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Ausschnitt aus unserer DSI-Berichterstattung.
Bild:

Kommentar

Nach der Anti-DSI-Kampagne: Wie «neutral» soll politischer Journalismus sein?

Die Medien haben die Durchsetzungsinitiative mit wenigen Ausnahmen bekämpft. Wir waren dabei keine Ausnahme, im Gegenteil. Wie parteiisch aber dürfen Medien sein? Eine (selbst)kritische Analyse.



Politischer Journalismus ist eine Gratwanderung mit hoher Absturzgefahr. Soll man das Risiko eingehen, sich zu exponieren und für oder gegen ein bestimmtes Thema oder eine Partei Stellung beziehen? Oder soll man sich zurückhalten und möglichst keine Angriffsfläche bieten? Auflösen lässt sich dieses Dilemma nicht, und auch die Erwartungen des Publikums gehen auseinander.

So erreichte uns wenige Tage vor der Abstimmung über die Durchsetzungsinitiative (DSI) diese Zuschrift eines Users:

wieso berichtet ihr nur über leute, die gegen die dsi sind? ihr seid eine medienunternehmen und habt gefälligst neutral zu sein. dies ist aber scheinbar nicht der fall. ständig werden leute von euch als nazis hingestellt, nur weil sie sich (zu recht) sorgen machen. klar ist die initiative schwachsinn, dennoch würde ich mir eine objektive berichterstattung von watson wünschen. linke käseblätter haben wir schon genug…

Es lässt sich nicht bestreiten: watson hat in seiner Berichterstattung eindeutig Stellung gegen die Initiative bezogen. Unsere Beiträge waren fast ausnahmslos kritisch bis ablehnend. Waren wir also nicht objektiv? Ich habe mir diese Frage das eine oder andere Mal gestellt. Die Schlagseite bereitete mir ein gewisses Unbehagen, obwohl ich schlicht kein Argument erkennen konnte, mit dem sich die masslose und ausländerfeindliche SVP-Initiative rechtfertigen liess.

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Hat der Zweck die Mittel geheiligt? So einfach lässt sich das nicht beantworten. Hier kommt die von unserem User gestellte Forderung ins Spiel, die Medien hätten «gefälligst neutral zu sein». Sie reflektiert die Überzeugung, Journalisten sollten alle Seiten ausgewogen zu Wort kommen lassen und ihre Meinung für sich zu behalten. In Zeiten wie diesen, in denen Begriffe wie «Lügenpresse» Konjunktur haben, fällt sie auf besonders fruchtbaren Boden.

epa04558110 Nina Janich (R), spokeswoman of the independent jury of philologist and journalists, announces Germany's 'Unwort des Jahres 2014' ('Worst word of the year 2014'), 'Luegenpresse' (lit. 'Lying press'), at the Technical University in Darmstadt, Germany, 13 January 2015. The word is a 'lump-sum defamation' of all media and thus seen to endanger the 'freedom of press which is so important for democracy', Janich explained the jury's decision with regard to the recent attack on French stirical magazine 'Charlie Hebdo'.  EPA/CHRISTOPH SCHMIDT

Lügenpresse – das Unwort des Jahres 2014.
Bild: EPA/DPA

Der Wunsch nach einem solchen «Eunuchen-Journalismus» mag verständlich sein, er ist aber nicht realistisch. Medien können sich selber als «objektiv» definieren, sie werden es faktisch niemals sein. Selbst die SRG, die als öffentlich-rechtliches Medium am ehesten zu Neutralität verpflichtet wäre, wird im Radio- und Fernsehgesetz einzig dazu aufgefordert, Tatsachen und Ereignisse «sachgerecht» darzustellen, so dass sich das Publikum «eine eigene Meinung» bilden könne. «Ansichten und Kommentare müssen als solche erkennbar sein», heisst es weiter.

Der Markt bestimmt

Nicht einmal die SRG-Medien müssen folglich «Eunuchen-Journalismus» betreiben. Private Medien wie watson erst recht nicht. In einer Gesellschaft mit Meinungs- und Pressefreiheit kann es keine staatlich verordnete Neutralität geben. Den Leserinnen und Lesern ist es natürlich unbenommen, so etwas zu fordern. In letzter Konsequenz aber sind sie es, die über die Akzeptanz eines Mediums richten. Wer an ihnen vorbei schreibt, den bestraft der Markt.

Die «Basler Zeitung» hat dies auf die harte Tour erfahren. Nach der – anfangs klandestinen – Übernahme durch Christoph Blocher 2010 und dem danach eingeschlagenen Rechtskurs stürzte die Auflage ab, von rund 80'000 auf zuletzt knapp 50'000 Exemplare. Auch politisch war der Rechtsruck ein eklatanter Fehlschlag. In Basel-Stadt erreichte die Durchsetzungsinitiative mit rund 70 Prozent den höchsten Nein-Anteil, obwohl die BaZ dafür getrommelt hatte.

Der «Weltwoche» erging es kaum besser. Obwohl Verleger, Chefredaktor und SVP-Nationalrat Roger Köppel permanent an der Provokationsschraube dreht, sind Auflage und Leserzahlen seit Jahren auf Talfahrt. Zu grosse Parteinähe kommt beim Publikum offenkundig nicht an, der Journalismus verliert seine Glaubwürdigkeit und seine Wirkung.

Glaubwürdigkeit als Schlüsselbegriff

Glaubwürdigkeit ist überhaupt der Schlüsselbegriff, um als Journalist seine Position zwischen Eunuch und Propagandist zu finden. Es gilt dabei, sich auch in Meinungsartikeln an die Fakten zu halten und keine Aspekte unter den Teppich zu kehren, die nicht ins Weltbild passen. Dazu gehört auch eine gewisse Distanz zur Sache, und sei sie noch so edel, hilfreich und gut.

This photo provided by Open Road Films shows, Michael Keaton, from left, as Walter

Journalismus als Vorbild: Der Oscar-gekrönte Film «Spotlight» handelt von der Aufdeckung eines Missbrauchskandals in der katholischen Kirche.
Bild: AP/Open Road Films

Das ist nicht immer einfach und wird auch nicht immer goutiert. Ich selbst habe im Vorfeld der Abstimmung über die Masseneinwanderungsinitiative damit Erfahrungen gemacht, als ich in einem Meinungsbeitrag Verständnis für die Motive der Befürworter zum Ausdruck brachte, ohne mich allerdings für das SVP-Begehren auszusprechen. Damit habe ich mir auch intern nicht nur Freude gemacht, für mich aber war der Text wichtig für meine Glaubwürdigkeit.

Immerhin durfte ich ihn publizieren, was die Meinungsvielfalt bei watson belegt. Weiter enthalte ich mich im Gegensatz zu Roger Köppel als Privatmann konsequent einer politischen Betätigung. Ich bin nicht Mitglied einer Partei und engagiere mich nicht in politisch gefärbten Organisationen. Damit wahre ich meine Unabhängigkeit und Glaubwürdigkeit als politischer Journalist.

Internationale Presseschau DSI

Das macht mich nicht zum Eunuchen, im Gegenteil. Es gibt mir die Freiheit, meine Meinung in redaktionellen Beiträgen zum Ausdruck zu bringen. So wie ich das auch in der Berichterstattung über die Durchsetzungsinitiative gemacht habe. Es bleibt aber eine permanente Gratwanderung, bei der man als Journalist nicht nur von Leserseite unter Druck ist, sondern auch von akademischen «Qualitätswächtern», die uns das Leben nicht erleichtern.

Hat es die watson-Redaktion trotz der klaren Schlagseite geschafft, ihre Glaubwürdigkeit zu wahren? Ich denke schon. Dafür spricht eine andere Reaktion aus unserer Leserschaft:

Meiner Meinung nach gehört auch ein ganz grosses Merci an die Redaktion von Watson und darum schicke ich euch jetzt einen virtuellen Blumenstrauss an die Hardstrasse. Einfach herzlichen Dank für eure hervorragenden, informativen Artikel zu diesem Abstimmungskrampf und auch zur Geduld mit all den kämpfenden Kommentatoren!

In der Kommentarfunktion oder in den sozialen Medien ermöglichen wir es unserer Leserschaft, uns direkt anzugehen, wenn wir aus ihrer Sicht auf dem falschen Dampfer sind. So lange sich Kritik und Applaus die Waage halten, so lange dürften wir mit unserer Linie nicht ganz falsch liegen.

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