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Wieso sind Autofarben soooo langweilig geworden? Ein Experte erklärt

In Zeiten von Pandemie und globaler Wirtschaftskrise darf man eine der grössten Krisen der Neuzeit nicht ausser Acht lassen: Die «stiere Autofarben»-Krise.



Ihr kennt das bestimmt:

New cars by VW, Skoda and Audi on a parking lot of car dealer Amag Group in Schinznach Bad in the canton of Aargau, Switzerland, pictured on March 10, 2009. (KEYSTONE/Gaetan Bally)

Neuwagen von VW, Skoda und Audi auf einem Parkplatz der Amag Gruppe in Schinznach Bad im Kanton Aargau, aufgenommen am 10. Maerz 2009. (KEYSTONE/Gaetan Bally)

OH MEIN GOTT da ist ja ein oranges Auto links im Bild! Was ERLAUBT SICH dieser! Bild: KEYSTONE

Schwarz, schwarz, anthrazit-grau, schwarz, anthrazit-grau, anthrazit-grau ... und ab und zu als Farbtupfer noch silber oder – huch! – weiss.

Wieso eigentlich? Sind wir alle einfach Langweiler? (Ja nicht auffallen – die Nachbarn könnten reden!) Oder knauserige Schisshasen? (Nachweislich erzielen auffälligere Autofarben niedrigere Preise auf dem Occasionsmarkt.)

Da denkt man nostalgisch an anno dazumal zurück – etwa an die zweifarbigen Farbschemata der Fünfzigerjahre.

Heute unvorstellbar. Später, um 1970, gab es für das Muscle-Car-Segment schier Unglaubliches im Angebot: Ford Mustangs in Grabber Blue, Dodge Challengers in jenem leuchtenden Sub Lime; Hugger Orange für den Chevrolet Camaro ...

Laute Farben für laute Autos, eben. Zugegeben, das war ein eher kleines, sehr spezifisches Segment. Lamborghinis und Konsorten gibt es auch heute in leuchtgrün. Klar.

Aber selbst Otto Normalverbraucher gönnte sich einen Göppel in heute kaum noch erhältlichen Farben. Der Fiat 128 meiner Grossmutter anno 1974 war erbsengrün.

Heute unvorstellbar. Ebenso das Ford Metallic Brown, das für die Cortina damals eine der populärsten Lackierungen war. Sicherlich keine mutige Farbe, aber eine, die inzwischen so gut wie tot ist.

Ebenso jenes klassische Ermine White aus den Sechzigerjahren, hier auf einer 1966er Lotus Cortina zu sehen, mit Streifen in Sherwood Green:

Alles sehr ikonische Farben – nur schon vom Namen her. «Sherwood Green» – geil. Und obwohl obiges Farbschema nicht allzu marktschreierisch und durchaus nachbarschaftskonform ist, ... nun, wieviele Autos siehst du heutzutage in Ermine White?

Was ist passiert?

Der Chemiekonzern BASF, weltweit eine der grössten Hersteller von Autofarben, veröffentlicht jedes Jahr einen Bericht zu Beliebtheit von Autofarben. Für das Jahr 2019 sieht's so aus:

basf car colour report 2019 autofarben trends auto https://www.basf.com/global/documents/BASF_Color%20Report%202019_Press.pdf

Bild: basf.com

Blau hat einen entscheidenden Vorschritt gemacht – 9 Prozent mehr als im Vorjahr. Immerhin etwas.

basf car colour report 2019 autofarben trends auto https://www.basf.com/global/documents/BASF_Color%20Report%202019_Press.pdf

Bild: basf.com

Doch mehr als drei Viertel – 78 Prozent – aller Autofarben sind ... eigentlich gar keine Farben: schwarz, Grautöne, silber, weiss. Was man im Fachjargon «unbunt» nennt; «achromatics».

Freilich sind regionale Unterschiede zu erkennen, doch überall sind die Nicht-Farben am populärsten.

basf car colour report 2019 autofarben trends auto https://www.basf.com/global/documents/BASF_Color%20Report%202019_Press.pdf

Bild: basf.com

basf car colour report 2019 autofarben trends auto https://www.basf.com/global/documents/BASF_Color%20Report%202019_Press.pdf

Bild: basf.com

Das Auto-Magazin «Jalopnik» interviewte kürzlich Paul Czornij, den leitenden Designer für BASF North America – und damit jemand, der uns vielleicht erklären kann, weshalb wir heute nur noch öde Farben kaufen wollen. Im Interview konstatiert Czornij, dass Autofarben seit den Achtzigerjahren kontinuierlich weniger bunt wurden. Die Ursache liegt mitunter im technologischen Fortschritt:

«In den Achtzigerjahren gab es einen starken Trend hin zur Verwendung von Flockenpigmenten in Autolacken. Dies brachte erstmals das Konzept von Struktur und Textur in Autofarbe. Die Lackierung konnte neu die Form des Autos zusammen mit seinen Konturlinien stärker betonen. Metallik-Lackierungen lassen das Auto grösser und ‹dreidimensionaler› erscheinen. Zweitens intensivierten die perlglänzenden, auf Glimmer basierenden Flocken den Farbton an sich, so dass vormals dezentere Farben reichhaltiger und ausdrucksstärker wirken konnten.»

Paul Czornij jalopnik

Und dann kommt unweigerlich die psychologische Komponente hinzu: Seit den Achtzigerjahren nahmen technologische Gadgets in Autos immer mehr zu.

«Diese Spitze an technologischen Spielereien hatte für viele Branchen weitreichende Auswirkungen. Auch für die Autobranche. Als Resultat davon werden Autos als Hightech wahrgenommen, womit die psychologische Assoziation mit der Farbe von Metalloberflächen – Silber-Grau und so weiter – gegeben ist.»

Paul Czornij jalopnik

https://www.tesla.com/cybertruck tesla cyber truck auto EV elektrisch

Such techno. Much grey. Bild: tesla

«Wir haben es mit Wahrnehmungen, Bildern, Psychologie und Ähnlichem zu tun. Anstatt es also als eine Abneigung gegen echte Farben zu betrachten, könnte es eher mit mehr Optionen in der Palette der Autolacke zu tun haben. Und dann noch damit, was der Markt für diese Autos als angemessen erachtet.»

Paul Czornij jalopnik

Angemessen für den Markt ist – logischerweise –, auf Nummer Sicher zu gehen. High-End-Sportwagen passen vielleicht zu kräftigen Rottönen mit Motorsport-Assoziationen. Und am unteren Ende des Preissegments darf man mit verspielteren Farbtönen experimentieren: Fiat 500, VW Lupo und Co. gibt es in bunt. In der Mittel- und oberen Mittelklasse setzt man auf Seriosität.

Das ist es also: Technologische Entwicklungen in Farblackierung und wie der Markt diese dem Konsumenten anbietet, gekoppelt mit den urmenschlichen psychologischen Assoziationen der Kundschaft. Deshalb ist etwa grün, in den Siebzigerjahren eine populäre Farbe, so gut wie verschwunden. Grün ist die hungrige Raupe aus dem Kinderbuch. Anthrazit-Metallisé, hingegen, das ist Fortschritt. Analog kann man den neueren Trend satter, porzellanähnliche Lackierungen in feldgrau oder beige erklären.

Audi Nardo Grey autofarben auto design https://www.autoglym.com/blog/2017/06/13/the-15-most-iconic-car-colours/

«Nardo Grey» heisst die Farbe. «Wehrmachtshelm-Grau» kam beim Kunden nicht so gut an, wohl. Bild: autoglym.com

Die Assoziation mit Kriegsschiffen und Militäranlagen ist mitnichten von ungefähr. Seit geraumer Zeit wird unsere Welt als unsicherer und instabiler wahrgenommen. Hightech gepaart mit Tarnung und Kraft sollen Sicherheit vermitteln. Bunte Farben gehören in eine optimistischere Ära. Die Zeit des Rumspielens ist vorbei. Somit dürfte die Krise der langweiligen Autofarben noch ein Weilchen andauern. Leider.

Postskriptum: Ich fahre einen Volvo V70 in einem merkwürdigen Grün-Grau-Metallisé. Die Farbe gefällt mir nicht (ich hatte keine Mitsprache, hab' den Göppel von meiner Mami geerbt). Aber: Das Ding ist ein Stealth-Car. An keiner Polizeikontrolle wird man angehalten.

Mein nächstes Auto will ich in ...

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