Schweiz
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Grosses Medieninteresse anlaesslich der Medienkonferenz zum Toetungsdelikt Rupperswil vom 21. Dezember 2015, am Donnerstag, 18. Februar 2016, in Schafisheim. Der Vierfachmord von Rupperswil AG ist nach wie vor ungeklaert. Es sei niemand festgenommen worden, auch das Motiv des Gewaltverbrechens sei unklar, sagten die Behoerden vor den Medien. Zur Klaerung des Falls wurde eine Belohnung von 100'000 Franken ausgesetzt. (KEYSTONE/Alexandra Wey)

Aus der Pressekonferenz in Rupperswil. Bild: KEYSTONE

Interview

Psychiater zum Fall Rupperswil: «Dass der Täter noch ein sexuelles Bedürfnis befriedigte, ist abgebrüht»

Der Vierfachmord von Rupperswil galt als einer der rätselhaftesten Kriminalfälle in der Geschichte der Schweiz. Jetzt ist er aufgeklärt. Was lässt sich über den Täter sagen? Und was bedeutet es für die Angehörigen, aus der Ungewissheit entlassen zu werden? Das Interview mit dem forensischen Psychiater Thomas Knecht.



Thomas Knecht, was lässt sich über den Täter von Rupperswil sagen?
Thomas Knecht: Ich bin überrascht, dass es ein Einzeltäter ist. Der Mann muss die Tat perfekt geplant und überdurchschnittlich kühl kalkuliert haben. Das ist sehr, sehr kaltblütig und zeugt von einer fast machiavellistischen Intelligenz: Er hat eingeschätzt, wie seine Opfer reagieren werden und ist ein hohes Risiko eingegangen. Zu Beginn der Tat hatte er ja nur sehr beschränkt Macht. Aber der Täter rechnete offenbar mit einer Zukunft als Berufstäter, dachte, er komme damit durch. Wie sich zeigte, ging sein Plan auf – bis gestern.

Was für ein Krankheitsbild ergibt sich daraus?
Möglicherweise handelt es sich um eine Persönlichkeitsstörung mit dissozialem Einschlag.

Der Täter hat offenbar den jüngsten Sohn der Familie beobachtet, an dem er sich während der Tat sexuell vergangen hat.
Um den Täter einzuordnen, ist der Tathergang sehr wichtig. Die Ermittlungsbehörden müssen jetzt ganz genau eruieren, welche inneren Präferenzen der Täter von Rupperswil hatte. Steckt Perversion dahinter? Das ist ein Zusatzrisiko, das separat untersucht werden muss.

Der Täter lebte in Rupperswil, hatte aber keinen Bezug zu den Opfern.
Das hingegen ist nicht überraschend. So ein Zielobjekt muss der Täter zuerst erkundigen, er muss die räumlichen Verhältnisse kennen: Wie ist das mit den Kontakten zur Umgebung? Gibt es einen Hund?

Er muss also die Verhältnisse kennen, aber nicht unbedingt die Leute?
Genau. Die ganz Nahestehenden werden ja zuerst befragt und untersucht. Dieser Täter hatte eine räumliche Nähe, aber eine soziale Distanz. Brandstifter handeln nach demselben Muster: Nicht zu nah am eigenen Zuhause, damit der Verdacht nicht gleich auf einen fällt, aber relativ nah, sodass man die Fluchtwege doch kennt.

Schockiert das nicht besonders? Der kaltblütige Killer, mitten unter uns, von niemandem erkannt, bei der Polizei ein weisses Blatt Papier.
Vorstrafenregister sind nicht repräsentativ für die Lebensführung eines Menschen. Der Lebensstil wird ja nicht strafrechtlich erfasst. Aber ja, so eine Person kann jahrelang unerkannt bleiben. Dank oberflächlichem Charme, weil sie jovial sind, freundlich, geschmeidig im Umgang – quasi im Sinne einer natürlichen Tarnung – werden sie von der Umgebung falsch eingeschätzt.

Kann die Tat eingeordnet werden? Ist sie vergleichbar mit anderen Fällen?
Raubüberfälle haben immer eine gewisse Gemeinsamkeit. Es ist eine Machtinszenierung. Der Täter marschiert auf, beansprucht Überlegenheit, weiss, dass die Opfer in einer isolierten Situation sind, in denen ihnen niemand hilft.

Thomas Knecht

Bild: spitalverbund.ch

Zur Person

Thomas Knecht ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie FMH sowie zertifizierter forensischer Psychiater SGFP. Seine Fachausbildung genoss er mehrheitlich in den Psychiatrischen Diensten Thurgau, wo er den Bereich Sucht und Forensik sowie die Zentrale Psychiatrische Gutachtensstelle aufbaute und langjährig leitete. Daneben ist er Inhaber mehrerer Lehraufträge auf Hochschul- und Fachschulniveau.

Was können Sie zu den Motiven im Fall Rupperswil sagen?
Eine Notwendigkeit ist meistens da, wenn ein solches Verbrechen begangen wird. So ein Risiko geht der Täter nur ein, wenn er etwas gewinnen kann. In diesem Fall war es das materielle Bedürfnis. Der Täter konnte das Geld wohl schon gut brauchen. Zum anderen war da das sexuelle Bedürfnis. Dass der Täter in dieser Situation, angesichts des Todes auch noch dieses Bedürfnis befriedigte, ist schon sehr, sehr abgebrüht.

Ist es für die Angehörigen schwieriger oder einfacher, wenn der Täter ein Unbekannter ist, der aber im selben Dorf lebte?
Unter dem Strich ist es sicher eine Erleichterung, dass der Fall aufgeklärt wurde, auch für die Umgebung. Der Staat hat seine Arbeit gemacht, man fühlt sich wieder geborgener. Ein gewisses Vertrauen in die Welt kehrt zurück. Und vor allem: Der Täter ist nicht mehr unterwegs. Sonst könnte es ja sein, dass er noch andere Opfer im Visier hat, gerade vielleicht Angehörige.

Trotzdem: Die Opfer sind Zufallsopfer. Die Frage nach dem Warum wird sich für die Angehörigen nie aufklären.
Klar, das Verständnis für den Täter fehlt. Er hatte ja keinen akzeptablen Grund für seinen Angriff. Wenn ein Streit über Jahre schwelt und dann eskaliert, ist das noch irgendwie menschlich nachvollziehbar. So eine Tat aber ist besonders verstörend. Aber: Die Schuld liegt allein bei dieser Person, das schafft klare Verhältnisse. Das Böse ist nach aussen verlagert.

Überrascht es Sie, dass der Mord aufgeklärt wurde?
Nein, eigentlich nicht. Der Täter profitierte zunächst vom Überraschungseffekt, wollte aber vielleicht nicht lebenslang auf der Flucht bleiben. Deshalb ist er offenbar nicht untergetaucht.

146 Tage Angst: Die Chronologie des Vierfachmords von Rupperswil

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