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Reinhard Heydrich

SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich, Chef des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA), hatte die Vertreter der Ministerien und des NS-Machtapparats eingeladen, um die «Endlösung der Judenfrage» zu besprechen.  Bild: PD

Treffen der Schreibtischmörder: Sie planten vor 75 Jahren den Holocaust

19.01.17, 13:20 20.01.17, 06:50


Es ist das Sinnbild des kaltblütig-bürokratisch angeordneten Massenmords: Vor 75 Jahren schwören sich die Nationalsozialisten an der Wannsee-Konferenz auf den Holocaust ein.

In anderthalb Stunden war alles besprochen. Die 15 Männer, die sich am 20. Januar 1942 in einer Villa am Berliner Wannsee trafen, gönnten sich zum Abschluss einen Cognac, wie Adolf Eichmann, einer von ihnen, später in seinem Prozess in Jerusalem aussagte.

«Ich habe da nicht teilgenommen.»

Nazi-Innen-Staatssekretär Wilhelm Stuckart

Die Vertreter der Ministerien und des NS-Machtapparats hatten sich auf Einladung von Reinhard Heydrich, dem Chef des Reichssicherheitshauptamtes, in idyllischer Lage über einen millionenfachen Mord verständigt, der «Endlösung der Judenfrage».

Sechs Teilnehmer erlebten das Kriegsende nicht. Vor Gericht kamen fünf, nur bei Eichmanns Prozess spielte die Konferenz eine bedeutende Rolle. 

Die Teilnehmer an der Wannsee-Konferenz 1942

«Humanitäre» Umsiedlung

Josef Bühler, der am Wannsee das «Generalgouvernement» im besetzten Polen vertrat, erklärte vor dem Kriegsverbrechertribunal in Nürnberg, man habe über eine «humanitäre» Umsiedlung der Juden gesprochen. Innen-Staatssekretär Wilhelm Stuckart behauptete später sogar: «Ich habe da nicht teilgenommen» – obwohl er auf der Teilnehmerliste stand.

Lügen, verschleiern, abstreiten, um die eigene Haut zu retten: Die meisten Teilnehmer der Wannsee-Konferenz, die den Zweiten Weltkrieg überlebten, spielten die Bedeutung des Treffens herunter, wie der Historiker Peter Longerich in seinem neuen Buch «Wannsee-Konferenz – Der Weg zur Endlösung» (Pantheon Verlag) über die Konferenz schreibt.

Schon vor der Wannsee-Konferenz hatten SS-Einsatzgruppen im Osten hunderttausende Juden getötet.

Tatsächlich erscheint die Konferenz auf den ersten Blick vor allem als ein formaler Akt. Heydrich war an den Wannsee mit einem Blankoscheck von «Reichsmarschall» Hermann Göring gefahren und sollte den Staatsapparat auf Linie bringen. Die Beamten sollten in trauter Runde als Mittäter und Mitwisser «festgenagelt» werden, wie Eichmann später in Jerusalem aussagte.

Norbert Kampe über die Bedeutung der Wannsee-Konferenz. Video: YouTube/vergangenheitsverlag

Doch 75 Jahre danach beschäftigt das Treffen der Schreibtischtäter und das Protokoll der Konferenz noch immer die Historiker. Von dem 15 Seiten langen Papier mit dem Stempel «Geheime Reichssache» verschickte Adolf Eichmann 30 Kopien – nur eine ist erhalten. Das Protokoll ist ein Schlüsseldokument des Holocaust, das Treffen das Sinnbild für seinen kaltblütig-bürokratischen Vollzug.

Weitgehend unstrittig ist, dass an der Konferenz nicht, wie immer wieder dargestellt, die Ermordung der europäischen Juden beschlossen wurde. Schon zu dem Zeitpunkt waren Hunderttausende von ihnen systematisch getötet worden. Hinter den Wehrmachtslinien hatten SS-Einsatzgruppen im Osten bereits mehr als eine halbe Million Menschen umgebracht.

Kaum verklausuliert

Dennoch bleibt das Protokoll einzigartig, wie Historiker Longerich betont. Kein anderes Dokument reflektiere in solcher Klarheit den Weg und die Absichten der Nationalsozialisten. Adolf Hitler, «Reichsführer SS» Heinrich Himmler und Heydrich hatten sich bis dahin fast nur mündlich verständigt, schriftliche Spuren wurden vernichtet.

«Die Entscheidung ist früher gefallen.»

Norbert Kampe, ehem. Direktor der Gedenkstätte «Haus der Wannsee-Konferenz»

In kaum verklausulierter Form zeichnet das Wannsee-Dokument den Gesamtplan nach. Deutlich wird dabei, dass neben SS, Sicherheitsdienst und Sicherheitspolizei auch Reichskanzlei, Justiz, Innenministerium, Auswärtiges Amt, die Besatzungsbehörden und die NSDAP beteiligt waren.

«Die Wannseekonferenz» (1984). Video: YouTube/The American Patriot

Kaum verhüllt wird der Weg in den Tod beschrieben, penibel die Zahl der Juden Europas mit 11 Millionen Menschen festgehalten. Der Kontinent sollte «vom Westen nach Osten durchgekämmt», die «evakuierten Juden» in «Durchgangsghettos» gebracht werden.

Die Arbeitsfähigen sollten Strassen bauen, «wobei zweifellos ein Grossteil durch natürliche Verminderung ausfallen wird». Die Überlebenden sollten «entsprechend behandelt» werden. «Vernichtung durch Arbeit», lautete der Befehl. Heydrich drängte auch darauf, den Kreis der Opfer auszuweiten. Auf mehreren Seiten wurde festgehalten, wie Juden und «Mischlinge» ersten und zweiten Grades zu behandeln seien. 

«Entscheidung früher gefallen»

Hatten die Beamten die Befugnis zu einer solch weitreichenden Entscheidung? Für Norbert Kampe, den früheren Direktor der Gedenkstätte «Haus der Wannsee-Konferenz», ist das ausgeschlossen. Ohne Absicherung von oben hätten die Ministerialbürokraten ein solches Programm nicht beschliessen können. «Die Entscheidung ist früher gefallen.»

Adolf Hitler selbst hielt den Befehl für den Völkermord wohl nie schriftlich fest. «Das passte nicht zu ihm, Hitler hasste die Bürokratie», sagt Kampe. Doch drei Tage nach seiner Kriegserklärung an die USA am 9. Dezember 1941 rief Hitler die Gauleiter aus dem gesamten Reich nach Berlin. 

Trailer: «Conspiracy» (2001). Video: YouTube/Filme - wahre Begebenheiten

«Endlösung» in Dienst des Krieges gestellt

Mit der Ausweitung des Krieges über den Atlantik, hämmerte der «Führer» der NS-Spitze ein, sollte die Verfolgung der Juden verschärft werden. Weltweit sollten sie für die Niederlage im Ersten Weltkrieg büssen, die Juden seien auch die Urheber des neuen Krieges. «Solche Tiraden Hitlers wurden von der NS-Spitze auf die unteren Ebenen als Handlungsanweisungen weitergeleitet», sagt Kampe.

Longerich sieht den Weg zur «Endlösung» als Klammer der deutschen Besatzungs- und Bündnispolitik. Mit dem voranschreitenden Krieg sollten auch die Juden Europas ermordet werden. Die Konferenz spiegle ein radikales Umdenken in der deutschen Führungsschicht über die weitere Ausrichtung der «Judenpolitik».

Die «Endlösung» wurde mit der Konferenz in den Dienst des Krieges gestellt. Nach Heydrichs Vorstellung sollten nach einem Sieg alle Juden Europas in den Osten verschleppt und dort durch eine Mischung aus Zwangsarbeit, unerträglichen Lebensbedingungen und Massenmorden zugrunde gerichtet werden.

Den Vollzug seines Plans erlebte Heydrich nicht mehr. Der «Reichsprotektor von Böhmen und Mähren» wurde im Mai 1942 von Widerstandskämpfern in Prag bei einem Bombenanschlag schwer verletzt, wenige Tage später erlag er seinen Verletzungen. (dhr/sda/dpa)

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Charly Otherman, 5.5.2017
Watson kann nicht nur lustig! Auch für Deutsche (wie mich) ein Muss, obwohl ich das schweizerische nicht immer verstehe.

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    Alle Leser-Kommentare
  • LandeiStudi 21.01.2017 01:03
    Highlight Es sollte uns eine Mahnung sein, denn sollte Europa als kollektiv oder einzelne Staaten mit der heutigen Technologie einen solche Gräueltat an einer Bevölkerungsgruppe verüben, dann wird der Holocaust in 100 Jahren dagegen aussehen wie eine kümmerliche Vorpremiere. Es schaudert mir.
    2 0 Melden
  • batschki 19.01.2017 16:31
    Highlight "Wann wird man je verstehen?"
    dass Menschen auf die Idee kamen, die neuen Technologien der Fliessbandindustrie auf die Massenvernichtung von Mitmenschen anzuwenden?
    40 6 Melden
  • zombie woof 19.01.2017 13:38
    Highlight 75 Jahre später
    119 65 Melden
    • Triumvir 19.01.2017 14:16
      Highlight siehe auch den Jubel von Mitgliedern der Nazi-Partei in den USA über die Wahl eines gewissen Herrn Trump...
      77 36 Melden
    • zombie woof 19.01.2017 16:20
      Highlight Wenn ich mir die Blitze anschaue.....
      50 56 Melden
    • Alnothur 19.01.2017 17:37
      Highlight Wetten, wenn man im richtigen Moment auf den Auslöser drücken würde, gäbe es von euch allen auch "Hitlergruss-Fotos".
      65 53 Melden
    • Echo der Zeit 19.01.2017 17:51
      Highlight ..... dann wirds wieder Zeit den Nazitöter aus dem Keller zu holen.
      29 16 Melden
    • Fabio74 19.01.2017 17:54
      Highlight @alnothur Nein gäbe es nicht. Aber Hauptsache du kannst Nazis verharmlosen
      39 59 Melden
    • Echo der Zeit 19.01.2017 22:03
      Highlight Die geben sich nicht mehr die Mühe es zu Leugnen - Am Dienstag hat der thüringische AfD-Vorsitzende Björn Höcke eine Rede gehalten, die sich am Vokabular der Nationalsozialisten orientiert - http://www.srf.ch/play/radio/echo-der-zeit/audio/tabu-bruch-als-politische-strategie?id=51cb7a8f-d2cd-4c29-a708-2212d03a87c4
      10 1 Melden
    • Juliet Bravo 20.01.2017 01:29
      Highlight Ich empfehle, in die Bachmann'sche Rede rein zu hören. Ein kurzer Beitrag hier im Echo der Zeit:
      https://www.srf.ch/play/radio/redirect/detail/51cb7a8f-d2cd-4c29-a708-2212d03a87c4
      Tabu-Bruch als politische Strategie
      Nein, ist klar, der ist kein Nazi... Wacht auf!
      8 5 Melden
    • zombie woof 20.01.2017 08:55
      Highlight @Beilage: Die Nazis haben formvollendet gezeigt was passiert, wenn sich eine Gruppe Menschen als Herrenmenschen sieht und sich so über alle anderen stellt. Wenn sich heute eine AfD mit dem gleichen Gedankengut wie vor 80 Jahren auf der Politbühne bewegt, so hat das nichts mit einer Meinung zu tun, sondern es wird versucht, die Nazi Ideologie wieder Salonfähig zu machen. Und jeder vernünftig denkende Mensch wird dagegen angehen.
      12 2 Melden
    • Fabio74 20.01.2017 10:08
      Highlight @Beilage: gibts für den Vorwurf noch Argumente?
      Es wird von keinem normal denkende Fotos mit Hitlergruss geben.
      Und es stellt sich die Frage warum man Nazis relativieren muss mit dem ich-nicht-er-auch Spiel
      6 4 Melden
    • Echo der Zeit 20.01.2017 17:17
      Highlight @deleted_446256215 - Haben sie den Beitrag gehört und die Reden der Afd Leute??? Ich bin ein sehr Toleranter Mensch - aber Faschisten die - das Nazi vokabular wieder Raus holen - Sry, aber wie Blöd und verblendet muss man sein - damit man das nicht Bekämpft.
      6 0 Melden

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