Wirtschaft
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Wie hoch müsste der Schweizer Mindestlohn sein? Wir haben gerechnet – und kommen auf 35 Franken

Unsere Wirtschaft lebt vom Luxus. Das müsste auch bei der Festsetzung eines Mindestlohns beachtet werden. Wir haben eine Rechnung angestellt – und herausgefunden, wie hoch der Mindestlohn sein sollte.

werner vontobel



Wir haben uns daran gewöhnt, doch aus historischer und globaler Sicht ist die Schweiz eine permanente Konsumorgie: Zwei Fernseher, ein Tiefkühler und 1,2 Autos in jedem Haushalt, eine Apotheke an jeder Ecke, zwei Fitnesszentren und ein Fitnessstudio in jedem Quartier, Schönheitschirurgie an jedem fünften Körper oder Gesicht.

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Dabei arbeiten wir nur gut halb so viel wie vor 100 Jahren und unsere bestbezahlten Berufsleute schaffen nicht neue Werte, sondern verbringen ihre Zeit damit, alte Vermögen zu verwalten, abzusichern und umzuschichten.

Dieses «Konsumwunder» ruht auf drei Säulen:

  1. Auf einer hohen und stetig steigenden Produktivität von aktuell 83 Franken pro Stunde.
  2. Auf Fleiss: Wir arbeiten pro Beschäftigten jährlich 1572 und pro Kopf der Bevölkerung 960 Stunden – rund 30 Prozent mehr als etwa die Deutschen.
  3. Auf einem breit gestreuten Konsum: Die hohe Beschäftigung wäre nicht möglich ohne die Tatsache, dass alle Bevölkerungsschichten viel konsumieren.

Wir konsumieren alle viel...

Wie aus der Statistik der Haushaltsausgaben hervorgeht, konsumiert das ärmste Fünftel aller Haushalte pro Kopf nur 10 Prozent weniger als der Durchschnitt, das reichste Fünftel bloss 22 Prozent mehr.

Betrachtet man nur die wirtschaftlich aktive Bevölkerung (die Zwei-Personenhaushalte unter 65), sind die Unterschiede etwas grösser: Das ärmste Fünftel konsumiert 27 Prozent weniger als der Durchschnitt, das reichste 37 Prozent mehr – also nicht ganz doppelt so viel. Die übrigen Fünftel liegen dazwischen.

Konsumausgaben in der Schweiz

Bild

Paarhaushalte unter 65 Jahren, Ausgaben in Franken pro Monat. Quelle: bfs (2010)
grafik: watson

Dass das ärmste Fünftel (zu dem auch die meisten Arbeitslosen und Frühpensionierten gehören) so viel konsumiert, hat zwei Gründe:

  1. Der durchschnittliche Stundenlohn ist mit rund 29 Franken brutto (gegenüber 82 Franken für das reichste Fünftel) relativ hoch.
  2. Etwa ein Drittel des Einkommens beruht in diesem Bevölkerungsteil auf Sozialleistungen, Zuwendungen von Dritten und auf Vermögensverzehr.

... und stecken trotzdem in der Klemme

Doch trotz allem stecken wir in der Klemme: Wir stellen einerseits viel mehr Zeug her als der Umwelt gut tut, und andererseits konsumieren wir immer noch 15 bis 20 Prozent zu wenig, um unsere Produktivität ohne Arbeitslosigkeit und chronische Überschüsse auslasten zu können.

Trotz riesiger Exportüberschüsse und einer hohen Nettoeinwanderung gibt es etwa 5 Prozent Arbeitslose und Ausgesteuerte in der Schweiz.

Was, wenn die Exporte stagnieren, der Bauboom platzt, die Produktivität weiter steigt?

Wie kommen wir aus dem Dilemma heraus?

Ein Niedriglohnsektor mit Mindestlöhnen von bloss 8.50 Euro (entspricht etwa 9.25 Franken), wie ihn Deutschland geschaffen hat, ist kein Ausweg. Damit brechen Konsum und Beschäftigung erst recht ein, und zudem steigt der Zwang, möglichst lange zu arbeiten.

Die einzige Lösung für das Nachfrageproblem sind «markträumende» Löhne: Die Wirtschaft muss die Lohn- und Kapitaleinkommen (die 83 Franken pro Stunde und pro Kopf) so verteilen, dass das BIP voll konsumiert und wieder investiert werden kann – ohne Arbeitslosigkeit und ohne chronische Exportüberschüsse.

Die Rechnung zeigt: 35 Franken braucht's

Die 83 Franken setzen sich zusammen aus 17 Franken Investitionen (Maschinen, Infrastruktur, Wohnungen etc.) und 66 Franken Konsum (11 Franken Staatskonsum – Verwaltung, Schulen, Sicherheit und 55 Franken Privatkonsum).

Zur Vereinfachung nehmen wir an, dass die Investitionen über die Kapitaleinkommen (bzw. durch Umverteilung) und die 66 Franken Konsum über die Löhne finanziert werden. Zu diesem Zweck muss die Lohnsumme gleich verteilt werden wie der Privatkonsum.

Konkret heisst das: Das ärmste Fünftel der Erwerbstätigen muss 73 Prozent von den 66 Franken Durchschnittslohn verdienen müssen, also 48 Franken. Das reichste Fünftel kassiert 137 Prozent vom Durchschnitt, also 90 Franken. Der Rest liegt dazwischen.

So hoch müssten die Brutto-Löhne sein

Bild

In Franken pro Stunde

Diese Löhne verstehen sich brutto. Darin sind sämtliche Arbeitgeber- und Arbeitnehmerbeiträge für AHV, Arbeitslosenversicherung und die 2. Säule enthalten. Der Lohn deckt also auch den Konsum der Pensionierten und der Arbeitslosen.

Soweit unsere Modellrechnung.

Was heisst das für die Wirtschaftspolitik?

Selbstverständlich kann die Politik nicht alle Löhne bestimmen. Sie kann aber zusammen mit den Sozialpartnern nationale, regionale oder branchenspezifische Mindestlöhne so festlegen, dass sich im untersten Fünftel ein Lohnniveau von etwa 48 Franken brutto bzw. etwa 42 Franken netto einpendelt.

35 Franken netto müssten es vermutlich schon sein. So gesehen, ist der Mindestlohn von monatlich 3415 Franken (bzw. rund 23 Franken pro Stunde), den das Zürcher Amt für Wirtschaft für den Detailhandel vorgeschlagen hat, wirtschaftsfeindlich.

Damit können Industrie und Gewerbe ihr Produktionspotenzial bei weitem nicht ausschöpfen – zumindest nicht ohne massive staatliche Umverteilung und Exportüberschüsse.

Markträumende Löhne allein lösen zwar das Umweltproblem nicht, aber mit Stundenlöhnen von 48, 57 oder 63 Franken kann sich auch der Normalverdiener den einzigen Luxus leisten, der die Umwelt nicht belastet – mehr Freizeit. Die Schweiz ist auch dann noch ein reiches Land, wenn wir – wie die Deutschen  – pro Kopf statt 960 nur noch 730 Stunden arbeiten.

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    Alle Leser-Kommentare
  • zigi97 22.04.2016 01:16
    Highlight Highlight Der Mindestlohn ist eine ganz schlechte Idee.
    Der Mindetlohn schafft einen "Keller" unter dem Mondestlohn. Wer nicht dem Arbeitgeber weniger Geld einbringt als der ihm zahlen müsste fliegt. Der Mindestlohn führt also zu Arbeitslosigkeit. Es ist übrigens kein Zufall, dass der Mindestlohn zuerst in den USA eingeführt wurde. Dort ging es darum, die Schwarzen vom Arbeitsmarkt fernzuhalten.
    Der Mindestlohn ist ökonomisch sinnlos und schädlich. Wunschträume über die Lohnverteilung helfen da leider auch nicht weiter.
  • kaderschaufel 19.04.2016 19:43
    Highlight Highlight 1) die Quote der registrierten Arbeitslosen (da sind die Ausgesteuerten doch auch dabei) liegt nach SECO bei 3.6%
    2) der grösste Teil dieser Arbeitslosigkeit ist schlicht und einfach Sucharbeitslosigkeit, oder Arbeitslosigkeit, die durch den technischen Fortschritt, und der Unflexibilität der Arbeiterprofile (die Leute brauchen Zeit zum Umschulen) verursacht wird.
    • #bringhansiback 19.04.2016 22:10
      Highlight Highlight Nein, die ausgesteuerten sind da nicht dabei
    • Pafeld 20.04.2016 13:10
      Highlight Highlight Sind sie eben genau nicht. Ausserdem fehlen die Arbeitslosen ab 60, die Kranken und diejenigen, die sich in Umschulung befinden. Die wurden übrigens erst in den letzten Jahren rausgerechnet. Also ja, die reale Bruttoarbeitslosigkeit ist in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen.
      Und wir reden wohlgemerkt auch nicht von Vollzeitstellen. Wer für 10% angestellt ist taucht auch nicht auf.
  • Froggr 19.04.2016 18:34
    Highlight Highlight Das BGE hat absolut keine Chance. Freue mich auf die Abstimmung.
    • Fabio74 19.04.2016 18:49
      Highlight Highlight Würde gern mal Argumente hören warum
    • Humbolt 19.04.2016 21:29
      Highlight Highlight Leider hast du zum jetztigen Zeitpunkt recht. Nur wenn mit der gleichen Energie jetzt dafür gekämpft wird, wie gegen die DSI gekämpft wurde, hat man eine Chance! Es ist schon sehr bald soweit!
      Gründe: Angstmacherei, wie immer. Sorry aber bei dem Thema lässt sich doch die Urangst vom faulen Schmarotzer noch viel leichter propagieren, als vorher gegen den kriminellen Ausländer.
    • Froggr 20.04.2016 09:07
      Highlight Highlight Nein selbst dann hat es null chance. Das schweizer Volk wird sich selbst nicht ins Verderben reiten. Davon bin ich überzogen.
    Weitere Antworten anzeigen
  • Aliyah 19.04.2016 18:32
    Highlight Highlight Kann mich jemand aufklären?

    Ich verstehe leider irgendwie nicht wie das dann mit Leuten läuft die Sozialleistungen beziehen (AHV/IV/Sozialamt)

    Vielleicht habe ich einfach nicht genug Grips um daraus schlau zu werden....
  • Evan 19.04.2016 16:18
    Highlight Highlight Ob ein Mindestlohn, egal ob 22 oder 35 Franken, unsere Probleme lösen, wage ich zu bezweifeln. Wichtig ist, dass wer arbeitet auch mit dem Geld, dass er dafür bekommt angenehm leben kann. In diesem Sinne gibt es noch sehr viel Verbesserungspotenzial.
  • Peter Pulverschnee 19.04.2016 16:13
    Highlight Highlight Mein Buchtipp an den Autoren: Die Logik des Misslingens. Strategisches Denken in komplexen Situationen. Von Dietrich Dörner. Ich bin mir nicht sicher, ob dies hier möglich ist Werbung zu machen. Ansonsten schöne Gedanken die aber in der Umsetzung nicht wie gewünscht wirken werden.
  • 7immi 19.04.2016 15:10
    Highlight Highlight ist meine annahme richtig, dass dieses modell von gleichbleibenden güterpreisen ausgeht? falls ja, ist das ein fataler fehler. denn steigender lohn heisst automatisch teureres produkt. somit müsste man dann diesen sehr hohen mindestlohn nach kurzer zeit weiter erhöhen usw. das ganze würde eskalieren...
    • Matthias Studer 19.04.2016 15:26
      Highlight Highlight Muss es nicht. Kommt auf die Marge an. Ich kann den Gewinn reduzieren. Oder ich kann mehr produzieren zum günstigeren Preis.
    • 7immi 19.04.2016 16:55
      Highlight Highlight könnte man, der hersteller will aber weiterhin verdienen. ausserdem lässt sich nicht überall die marge verkleinern, da sie ohnehin schon klein ist (automobilbau z.b.)...
      um mehr zu produzieren, muss zuerst die nachfrage massiv steigen, um einen mehrwert durch produktionssteigerung zu generieren. der aus- oder umbau von produktionslinien ist generell sehr teuer...
    • Homes8 19.04.2016 18:04
      Highlight Highlight @ Matthias Studer
      Wenn Sie billiger mehr produzieren, gibts eventuel Überproduktion und auch längere Arbeitszeiten.
  • walsi 19.04.2016 14:50
    Highlight Highlight So neu ist die Erkenntnis nicht, wenn die Leute zu wenig verdienen können sie folglich weniger konsumieren. Mehr Konsum bedeutet mehr Wachstum und folglich mehr Investitionen, was im Grunde nur eine andere Form von Konsum ist, und somit werden mehr Leute eingestellt. Das hebt die Grundstimmung und somit die Konsumfreude usw. Das Problem ist nur, dass ein unbegrenztes Wachstum in einem begrenzten Raum nicht funktioniert. Folglich müssen wir auch mal über Wirtschaftsmodelle nachdenken die auch ohne Wachstum auskommen.

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Das Sozialversicherungskapital stieg um 75.9 Milliarden Franken auf 998.4 Milliarden Franken. Erstmals erreichte es fast die Grenze von einer Billion Franken, wie das Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) am Dienstag mitteilte.

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