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Polizisten und Zäune: ein Bild der Nachrichtenagentur Reuters vom 23. September aus dem Lager Opatovac. 
Bild: MARKO DJURICA/REUTERS

Journalist undercover in kroatischem Flüchtlingscamp: «Das ist echt unmenschlich»

25.09.2015, 20:0926.09.2015, 11:20

Danny Ghosen ist ein niederländischer Journalist. Weil er aus dem Libanon stammt – er flüchtete 15-jährig mit seiner Familie nach Holland –, geht er perfekt als syrischer Flüchtling durch. Das hat sich der 37-Jährige zunutze gemacht, um sich undercover in einem kroatischen Flüchtlingslager umzusehen und mit versteckter Kamera zu filmen. Die Zustände dort beschreibt er als «unmenschlich». 

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Danny Ghosen.
Bild: Volkskrant.nl

Ghosen, der für 3Onderzoekt arbeitet, das Jugendprogramm des Niederländischen Evangelischen Rundfunks (EO), reiste nach Serbien und überschritt von dort aus illegal die Grenze nach Kroatien. Dort gab er sich als Khaleem aus Syrien aus. Er sei 34 Jahre alt und Student. Die Tarnung funktionierte; Ghosen wurde von den Kroaten als Flüchtling registriert.  

«Papiere brauchte ich nicht»

Zu Beginn sei eigentlich alles unglaublich einfach gewesen, erzählte der Journalist nach seiner Rückkehr in Belgrad der flämischen Zeitung Het Laatste Nieuws. «Ich schloss mich einfach einer Gruppe von Flüchtlingen an, und einmal über der Grenze mussten wir alle auf den Boden sitzen. Dort haben wir eine Stunde auf einen Bus gewartet, der uns ins Auffanglager in Opatovac brachte». 

«Hunderte Menschen, auch viele Frauen und Kinder, lagen dicht beieinander auf dem Boden, ohne jeden Schutz oder ein Dach über dem Kopf.»
Danny Ghosen

Die Registrierung sei ebenfalls einfach verlaufen. «Papiere brauchte ich nicht. Sie wollten nur ein paar Daten wissen, wie meinen Namen, mein Alter, woher ich kam und wie meine Eltern heissen. Mehr nicht.» Es habe auch Essen gegeben und eine medizinische Untersuchung. 

Ein Gefängnis

«Doch wenn man rauskommt und ins eigentliche Lager gebracht wird, beginnt das Elend erst», erzählte Ghosen der Zeitung. Die Zustände dort seien menschenunwürdig. «Hunderte Menschen, auch viele Frauen und Kinder, lagen dicht beieinander auf dem Boden, ohne jeden Schutz oder ein Dach über dem Kopf. Es gab zwar ein paar Zelte, aber die meisten Menschen mussten die ganze Nacht in der bitteren Kälte draussen liegen.»

Ghosen wurde gesagt, er werde am nächsten Tag mit dem Bus nach Slowenien gebracht. Doch das sei gelogen gewesen: Leute, die schon länger im Lager waren, hätten ihm gesagt, es sei ein Gefängnis. Einige seien schon neun Tage dort festgehalten worden ohne jede Information, wie es weitergehe. 

Versteckte Kamera

Ghosen gelang es, in der Nacht aus dem Lager zu fliehen. Er kletterte über den Stacheldraht und rannte weg. Seine Reportage wird von «3Onderzoekt» in voller Länge im Oktober ausgestrahlt. 

Hier eine Vorschau der Reportage. Ghosen nahm die Bilder mit versteckter Kamera in Opatovac auf: 

«Jeder sitzt dort dicht an dicht wie in einem Hühnerverschlag, und das Chaos ist enorm.»
Danny Ghosen

«Europa muss sich schämen»

Die Politikerin Judith Sargentini, die für GroenLinks (die niederländischen Grünen) im Europäischen Parlament sitzt, war schockiert, als sie diese Vorschau sah. «Die Situation ist unmenschlich. Europa muss sich schämen», kommentierte sie in einem Statement ihrer Partei. Wenn Kroatien nicht mit der grossen Anzahl Flüchtlinge fertig werde, solle das Land Hilfe anfordern, statt das Elend zu verstecken, sagte sie.

Kroatien wird Transitland
Nachdem Ungarn in der vergangenen Woche seine Grenze zu Serbien dicht gemacht hat, sind die Flüchtlinge auf der sogenannten Balkanroute rasch auf Kroatien als Transitland ausgewichen. Dort allerdings waren die Behörden schon nach kurzer Zeit überfordert und begannen damit, die Flüchtlinge an die ungarische Grenze zu bringen. Gemäss einer Mitteilung des kroatischen Innenministeriums am Donnerstag sind bisher mehr als 51'000 Flüchtlinge gezählt worden. In den Morgenstunden kamen laut Behörden im Gebiet von Ilok und Tovarnik im Osten des Landes mehr als 3500 Menschen über die Grenze. Weitere 1000 Menschen befanden sich am frühen Nachmittag im Transitlager in Opatovac.
(sda)

Anfang dieser Woche war es in Opatovac zu Tumulten gekommen, als mehrere 1000 neue Flüchtlinge aus Serbien in der Erstaufnahmeeinrichtung eingetroffen waren und ihnen von den Sicherheitskräften der Zugang zur überfüllten Registrierungsstelle verweigert worden war. 

Ein syrischer Flüchtling beklagte sich: «In Griechenland, Mazedonien und Serbien gibt es das Rote Kreuz und viele Helfer. Sie hatten Decken für Kinder und Frauen. Hier ist niemand.»

Dies deckt sich mit der Aussage von Danny Ghosen, der «Het Laatste Nieuws» erzählte, es habe in Opatovac keine Helfer oder Betreuer gegeben, nur Sicherheitskräfte. «Jeder sitzt dort dicht an dicht wie in einem Hühnerverschlag, und das Chaos ist enorm. Die meisten Menschen bleiben natürlich so nah wie möglich beim Ausgang, weil sie die wenigen Busse, die kommen, nicht verpassen wollen.»

Im kroatischen Grenzdorf Tovarnik: Keine Medizin, keine Infrastruktur – aber täglich 1000 neue Flüchtlinge

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Im kroatischen Grenzdorf Tovarnik: Keine Medizin, keine Infrastruktur – aber täglich 1000 neue Flüchtlinge
quelle: getty images europe / jeff j mitchell
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