Fair Food
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Sag mir, was du isst... – warum die Fair-Food-Initiative den Nerv der Zeit trifft

Biologisch, regional, saisonal gilt als die heilige Dreifaltigkeit einer nachhaltigen Ernährung. Essen ist mehr als Kalorienzufuhr. Es geht um Gesundheit, Identität und Moral. Wie das Essen zu unserem Fetisch wurde – und sich der politische Kampf um den Teller verschärft.

Doris Kleck / Schweiz am Wochenende



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Durch die sozialen Medien hat Essen eine zusätzliche Bedeutung bekommen: Dieses und Millionen andere Bilder werden unter dem Hashtag «foodporn» ins Netz gestellt.

Das Zitat ist alt, doch es ist aktueller denn je. 1826 schrieb der französische Philosoph und Gastronomiekritiker Jean Anthelme Brillat-Savarin: «Sag mir, was du isst, und ich sage dir, wer du bist.» Das Thema Essen ist omnipräsent. Es durchdringe fast alle Bereiches unseres Lebens, schreibt das Gottlieb-Duttweiler-Institut (GDI) im aktuellen «European Food Trends Report»: «Essen ist Wellness-Erlebnis und Lifestyle, Orientierungspunkt der Identitätsbildung, Kompass auf der Suche nach Moral und manchmal Ersatzreligion.» Und Essen ist hochpolitisch.

Am 23. September stimmen wir über zwei Initiativen ab – Fair Food und Ernährungssouveränität. Sie unterscheiden sich zwar in vielem, doch im Kern haben sie das gleiche Ziel: Unsere Lebensmittel sollen umweltschonender, tierfreundlicher und unter fairen Arbeitsbedingungen produziert werden. Bio, saisonal, lokal: Das sind die Attribute der Stunde.

In der Stadt Luzern wird am gleichen Sonntag über eine Änderung des Energiereglementes abgestimmt. Gestritten wird über einen Satz: «Die Stadt setzt sich im Rahmen ihrer Zuständigkeit für die Förderung der nachhaltigen Ernährung und die Information über den Einfluss der Ernährung auf das globale Klima und die Umwelt ein.»

Foodporn – jetzt mal richtig

Für die Gegner beginnt hier die Bevormundung, «Wir entscheiden, was auf unseren Teller kommt!», heisst ihr Slogan. Die Stadtzürcher Stimmbevölkerung hat einem ähnlichen Passus im letzten November bereits zugestimmt.

Einst privat, jetzt öffentlich

Der Teller ist zu einer politischen Kampfzone geworden. Auf der Agenda stehen weitere Vorstösse: Die Hornkuh-, Pestizid- und Trinkwasserinitiative sind in Bundesbern hängig. Für ein Verbot der Massentierhaltung werden Unterschriften gesammelt. In den nächsten Wochen wird die Initiative zum Importverbot von Produkten lanciert, die mit tierquälerischen Methoden produziert worden sind (Foie-Gras-Initiative). Und am Wochenende diskutiert die Slow-Food-Organisation darüber, ob sie ein Volksbegehren «Jugend und Genuss» starten soll.

«Essen war schon immer politisch», sagt Christine Brombach. Die Professorin an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften verweist auf den Ausdruck «Brot und Spiele» des römischen Dichters Juvenal. Essen sei jedoch nicht mehr privat, es habe eine Verschiebung in die Öffentlichkeit stattgefunden – vor allem wegen der sozialen Medien. «Essen ist für viele ein Medium der Selbstinszenierung. Doch dafür braucht es Öffentlichkeit. Man demonstriert gegen Aussen: Ich bin kein Normalo, sondern ein Flexitarier.» Also ein Teilzeit-Vegetarier oder bewusster Fleischesser.

Unter dem Hahstag «foodporn» finden sich auf der Plattform Instragram über 170 Millionen Beiträge. «Erst durch Social Media und die tech-affinen Millennials hat Essen den Stellenwert bekommen, den es heute hat», schreiben auch die Forscher des GDI. Dass Leute in Restaurants hemmungslos ihr Essen fotografieren, schockiert niemanden mehr.

So nah können sich Ekel und Bewunderung sein

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Sogenannte Influencer tun das professionell, inszenieren ihren «Food» hyperästhetisch und setzen Trends. Andrin Willi, Chefredaktor der Gourmetzeitung «Marmite», sagt, man dürfe die Influencer nicht unterschätzen. Er schüttelt aber auch den Kopf über den Lifestyle-Wahn. «Plötzlich reden alle von Goji-Beerli – dabei könnte man einfach Johannisbeeren im Wald sammeln. Und auch Brennnesseln sind Superfood.»

Doch das muss man wissen. Früher wurden Rezepte innerhalb der Familie weitergegeben. Heute orientiert man sich im Internet: Instragram, Food-Blogs, Rezeptforen. Und im Fernsehen sind Kochsendungen nicht mehr wegzudenken. «Essen», sagt Willi, «ist so mediatisiert wie nie.»

Medien sind ein Beschleuniger. Entscheidend ist jedoch, dass Essen im Überfluss vorhanden ist. Brombach spricht von einer unüberschaubaren Fülle von Lebensmitteln, die jederzeit verfügbar und auch günstig sind. Ein Schweizer Haushalt gibt heute noch acht Prozent seines Einkommens für Lebensmittel aus. 1960 waren es weit über 20 Prozent.

Was früher Luxus war, wird heute täglich gegessen: Lachs, Weissbrot, Käse, Kaffee, Schokolade und Tomaten gibt es selbst im Winter. «Die Vielfalt erlaubt es uns erst, uns über das Essen zu differenzieren», sagt Brombach. Das Essen werde zudem als eigener Handlungsfreiraum wahrgenommen – als Grundlage für ein ideologisches Lebensführungskonzept.

Aufgetischt: #FoodPorn vom Feinsten!

Nur ist die Bedeutung des Essens längst nicht überall gleich: «Menschen, die bildungsferner sind und wenig Einkommen zur Verfügung haben, ernähren sich schlechter», sagt Brombach. Die sozialen Unterschiede sind gross.

Essen als politischer Akt

Essen ist heute öffentlicher. Gleichzeitig gab es auch Verschiebungen ins Private: Brombach erinnert daran, wie früher Schweine öffentlich geschlachtet worden sind. Als letztes Jahr ein Metzger mitten in Sissach eine Schlachtung durchführte, war die Empörung gross. Er wollte mit der Tötung zweier Schweine in der Öffentlichkeit das Verständnis für die Fleischverarbeitung fördern und eine Diskussion über den Wert von Lebensmitteln auslösen.

Die Schlachtung wurde zum ideologischen Schlagabtausch – und zum Juristenfutter. Für Andrin Willi ist das typisch: «Die Konsumenten wollen sich mit dem Essen identifizieren, aber über öffentliche Schlachtungen regen sie sich auf. Wir kaufen das Rindsfilet im Supermarkt, dass Lebern und Kutteln weggeworfen werden, ist uns ist egal.»

Willi sagt: «Essen ist nicht persönlich, sondern politisch.» Wer täglich auf Instagram poste, dass er eine Avocado esse, mache sich mitschuldig, wenn es Leuten in Südafrika deswegen an Wasser mangle. Er empfindet es als positiv, dass sich die Leute Gedanken über das Essen machen, und versuchen, sich bewusst zu ernähren.

Nur stellt er eben auch fest, dass der Absatz von Convenience-Food steigt – er nennt ihn «Faulheitsküche.» An den Wochenenden würden die Leute ihr schlechtes Gewissen kompensieren: Sie pflegen ihren Garten, gehen Pilze sammeln oder auf dem Bauernhof einkaufen.

Bescheid wissen, Zusammenhänge erkennen: Für Brombach und Willi hapert es da gewaltig. «Die immense Verfügbarkeit von Essen können wir nicht mehr handhaben», sagt Brombach. Deshalb orientieren sich die Konsumenten an Experten – und diese seien häufig wissenschaftsfern. Köche, Influencer oder selbst Lebensberater: «Sag mir, was du isst, und ich sag dir, wohin du gehen kannst.» 

Ekliger Aschenbecher oder leckeres Dessert?

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    Alle Leser-Kommentare
  • Pirat der dritte 26.08.2018 12:15
    Highlight Highlight Die Initiativen bedeuten die vollständige Verstaatlichung des Landwirtschaftssektors! Wir würden für 2% des BIP sogar Freihandelsabkommen und Bilaterale gefährden. Das ist schlimmer wie Trumps Wirtschaftspolitik! Jeder ist doch alt genug, selbst zu bestimmen, was er essen wil! Nur Jusos und ähnlich kindisch gebliebene brauchen einen Papi, in diesem Fall der Papi Staat, der wohlbehütet vorschreibt, was zu tun ist und was nicht.
    • Geophage 27.08.2018 14:57
      Highlight Highlight Sie waren aber schon auch dabei als Sie den Kommentar verfasst haben?

      "Die Initiativen bedeuten die vollständige Verstaatlichung des Landwirtschaftssektors!"

      Wenn die Bauern gerechter entlohnt werden, dann benötigen sie weniger Geld vom Staat.

      "Wir würden für 2% des BIP sogar Freihandelsabkommen...."

      Im initiativtext stehen Wort wie "strebt an" und "fördert". Ausserdem wenn es ja nur 2% sind wo liegt das Problem?

      "Jeder ist doch alt genug, selbst zu bestimmen, was er essen wil!"

      Ich bin sogar der Meinung, dass jeder alt genug ist um niemanden Umzubringen, es passiert aber trotzdem.

    • Pirat der dritte 27.08.2018 16:14
      Highlight Highlight Wo verdient denn @Bauerbrot sein Brot? Ziemlich hektisch unterwegs, wenn es darum geht, Konsumenten staatlich verordnet für die Bauern abzuzocken!
    • Geophage 28.08.2018 12:43
      Highlight Highlight Die Bauern gerecht zu entlohnen und faire Arbeitsbedingungen anzustreben ist Abzocke?
    Weitere Antworten anzeigen
  • Matrixx 26.08.2018 11:33
    Highlight Highlight Spätestens wenn auch der letzte Quadratmeter Boden der Schweizer Landwirtschaft unfruchtbar ist, und das wird er zwangsläufig sein, wenn wir so weiter wirtschaften, und die Preise ins Unendliche steigen, weil man aufs Ausland angewiesen ist, spätestens dann redet jeder von Fair Food.
  • Yogi Bär 26.08.2018 10:57
    Highlight Highlight Fairfood tönt so gut nur ist es wieder einmal eine Initiative die nichts hält was der Titel verspricht. Lest den Initiativtext und überzeugt euch selbst. Kann denn Wähler die diesen nicht lesen, nur ein NEIN empfehlen!
    • Geophage 27.08.2018 14:50
      Highlight Highlight @Yogi Bär

      Gut gebrüllt Herr Bär. Hier der Initiativtext:

      https://www.bk.admin.ch/ch/d/pore/vi/vis452t.html oder https://bit.ly/2PETaip

      Welcher Artikel oder Absatz stört Sie denn am meisten? Gerne beantworte ich all ihre Fragen.
    • Yogi Bär 27.08.2018 16:47
      Highlight Highlight @Bauernbrot bitte lesen Sie Art. 104a Abs. 1 bis 4. Aet 104a Abs a bis e, dort ist klar verankert, dass der Bund von den Vorschriften bis zur Zielvereinbarung zuständig ist dies kommt einer Kolchosen Bewietschaftung gleich. Zudem im Punkt 104a Abs. b sind die Einfuhrbestimmungen die wiederum Probleme mit den Bilateralen EU Verträge bereiten. Diese Vorlage ist wiederum ein absoluter Schwachsinn!
    • Geophage 27.08.2018 18:14
      Highlight Highlight Es steht nicht viel mehr als dass der Bund, stärkt, sicher stellt, sorgt und kann. Dennoch ist es ein Schritt in die richtige Richtung und ein Zeichen, für mich aber viel zu schwammig formuliert. Besser als das "Nichts" welches wir jetzt haben ist es alleweil.

      PS Die Buchstaben welche Sie als Abs. bezeichnen, nennen sich Lit.
    Weitere Antworten anzeigen
  • kafifertig 26.08.2018 01:04
    Highlight Highlight Ich esse.
    • Geophage 26.08.2018 09:07
      Highlight Highlight Verblüffend, erstaunlich, was für ein Pfundskerl.
  • Geophage 25.08.2018 23:43
    Highlight Highlight Die Filme aus den Tierfabriken sollten allen bekannt sein. Hier deshalb wie unser "Fabrik"-Gemüse hergestellt wird:
    Play Icon
    • Geophage 26.08.2018 09:47
      Highlight Highlight Gegner der Initiative haben nur ein Argument, Geld. Nicht das Geld der Armen oder Benachteiligten, sondern ihr eigenes.
    • Wakuli* hasnümm vergässe 26.08.2018 10:23
      Highlight Highlight Danke dir für den Tipp.
  • Chääschueche 25.08.2018 23:32
    Highlight Highlight 2 mal NEIN
    • grünergutmensch 26.08.2018 07:53
      Highlight Highlight Ganz klar 2x JA
      Weshalb nein?
    • Geophage 26.08.2018 09:08
      Highlight Highlight Schön wie Sie Ihre Gedankengänge dargelegt haben. Danke dafür.
  • inmi 25.08.2018 20:05
    Highlight Highlight Eine dermassen überflüssige Initiative. Gigantische Bürokratie und noch teureres Essen für ein Bisschen Feel Good. Als ob wir sonst nicht genug Probleme hätten...
    • äti 25.08.2018 20:51
      Highlight Highlight .. wenn man Probleme verhindern kann, sollte man es tun.
    • Geophage 25.08.2018 23:48
      Highlight Highlight @inmi

      Zum Thema Feel Good sollten Sie sich folgende indische Weisheit merken:

      Der Gesunde hat viele Wünsche, der Kranke nur einen.
  • Ursus der Rächer 25.08.2018 19:53
    Highlight Highlight Ich finde Fair Food nicht fair!
    • Geophage 25.08.2018 22:51
      Highlight Highlight Weswegen? Weil die Produzenten gerecht entlonht werden und der Umwelt in ihren Ländern Sorge tragen sollten? Wir könnten ihnen auch einen Anreiz geben sich positiv zu ändern. Ja wir sind nicht die Welt, aber für einen einzelnen Bauern kann unser Handeln die Welt bedeuten. Keiner kann sich für uns ändern, dass müssen wir immer noch selbst.
  • Olmabrotwurst vs. Schüblig 25.08.2018 18:11
    Highlight Highlight Ich esse nur noch Globuli, bin ich nun Vegan? Oder beim Falschen Artikel?
    • äti 25.08.2018 20:49
      Highlight Highlight .. kommt drauf an was für Globuli ..
    • Geophage 25.08.2018 23:51
      Highlight Highlight @Olmabrotwurst

      Halten Sie schon mal eine Insulinspritze bereit, auch beim anderen Artikel.
    • Sharkdiver 26.08.2018 08:12
      Highlight Highlight In Globuli hat es teils verstampfte Ameisen und Hundekot, nicht sehr vegan
    Weitere Antworten anzeigen
  • Hierundjetzt 25.08.2018 18:01
    Highlight Highlight Alles nett. Jetzt mal konkret: Was ändert sich für mich als Konsument? Waren bist jetzt die Produkte mit der Bio-Knospe ein Witz? Das Tierschutzgesetz ebenso? Warum bezahle ich heute bereits einen Aufpreis für "echte" Bioprodukte, wenn sich doch mit der Initiative doch alles ändert und demnach heute alles schlecht ist?

    Wenn alle doch sooo für diese landwirtschaftliche Nachhaltigkeit stimmen, warum geben den Herr und Frau Schweizer 4'000'000'000 (4 Mrd) für Lebensmittel im Ausland aus? Weil dort besser produziert wird?

    Klaaaar.

    Ganz ehrlich: Es ändert sich für mich als Konsumenten nichts.
    • atomschlaf 25.08.2018 20:08
      Highlight Highlight Schau Dir einfach die heutigen Preise für Bio-Ware an und gehe davon aus, dass Du künftig für alles mindestens so viel bezahlen musst.
    • John Carter 25.08.2018 20:10
      Highlight Highlight ...es wird alles teurer, weil nichts mehr importiert werden darf, dass nicht den Bio Bestimmung entspricht.
    • vescovo 25.08.2018 20:11
      Highlight Highlight Genau bei den ausländischen Importen setzt die Initiative ja an. Die Produkte sollen, so gut es geht, Schweizer Standards einhalten.
      Und zwar passiert das nicht mit Verboten, sondern mit Anreizen. Fair hergestellte Produkte sollten also eigentlich billiger werden.
    Weitere Antworten anzeigen

Keine Stopfleber mehr: New York verbannt Foie Gras

Ein Erfolg für Tierschützer, ein Albtraum für Feinschmecker: Die US-Millionenmetropole New York verbannt die umstrittene Delikatesse Foie Gras. Der Stadtrat stimmte am Mittwoch für ein Gesetz, wonach der Verkauf von Stopfleber ab Oktober 2022 verboten wird.

Bei Zuwiderhandlungen sollen dann Strafen zwischen 500 und 2000 Dollar pro Verstoss drohen. Das Gesetz muss noch von Bürgermeister Bill de Blasio unterzeichnet werden.

«Das ist ein historischer Tag für die Rechte von Tieren in New York …

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