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Einer von vielen gruseligen Momenten, die «Little Nightmares 2» zu bieten hat.
Einer von vielen gruseligen Momenten, die «Little Nightmares 2» zu bieten hat.bild: zvg
Review

Das kleine Horror-Game «Little Nightmares 2» schreit danach, gespielt zu werden

Schon der erste Teil von «Little Nightmares» war grotesk und blieb Dank der gruseligen Bildsprache bei vielen noch lange in Erinnerung. Kann eine Fortsetzung noch intensiver sein? Ja, sie kann!
19.02.2021, 20:4220.02.2021, 23:38

Ein unbehagliches Gefühl breitet sich aus. Eine ältere Lehrerin dreht mir den Rücken zu. Hochkonzentriert steht sie vor einer Kreidetafel und kritzelt ein paar unleserliche Wortfetzen darauf. Die vertrauten Geräusche von damals verlinken sich sofort mit dem Geruchssinn. Kreide, Tafel, ein nasser Schwamm. Das weckt zweifellos Erinnerungen. Ob sie gut sind, ist eine andere Frage.

Während ich versuche, ganz leise an der Dame vorbei zu schleichen, sitzen kleine, klapprige Kinderpuppen an den Pulten, ihre Holznasen tief in ihre Bücher gesteckt. Doch ich Tollpatsch mache Lärm, die Lehrerin schreit bestialisch auf und die kinderähnlichen Geschöpfe stürzen sich wild und ebenso schreiend auf mich. Es wird nicht das letzte Mal sein ...

Gemeinsam auf der Flucht vor einer schnaufenden Kreatur, die im Hintergrund lauert.
Gemeinsam auf der Flucht vor einer schnaufenden Kreatur, die im Hintergrund lauert.bild: zvg

Von Albtraum zu Albtraum

Wäre Filmemacher Tim Burton für ein Videospiel verantwortlich, es würde wohl genau so aussehen wie «Little Nightmares 2». Die Damen und Herren von Tarsier Studios, ein Entwicklerstudio aus Schweden, können ihre Inspirationsquelle kaum leugnen, wenn man durch diese morbiden Levels schleicht und versucht, einen Ausgang aus diesem Albtraum zu finden.

Als klitzekleines Wesen, das mit einer Papiertüte über dem Kopf in diese Welt geworfen wird, taumeln wir von links nach rechts, um von einer horrorhaften Szenerie in die nächste zu gelangen. Alles beginnt in einem schaurigen Wald, wo wir in einer modrigen Hütte landen und ein Kind aus dem Keller befreien, das Kennern des ersten Teils wohl nicht unbekannt sein dürfte.

Hand in Hand geht es durch eine düstere Albtraum-Welt.
Hand in Hand geht es durch eine düstere Albtraum-Welt.bild: zvg

Gemeinsam und oft Hand in Hand hüpft, rennt, klettert, schwingt und rätselt sich das dynamische Duo durch eine groteske Welt, die kein Ende zu nehmen scheint. Manchmal werden wir getrennt, was aber spielmechanisch keine grossen Auswirkungen hat, da wir sowieso immer nur eine Figur aktiv steuern können. Die Reise zu zweit hat aber dennoch ihre Gründe.

Wer und wo sind wir?

Warum sind wir hier und was genau ist mit dieser Welt passiert, in der ein gigantischer Signalturm für das Unheil verantwortlich zu sein scheint? Das alles und noch viel mehr müssen wir selber herausfinden. Nebst der gruseligen aber faszinierenden Optik ist das Highlight dieses Videospiels eine Reihe von storytechnischen aber auch philosophischen Fragen, die Antworten verlangen.

Natürlich können hier ohne Probleme die philosophischen Fragen ausgeblendet werden, um sich der simplen Spielmechanik in den Levels zu widmen. Und selbstverständlich darf man sich auch über die teilweise ungenaue Steuerung, unfaire Fluchtpassagen und viele «Trial and Error»-Momente echauffieren, doch sind dies nur kleine Unschönheiten an einem Gesamtprodukt, das für ca. sechs Stunden intensiv gespielt werden will. Ja, «Little Nightmares 2» will unbedingt gespielt werden. Es schreit förmlich danach, dass wir uns mit ihm beschäftigen und die kleinen Kinder aus dieser Welt herausholen.

Keine Angst, das sind nur riesige Puppenhände, die uns foltern wollen.
Keine Angst, das sind nur riesige Puppenhände, die uns foltern wollen.bild: zvg

«Little Nightmares 2» bleibt haften. Es ist nicht nur diese extravagante Horror-Welt, die aus dem «Corpse Bride»- oder «Frankenweenie»-Universum von Monsieur Burton zu stammen scheint, sondern auch die Tatsache, dass vieles verborgen bleibt. Hier wird nicht alles schön säuberlich aufgetischt. Motivation der Figuren und das Regelwerk dieser gruseligen Welt bleiben düster und sind kaum zu erkennen, solange die Spielenden sich nicht bewusst darauf einlassen und sich mit dem auseinandersetzen, was sie auf dem Bildschirm erblicken. Auch wenn am Ende dieses Albtraums unbeantwortete Fragen übrig bleiben, ist gerade die Selbstinterpretation ein weiterer faszinierender Bestandteil dieses Videospiels, das uns nicht loslassen will.

Hässlich und wunderschön

In jedem einzelnen Moment strahlt «Little Nightmares 2» eine Faszination aus, der sich die Spielenden nicht entziehen können. Die Lichtverhältnisse, wo Schatten und dunkle Passagen vorherrschen, sind stets so inszeniert, dass jeder einzelnen Szenerie ein gewaltiges dramatisches Gewicht aufgesetzt wird. «Das ist ja Kunst!» möchte man schreien. Und manch einer wird da wohl auch kopfnickend zustimmen.

Stets blickt man auf eine perfekt ausgeleuchtete Theaterbühne mit fester Kameraposition, wo sich jedes Objekt genau an seinem Platz befindet und mit den anderen aktiv als auch passiv kommuniziert. Als ob man in eine Puppenstube hineinschaut, die mit viel Liebe und Ausdauer angefertigt wurde. Die Blicke können sich kaum mehr davon abwenden.

«Little Nightmares 2» überzeugt mit seinen atmosphärischen Lichtverhältnissen.
«Little Nightmares 2» überzeugt mit seinen atmosphärischen Lichtverhältnissen.bild: zvg

Ein Videospiel, das berührt

Fazit: «Little Nightmares 2» ist nicht nur ein Stück Unterhaltung für etwa sechs Stunden, sondern auch ein Videospiel, das individuell berührt und eine grosse Interpretationsmöglichkeit mit sich bringt. Es besteht aus vielen kleinen Momenten, in denen der subtile sowie plakative Horror für Unbehagen sorgt und so schnell nicht mehr weggehen möchte.

Natürlich darf man darin auch nur einen gruseligen Plattformer mit berauschender Optik und verspielter Klangkulisse sehen und einfach beschwingte Stunden damit verbringen. Die Stärken liegen aber auch zwischen den Zeilen, die metaphysisch erkundet werden wollen, auch wenn uns nicht klar beantwortete Fragen am Ende mit Stirnrunzeln zurück lassen.

Wer den ersten Teil übrigens nicht kennt, darf sich ohne Vorkenntnisse problemlos bedienen. Die Querverweise und Anspielungen halten sich in Grenzen. Zwar sind die Kenner des Erstlings storytechnisch etwas im Vorteil, doch die Atmosphäre ist dicht genug, um euch so oder so komplett in ihren Bann zu ziehen.

«Little Nightmares 2» ist erhältlich für Playstation 4, Playstation 5, Xbox One, Xbox Series X, Nintendo Switch und PC. Freigegeben ab 16 Jahren.

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