYSTONE

Israel steht unter Waffen: Für Männer und Frauen gilt die allgemeine Wehrpflicht, ausgenommen sind nur arabische Israeli sowie schwangere Frauen. Seit einem Jahr müssen auch orthodoxe Juden Wehrdienst leisten. Die Sollstärke der Armee beläuft sich auf 176'000 Soldaten, zusätzlich können über 550'000 Reservisten aufgeboten werden.

Soldaten und private Sicherheitskräfte sind in Israel ein alltägliches Bild: An allen neuralgischen Punkten sind sie postiert. In der Jerusalemer Altstadt, dem religiösen Schmelztiegel, wo regelmässig ultraorthodoxe Juden mit palästinensischen Demonstranten aneinandergeraten, sind schwerbewaffnete Sicherheitskräfte neben Ramschhändlern ein Sujet für Touristen.

Metalldetektoren 

Metalldetektor am Jaffa Gate, einem der sieben Zugänge zur Jerusalemer Altstadt.
Metalldetektor am Jaffa Gate, einem der sieben Zugänge zur Jerusalemer Altstadt.
Bild: JIM HOLLANDER/EPA/KEYSTONE

Schulen, Universitäten, Einkaufszentren, Bibliotheken, Vergnügungstempeln: Ohne Metalldetektoren geht hier nichts. Das Sicherheitsprozedere führt dazu, dass alltägliche Verrichtungen oft zeitraubend sind. Das selbe Bild zeigt sich auch am grössten Verkehrshub des Landes: Dem Ben-Gurion-Flughafen. Reisende werden hier rigorosen Sicherheitsmassnahmen unterzogen. Mehrstündige Befragungen bei Verdachtsmomenten sind Usus. 

Angriff auf Paris
AbonnierenAbonnieren

Geheimdienstmassnahmen

Die Cyber-Tech-Branche in Israel boomt – nicht zuletzt im Sicherheitsbereich. Israelische Firmen haben sich einen Namen gemacht, weltweit greifen Staaten und Unternehmen auf israelisches Know-How zurück. Der Geheimdienstapparat gilt aus ausgezeichnet vernetzt, internationale Beobachter attestieren ihm hervorragende Arbeit. Entsprechend kostspielig gestaltet sich das Ganze: Jährlich gibt der israelische Staat über zwei Milliarden Dollar aus, in den sieben Amtsjahren von Netanjahu als Ministerpräsident sind die Budgets der beiden Geheimdiensten Shin Bet (Inland) und Mossad (Ausland) um 60 Prozent gestiegen. (wst)

[10.11.15, dhr] Der Nahostkonflikt

Alle Storys anzeigen
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Das könnte dich auch noch interessieren:
21 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Louie König
24.11.2015 10:14registriert Juni 2014
Danke für diesen Artikel. Wenn Rabin damals nicht erschossen worden wäre, sähe es heute in Israel wohl auch ganz anders aus, es hätte die Weltgeschichte massgeblich verändert. Sich Israel zum Vorbild zu nehmen finde ich eine sehr kurzsichtige Forderung. Eine ganze Bevölkerungsgruppe unter Generalverdacht zu stellen widerspricht meinem Verständnis einer freien Welt grundlegend. Ich hoffe, dass unsere Politiker nicht diesen Fehler begehen werden.
5029
Melden
Zum Kommentar
avatar
Wilhelm Dingo
24.11.2015 21:02registriert Dezember 2014
Und warum nun 'sicher nicht' von Israel lernen? Ein leichtes Update unserer Polizei und Geheimdienst Fähigkeiten wären dringend nötig, es muss ja nicht gleich wie in Israel sein.
3010
Melden
Zum Kommentar
avatar
Zeit_Genosse
24.11.2015 17:36registriert Februar 2014
Wer sind wir, wenn wir über etwas da draussen urteilen, das wir zum Glück nicht selbst erlebt haben oder aktuell müssen. Ich masse mir trotz sicherer Geschichtskenntnisse kein abschliessendes Urteil zu.

Wir erleben ja in der Schweiz ohne das etwas passiert ist bereits eine militarisierende Rhetorik als Momentum der Politik und ängstlicher Kreise. Hinschauen: ja, lernen: ja, urteilen: mit Vorsicht.
212
Melden
Zum Kommentar
21
Irans Angriff auf Israel: Ein geopolitisches Erdbeben
Irans direkter Angriff auf Israel könnte nicht nur die ganze Region in einen Krieg stürzen, sondern auch zu globalen Verwerfungen führen. Joe Biden steht vor der schwierigsten Entscheidung seiner Präsidentschaft.

Die wohl einzige gute Nachricht an diesem Samstag war: Israel, die USA, Grossbritannien und die anderen Verbündeten schienen gut informiert gewesen zu sein. Schon Tage zuvor wurden die Warnungen der Amerikaner vor einem Schlag Irans gegen Israel konkreter. Und Stunden bevor in Washington die ersten Meldungen zu den hundertfachen iranischen Drohnen- und Raketenangriffen eintrafen, kündigte das Weisse Haus an, der US-Präsident werde seinen Wochenendurlaub Rehoboth Beach, im nahegelegenen Bundesstaat Delaware vorzeitig abbrechen.

Zur Story