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Schrittzähler-App: Eine von zahlreichen Tracking-Apps, die sich grosser Popularität erfreuen.
Schrittzähler-App: Eine von zahlreichen Tracking-Apps, die sich grosser Popularität erfreuen.Bild: KEYSTONE
Interview

«Die Digitalisierung ist die 1. technische Revolution, die mehr Stress bringt als Komfort»

Die Schweizer wollen keine verhaltensabhängige Krankenassenprämien, sind sensibilisiert auf Datenschutz und stehen Tracking-Apps skeptisch gegenüber. Trotzdem benutzen viele genau diese Apps, wie eine Studie ergeben hat. Studienautor Michael Hermann über paradoxe Entscheidungen und warum der Mensch manchmal ein Frosch ist.
09.06.2018, 09:5209.06.2018, 10:35

Herr Hermann, wenn man Ihre Studie liest, dann wird einem ein bisschen mulmig: Angst vor der Digitalisierung, Furcht vor der allgegenwärtigen Lebensvermessung, permanenter Druck im Alltag ... Die Befragten wirken ziemlich pessimistisch.
Michael Hermann: Der Eindruck ist absolut richtig. Wenn man sich die Welt so ausmalt, dass alles gemessen und alles ausgewertet werden kann, dann endet man beim gläsernen Bürger. Diese Vorstellung behagt den Leuten gar nicht, das wird in unserer Studie deutlich.

Und doch sind viele der Befragten offen für die Idee, noch mehr Bereiche ihres Lebens auszuwerten ...
Ja, interessanterweise ist man offener für die Idee der Vermessung und Auswertung von Daten, wenn man selber aktiv ist. Es sind eben zwei unterschiedliche Ebenen: Theoretisch stehen viele der Idee der permanenten Vermessung des eigenen Lebens sehr skeptisch gegenüber, sobald man es aber selber anwendet, scheint diese Skepsis bei vielen zu verschwinden.

Bild: KEYSTONE

Wie erklären Sie dieses Paradox?
Es ist wie beim Frosch im warmen Wasser. Der Frosch stört sich nicht daran, dass das Wasser Schritt für Schritt ein bisschen wärmer wird. Im Gegenteil, er findet es wohlig warm. Wenn er aber wüsste, dass das Wasser irgendwann kochend heiss ist, dann wäre er schon lange aus dem Teich gehüpft.

Zur Person
Michael Hermann ist Politgeograf und Leiter der Forschungsstelle Sotomo.

Der Mensch als Frosch?
Schauen Sie, im Alltag kommt vieles Schritt für Schritt. Bei Dingen, die man nicht braucht und die man nicht verwendet, ist man skeptisch. Sobald man es im Alltag aber braucht, wird der Nutzen höher gewichtet als die Ängste. Man macht mit, sagt sich, dass die kleinen Schritte die Machtverhältnisse ja nicht auf den Kopf stellen. Es ist ein schleichendes Abgleiten in eine neue Welt. Wenn man aber einen Schritt zurück geht und reflektiert, dann hat man plötzlich die dystopische Vorstellung einer Welt, die allumfassend kontrolliert wird. Eigentlich nimmt man an etwas teil, von dem man das Gefühl hat, es führe an einen schlechteren Ort.

Interessanterweise glauben auch diejenigen Befragten, die selber regelmässig eigene Daten aufzeichnen und auswerten, dass sie damit eigentlich nur den grossen Konzernen wie Facebook, Google & Co. in die Hände spielen.
Ja, der Gedanke des Wissensvorsprungs durch die Auswertung der eigenen Gesundheitsdaten spielt offenbar nur eine geringe Rolle. Selbst die, die mehr Daten aufzeichnen, haben das Gefühl, dass sie an Einfluss verlieren. Es ist dieses Bild, dass die Macht der wenigen Grossen erhöht wird – the survival of the fittest.

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Gleichzeitig beklagen sich die Befragten über den Stress und den Druck, den die Digitalisierung mit sich bringe.
Das ist tatsächlich eine Premiere in der Geschichte: Die technische Entwicklung war bislang immer mit Komfort und einem Lebensversprechen verbunden – die Waschmaschine, der Staubsauger, im Arbeitsbereich der Bagger – jetzt beklagen sich die gleichen Leute, die Tracking-Apps nutzen, über Stress und Leistungsdruck. Wir haben also die erste Art technischer Revolution, die mehr Stress bedeutet als Komfort. Auch das ist ein Grund dafür, warum die Befragten so pessimistisch sind.

Woran liegt das?
Alles was man aufzeichnet, kann verglichen werden, und dieser permanente Vergleich wiederum kann unglaublich belastend sein.

Apropos Vergleich: Das Heilsversprechen des Individualismus scheint die Leute nicht mehr so richtig zu überzeugen.
Ja, die Angst vor einem Verlust an Individualität ist bei den Befragten verbreitet. Das ist tatsächlich erstaunlich: Trotz personalisierter Werbung und zugeschnittener Produkte fürchtet man sich offenbar vor einer zunehmenden Uniformität.

Auch das Sammeln persönlicher Daten durch Dritte wird skeptisch betrachtet. Dem Satz «Da ich nichts zu verbergen habe, brauche ich auch nichts zu befürchten» stimmten Linke häufiger zu als Rechte. Sind das Spätfolgen des Fichenskandals?
Ich glaube eher, es liegt daran, dass aus linker Sicht der Schutz vor abweichenden Meinungen, der Minderheitenschutz und die Angst, dass man aufgrund von Persönlichkeitsmeinungen diskriminiert werden könnte, viel mehr im Bewusstsein ist als bei den Rechten. Auf der rechten Seite sind die Konformitätsvorstellungen viel dominanter.

Die Studie wurde von der Stiftung der Sanitas finanziert, einer der grössten Schweizer Krankenkassen. Was die Krankenkasse mit dieser Studie eigentlich wissen möchte, ist, ob die Solidarität im Gesundheitssystem noch immer sakrosankt ist. 
Ja, das Prinzip der Solidarität ist in der Gesellschaft nach wie vor sehr verankert. Will man das aushebeln, wird man auf starken Widerstand stossen. Das heisst auch, dass politische Vorstösse in diese Richtung aktuell nicht erfolgversprechend wären.

Sie sagen «aktuell». Der Gebrauch von Fitness-Tracker & Co. könnten diese scheinbare Gewissheit aber umstossen.
Das Versicherungsprinzip funktioniert so, dass man nicht im vornherein weiss, wen es trifft und wen nicht: Man schliesst sich zusammen, um die Risiken zu vergesellschaften. Der gesellschaftliche Kitt besteht unter anderem auch aufgrund dieses sogenannten «Schleiers des Nichtwissens» – niemand weiss im vornherein, wen einst welche Krankheit oder welcher Unfall ereilt. Deshalb ist man bereit, in diesen Topf einzuzahlen. Die Tracking-Apps bewirken nun, dass dieser Schleier immer mehr gelüftet wird – individualisierte Prämien aufgrund des Vorwissens sind also denkbar. Es könnte irgendwann soweit kommen, dass es gar keine Versicherung mehr gibt.

Nutzt du Apps aus dem Bereich Gesundheit und Fitness?

Was hat Sie an den Studienergebnissen am meisten überrascht?
Das Gefühl, man könne im Netz alles gratis haben, ohne auf irgendeine Art dafür zu bezahlen, sei es mit Geld oder mit Daten. Gratis-Emails, Suchmaschinen, WhatsApp – dass irgendjemand hinter diesen Produkten ein Geschäftsmodell verfolgt, scheint in den Köpfen der Leute nicht zu existieren. Das überrascht mich, schliesslich hat sich überall sonst in der Geschichte des Kapitalismus das Bewusstsein für die Marktwirtschaft bis in die letzte Pore durchgesetzt.

Sind wir einfach zu naiv?
Ich glaube, es hat mit der Entstehungsgeschichte des Netzes zu tun, man hat eine ganze Generation so sozialisiert, als ob das Internet ein einziger grosser Gratis-Spielplatz wäre. Darunter leiden jetzt dutzende Branchen, nicht zuletzt die Medien.

Wir haben das Internet zu Unrecht als Hort der Freiheit hochgejubelt?
Ja. Die Idee, dass ein freies Internet automatisch zu Gleichheit und Gleichberechtigung führt, war von Anfang an illusorisch. Diese utopische Vorstellung ist jetzt endgültig weg. Dafür ist jetzt die Vorstellung stark ausgeprägt, dass das Netz dominiert ist von wenigen grossen Konzernen in einer historisch einmaligen Machtballung.

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28 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Ueli der Knecht
09.06.2018 13:34registriert April 2017
Wir erfanden die Uhr und haben seither keine Zeit mehr.
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N. Y. P. D.
09.06.2018 10:17registriert Oktober 2015
Gutes Interview.

Studienautor Michael Hermann sieht über den Tellerrand hinaus.

Zum Glück sind diese Fitnessapps zur Zeit grundsätzlich noch für den eigenen Gebrauch bestimmt. Ich selber benutze keine solche App.

Wäre ich Arbeitgeber und hätte die Möglichkeit auf solche Apps zuzugreifen, würde ich sie auch zur Bewertung heranziehen. Würde ich sehen, dass die Gesundheit bei Kandidat y nicht ganz bei 100% ist, würde ich ihn aussortieren.

Genau deshalb hoffe ich natürlich, dass diese Apps NIE den Arbeitgebern zur Verfügung gestellt werden.
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Chamael
09.06.2018 12:37registriert Januar 2015
Ich weiss ja nicht, ob der Heimarbeiter, der wegen der Industriellen Revolution keine Arbeit mehr hatte und in die Stadt ziehen musste, um in der Fabrik zu arbeiten, als es noch keine Arbeitnehmergesetze gab, weniger Stress hatte...
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