Die teuerste Spielkonsole aller Zeiten feiert ihren 30. Geburtstag
Wir befinden uns in den frĂŒhen 90ern, in der obersten Etage des Warenhauses Jelmoli in Bern. Dort waren nicht nur die neusten Spielsachen vorhanden, sondern auch ganz zuhinterst eine kleine aber feine Videospielabteilung, welche die Blicke bei jedem Besuch auf sich zog.
Gross, schwarz, sehr teuer
Nebst den ĂŒblichen VerdĂ€chtigen aus dem Hause Nintendo und Sega stand da in einer verschlossenen Vitrine eine schwarze riesige Konsole mit der Aufschrift Neo Geo. Daneben lag ein Controller, der etwa so gross wie ein Mega Drive war. Doch statt den ĂŒblichen Knöpfen und Steuerkreuz hatte diese Steuereinheit einen wuchtigen SteuerknĂŒppel, wie wir ihn damals nur aus den Spielhallen kannten.
Gross und wuchtig waren auch die SpielehĂŒllen, die in der Vitrine schön aufgereiht prĂ€sentiert wurden. Kein Wunder, denn die Module konnten bis zu 716 MBit platzieren. Das war damals eine unglaublich grosse Datenmenge. Beim Anblick der Preisschilder stockte einem der Atem. Die Konsole mit einem Joystick kostete alleine um die 1000 Franken. Die einzelnen Spiele verschluckten zwischen 400 und 700 Franken. Nein, leisten konnte sich das Teenie-Ich diese wuchtige Hardware nie und nimmer. Doch die Faszination fĂŒr diese exklusive Hardware ist auch bis heute noch ungebrochen.
Aus einer Idee wurde ein Kult
Die japanische Firma SNK hatte in den spĂ€ten 80er Jahren eine Idee: Spielhallenbesitzer mussten damals stĂ€ndig komplette Arcade-Automaten einkaufen, wenn sie ein neues Spiel den Kundinnen und Kunden prĂ€sentierten wollten. Damit nicht immer die komplette Hardware ausgetauscht, sondern immer nur ein neues Spielmodul eingefĂŒgt werden konnte, entwickelte SNK das Neo Geo MVS-GerĂ€t. Mit diesem Multi Video System war es sogar möglich, dass man je nach Typ bis zu sechs verschiedene Spiele gleichzeitig platzieren konnte. Dadurch sparten die Spielhallenbetreiber nicht nur Geld, sondern auch Zeit.
SNK ging noch einen Schritt weiter: Das ganze Videospielsystem bekam zusĂ€tzlich eine Heimversion. Das Neo Geo AES (Advanced Entertainment System) war dazu gedacht die damals opulenten Spielhallentitel auch im heimischen Wohnzimmer zu konsumieren. In einer Zeit als man Filme noch auf VHS in Videotheken auslieh, entschied man sich dafĂŒr, das Neo Geo AES in erster Linie in solchen LĂ€den zu verleihen. Da viele Japaner so sehr von dieser einzigartigen Konsole begeistert waren, griffen sie tief in den Geldbeutel und kauften das GerĂ€t gleich fĂŒr sich selber.
Das Neo Geo AES blieb vorerst eine Japan-Konsole. Doch schnell wurden auch die Amerikaner auf dieses exklusive GerÀt aufmerksam, das SpielhallentrÀume verwirklichen konnte. Dann war es nur noch eine Frage der Zeit, bis auch in Europa die ersten Konsolen zum Kauf angeboten wurden. Den Massenmarkt konnte SNK in unseren Breitengraden nie erreichen, aber es fanden sich durchaus einige KÀufer, die bereit waren sehr viel Geld auszugeben, um Arcade-Feeling pur im Wohnzimmer zu bekommen.
Ein Paradies fĂŒr PrĂŒgelspielefans
Neo Geo bot hauptsĂ€chlich schnelle Actionspiele. Vor allem die in den 90er-Jahren sehr beliebten PrĂŒgelspiele waren hier stark vertreten. Nachdem Capcom mit «Street Figher 2» einen riesigen Erfolg verbuchen konnte, schossen Ă€hnliche Titel wie Pilze aus dem Boden. Auf diesen Zug sprang SNK sofort auf und warf ein PrĂŒgelspiel nach dem anderen auf den Markt.
«Fatal Fury», «Art of Fighting» oder «King of Fighters», waren auf den ersten Blick zwar simple «Street Fighter 2»-Klone, doch mit der fĂŒr damalige VerhĂ€ltnisse atemberaubenden Grafik und Verfeinerungen des Gameplays waren sie das Nonplusultra der Beatâem Up-Szene. Wenn man zu jener Zeit in den diversen Videospielzeitschriften die Screenshots sah, wurde das Verlangen nach dieser Konsole noch grösser. SNK schuf schlicht ein Paradies fĂŒr PrĂŒgelspielefans.
Lange, laaange Ladezeiten
SNK bemerkte natĂŒrlich, dass sich die ursprĂŒngliche Neo Geo-Version durch den sehr hohen Preis nie so zahlreich verkaufen konnte, wie die Konkurrenz-Produkte. So brachte die Firma 1994 die Spielkonsole Neo Geo CD auf den Markt. Die Spiele auf CD waren mit der Modulversion fast alle identisch und konnten nun auch fĂŒr massiv weniger Geld zuhause gespielt werden.
Doch die CD-Konsole hatte ein Problem: Das GerĂ€t besass einen Speicher von nur 7 MB. Dadurch kam es stĂ€ndig zu sehr langen Ladezeiten. Dies wirkte sich auch erheblich auf den Spielfluss aus. Das sprach sich natĂŒrlich sehr schnell herum und die Konsole wurde zum LadenhĂŒter. Auch wenn es spĂ€ter noch eine technisch aufgemotzte Version gab, wollte sich Neo Geo CD einfach nicht verkaufen. Zumal auch die Konkurrenz ihre CD-Konsolen auf den Markt brachte, die technisch doch etwas ausgefeilter waren.
In der Animationsserie «Hi Score Girl» bekommen die langen Ladezeiten sogar einen Ehrenplatz...
SNK zog sich zurĂŒck, aber...
Trotz Hardware-RĂŒckschlag liess es sich SNK nicht nehmen und wollte 1998 den Handheld-Markt erobern. Aber Neo Geo Pocket blieb ein NischengerĂ€t. Der Nachfolger Neo Geo Pocket Color stand zwar technisch besser da, konnte auf dem Massenmarkt aber auch keine Wurzeln schlagen. Nach dem Jahr 2000 zog sich SNK schliesslich vom damaligen Hardware-Markt langsam zurĂŒck.
Die Marke Neo Geo blieb dennoch am Leben. Noch heute gibt es viele Fans, die versuchen ihre Kollektion zu vervollstĂ€ndigen und bezahlen dafĂŒr hohe Sammlerpreise. Auch wenn es nach wie vor ein Nischending ist, beim Begriff Neo Geo erinnern sich sehr viele Freundinnen und Freunde von Telespielen an den exklusiven Videospielkult von damals.
Ja, Neo Geo wurde zu einem Kult, bei dem vor allem Retro-Fans glĂ€nzende Augen bekommen und mit dem in den letzten Jahren immer wieder versucht wurde Geld zu verdienen. Ende 2012 erschien somit das Neo Geo X, eine sehr schicke Handheld-Variante mit etwa 20 vorinstallierten SNK-Games darauf. FĂŒr Sammler und Fans der Marke wahrlich ein Fest.
2018 kam das Neo Geo Mini auf den Markt. Eine Minikonsole in der Form eines kleinen Spielautomaten, wo ebenfalls SNK-Games auf ihre Wiederentdeckung warteten. Auch hier mussten Fans eine FreudentrĂ€ne unterdrĂŒcken. Aber im Vergleich zur Nintendo-Konkurrenz konnten viele mit dieser kuriosen Mini-Hardware nichts anfangen.
JĂŒngst wurde noch der Neo Geo Arcade Stick Pro auf den Markt geworfen. Auch hier sind diverse SNK-Titel bereits vorinstalliert. Das Besondere: Die Konsole ist ein einzig grosser Joystick und somit Hardware und Steuereinheit in einem.
Aber damit nicht genug: Bereits im letzten Jahr wurde die Information im Netz verbreitet, dass eine Neo Geo-Nextgen-Konsole offiziell in der Entwicklung ist. Genaue Details sind noch unbekannt, aber schon bei dieser simplen Nachricht geht der Fan-Puls steil nach oben.
Pures Gold in unseren Augen
Die Neo Geo-Konsole hat in der Geschichte der Videospiele nĂŒchtern betrachtet kaum eine grosse Bedeutung. Das mag der eine oder andere Hardcore-SNK-Fan natĂŒrlich anders sehen, aber die Luxuskonsole war nie fĂŒr den Massenmarkt gedacht und konnte nur etwas mehr als eine Million Exemplare absetzen.
Dennoch hat diese Ăberkonsole der 90er-Jahre ihre kleinen Spuren hinterlassen. Sie war u.a. die erste Spielkonsole mit einem Memory-Card-Slot. Eine wichtige Bedeutung kommt der Konsole aber im Hinblick auf das Beatâem Up-Genre zugute. Was SNK den PrĂŒgelspielefans jahrelang prĂ€sentierte, war schlicht ein Traum. Die vielen wundervoll schrĂ€gen Charaktere, die abstrusen Fighting-Geschichten, die KĂ€mpfer und KĂ€mpferinnen in den Ring zogen, die wahrlich atemberaubende Optik und knackige Haudrauf-Effekte, das war damals pures Gold in unseren Augen.
Egal ob man sich dieses StĂŒck Hardware leisten konnte oder nur via Videospielzeitschriften davon erfuhr, die Neo Geo-Konsole war ein Traum, die auch heute noch von ihrer Faszination nichts verloren hat.
