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Feministinnen in der Moschee: So fordern dänische Imamas den patriarchalen Islam heraus



Am letzten Freitag im August kam es in der Mariam-Moschee in Kopenhagen zu einer Premiere: Zum ersten Mal erklang in der dänischen Hauptstadt der adhan – der Ruf zum Gebet – in einer hellen Frauenstimme. Den Gebetsruf sang Sherin Khankan, eine Imama. Die andere Imama der Moschee, Saliha Marie Fetteh, hielt danach die khutba, die Freitagspredigt. Thema: «Frauen und Islam in einer modernen Welt.» 

Sherin Khankan

Patriarchale Strukturen herausfordern: Sherin Khankan, Imama in Kopenhagen.  Bild: Forum for kritiske Muslimer

Danach leiteten die beiden Frauen das Gebet. Rund 60 Frauen, Muslimas und Nicht-Muslimas, nahmen daran teil. Männer waren, so berichtete der «Guardian», nicht unter den Gläubigen. Doch bereits die Tatsache, dass Frauen durch das Gebet führen, ist für manche konservative Muslime ein Tabubruch. Die strenge Rechtsschule der Malekiten erlaubt dies nicht; die drei anderen sunnitischen und auch viele schiitische Rechtsschulen dagegen akzeptieren weibliche Vorbeterinnen, solange sie nur Frauen im Gebet leiten. 

«Ich glaube, die Mariam-Moschee ist Teil einer viel grösseren globalen Bewegung, die auf dem islamischen Feminismus aufbaut.»

Sherin Khankan

Für Khankan ist der Gedanke wichtig, dass Frauen die Führung im Gebet übernehmen. Sie glaubt, dass dies letzten Endes die Gesellschaft verändern kann: «Wenn eine Frau das Gebet leitet und die khutba hält, fordert sie die patriarchalen Strukturen innerhalb der religiösen Institutionen heraus und wird stärker, weil sie die Struktur verändert», sagte sie der englischen Ausgabe von «al-Arabiya». Die Imama wies auch darauf hin, dass nicht nur islamische religiöse Institutionen von Männern dominiert sind, sondern auch christliche und jüdische. 

«Teil einer globalen Bewegung»

Ihre Moschee, die erste frauengeführte in Skandinavien, war inoffiziell bereits im Februar eröffnet worden. Alle Aktivitäten ausser dem Freitagsgebet stehen sowohl Männern wie Frauen offen. Bereits sind fünf Ehen geschlossen worden. In den Eheverträgen sind jeweils die folgenden vier Grundsätze verankert: Es gibt keine Polygamie, Frauen haben ebenfalls das Recht auf Scheidung, physische oder psychische Gewalt ist ein Scheidungsgrund und im Falle einer Scheidung geniessen Frauen gleiche Rechte in Bezug auf die Kinder

Khankan, die selbst vier Kinder hat, glaubt nicht, dass ihre Moschee einzigartig ist: «Ich glaube, die Mariam-Moschee ist Teil einer viel grösseren globalen Bewegung, die auf dem islamischen Feminismus aufbaut.» Dieser Feminismus sei in den 70er-Jahren entstanden und habe sich in den 90er-Jahren stark verbreitet, sagte Khankan «al-Arabiya». 

«Mein Vater ist eine feministische Ikone.»

Sherin Khankan

Hidschab & Co. – islamische Verhüllungen vom Kopftuch bis zur Burka

Hidschab nur fürs Gebet

Sie selber trägt denn auch – im Unterschied zu ihrer Kollegin Fetteh – keinen Schleier, ausser beim Gebet. «Wenn Leute fragen, warum ich keinen Hidschab trage, sage ich ihnen, dass ich einen trage. Ich habe lediglich eine andere Interpretation der Bedeutung von Hidschab – für mich geht es beim Hidschab um Lauterkeit. Es geht darum, nahe bei Allah zu sein.»

Als Khankan beschloss, eine Moschee zu eröffnen, stiess sie in ihrem Verwandten- und Freundeskreis auf Skepsis und auch auf Widerstand. Nicht aber vonseiten ihrer Eltern, wie sie betont. «Mein Vater ist eine feministische Ikone. Ich würde jetzt nicht über weibliche Imame reden, wenn mein Vater nicht gewesen wäre, der mir immer sagte, ich könne alles machen.» Khankans Vater war vor Verfolgung und Folter aus Syrien nach Dänemark geflohen, wo er seine aus Finnland stammende Frau kennenlernte. 

Weibliche Predigerinnen

Die von Frauen geleitete Moschee in Kopenhagen ist eine Seltenheit in der weiten Welt des Islams. Neben China, wo es aufgrund einer speziellen Entwicklung schon seit 1820 weibliche Imame gibt, sind es vor allem Kanada, Deutschland, Frankreich und die USA, wo Imamas tätig sein können. Das erste Freitagsgebet einer Imama vor einer aus Männern und Frauen bestehenden Gemeinde fand schon 2005 in New York statt: Die Islamwissenschaftlerin Amina Wadud führte den Anlass durch, aufgrund von Bombendrohungen allerdings in einer anglikanischen Kirche. 

aProfessor Amina Wadud leads a Friday  prayer service in Oxford, England Friday, Oct. 17, 2008.   A handful of protesters demonstrated Friday against a woman leading a Muslim prayer service for both men and women  the first time such a service has been held publicly in Britain. U.S. scholar Amina Wadud led about a dozen male and female worshippers in prayer at a conference hall in Oxford. The service took place before a university conference on women and Islam. (AP Photo/Kirsty Wigglesworth)

Amina Wadud bei einem gemischten Freitagsgebet in Oxford. Bild: AP

In der arabischen Welt gibt es mittlerweile – vornehmlich in Marokko und Algerien – weibliche Predigerinnen, sogenannte Mourchidas. Sie dürfen alle Funktionen eines Imams ausüben, mit Ausnahme der Leitung der Gebete. Dies ist nur im privaten Rahmen möglich, zum Beispiel zu Hause. Ausgeschlossen ist aber in jedem Fall die Leitung des Freitagsgebets vor gemischten Männer- und Frauengruppen.

«So etwas hat null Bedeutung für die meisten Muslime.»

Gemässigter Muslim

Noch ein zartes Pflänzchen

Immerhin hielt aber die Islamwissenschaftlerin Rajaa Naji El Mekkaoui schon vor 13 Jahren als erste Frau überhaupt eine Rede bei der wichtigsten Ramadan-Feier in Marokko. Dies galt als absoluter Tabu-Bruch; zuvor waren solche Ramadan-Ansprachen ausschliesslich Männern vorbehalten.

Haus der Religionen in Bern

Wie es scheint, tut sich etwas im Dar al-Islam, dem «Haus des Islams». Liberale und feministische Spielarten sind allerdings noch ein eher zartes Pflänzchen – das zeigte sich auch Ende Mai in Bern: Als dort die beiden muslimischen Feministinnen Elham Manea und Jasmin El Sonbati ein Freitagsgebet im Haus der Religionen leiteten, stiess dies auch bei moderaten Muslimen eher auf Ablehnung.

«So etwas hat null Bedeutung für die meisten Muslime», sagte ein junger Mann, der sich selber als gemässigter Muslim bezeichnete. Der Anlass wäre denn auch in einer konventionellen Moschee undenkbar gewesen. Der Weg zu einem geschlechtsneutralen Islam ist noch weit. 

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