DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Donald Trump und Sicherheitsberater John Bolton: Besiegeln sie den Angriff auf Syrien?
Donald Trump und Sicherheitsberater John Bolton: Besiegeln sie den Angriff auf Syrien?
Bild: AP/AP
Analyse

Wenn Donald ins syrische Pulverfass trumpelt

Die syrische Tragödie dauert schon sieben Jahre. Immer mehr ausländische Mächte mischen im Krieg mit, und nun droht Donald Trump mit einem Raketenangriff. Kommt es zur totalen Eskalation?
12.04.2018, 15:1125.05.2020, 20:28

Im März 2011 sprayten Jugendliche in der Stadt Daraa regimekritische Parolen an Hauswände. Der Arabische Frühling befand sich damals auf seinem Höhepunkt. Autokratische Herrscher waren gestürzt worden oder ins Wanken geraten. Syriens Präsident Baschar Assad wollte es nicht erst dazu kommen lassen. Er liess seine Armee in Daraa gegen die Proteste vorgehen.

Aus dem lokalen Aufruhr ist ein mehr als sieben Jahre dauernder Bürgerkrieg entstanden. Obwohl Assad dank Hilfe von iranischen Revolutionsgardisten, schiitischen Milizen und der russischen Luftwaffe immer mehr Gebiete zurückerobert, ist ein Ende des Krieges nicht in Sicht. Vielmehr geht die Angst um, dass aus einem regionalen Konflikt nichts weniger als der Dritte Weltkrieg entstehen könnte.

Seit Mittwoch hat sich die Lage noch einmal verschärft. US-Präsident Donald Trump drohte auf Twitter mit einem Raketenangriff auf Syrien, als Vergeltung für den mutmasslichen Giftgaseinsatz in der Stadt Duma am letzten Samstag. Der eigentliche Adressat des Tweets war Russland. Dessen Botschafter im Libanon hatte erklärt, man könne amerikanische Raketen abfangen.

Fox-News-Sendung als Auslöser?

Ein Krieg zwischen den USA und Russland schien auf einmal möglich. Entsprechend gross war die Aufregung, die Trumps virtuelles Muskelspiel auslöste. Nun ist der Präsident dafür bekannt, dass er gerne aus dem Bauch heraus handelt. Auslöser des Tweets soll ein Beitrag in «Fox and Friends» gewesen sein, eine Lieblingssendung des Dauerglotzers im Weissen Haus.

Man darf nicht jedes Wort von Donald Trump auf die Goldwaage legen. Auf die leichte Schulter nehmen kann man sein Säbelrasseln jedoch auch nicht. Er setzt sich mit solchen Ankündigungen selbst unter Druck. Er muss handeln, wenn er nicht als Schwächling gelten will. Und mit John Bolton hat er die vielleicht grösste Kriegsgurgel in Washington zum Sicherheitsberater ernannt.

Dabei ist die Lage in Syrien kompliziert genug. Anfangs mischten vor allem Iran (auf Seiten des Regimes) und Saudi-Arabien (auf Seiten der überwiegend islamistischen Rebellen) im Bürgerkrieg mit. Die Weltmächte hielten sich zurück, denn Syrien ist geopolitisch ein gröberes Kaliber als Libyen, dessen Diktator Muammar Gaddafi eine üble Figur, ansonsten aber ein Leichtgewicht war.

Ein Plakat in Aleppo feiert die «Waffenbrüderschaft» von Assad und Putin.
Ein Plakat in Aleppo feiert die «Waffenbrüderschaft» von Assad und Putin.
Bild: AP/AP

Übersehen wird oft, dass Baschar Assad einen ansehnlichen Teil des syrischen Volkes hinter sich hatte und vielleicht immer noch hat. Die Christen etwa betrachten seine säkulare Diktatur als kleineres Übel im Vergleich mit einem Islamisten-Regime. Diese Perspektive führte dazu, dass sich die USA unter Barack Obama auf den Kampf gegen die Terrormiliz «IS» konzentrierten.

Wie im Dreissigjährigen Krieg

Mit zunehmender Dauer mischten immer mehr Mächte in Syrien mit. Russlands Präsident Wladimir Putin hilft Assad seit 2015 bei der Rückeroberung seines Landes. Die Türkei marschierte in die Region Afrin ein, um die Kurdenmiliz YPG zu bekämpfen, die von den Amerikanern unterstützt wird, was sogar einen bewaffneten Konflikt zweier NATO-Länder möglich macht.

Der deutsche Filmemacher und Autor Alexander Kluge verglich in der «NZZ am Sonntag» die Lage in Syrien mit dem Dreissigjährigen Krieg, der vor fast genau 400 Jahren begann: «Wenn in Syrien die eine Armee siegt, wie schlimm das auch sein mag, beendet sie nicht den Krieg, sondern dann kommt eine andere Partei und dringt ein, wie jetzt die Türken.»

Assad und die Chemiewaffen

Der Vergleich ist nicht völlig daneben, im Gegenteil. Der Dreissigjährige Krieg begann 1618 als regionaler Konflikt zwischen den katholischen Habsburgern und den Protestanten in Böhmen und entwickelte sich zu einem europäischen Religionskrieg, in dem immer mehr Mächte mitmischten: Dänemark, Schweden, Frankreich. Er verwüstete grosse Teile des heutigen Deutschland.

Humans of Syria – Sieben Schicksale von syrischen Flüchtlingen im Libanon.

1 / 9
Humans of Syria – Sieben Schicksale von syrischen Flüchtlingen im Libanon.
quelle: watson/rafaela roth / watson/rafaela roth
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer

Das epische Ringen endete nicht auf dem Schlachtfeld, sondern durch die Erschöpfung der Kriegsparteien. Für Syrien wird ein ähnliches Szenario vorhergesagt. Dadurch wächst die Versuchung, dem Kriegsglück ein wenig nachzuhelfen – etwa mit Chemiewaffen. Assad besass ein grosses Arsenal. 2013 willigte er in dessen Zerstörung ein, um einen US-Angriff abzuwenden.

Trump krebst zurück

Experten bezweifeln, dass der Autokrat alle Bestände vernichtet hat. Noch ist nicht klar, wer für den mutmasslichen Giftgasangriff in Duma verantwortlich ist, doch vieles spricht dafür, dass Assads Armee die islamistischen Rebellen zum Abzug bewegen und einen Häuserkampf vermeiden wollte. Tatsächlich verliessen die Rebellen die Stadt. Am Donnerstag übernahmen syrische Regierungstruppen die Kontrolle über Duma und die gesamte Region Ost-Ghuta.

Die Verwendung von Massenvernichtungswaffen kann die Weltgemeinschaft eigentlich nicht tolerieren. Die UNO aber ist durch das russische Veto im Sicherheitsrat gelähmt. Die Frage ist deshalb, ob die USA im Alleingang handeln werden, allenfalls unterstützt von Grossbritannien und Frankreich. Donald Trump ist sich längst nicht so sicher, wie er in seinem Tweet vom Mittwoch andeutete.

Im weniger beachteten Folgetweet sandte er versöhnliche Signale Richtung Russland aus. Der US-Präsident ist ein Mann ohne erkennbare Überzeugungen. Er bewundert «starke Männer» wie Wladimir Putin. Nach seiner «Wiederwahl» gratulierte ihm Trump telefonisch, obwohl ihm seine Berater dringend davon abgeraten hatten, und lud ihn sogar ins Weisse Haus ein.

Am Donnerstag legte Trump auf Twitter nach. Er habe nie gesagt, wann es zu einem Angriff kommen könnte: «Es kann sehr bald oder überhaupt noch nicht so bald sein.» Von seinem Naturell her ist Trump ein Isolationist. Erst kürzlich stellte er einen baldigen Abzug der US-Soldaten aus Syrien in Aussicht, ohne Absprache mit dem Aussenministerium.

Vielleicht wird es zu einem symbolischen Vergeltungsschlag kommen, wie vor einem Jahr, als Trump einen Luftwaffenstützpunkt bombardieren liess. Vielleicht hat Bestsellerautor Michael Wolff recht, wenn er behauptet, Trump sei «zu dumm», um einen Krieg zu beginnen. Grund zur Panik vor einem Dritten Weltkrieg besteht nicht. Aber beruhigt zurücklehnen kann man sich bei einem Typ wie Trump auch nicht.

Syrien

Alle Storys anzeigen
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Analyse

Warum die Republikaner einen absurden Covid-Todeskult aufführen

In den USA explodieren die Fallzahlen. Trotzdem weigern sich die Trump-Fans nach wie vor, sich impfen zu lassen.

Die Delta-Variante trifft nun auch die Amerikanerinnen und Amerikaner mit voller Wucht: Innerhalb von zwei Wochen haben sich die Covid-Fallzahlen um 200 Prozent erhöht. Gestern wurden rund 35’000 neue Infizierungen gezählt.

Auch die Anzahl der Todesfälle hat um rund 50 Prozent zugenommen. Am Dienstag starben 246 Amerikaner an Covid, bald dürften es noch mehr sein, denn die Anzahl der Toten hinkt hinter den Erkrankungen hinterher.

Das triste Bild vervollständigen die jüngsten Zahlen des National …

Artikel lesen
Link zum Artikel