30 Jahre danach: Alanis Morissettes «Ironic» ist immer noch nicht ironisch
Am 27. Februar 1996 wurde «Ironic» von Alanis Morissette veröffentlicht. Der Track katapultierte sich sofort an die Spitze der internationalen Charts – die weitaus erfolgreichste Singleauskopplung des Albums «Jagged Little Pill». Heute – 30 Jahre später – ist der Song weiterhin ein globaler Evergreen im Radio ... und auch weiterhin die Zielscheibe von Spott. Denn: «Das einzig Ironische an diesem Lied ist, dass es ‹Ironic› heisst und von einer Frau geschrieben wurde, die nicht weiss, was Ironie ist», wie Ed Byrne treffend bemerkte (dazu unten mehr).

Aber spulen wir erst einmal ein wenig zurück.
Mitte der Neunzigerjahre, in einer Zeit, in der Eurodance und Seicht-Pop à la Ace of Base stimmigen Eskapismus lieferten, schlug urplötzlich die Wut-Hymne einer jungen kanadischen Singer-Songwriterin namens Alanis Morissette ein wie eine Bombe:
Ha! Nimm das, heuchlerischer Ex-Freund!
Millionen Zuhörerinnen und Zuhörer erkannten sich im Song «You Oughta Know» wieder und hievten das 1995er Album «Jagged Little Pill» auf die Nummer eins. Inzwischen ist es eines der erfolgreichsten Alben der Musikgeschichte. 33 Millionen Exemplare sollen davon verkauft worden sein. Die bekannteste Single daraus: die eingangs erwähnte «Ironic».
Los: Alle mitsingen!
Halt.
Denn wir sind sofort beim Thema: Regen an deinem Hochzeitstag ist nicht ironisch.
Wenn es an deinem Hochzeitstag regnet, ist das bedauerlich. Nervig. Schade. Für manche vielleicht zum Heulen.
Aber nicht ironisch.
Genauso wenig wie die diversen anderen Beispiele, die im Song aufgezählt werden. Kommt, das 30. Jubiläum dieses Meilensteins der Popgeschichte ist doch Anlass genug, dies mal genauer durchzugehen – zuoberst angefangen mit ...
Trauriger Zufall, gewiss. Aber keine Ironie.

Nicht ironisch, sondern gruusig.
Nein, denken wir nicht. Eine Begnadigung, die zwei Minuten nach dem Vollzug einer Hinrichtung eintrifft, ist keine Ironie, sondern eine krasse Fehlleistung des Justizsystems.

Ebenfalls keine Ironie. Oder ... okay, höchstens, wenn der Brautvater, der die Hochzeit organisiert, ein bekannter Meteorologe wäre, der in seiner über 20-jährigen Karriere als TV-Wetterfrosch noch nie eine Fehlprognose stellte, und ebendieser buchte nun den Ort und Tag der Hochzeit aufgrund des zu erwartenden schönen Wetters, und dann regnet es wider Erwarten? So wäre es vielleicht ein wenig ironisch.
Nein, das ist Pech.

Hmm ... dies könnten wir als technisch korrekt einstufen. Wenn «Herr Vorsichtig» sagt: «Na, ist dies nicht schön?», just in dem Moment, als er dabei ist, mit dem Flugzeug abzustürzen, dann ist seine Aussage – ta-daaa! – ironisch! Aber im Kontext der vorher erwähnten Textzeilen müssen wir annehmen, dass Alanis die Tatsache des Flugzeugabsturzes als ironisch definiert, was einmal mehr semantisch falsch wäre.
Wann bist du zum letzten Mal in einem Stau gestanden und gedacht: «Hey, total ironisch, dieser Verkehr, nö»? Richtig. Genau nie. Ausserrrr ... du wärst ein Verkehrsplaner auf dem Weg zu einer Konferenz über Staureduktion.

Keine Ironie, sondern die harte Realität des Arbeitsalltags im Jahr 2026.
Nicht ironisch, sondern nun einfach nur doof. 10'000 Löffel? Das hört sich sehr nach einer in letzter Minute geschriebenen Notfall-Songzeile, die während der Gesangsaufnahmen reingequetscht werden musste.

Nein, denken wir nicht. Sondern bitter. Und – hey, mal ehrlich – ein Hindernis vielleicht, aber keine Unmöglichkeit.
Kommen wir zum eingangs erwähnten Ed Byrne: Es war dieser irische Stand-up-Comedian, der mit seiner ebenso messerscharfen wie urkomischen Analyse die linguistische Debatte damals ins Rollen brachte:
Die Fluttore waren geöffnet. Es folgten zahllose Remakes des Songs, die auf humoristische Weise die Lyrics abänderten – bekannt waren etwa «Actually Ironic» von CollegeHumor, in dem sämtliche Zeilen mit einem Zusatz versehen wurden, damit sie tatsächlich Ironie darstellten. Oder «It’s Finally Ironic» der Geschwister Rachael and Eliza Hurwitz («Wir haben es für dich geflickt, Alanis. Gern geschehen!»).
Musik-Komiker Weird Al Yankovic spielte in seinem Song «Word Crimes» auf «Ironic» an, mit der Songzeile «irony is not coincidence», während das Musikvideo Regen während einer Hochzeit zeigt:
Derweil debattierten Linguisten und Philosophen über die Unterschiede zwischen situativer und dramatischer Ironie. Einige, wie Michael Reid Roberts von salon.com, kamen gar zum Schluss, dass «Ironic» am Ende eben doch ironisch sei, da «ein Zustand oder ein Ereignis absichtlich im Widerspruch zu dem steht, was man erwartet». Hey, es gibt gar einen Wikipedia-Eintrag über den linguistischen Disput (hier auch auf Deutsch).
Und Alanis? «Ich würde gerne wissen, weshalb solche Sachen Leute dermassen nerven», sagte sie anno 2012 noch. Doch seither hat Morissette mehrfach öffentlich konstatiert, dass sie sich längst damit abgefunden hat, die «Malapropismus-Königin der Pop-Geschichte» zu sein. Und über sich selbst lachen kann sie auch, wie sie mit einem Auftritt mit dem britischen Komiker James Corden bewies:

Letztendlich kann sie sich gelassen zurücklehnen, denn der anhaltende Erfolg des Songs gibt ihr Recht.
Übrigens: Ed Byrnes berühmter «Ironic»-Diss, der Auslöser ebendieser jahrzehntelangen linguistischen Debatte, wurde zum Zündfunken für seine eigene sehr erfolgreiche Comedy- und TV-Karriere, die bis heute anhält. Dass er seine Karriere damit verdankt, drauf hingewiesen zu haben, dass «Ironic» keine Ironie enthält, ist doch ...
...
...
... irgendwie ironisch, oder nicht?
OH SHUT UP OLIVER LET'S NOT EVEN GO THERE. SHUT UP RIGHT NOW, MATE.
