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EU richtet Zahlensalat an: Reisen gar nicht so viele Migranten nach Europa wie vermeldet?

20.10.2015, 12:1320.10.2015, 13:32
Ein Beamte der europäischen Grenzschutzagentur Frontex nimmt auf der griechischen Insel Kos Flüchtlinge in Empfang.<br data-editable="remove">
Ein Beamte der europäischen Grenzschutzagentur Frontex nimmt auf der griechischen Insel Kos Flüchtlinge in Empfang.
Bild: ALKIS KONSTANTINIDIS/REUTERS

Als die europäische Grenzschutzagentur Frontex am vergangenen Dienstag die neuesten Zahlen zu den Flüchtlingsströmen in Europa publizierte, lauteten die Schlagzeilen unisono: 710'000 Flüchtlinge erreichten bisher die EU.

710'000 Flüchtlinge haben die Grenzen der EU überschritten
«Der Bund»
Frontex: Mehr als 710'000 Flüchtlinge bis Ende September
«Cash Online»
710'000 Menschen reisten 2015 bis jetzt illegal in die EU
SRF
710'000 Flüchtlinge haben EU-Grenzen überquert
«Tages-Anzeiger»/Newsnet

Der grosse Aufschrei über die erneute Zunahme der Flüchtlingszahlen blieb aus. Seit der Prognose des deutschen Vizekanzlers Sigmar Gabriel im September, dass alleine in Deutschland in diesem Jahr bis zu einer Million Menschen Asyl beantragen werden, scheint es, sind die Menschen in Europa abgestumpft. 

Flüchtlinge erreichen die slowenische Grenze bei Brezice (19. Oktober 2015).<br data-editable="remove">
Flüchtlinge erreichen die slowenische Grenze bei Brezice (19. Oktober 2015).
Bild: IGOR KUPLJENIK/EPA/KEYSTONE

Aus zwei Gründen lohnt es sich aber, die Zahlen von Frontex etwas genauer unter die Lupe zu nehmen, wie das Medienportal «The Conversation» schreibt: Erstens bedeuten sie eine massive Zunahme im Vergleich zum Vorjahr, als Frontex 282'000 Menschen zählte, die illegal die EU-Grenzen überquerten. Zweitens weichen die Zahlen teilweise massiv von den von der UNO und der Internationalen Organisation für Migration (IOM) herausgegebenen Daten ab. 

Diese Diskrepanz kommt zustande, weil Frontex Flüchtlinge in vielen Fällen nicht nur einmal, sondern zwei- oder gleich dreimal registriert – kurz: jedes Mal wenn sie eine der EU-Aussengrenzen überqueren.

Von einem EU-Land in ein Nicht-EU-Land:&nbsp;Grenzübergang zwischen Griechenland und Mazedonien.<br data-editable="remove">
Von einem EU-Land in ein Nicht-EU-Land: Grenzübergang zwischen Griechenland und Mazedonien.
Bild: GEORGI LICOVSKI/EPA/KEYSTONE

Ein Beispiel: Der Syrer, der von der Türkei aus griechischen Boden betritt (Griechenland = EU-Aussengrenze), dann über Albanien, Mazedonien oder Serbien (alles Nicht-EU-Länder) nach Ungarn (EU) oder Kroatien (EU) reist, von dort wieder in ein Transitland geschickt wird (bspw. Serbien) und dann erneut in den EU-Raum einreist (Kroatien), taucht in der Frontex-Statistik drei Mal auf.

Frontex bestätigte diese Doppel- und Dreifachzählungen gegenüber einem Journalisten auf Twitter: 

Im Anschluss an die Twitter-Konversation fügte Frontex unter den Beitrag zwar ein Korrigendum ein. Titel, Text und Stossrichtung blieben aber unverändert. 

«Klarstellung: Frontex liefert monatliche Daten über die Zahl der Menschen, die die Aussengrenzen der Europäischen Union erreichen. Unregelmässige Grenzübergänge können durch die gleiche Person mehrmals an verschiedenen Stellen an der Aussengrenze versucht werden. Dies bedeutet, dass eine grosse Anzahl der Menschen, die in Griechenland ankommen und erfasst werden, erneut registriert werden, wenn sie zum zweiten Mal durch Kroatien oder Ungarn in die EU reisen.»
Richtigstellung auf der Website von Frontex

Die Mehrfachzählung von Flüchtlingen wirft Fragen auf. Denn: In der angeheizten Asyldebatte sind die Zahlen von Frontex nicht nur Wasser auf den Mühlen von Rechtspopulisten und Abschottungs-Fanatiker. Auch die Grenzschutzagentur selber steht im Fokus: Je grösser die Zahl an Migranten, desto höher wird das Budget von Frontex veranschlagt. So hatte Frontex-Chef Fabrice Leggeri nach der Publikation der jüngsten Zahlen 700 zusätzliche Beamte bei der EU angefordert. (wst)

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4 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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pun
20.10.2015 12:29registriert Februar 2014
Man kann als Flüchtling NICHT "illegal" einreisen, weil man einreisen MUSS, um sein Grundrecht auf Stellung eines Asylgesuchs beanspruchen zu können, seit die Botschafsasyle überall abgeschafft wurden und an diversen offiziellen Grenzstellen die Menschen einfach abgewiesen werden! Sprache macht auch Meinung!
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cba
20.10.2015 12:23registriert Mai 2014
Es sind Flüchtlinge und keine Migranten.

Schade dass das erst nach den Wahlen "auffliegt"
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