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6 Indizien dafür, dass der IS schwächer ist, als wir dachten



US-Aussenminister John Kerry hat am Mittwoch bei einem Treffen mit Frankreichs Präsident François Hollande den Erfolg im Kampf gegen den IS beschworen. «Daesh wird grösseren Druck spüren. Sie spüren ihn bereits jetzt.» Tatsächlich mehren sich die Anzeichen, dass das Terror-Kalifat in Syrien und im Irak empfindliche Rückschläge erleidet. Die Luftschläge, die Frankreich als Vergeltung auf die Anschläge am Freitag führte, sind nur ein Grund dafür. 

Kurdisch-Arabische Koalition

A volunteer from the Yazidi sect who have joined the Kurdish peshmerga forces poses for a photograph in the town of Sinjar, Iraq November 16, 2015. Before it was overrun by Islamic State, Sinjar and the surrounding villages were home to about 200,000 people, mainly Kurdish and Arab Muslims - both Sunni and Shi'ite - as well as Christians and Yazidis, a faith that combines elements of several ancient Middle Eastern religions. Now the town is largely deserted. But in a row of houses used by Islamic State fighters, there were signs of recent occupation: a smell of rotting food, and foam mattresses and pillows laid on the floor. Picture taken November 16 2015. REUTERS/Azad Lashkari

Jesidischer Kämpfer in der zerstörten Stadt Sindschar (16. November).
Bild: AZAD LASHKARI/REUTERS

Nach dem Scheitern der US-Pläne, ein Kontingent an arabischen Kämpfern aufzustellen, zu trainieren und als Speerspitze im Kampf gegen den IS einzusetzen, richtete die USA ihre Aufmerksamkeit auf ein Zusammengehen von kurdischen und arabischen Kräften. Unter dem Namen «Demokratische Kräfte Syriens» formierte sich im Oktober eine Koalition von YPG-Kämpfern, arabischen und christlichen Milizen. Die Koalition trägt Früchte: Vor einer Woche wurde die strategisch wichtige Stadt Sindschar von kurdischen und jesidischen Kräften zurückerobert. 

Hauptstadt unter Beschuss

FILE -- In this file photo released May 14, 2015 by a militant website, which has been verified and is consistent with other AP reporting, a member of the Islamic State group's vice police known as

Verlesung eines Gerichtsbeschlusses in Rakka (August 2014): Das Leben in der syrischen Metropole ist für viele die Hölle.
Bild: AP/Militant Website

Die inoffizielle IS-Kapitale Rakka war in den vergangenen Tagen Ziel heftiger Bombardements von französischen und russischen Streitkräften. Laut der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte wurden während den dreitägigen Angriffen 33 IS-Kämpfer getötet. Für den IS, der nach jüngsten Schätzungen noch immer auf ca. 30'000 Kämpfer zählen kann, ein verschmerzbarer Verlust. Wichtiger dürfte die Symbolkraft der Flucht höherer IS-Chargen sein: Als Reaktion auf die Luftschläge haben sich mehrere hohe Kommandanten nach Mosul abgesetzt. Kurdische und arabische Kräfte stehen zudem nur noch 48 Kilometer von Rakka entfernt und haben wichtige Versorgungsrouten gekappt. 

Nachwuchsprobleme beim IS

A man (C) identified in the subtitiles as Al Karar the Iraqi, an Islamic State fighter, gestures as he speaks at an undisclosed location in this image taken from undated video footage released by Islamic State. Islamic State warned in the new video on November 16, 2015 that countries taking part in air strikes against Syria would suffer the same fate as France, and threatened to attack in Washington. The video, which appeared on a site used by Islamic State to post its messages, begins with news footage of the aftermath of Friday's Paris shootings in which at least 129 people were killed. REUTERS/Social Media Website via Reuters TVATTENTION EDITORS - THIS PICTURE WAS PROVIDED BY A THIRD PARTY. REUTERS IS UNABLE TO INDEPENDENTLY VERIFY THE AUTHENTICITY, CONTENT, LOCATION OR DATE OF THIS IMAGE. THIS PICTURE IS DISTRIBUTED EXACTLY AS RECEIVED BY REUTERS, AS A SERVICE TO CLIENTS. FOR EDITORIAL USE ONLY. NOT FOR SALE FOR MARKETING OR ADVERTISING CAMPAIGNS. NO RESALES. NO ARCHIVE.

IS-Kämpfer auf einer undatierten Aufnahme: Die Terrormiliz ist dazu übergegangen, Jugendliche in waffenfähigem Alter registrieren zu lassen.
Bild: REUTERS TV/REUTERS

Für viele Sunniten in syrischen oder irakischen Territorien war der Islamische Staat lange das kleinere Übel. Vor die Wahl gestellt, entweder unter der Knute schiitischer Herrschaft zu leben oder dem IS beizutreten, entschieden sich viele für Letzeres. Jetzt scheint der Wind zumindest teilweise zu drehen. Die zunehmende Brutalität innerhalb der Organisation führt dazu, dass Kämpfer mit den Füssen abstimmen – und dem Terror-Kalifat den Rücken kehren.

Für ein Ausdünnen der Reihen spricht auch eine Massnahme, die der IS offenbar vor kurzem angekündigt hat: Demnach wurden alle männlichen Jugendlichen im kampffähigem Alter aufgefordert, sich bei lokalen Polizeistellen zu registrieren.

USA, Russland, Frankreich – und neu auch China: Man rauft sich zusammen

epa05033199 A handout frame grab from video footage released by the Russian Defence Ministry on 19 November 2015 shows Russian Tu-95 strategic missile-carrying warplane launching a cruise missile during an airstrike against tagets in Syria. Russian aviation has significantly increased the intensity of strikes against what Russia says were Islamic State targets in Syria.  EPA/RUSSIAN DEFENCE MINISTRY PRESS SERVICE / HANDOUT BEST QUALITY AVAILABLE HANDOUT EDITORIAL USE ONLY/NO SALES

Langstreckenbomber Tupolew Tu-95: Alleine für Dienstag vermeldete das russische Verteidigungsministerium 127 Angriffe gegen 206 IS-Ziele.
Bild: EPA/RUSSIAN DEFENCE MINISTRY

Ankara, Sinai, Beirut, Paris: Über die Motive der jüngsten Anschlags-Serie sind sich die Experten im Westen uneins. Für die einen stellen sie eine Machtdemonstration des Terror-Kalifats dar, andere lesen darin einen Versuch, das Narrativ für die eigenen Anhänger am Leben zu erhalten und dritte vermuten eine Strategie, die auf die Mobilisierung des Rekrutierungs-Potenzials in den betroffenen Gebieten ausgerichtet ist.

Tatsache ist, dass die brutalen Anschläge zumindest vordergründig zu einem Umdenken im Westen geführt haben. Frankreichs Präsident Hollande hat dem IS den Krieg erklärt und den Worten erste Taten folgen lassen, Russlands Präsident Putin hat den Anschlag auf das russische Passagierflugzeug im Sinai aufs Schärfste verurteilt und Vergeltung angekündigt («Wir werden sie überall auf diesem Planeten finden und sie bestrafen. Russische Militäroperationen werden beweisen, dass Rache unausweichlich ist.»). Schon zuvor flogen russische Kampfjets Luftangriffe in Syrien – wenn auch der Fokus lange nicht auf dem IS lag.

Sogar im Reich der Mitte, das im Syrien-Konflikt äusserst zurückhaltend agierte, scheint ein Umdenken stattgefunden zu haben. «China verurteilt die brutale Ermordung eines chinesischen Staatsbürgers aufs Schärfste», sagte Staatschef Xi Jinping, nachdem das IS-Propaganda-Magazin «Dabiq» die Tötung einer chinesischen Geisel vermeldet hatte. Man werde jegliche terroristischen Aktivitäten aufs Resoluteste bekämpfen.

Ob die gemeinsame Front gegen den IS nur auf dem Papier Bestand hat oder tatsächlich zu einer effektiven Waffe gegen das Kalifat wird, wird sich zeigen. Die Syrien-Resolution, die Russland am Mittwoch in aller Eile im Sicherheitsrat eingebracht hat, dürfte für den Westen jedenfalls schwer verdaulich sein: Eine Zusammenarbeit mit dem syrischen Despoten Baschir al-Assad, wie sie Moskau in dem Papier nun fordert, schlossen die Westmächte bisher kategorisch aus. Frankreichs UN-Resolution hingegen dürfte auf breite Zustimmung stossen.

Die Reihen lichten sich

This image made from militant video, which has been verified by SITE Intel Group and is consistent with other AP reporting, shows Mohammed Emwazi , known as

Mohammed Emwazi, alias «Dschihadi John»: Hinrichtungen vor laufender Kamera.
Bild: AP/Militant video via SITE Intel Group

Die Führungsriege des IS blieb bisher verschont, aber im Mittelbau lichten sich langsam die Reihen. In den vergangenen Wochen verkündete das US-Verteidigungsministerium die Tötung des britischen Dschihadisten Mohammed Emwazi, der als brutaler Henker «Dschihadi John» traurige Berühmtheit erlangt hatte. Der Befehlshaber des IS-Ablegers in Libyen soll ebenfalls getötet worden sein. Über den Zustand des deutschen Dschihadisten Denis Cuspert alias «Deso Dogg» kursieren widersprüchliche Informationen: Nachdem das Pentagon Ende Oktober seinen Tod vermeldete, schrieb der «Spiegel» am Donnerstag unter Berufung auf das deutsche Verteidigungsministerium, dass Cuspert womöglich noch am Leben sei.

Interne Differenzen 

Seit längerem machen Meldungen die Runde, dass der Haussegen beim IS schief hängt. Der Zustrom an ausländischen Freiwilligen (gut zwei Drittel der 30'000 Männer, die beim IS unter Waffen stehen, stammen aus dem Ausland) habe zu Spannungen innerhalb der Terrormiliz geführt. Dem Kern-IS soll vor allem das Glücksritter-Gebaren der Dschihad-Touristen sauer aufstossen.

Anschläge als Zeichen der Schwäche?

Die Niederlagen, die der IS an verschiedenen Fronten verzeichnete, liefern eine weitere Deutung für die jüngste Anschlagsserie: Die Propagandamaschine des IS musste dringend geölt werden – mit Attacken, die sich im Endeffekt als kontraproduktiv erweisen könnten.

Keine Erfolgsgarantie

Militärische Zwischenerfolge im Kampf gegen den IS sind jedoch kein Versprechen dafür, die Terrormiliz endgültig auszumerzen. Und selbst wenn der IS seines Staatsgebiets über kurz oder lang beraubt werden sollte: Die Gefahr von Anschlägen ist damit noch lange nicht gebannt. Erstens benötigen Operationen wie beispielsweise bei Charlie Hebdo ein Minimum an finanziellen und logistischen Mitteln. Und zweitens könnten andere terroristische Gruppierungen das Vakuum, das der IS bei einer Niederlage hinterlassen würde, ausfüllen. Zudem verkennt, wer das Heil in militärischen Offensiven in Syrien und im Irak sucht, dass der islamistische Terror zu einem Gutteil vom Westen hausgemacht ist.

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19Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Luca Brasi 21.11.2015 17:58
    Highlight Highlight Hm, verstehe ich das richtig und die Argumentation zielt darauf, dass der IS sich in einer Position der Schwäche befindet und es darum zu letzten brutalen Gewaltakten kommt, da die Organisation verzweifelt versucht einen Propagandasieg zu erlangen? Tönt für mich irgendwie nach Harvey Dent in "The Dark Knight".
    Benutzer Bild
  • per scientam 21.11.2015 17:53
    Highlight Highlight Ich bezweifle, dass die Luftschläge so erfolgreich sind.
    Denn Luftschläge ermöglichen fast nur Strategische Zielbekämpfung. Das hat natürlich einen Einfluss, aber ermöglicht keine Rückeroberung.
    Russland hat Waffen geliefert. Langsam stellt sich wieder ein Militärisches Gleichgewicht ein. An den Irak haben sie auch den TOS-1 geliefert. Wer Gelände zurück erobern will, braucht vor allem Artillerie (u.a. für Sperrfeuer). Luftschläge sind meisten zu langsam (zeitlich versetzt) und schwierig zu koordinieren mit Infanteriebewegungen...
  • Angelo C. 21.11.2015 15:11
    Highlight Highlight Es wird nicht sonderlich relevant sein, ob und wie sehr der Daesh in Syrien geschwächt sein wird, dies solange ihm zahlreiche Sunniten im Irak weiterhin beistehen und Mossul als neue IS-Hauptstadt Bestand haben wird.

    Vor Allem für Europa wird das eh so ziemlich bedeutungslos sein, denn hier herrscht die Gefahr so oder so primär kontinentalintern, was auf Grund der fanatisierten Daesh-Anhängerschaft auch weiterhin vor Ort so bleiben wird.

    Islamexperten sehen im Falle von IS-Verlusten an der Front gar vermehrte Risiken für Europa, weil sich ISIS noch mehr hasserfüllt darauf konzentrieren würde
  • Sir Lanzelot 21.11.2015 14:12
    Highlight Highlight Ja klar, es könnte tatsächlich sein, dass der IS ungefährlich ist. Es könnte auch sein, dass die Anschläge in Paris ein inside job waren.
    Vermutlich haben ja auch die Amis ihr WTC selber gesprengt...
    Elvis lebt und meine Tante hat ein Verhältnis mit einem Außerirdischen...

    Vielleicht ist es aber auch das meiste genau so wie es scheint? Es gibt ja genügend Hinweise, dass dem so sein könnte.
    • Sir Lanzelot 21.11.2015 14:28
      Highlight Highlight Ach Rhabraber ...
      Lies doch wenigstens den Titel.
    • EARTH without ART is EH 21.11.2015 23:37
      Highlight Highlight Genau das gleiche habe ich mir auch gedacht! irgendwie sind die verschwörungstheoretiker, rassisten znd die besserwisser nun nach 20min jetzt auch auf watson gelandet! mal abwarten wie lange es geht bis sie auch bei der nzz, tz landen...
  • 足利 義明 Oyumi Kubo 21.11.2015 13:50
    Highlight Highlight Die Kurden werden vom Daesh-Liebhaber Erdogan fertig gemacht.
  • ferox77 21.11.2015 13:45
    Highlight Highlight Wie lange kann eine Armee ohne Nachschub an Waffen und Munition durchhalten?
    Richtig. Keine Woche!
    Der Daesh (IS) hat keine Produktionsbasis für Waffen und Munition. Einzig Sprengladungen können die selber bauen. Selbst diese benötigen Rohstoffe, die in Syrien/Irak auch sehr knapp sind.
    Das heisst, der Daesh wird aus dem Ausland mit Waffen und Munition versorgt.
    Und dies soll man nicht verhindern können?
    Nein, KSA und andere Unterstützer wollen dies nicht verhindern!
    Nebenbei: Die von der westlichen Presse hochgelobte FSA ist grösstenteils im Deash und Al-Nusra (Al-Kaida) aufgegangen.
    • Kookaburra 21.11.2015 14:26
      Highlight Highlight Genau! Und die Waffen werden mit Öl bezahlt. Der Daesh mache über eine Mio. mit Öl pro Tag.

      Jemand kauft das.

      Und das müssen über 100 Lastwagen pro Tag sein. Diese könnte man sicher locker kaputbomben. Aber dann wär ja das Öl weg. Und sie hätten kein Geld um die Waffen zu kaufen. Und der Westen (die Wirtschaft) liebt nichts mehr, als billiges Öl und die Möglichkeit Waffen zu verkaufen. :(

      #GoddamitNeoLiberalKapitalism
    • Hierundjetzt 21.11.2015 14:34
      Highlight Highlight Nicht "jemand" sondern die Türkei ist der Haupt-Abnehmer des IS-Öl. Warum? Der IS transportiert den Brennstoff mittels Tanklastwagen, somit ist der Kreis der möglichen Abnehmer definiert. Das Aserbeidschan, Irak, oder der Iran mit Ihren immensen Vorkommen das schlechte IS-Öl kaufen ist unlogisch. Zudem bilden sich vor (kursiv) der türkischen Grenzen zu Syrien immer lange Tankwagenschlangen. Jaaaa die Türkei, einfach wiedermal mehr strategisch enorm kurzsichtig und unglaublich unüberlegt... :-/
    • prb123 21.11.2015 14:36
      Highlight Highlight Ich habe gelesen dass sich FSA und AL-Nusra bekämpfen aber teilweise auch zusammen kooperieren. Du stellst es nun so hin als sei FSA stark mit Daesh und Al-Nusra verknüpft. Hast du eine Quelle dazu?
    Weitere Antworten anzeigen

Ein Einzeltäter? Nein, der Mörder von Halle ist nicht allein

Es heisst, der Täter von Halle sei Einzeltäter. Das darf nicht verschleiern, dass er Narrative benutzte, die auch von Rechtspopulisten in Talkshows vorgetragen werden.

Es gehört zur Boshaftigkeit des Terrorismus, dass nicht alle Aufmerksamkeit seinen Opfern gewidmet sein kann. Dass es nicht nur um die geht, die gestorben sind, weil sie im falschen Moment erbärmlichen Menschen voller Hass begegneten. Oder um die Überlebenden, deren psychische Wunden vielleicht nie vernarben werden. Sondern, dass sich ein Teil des öffentlichen Interesses auch auf die Täter richtet, jemanden also wie Stephan B., der vermutlich genau das bezweckte, als er gestern in Halle …

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