Wissen
History

Schloss Waldegg und Palais Besenval: Versailles und Paris in Solothurn

Schloss Waldegg, kolorierter Kupferstich von Louis-Joseph Masquelier nach einer Zeichnung von Nicolas Pérignon, um 1780.
Schloss Waldegg, kolorierter Kupferstich von Louis-Joseph Masquelier nach einer Zeichnung von Nicolas Pérignon, um 1780.Bild: Schloss Waldegg

Als die Solothurner Gnädigen Herren in Klein Versailles wohnten

Kurt Messmer / Schweizerisches Nationalmuseum
Mehr «Wissen»
Die Zeit der Gnädigen Herren ist längst abgelaufen, aber ihre Paläste haben sich erhalten und erinnern an eine Gesellschaft, in der man auch hierzulande als Herr oder als Untertan geboren wurde. 
26.03.2018, 12:1127.03.2018, 06:09

«Er wölle, das der tüffel den herrn schultheissen Pfyffer mitt sinen schloss hette», rief Heini Lehmann 1578 in Luzern aus, «wo er nitt so manchem gutten frommen knecht in Franckrych das syn verschleifft und aberschellmet, wurde er nit allso schlösser buwen, wie er aber thüye». 

Übersetzung Lehmann/Pfyffer

Ludwig Pfyffer, der «Schweizerkönig», hatte kurz zuvor in Altishofen einen Landsitz erbauen lassen. Auch nach einem Gerichtshändel liess sich Pfyffer von Heini Lehmann nicht abhalten. 1588 kaufte er von den Feer, ehemals Fährleute, das Wasserschloss Wyher bei Ettiswil. 

Hier bloggt das Schweizerische Nationalmuseum
Drei Museen – das Landesmuseum Zürich, das Château de Prangins und das Forum Schweizer Geschichte Schwyz – sowie das Sammlungszentrum in Affoltern am Albis sind unter dem Dach des Schweizerischen Nationalmuseums vereint.
Im Blog veröffentlichen Mitarbeiter des Nationalmuseums und renommierte Gastautoren Beiträge zu aktuellen Themen. watson übernimmt in loser Folge ausgesuchte Perlen daraus. Der Beitrag «Versailles und Paris in Solothurn» erschien am 16. März 2018. 
blog.nationalmuseum.ch/2018/03/versailles-und-paris-in-solothurn/

Bereits seit der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts gehörte der Besitz von Schlösslein und Herrschaften zur Gründung einer Familiendynastie. Die ländlichen Führungsschichten standen dabei den städtischen Ehrbarkeiten kaum nach.

History
AbonnierenAbonnieren

In Graubünden erwarben die über 50 Bauerngeschlechter, die vor und nach 1500 zu Macht und Reichtum aufstiegen, fast allesamt einen alten Ritterturm. Diese Bauten waren zwar unwohnlich, dazu militärisch längst wertlos, dennoch geriet der Kauf solcher Statussymbole im Bündnerland zur Epidemie. 

1 / 6
Schloss Waldegg
Schloss Waldegg bei Solothurn, erbaut 1682–1686 im Auftrag von Schultheiss Johann Viktor I. von Besenval. (bild: schloss waldegg)
quelle: schloss waldegg
Auf Facebook teilenAuf X teilen

In Frankreichs Sonnenstrahlen

Steiler geht’s kaum. Die Besenval stammten aus Savoyen, erwarben spät, erst 1629, das Solothurner Bürgerrecht, stellten aber bereits in zweiter Generation den Schultheissen. Ein Mechanismus setzte ein, wie er in Soldpatriziaten üblich war: Weil die Besenval in der eigenen Stadt Einfluss hatten, wurden sie für ausländische Mächte wichtig – und weil sie im Ausland etwas galten, wuchs ihre Macht wiederum in der eigenen Stadt, wie die folgende Liste andeutet: politische Ämter jeglicher Gattung, Salzmonopol, Vermittlung von Söldnern, erfolgreiche Heiratspolitik, Erwerb von Immobilien und Herrschaften, Führung der französischen Partei Solothurns, französischer Ritterstand, eigene Kompanie und eigenes Regiment im Dienste Frankreichs, Erhebung zu französischen Baronen. Was Wunder, dass der Solothurner Schultheiss 1686 einen Sommersitz bauen liess, der sich an Versailles orientierte: Schloss Waldegg. 

Klein Versailles an der Aare

Unter den drei Dutzend Landsitzen rund um Solothurn ist die Waldegg der fürstlichste. Die Länge der Gartenfassade von 78 Metern mag sich neben den 570 Metern von Versailles eher bescheiden ausnehmen. Aber die Waldegg wäre von Victor Hugo auch nicht gleich wie Versailles als «eine einzige Höflingskaserne» bezeichnet worden. Ein grosser Mittel- und zwei kleine Seitenpavillons treten aus dem langgestreckten, symmetrischen Gebäudekomplex hervor, seitlich je ergänzt mit zweigeschossigen Galerieflügeln, eingefasst mit Ecktürmchen.

Das verschafft dem Bau eine imposante Fassadenkulisse mit bewegter Dachsilhouette, passend dazu der französische Garten mit seiner strengen Geometrie. Barock als Gesamtkunstwerk. Besucht wurde die Waldegg zeitweise auch von französischen Ambassadoren – nachvollziehbar. Dass dies den Geschäften der Besenval nicht abträglich war, leuchtet ebenfalls ein. 

1 / 7
Palais Besenval
«Hôtel entre cour et jardin», Palais Besenval (1703–1706), Solothurn. (bild: palais besenval)
quelle: palais besenval
Auf Facebook teilenAuf X teilen

«Der allhiesigen Statt eine Zierd»

Der Vater liess einen prächtigen Sommersitz bauen, seine beiden Söhne, Johann Viktor II. Besenval (1671–1736) und Peter Joseph Besenval (1675–1736), holten 1706 mit einem Stadtpalais ein Stück Paris nach Solothurn. Der Bauplatz an der Aare war prominent, allerdings eng. Das Palais Besenval entsprach einem Bautyp, wie er vom französischen Adel im 17. Jahrhundert für Stadtresidenzen entwickelt wurde. Typisch war, dass sich das Wohnhaus zwischen einem Zufahrts- oder Ehrenhof und einer Gartenanlage befand.

Das «Hôtel entre cour et jardin» der Besenval gehört in der Schweiz zu den frühesten Beispielen seiner Art und machte Furore. Noch im 19. Jahrhundert war es in Solothurn der «neue Bau». Er erzählt von einem rasanten Aufstieg, doch bereits 1736 begann für die Besenval der Abstieg. Sie hatten ermöglicht, dass unzählige Söldner in französische Dienste zogen. 1798 wechselten Vorzeichen und Richtung: Französische Revolutionsheere marschierten in die Schweiz ein. Egalité. Die Menschen werden nicht in einen Stand geboren, sondern sind von Natur aus frei und besitzen unveräusserliche Rechte. C’est ça.

«Mine Gnädigen Herren»
In mehreren Wochenserien präsentiert der Historiker Kurt Messmer auf blog.nationalmuseum.ch den Weg der Schweiz vom Feudalismus in die Demokratie. 
Das historische Menü dieser Woche: Schauplatz Eidgenossenschaft – vom «alten Adel» zum «neuen Adel».

1415 statt 1291? Ein historischer Kick
Die Eroberung des Aargaus bescherte den Eidgenossen die erste gemeinsame Verwaltungsaufgabe. Seit 1415 rückte man näher zusammen.

• Aufstieg zur Macht, Version «CH»
Geld machte es möglich: Wie Händler, Fährleute und Schneider adelig wurden. Die Diesbach-, Feer- und Pfyffer-Saga. 

Familienherrschaft, wie funktionierte das?
Ob in Bern, Luzern oder Zürich: Die «Gnädigen Herren» bestimmten, wer in ihren exklusiven Kreis aufgenommen wurde. 

• Adel, Klerus, 3. Stand – alles Mutzen
Das Selbstverständnis der «wohledelfesten» Republik Bern – um 1680 bildhaft vor Augen geführt von der allegorischen Berna. 
>>> Weitere historische Artikel auf: blog.nationalmuseum.ch

Geschichte – die Vergangenheit lebt!

Alle Storys anzeigen

Hamid und Mohammad besichtigen das Schloss Zwingen in Basel

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Das könnte dich auch noch interessieren:
5 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Juliet Bravo
26.03.2018 14:14registriert November 2016
Kompliment und Merci an die Blogger des Landesmuseums - und an Watson für die Verbreitung dieser Texte! Ich lese es immer sehr gerne.
670
Melden
Zum Kommentar
avatar
ubu
26.03.2018 15:42registriert Juli 2016
Die Blog-Texte sind immer ein Highlight.
390
Melden
Zum Kommentar
5
Archäologische Funde zeigen, dass frühe Siedler Hunde assen
In den frühen Kolonien Nordamerikas herrschte ein harter Überlebenskampf. Archäologische Funde offenbaren eine schockierende Praxis der Siedler.

In Notsituationen tun Menschen Dinge, die sie sonst wahrscheinlich nie machen würden. Ein Extrembeispiel dafür war der Absturz des Fluges 571 in den Anden, bei dem die Überlebenden schliesslich die Todesopfer essen mussten, um nicht zu verhungern.

Zur Story