Wirtschaft
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epa05038588 (FILE) A composite picture of the undated logotype of US-based pharmaceutical company Pfizer Inc. (top) and a handout photo dated 23 November 2015, showing the company signage of Dublin-based Allergan pharmaceutical company. New York-based Pfizer Inc. and Dublin, Ireland-based Allergan plc on 23 November 2015 announced that the two companies have entered a 160 billion USD merger agreement, creating world's largest pharmaceutical company.  EPA/BERTIL ERICSON / ALLERGAN SWEDEN OUT HANDOUT EDITORIAL USE ONLY/NO SALES

Der umstrittene 160-Milliarden-Dollar-Deal fusioniert Pfizer und Allergan. 
Bild: EPA/TT NEWS AGENCY FILE / ALLERGAN

Der 160-Milliarden-Deal oder: Die Steuertricks der Multis

Die geplante Fusion der beiden Pharmakonzerne Pfizer und Allergan ist ein Milliardengeschäft – aber auch ein Weckruf an die Politik, endlich wirksame Schritte gegen die immer dreister werdenden Steuervermeidungstaktiken der Multis zu ergreifen.



Für die einen ist die geplante Fusion von Pfizer und Allergan ein Geschäft, das man nicht verpassen darf. Durch die Verlegung des gemeinsamen Headquarters nach Dublin generiert Pfizer einen Windfall-Profit (einen zufälligen, dem Glück zu verdankenden Gewinn) von rund 21 Milliarden Dollar. Gleichzeitig kann der Pharmamulti steuerfrei auf seine Offshore-Reserven von rund 74 Milliarden Dollar (Gewinne, die nicht in die USA zurücktransferiert wurden) zurückgreifen und schliesslich wird der Satz für seine Unternehmenssteuern von 25.5 Prozent auf 17 fallen.  

Shareholder-Value-Denken in Reinkultur

Kein Wunder also, dass der CEO von Pfizer, Ian C. Read, sich unumwunden zum Prinzip des Shareholder Value bekennt: «Wir haben alle rechtlichen, regulatorischen und politischen Bedingungen geprüft und sind zum Schluss gekommen, dass unsere Strategie, die beiden grossartigen Unternehmen zu fusionieren, das Beste für die Patienten und unsere Aktionäre ist. Das ist unsere Pflicht.»

Für die anderen ist das alles ein riesiger Betrug am Steuerzahler. Die geplante Fusion hat keinerlei strategische Bedeutung, sondern ist einzig davon getrieben, auf zweifelhafte Art und Weise Steuern zu sparen. Es handelt sich um einen sogenannten Inversions-Deal. Will heissen: Ein in den USA domizilierter Konzern lässt sich von einem andern, in einem Steuerparadies wie Irland, Luxembourg oder der Schweiz beheimateten Unternehmen aufkaufen, um so von den viel tieferen Steuern zu profitieren.

US-Präsident bezeichnet den Deal als «unpatriotisch»

Pfizer hat diesen Trick schon vor Jahresfrist mit AstraZeneca versucht. Damals scheiterte der Deal an der öffentlichen Empörung. US-Präsident Barack Obama bezeichnete ihn als «unpatriotisch» und ergriff Massnahmen, um ihn zu verhindern. Nun haben die Steueranwälte von Pfizer offenbar Mittel und Wege gefunden, die amerikanischen Steuerbehörden auszutricksen.

FILE - In this Nov. 23, 2015 file photo, Democratic presidential candidate Hillary Rodham Clinton speaks in Reno Nev. Clinton wants voters to know she is no friend of Wall Street. But Wall Street has frequently been a friend to her. In the 18 months prior to her announcing her second campaign for president, the front-runner for the Democratic nomination addressed private equity investors in California and New York, delivered remarks to bankers in Hilton Head, South Carolina, and spoke to brokers at the Ritz-Carlton in Naples, Florida. (AP Photo/Lance Iversen, File)

Will gegen die Pharmakonzerne vorgehen: Hillary Clinton.
Bild: AP/FR171256 AP

Die Empörung bleibt. Hillary Clinton, die demokratische Präsidentschaftsanwärterin, fordert bereits: «Wir können nicht mehr länger warten, um endlich energisch gegen die Inversionsdeals vorzugehen, die unsere Steuerbasis untergraben.»

Ihre Parteifreundin, die einflussreiche Senatorin Elizabeth Warren, ging noch einen Schritt weiter. «Wenn ich mir die Details anschaue, dann sehe ich das gleiche abgekartete Spiel – ein Spiel, beim dem der Kongress den gut vernetzten Multis Milliarden schenkt, während die Menschen, die etwas Unterstützung gebrauchen könnten, leer ausgehen.»

Die Politiker sind allerdings selbst schuld. Die dubiosen Inversions-Deals sind nämlich nur möglich, weil sich Demokraten und Republikaner zwar einig sind, dass sie unmoralisch sind. Sie können sich jedoch nicht darauf einigen, wie das komplizierte amerikanische Steuerrecht endlich überholt und so diese Deals unterbunden werden können. Solange die Politiker in Washington sich gegenseitig blockieren, tanzen ihnen die Unternehmen auf der Nase herum.

Carrying an image of Turing Pharmaceuticals CEO Martin Shkreli in a makeshift cat litter pan, AIDS activists and others are asked to leave the lobby of 1177 6th Ave. in New York, Thursday, Oct. 1, 2015, during a protest highlighting pharmaceutical drug pricing. Turing Pharmaceuticals sparked an angry backlash last month after it raised the price of Daraprim, the only approved treatment for a rare, life-threatening parasitic infection, by more than 5,000 percent. (AP Photo/Craig Ruttle)

Heftige Proteste ausgelöst: Der «meistgehasste Mann der USA», Martin Shkreli.
Bild: AP/FR61802 AP

Das könnte sich allerdings ändern. In der Öffentlichkeit wächst die Empörung – vor allem über die Pharma-Multis. Die Amerikaner bezahlen die höchsten Medikamentenpreise, höhere noch als wir Schweizer. Verschiedene Skandale haben den ohnehin schon angeschlagenen Ruf der Branche noch weiter lädiert. So wurde der Hedge-Fund-Manager Martin Shkreli in diesem Sommer zum «meistgehassten Mann der USA», als er die Preise eines Medikamentes eines von ihm erworbenen Unternehmens schlagartig um 5000 Prozent erhöhte.

Auch die OECD will gegen die Multis vorgehen

Dieser Vorfall war Anlass für eine breite Diskussion der überhöhten Medikamentenpreise. Auch damals versprach Hillary Clinton Abhilfe, sollte sie 2017 ins Weisse Haus einziehen. Die Aktionäre reagierten nervös, die Kurse der Pharmaunternehmen erlitten happige Verluste. Trotz der gewaltigen Gewinnaussichten fand auch der Pfizer/Allergan-Deal wenig Akzeptanz an der Börse. Die Pfizer-Aktie büsste nach der Ankündigung zwei Prozent ein.

Weltweit werden Anstrengungen unternommen, um die Steuervermeidungstaktiken der Multis in den Griff zu bekommen. Nachdem ein Whistleblower in Luxembourg offen gelegt hat, wie schamlos die Multis die Steuerschlupflöcher in Europa ausnützen, wurden sowohl die EU als auch die OECD aktiv. Politiker aller Parteien versprachen, Reformen einzuleiten, die dafür sorgen sollen, dass die Gewinne in dem Land versteuert werden, in dem sie erzielt werden.

Die Zeit des Spielens ist vorbei

Dieses Ansinnen wurde kürzlich am G-20-Gipfel der führenden Staatsoberhäupter bekräftigt. «Die Zeit des Spielens ist vorbei», erklärt Pascal Saint-Amas, der für Steuern zuständige Mann bei der OECD und verspricht, die «goldene ‹Wir-zahlen-keine Steuern›-Ära zu beenden.

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6Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • amore 26.11.2015 13:02
    Highlight Highlight Ist echt eine Riesenkatastrophe, was diesbezüglich in unserer globalisierten Casino-kapitalistischen Welt passiert! In Deutschland wird dann z.B. wieder mal diskutiert, ob die Kinder von Hartz-IV-Empfangenden 5€ mehr erhalten soll.
  • stadtzuercher 26.11.2015 10:56
    Highlight Highlight In der Schweiz machen die bürgerlichen Parteien den globalen Multis dieselben Geschenke. Zum Glück werden uns die OECD, die EU und die Amis irgendwann sagen, dass es so nicht weitergeht, dass auch globale Firmen Steuern bezahlen müssen. Hilfe ist für uns Bürger da nur von aussen zu erwarten.
  • Nick Name 26.11.2015 10:26
    Highlight Highlight (Auch wenn der Zusammenhang aufs Erste vielleicht nicht ganz klar ist:) Dann liest man das, denkt an die Politiker und Trompeter, die von "Abzockern" in der "Sozialindustrie" in der Schweiz blaffen – und backt ein bisschen verwundert und irritiert weiter seine kleinen Brötchen ...
  • Gantii 25.11.2015 16:14
    Highlight Highlight versprechen von politiker welche wohl genau diese multis vertreten und die entsprechenden gesetzeslücken wohl geschaffen haben - sehr glaubwürdig..
  • a v 25.11.2015 16:11
    Highlight Highlight Sharehoder-Value 😉
    • Daniel Huber 25.11.2015 16:16
      Highlight Highlight Danke für den Hinweis! Ist korrigiert ;-)

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