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ICF-Gottesdienst gleichen Happenings oder Konzerten. Die Form ist modern, die Inhalte sind fundamentalistisch.
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Sektenblog

Sektenbarometer: Das Coronavirus steckt noch immer in den Köpfen der Corona-Skeptiker

Der Jahresbericht der Beratungsstelle InfoSekta zeigt, dass der Coronagraben weiter existiert.
02.07.2022, 08:1503.07.2022, 08:28

Die Zürcher Beratungsstelle InfoSekta beobachtet seit über 30 Jahren die Sektenlandschaft in der Schweiz und berät Betroffene, mehrheitlich Angehörige von Sektenanhängern, Fachleute wie Lehrer und Psychologen und Aussteiger. Die Mitarbeiter erfassen ihre Arbeit statistisch und liefern einen guten Überblick über die gesellschaftspolitische Entwicklung in der Sektenszene.

Der soeben veröffentlichte Jahresbericht 2021 zeigt auf, dass der gesellschaftliche Graben, der sich in der Corona-Pandemie öffnete, weiter besteht. Dies überrascht, denn das Virus ist weitgehend aus der öffentlichen Diskussion verschwunden und führt in der politischen Agenda ein Randdasein.

«Die Radikalisierung des geliebten Familienmitglieds läuft mit anderen Inhalten weiter.»
InfoSekta Jahresbericht 2021

Doch das Fieber ist bei den radikalen Skeptikern und den Verschwörungstheoretikern noch nicht abgeklungen. Ein Fieber, das sektenhafte Qualität hat.

Corona ist out, Putin in

InfoSekta schreibt dazu: «Viele Angehörige hegten die Hoffnung, dass sich mit der Überwindung der Corona-Krise auch die familiären Konflikte um Verschwörungsmythen wieder legen würden. Während sich diese Hoffnung bei einigen erfüllte, mussten andere ernüchtert feststellen: Die Radikalisierung des geliebten Familienmitglieds läuft mit anderen Inhalten weiter.»

Kurz: Viele Skeptiker haben ihre radikale Haltung in der Corona-Zeit kultiviert und leben sie nun auf anderen Feldern aus. Sie kaprizieren sich heute auf allgemeine Verschwörungstheorien (Flache Erde, Reptiloide, jüdische Weltverschwörung, Fake-News-Kultur usw.) und die Putin-Verehrung. Denn rund ein Drittel der Erstanfragen betrafen Verschwörungsmythen.

Ein Blick in die Statistik zeigt weiter, dass InfoSekta im vergangenen Jahr 2937 Kontakte mit Ratsuchenden hatte. In den letzten fünf Jahren hat die Zahl im Schnitt jährlich um 100 Kontakte zugenommen. Zum Vergleich: 2013 waren es lediglich 1750 Kontakte.

Zwar sind Sektenthemen weitgehend aus den Medien und dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden, die Probleme rund um das Sektenphänomen haben sich aber verschärft. Bei der Verteilung der problematischen Glaubensgemeinschaften und Sekten zeigt sich ein überraschendes Bild: Die überwiegende Zahl der Erstanfragen (25%) betrafen die Zeugen Jehovas, die bei breiten Teilen der Bevölkerung nicht im Ruf stehen, eine radikale Sekte zu sein. Wohl zu unrecht.

Offensichtlich besinnen sich viele Menschen in Krisenzeiten auf die traditionellen Werte der christlichen Kultur und suchen Halt in dogmatischen Glaubensgemeinschaften.

Auf Platz zwei der unrühmlichen Hitliste steht Scientology (5%), gefolgt von der Freikirche International Christian Fellowship ICF (2%). 68% der Anfragen betrafen andere Gruppen und Probleme wie Freikirchen, Evangelikalismus, Fundamentalismus, Konversionstherapie, islamistische Radikalisierung, Rechtsextremismus, Staatsverweigerer, Okkultismus, satanisch-rituellen sexuellen Missbrauch, Verfolgungsgefühle und vieles mehr.

InfoSekta schreibt dazu: «Seit vielen Jahren widerspiegelt sich in den Anfragen die grosse Vielfalt der Weltanschauungslandschaft: 68% der Anfragen bezogen sich auf rund 260 bekannte und eher unbekannte Vereinigungen und Einzelanbieterinnen. (…) Viele Anfragen betrafen evangelikale Gemeinschaften wie Jugend mit einer Mission, Christ Embassy mit Pastor Chris Oyakhilome, Geschlossene Brüder, Gemeinde für Christus, Pioneer Training School PTS, Camp Rock oder YOU Church und ferner die Organische Christus-Generation OCG von Ivo Sasek und die Neuoffenbarer-Gemeinschaft Shinchonji aus Korea.»

Am meisten Anfragen zu christlich dogmatischen Gemeinschaften

Unterteilt man die Gruppen und Bewegungen nach weltanschaulichen und religiösen Kategorien, ergibt sich folgendes Bild: 51% der Anfragen betrafen das christliche, 25% das esoterische und 19% das säkulare Umfeld. Bei den christlichen Gruppen schwingen die Zeugen Jehova obenaus (48%), gefolgt von evangelikalen Gemeinden (16%).

Ein Vergleich mit früheren Jahren zeigt die Verschiebung der Sektenlandschaft. So erhielt InfoSekta 2003 am meisten Anfragen zur christlich-fundamentalistischen Trendkirche ICF. An zweiter Stelle figurierte Scientology, gefolgt von den charismatischen Freikirchen der Pfingstbewegung.

2011 führte Scientology (6%) die Liste an, gefolgt von den Zeugen Jehovas (5%), ICF (4%) und der damals bereits aufgelösten Psychosekte VPM (Verein zur Förderung der Psychologischen Menschenkenntnis9 (3%).

Verschiebung in der Sektenlandschaft

2018 zeichnete sich die Verschiebung innerhalb der Sektenlandschaft schon deutlich ab. Während die amerikanische Grosssekte Scientology mit nur noch 3% auf Platz drei abrutschte, schossen die Zeugen Jehovas auf Rang eins (15%). Auf Platz zwei (5%) kam mit «YOU Church» eine weitere Freikirche.

Der Trend ist klar: Die aus dem Ausland in die Schweiz drängenden Sekten, spirituellen Gemeinschaften und esoterischen Gruppen haben offensichtlich an Attraktivität verloren, die christlich dogmatischen bis fundamentalistischen Gemeinschaften und Freikirchen führten vermehrt zu familiären und gesellschaftlichen Problemen.

Daraus lässt sich auch die Aussage ableiten, dass Sekten wie Scientology heute weniger Missionserfolge verzeichnen können, während problematische christliche Gruppen an Dynamik zulegen.

Offensichtlich besinnen sich viele Menschen in Krisenzeiten auf die traditionellen Werte der christlichen Kultur und suchen Halt in dogmatischen Glaubensgemeinschaften.

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Bild: zvg
Hugo Stamm
Glaube, Gott oder Gesundbeter – nichts ist ihm heilig: Religions-Blogger und Sekten-Kenner Hugo Stamm befasst sich seit den Siebzigerjahren mit neureligiösen Bewegungen, Sekten, Esoterik, Okkultismus und Scharlatanerie. Er hält Vorträge, schreibt Bücher und berät Betroffene.
Mit seinem Blog bedient Hugo Stamm seit Jahren eine treue Leserschaft mit seinen kritischen Gedanken zu Religion und Seelenfängerei.

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237 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Haschpli
02.07.2022 09:35registriert März 2022
Die Blase der Glückseligen.
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Lyyri
02.07.2022 09:03registriert März 2022
Die Sekte lauert überall.
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Myggerli
02.07.2022 09:21registriert März 2022
Von einem der auszog um mit Schwurblern zu trällern.
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237
Löst Vegetarismus Depressionen aus? Oder umgekehrt? Ein Gespräch
Ich gehe mal wieder mit meinem alten Freund Philipp essen. Er ist seit Ewigkeiten Vegetarier. Und obwohl wir uns immer vornehmen, das Thema zu umfahren, landen wir mehr oder weniger von Anfang an genau dort. Diesmal wegen einer aktuellen Studie, die sagt, Vegetarier seien häufiger depressiv als Fleischesser.

Philipp: «Wie fest Hunger hast du? Wollen wir uns eine Vorspeise teilen?»
Ich: «Grünzeug für zwei?»
Er (die Ruhe selbst, weil er meine Sprüche zur Genüge kennt): «Bruschette.»
Ich: «Damit kann ich leben. Obwohl, so ein Lachstatar … Fisch isst du auch immer noch nicht, oder?»
Er: «Nein. Ich esse nichts, was ein Gesicht hat.»
Ich: «Das kann ich aus ideologischen Gründen nachvollziehen. Aber gesund ist es nicht. Auch psychisch nicht.»
Er: «Sagt wer?»
Ich: «Eine aktuelle Studie. Der Typ, der sie durchgeführt hat, ist Psychologe und Uni-Professor und selbst Vegetarier. Die Studie sagt, Vegetarier seien häufiger depressiv als Fleischesser.»
Er: «Ich liebe es ja, wenn ihr Journalistinnen aus solchen Studien so zugespitzte Aussagen rausquetscht.»
Ich: «Und ich liebe es, wenn du immer wieder mit deinem Psychologie-Studium plagiierst, das du vor gefühlten hundert Jahren mal angefangen hast. Jedenfalls kannst nicht mal du als Fast-Psychologe behaupten, psychische Gesundheit habe gar nichts mit der Ernährung zu tun. Dass es da einen Zusammenhang gibt, haben schon x Studien herausgefunden.»

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