Wer soll den Meister stoppen? Vielleicht die Zusatzbelastung Champions League? So schwierig das Jahr nach der Meisterfeier auch sein mag: So gute Voraussetzungen wie die ZSC Lions hatte ein Titelverteidiger noch selten.
Der Einzug in den neuen Hockey-Tempel hat das gesamte Unternehmen ZSC Lions positiv verändert und inspiriert, und es ist so etwas wie Romantik zurückgekehrt: Die ZSC Lions der neuen Zeit sind nicht mehr die ZSC Lions der 2010er-Jahre. Sie treten so auf, als seien sie auf einer Mission. Der Mission, zu beweisen, dass sie die Besten sind. So banal und doch so wichtig. Mit Marc Crawford haben sie einen Trainer, der dafür sorgen wird, dass jeder hellwach bleibt.
Die Zuger haben mit Gabriel Carlsson, Nando Eggenberger, Mike Künzle und Daniel Vozelinek über 375 Kilo Wasserverdrängung und spielerisches Schmirgelpapier ins Team geholt. Ausreden gibt es mit dem erfahrensten, teuersten und zumindest auf dem Papier (gespielt wird auf Eis) besten Team der Klubgeschichte keine mehr.
Trainer Dan Tangnes war im Frühjahr 2022 nach der Titelverteidigung einer der begehrtesten Trainer Europas. Er wird ein gewöhnlicher Trainer, wenn er die zu Recht hohen Erwartungen nicht zu erfüllen vermag. Die Saison bringt den ultimativen Charaktertest für die Spieler und den Trainer. Das Konflikt- und Krisenpotenzial ist so hoch wie noch nie seit dem Amtsantritt von Dan Tangnes 2018, seit dem Beginn der neuen Zeitrechnung in Zug.
Sportchef Hnat Domenichelli hat für Mehrwert auf allen wichtigen Positionen (Goalies, Ausländer, Verteidigung, Sturm) gesorgt. In den Jahren der Mittelmässigkeit seit dem letzten Final und dem schlauen PR-Trick mit der Bescheidenheit nach dem Muster von Ambri ist Lugano in der Wahrnehmung der Konkurrenz aus der Deutschschweiz kein Titan mehr.
Es wäre fatal, Lugano zu unterschätzen. Lugano ist ein sportlicher Wolf im Schafspelz der geheuchelten Bescheidenheit und Durchschnittlichkeit geworden. Beste Voraussetzungen, um endlich wieder «grande» zu werden. Nur ein «grande» Lugano ist das wahre Lugano.
Der unberechenbarste SCB seit dem Wiederaufstieg von 1986. Nominell das beste Team seit der letzten Meisterfeier von 2019 und gut genug für den 4. Platz und den ersten Halbfinal seit 2019. Die Frage ist, ob ein eigenwilliger Trainer dazu in der Lage sein wird, dieses Potenzial umzusetzen, die Torhüterfrage zu lösen und das Konfliktpotenzial im Umfeld und die Ansichten und Einlassungen des neuen Obersportchefs und des neuen Untersportchefs weitgehend zu ignorieren.
Jussi Tapola hat nur eine Chance: Unbeirrbar den eigenen Weg gehen («My way or the highway»). Schon Kari Jalonen ist mit dieser Philosophie gut gefahren. Zumindest, wenn wir sein SCB-Abenteuer nicht vom Ende her denken. Beginnt sich Jussi Tapola nach den Wünschen von oben oder aus der Mannschaft zu verbiegen, dann braucht er keinen Wintermantel mehr.
Es gibt eine französische Redewendung, die Gottéron sehr gut charakterisiert: «Ni loup, ni chien». Weder Wolf noch Hund. Weder Favorit noch Krisenkandidat. Gottéron kann diese Saison im Sinne dieser Redewendung alles sein: Ein Wolf in der Spitzengruppe oder ein Hund, der im Tabellenkeller leidet.
Was die Beurteilung so schwierig macht: Für Reto Berra (37), Ryan Gunderson (39), Raphael Diaz (38), Chris DiDomenico (35) und Julien Sprunger (38) kann es im Alltag der Qualifikation die Saison zu viel sein. Oder aber ein letztes Hurra beim Ritt in die Abendröte der Karriere. Sollte die Absetzung von Christian Dubé ein Herzenswunsch der Spieler gewesen sein, dann sind sie jetzt gefordert.
Torhüter Connor Hughes (27) war so gut, dass er einen Vertrag bei der NHL-Organisation der Montréal Canadiens bekommen hat. Nun wird er durch Antoine Keller (22), Kevin Pasche (21) und im Notfall auch mal durch Thibault Fatton (22) ersetzt. Drei Goalies, die noch nie in einem Profi-Team die Nummer 1 waren. Sie müssen auch die Zusatzbelastung Champions League stemmen. Das riskanteste Experiment der Saison.
Geoff Ward, der Trainer der Saison, ist geblieben. Wenn er Glück hat, gelingt die Bestätigung der magischen letzten Saison. Wir können aber nicht vollständig ausschliessen, dass er die Eishockey-Antwort von Kapitän Edward John Smith wird. Edward John Smith galt als bester Mann der Branche und war Kapitän der Titanic. Er ging mit dem Schiff unter. Geoff Ward wird, wenn es denn so kommen sollte, vorher von Bord gejagt.
Der erste Triumph beim Spengler Cup seit 2012 ist ein wenig sportliches Trompetengold und verleitet zur Schlussfolgerung: Wer das berühmteste Klub-Turnier der Welt gewinnt, ist auch ein nationales Spitzenteam. Aber so ist es nicht. Mit dem 6. Platz in der Qualifikation hatte Trainer Josh Holden (fast) ein Optimum aus dem Team herausgeholt und die Spengler-Cup-Party liess die kritischen Stimmen verstummen.
Nun ist Dominik Egli nach Schweden weitergezogen und nicht ersetzt worden. Aber der HCD steht weiterhin in einer Aufbau- und Umbruchphase und deshalb auf dünnem sportlichem Eis. Die Kadertiefe ist nur durchschnittlich, verletzungsbedingte Ausfälle können nicht leicht kompensiert werden. Kommt dazu: Jan Alston ist ein Sportchef auf Zeit. Wenn Andres Ambühl die Schlittschuhe an den Nagel hängt, dann wird er der neue Sportchef sein.
Seit den letzten Playoffs (2019) sind die Emmentaler nie mehr über den 11. Rang hinausgekommen. Unter der Führung von Sportchef Pascal Müller und Trainer Thierry Paterlini haben die Langnauer erstmals eine erkennbare Struktur in ihrer sportlichen Entwicklung.
Sie sind jünger und bissiger geworden und vorne schnell genug, um das fehlende Tempo hinten zu kompensieren. Mit dem Rückhalt des besten Goalie-Duos im Tabellenkeller (Stéphane Charlin, Luca Boltshauser), befeuert von den besten Ausländern im Tabellenkeller ist es möglich, erstmals ins Licht des Tabellen-Mittelfeldes hinaufzuklettern.
Das Talent des Siegers der Champions League und des Meisters von 2023 steht nicht zur Debatte. Aber die entscheidende Frage wird sein, ob die Genfer robust genug sind, um dieses Talent durchzusetzen und die Zusatzbelastung Champions League zu verkraften. Da sind leise Zweifel berechtigt.
Am Ende wird alles davon abhängen, ob Robert Mayer und Gauthier Descloux ihr bestes Hockey spielen werden, ob Robert Mayer die Magie des Frühjahres 2023 wieder findet. Da sind grosse Zweifel angebracht, und wenn Sportchef Marc Gautschi einen ausländischen Goalie verpflichten muss, dann fehlt ein Ausländer in der Verteidigung oder im Sturm.
Zur Freude des Publikums im eigenen Stadion und auswärts ist Ambri wegen seiner defensiven Durchschnittlichkeit zur spielerischen Flucht nach vorne verurteilt und braucht in der Regel vier Tore für einen Sieg. Eine Stabilisierung der Defensive könnte zwar mit dem Einsatz des ausländischen Torhüters und drei ausländischen Verteidigern erreicht werden. Aber diese Variante geht auf Kosten der ausländischen offensiven Feuerkraft. Und die ist doch mit der Rückkehr von Dominik Kubalik vielversprechend wie vielleicht noch nie in der Neuzeit.
Müsste nicht gerade wegen der Ankunft von Dominik Kubalik die Prognose signifikant nach oben korrigiert werden? Nein. Erstens ist offen, ob er nicht bis zum 15. Dezember doch noch in die NHL zurückkehrt und zweitens steht nun Trainer Luca Cereda vor der Herausforderung, acht Ausländer bei Laune halten zu müssen. Wie wir es auch drehen und wenden: Ambri fehlt über die Dauer einer Saison wieder einmal ein Puzzleteilchen zum Aufstieg in die obere Tabellenhälfte. Solange Paolo Duca seinem Trainer Luca Cereda den Rücken freihält und Präsident Filippo Lombardi populistischen Forderungen nach einem Trainerwechsel kein Gehör schenkt, ist das kein Problem: Drama gehört zu Ambris Kultur, und was wäre Ambri mit einer sorglosen Qualifikation im Mittelfeld? Ein gewöhnlicher Klub.
Die Lakers waren letzte Saison offensiv die Nummer 11 und defensiv die Nummer 10 der Liga. Sie befinden sich nach wie vor in einer Phase des Umbruches und des Aufbaus. Melvin Nyffeler wird zwar durch Ivars Punnenovs erstmals seit dem Wiederaufstieg von 2018 durch eine echte Nummer 2 entlastet. Aber spielerischen Mehrwert gegenüber der letzten Saison gibt es weder in der Verteidigung noch im Sturm und auch nicht auf den Ausländerpositionen.
Die Lakers stehen vor einer weiteren Aufbausaison, und das muss kein Problem sein. Geduld prägt die Klubkultur und hat zum Wiederaufstieg, zum Cupsieg, 2022 und 2023 zu einem 3. und 4. Rang geführt, und Geduld wird zu einer Rückkehr in die obere Tabellenhälfte führen. Aber noch nie diese Saison. Nach dem welschen Grundsatz «Reculer pour mieux sauter». Ein paar Schritte zurück, um dann umso weiter springen zu können.
Die Köpfe, die Herzen und die Seelen des gesamten Umfeldes und des Publikums werden immer noch erleuchtet und erwärmt von den Flugjahren des Ruhmes, die im Frühjahr 2023 mit dem Sturm in den Final ihren Höhepunkt erreicht hatten. Nach wie vor sind einige der Hauptdarsteller da (Säteri, Yakovenko, Lööv, Grossmann, Brunner, Haas, Rajala). Aber schon letzte Saison reichte es nur noch zu Platz 9.
Erneut ist Talent auf dem Transfermarkt verloren gegangen. Noch schwerer wiegt der Verlust an Wasserverdrängung und spielerischem Schmirgelpapier. Der neue Wohlfühltrainer Martin Filander wird es nicht rumpeln lassen. Die Bieler haben bei Weitem nicht mehr genug Substanz, um die spektakulärste Mannschaft der Spitzengruppe zu sein. Aber genug, um diese Rolle im Tabellenkeller zu übernehmen, und dort braucht es ein wenig Schmirgelpapier. Eine Saison im Tabellenkeller muss nicht einmal ein Problem sein: Das Publikum in Biel lebt nicht von Siegen allein.
Je länger Ajoie nicht über den letzten Platz hinauskommt, desto grösser die statistische Chance, dass es doch gelingt. Dreimal hintereinander haben die Jurassier seit dem Wiederaufstieg den letzten Platz belegt. Aber es gibt ein hoffnungsvolles Zeichen an der Wand: Letzte Saison kassierte Ajoie erstmals nicht mehr am meisten Tore und erzielte erstmals nicht mehr am wenigsten Tore.
Kloten hatte die löchrigste Abwehr und den flausten Sturm. Nun hat Ajoie auf der Goalie-Position mit Benjamin Conz aufgerüstet, die Ausländerpositionen sind besser besetzt und in der Verteidigung und im Sturm gibt es eine leichte Verjüngung und Verbesserung. Dazu kommt: Ajoie kann Schlusslicht. Die Leidenschaft der Fans lässt nicht nach, wenn Ajoie verliert, und in der Chefetage bricht auch keine Panik aus. Es ist Zeit, den letzten Platz Kloten zu überlassen.
Kloten auf dem letzten Platz? Einen Joint geraucht? Nein, kühl überlegt.
Kloten hat zwar auf allen Positionen die Substanz für eine bessere Klassierung. Neuer Trainer, neuer Sportchef, drei neue Ausländer, neues Glück – und wer weiss, mit dem Beistand der Hockey-Götter reicht es vielleicht sogar auf dem Umweg über das Play-In für die Playoffs.
Aber zwei Punkte geben Anlass zu leisen bzw. sehr starken Zweifeln: Kloten hat mit Ludovic Waeber nur einen Torhüter, der gut genug ist, ein Team längere Zeit durch die Qualifikation zu tragen. Aber er hat es bisher noch nie getan. Es gibt ein beunruhigendes Zeichen an der Wand: letzte Saison am meisten Minustore und am wenigsten Plustore. Das kann dazu führen, dass daraus einmal am wenigsten Punkte werden. Vor allem aber: Kloten kann noch nicht Krise. Die Meinungen in der Chefetage ändern schneller, als die Mannschaft in höchster Höchstform Gegenangriffe auszulösen vermag. Aber vielleicht gelingt es dem tüchtigen neuen Sportchef Ricardo Schödler ja, die Einmischungen von oben zu ignorieren.