DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Sektenblog

Freikirchen versuchen noch immer, Homosexuelle «umzupolen» – jetzt regt sich Widerstand

07.05.2022, 07:54

Glaubensgemeinschaften sehen sich als Hüter von Moral und Ethik. Pastoren von radikalen Freikirchen fühlen sich deshalb als Experten bei der Beurteilung von Gut und Böse und taxieren die Sünden. Weit oben in der Skala angesiedelt ist das angebliche Fehlverhalten in sexuellen Belangen. Einen Spitzenplatz nimmt dabei die Homosexualität ein, die als eine Art Ursünde angesehen wird. Doch damit manövrieren sich manche Freikirchen direkt in Teufels Küche.

Bei den sogenannten Konversionstherapien sollen homosexuelle Menschen umgepolt werden.
Bei den sogenannten Konversionstherapien sollen homosexuelle Menschen umgepolt werden.Bild: shutterstock

Ein klassisches Beispiel, das in letzter Zeit immer wieder für Schlagzeilen sorgt, sind Konversionstherapien, die fundamentalistische Gemeinschaften anbieten. Dabei handelt es sich um das Umpolen von homosexuellen Gläubigen und Transmenschen.

Diese menschenverachtende «Therapie» hat einen religiösen Hintergrund. Auslöser ist einmal mehr die Bibel. Denn in diesem angeblich von Gott inspirierten Buch wird die Homosexualität verteufelt. Legt sich ein Mann zu einem Mann wie zu einer Frau, fordert Gott die Todesstrafe, heisst es im Alten Testament. Im Neuen Testament ist es vor allem der Moralapostel Paulus, der die Homosexualität als widernatürliche Unzucht verurteilt.

Für die Betroffenen sind die Umpolungsversuche eine mentale Folter. Sie glauben, von Gott bestraft oder gar fallengelassen worden zu sein.

In der Zwischenzeit hat ein Teil der Menschheit dazugelernt und die Erkenntnisse der Psychologie adaptiert. Diese besagen bekanntlich, dass Homosexualität angeboren und nicht therapierbar ist. Doch die christlichen und muslimischen Fundis gewichten auch heute noch die religiösen Schriften höher. Dabei scheint es ihnen egal zu sein, dass sie viel Leid in die Welt bringen. Der reine Glaube ist ihnen wichtiger als das Wohl der Gläubigen. Hauptsache, Gott und Allah haben ihre helle Freude an den Frommen.

Für etliche freikirchliche Pastoren und Älteste sind homosexuelle Gläubige eine Provokation und Herausforderung. Sie auszuschliessen, ist keine Option. Auch sie werden als Kinder Gottes betrachtet, deren Seelen sie retten wollen oder müssen. Um dieses Dilemma aufzulösen, vollführen sie einen geistigen Salto. Sie interpretieren die Homosexualität als Strafe Gottes für ein angeblich sündiges Verhalten.

Wo die Sünde ins Spiel kommt, sehen sie sich als Experten. Als Stellvertreter Gottes können sie dem Satan die Stirn bieten, der die Gläubigen versucht hat. Mit Gebeten, Verhaltensregeln und allenfalls einem Exorzismus kann das Fehlverhalten korrigiert werden, glauben die Geistlichen.

Wenn der Glaube zum Tod führt

Was bei «gewöhnlichen Sündern» allenfalls klappen mag, funktioniert bei Homosexuellen nicht, wie die Prediger schmerzlich erfahren mussten. Sie verkünden zwar immer wieder Erfolge, doch der nächste «Rückfall» kommt so sicher wie das Amen im Gottesdienst. Denn die Natur ist stärker als der Glaube, was für Pastoren eine narzisstische Kränkung darstellt.

Der Name verrät schon, dass die Verfechter der Konversionstherapie Homosexualität als eine Glaubenskrankheit verstehen. In Wahrheit ist die Therapie eine Gehirnwäsche. Für die Betroffenen sind die Umpolungsversuche eine mentale Folter. Sie glauben, von Gott bestraft oder gar fallengelassen worden zu sein. Deshalb haben sie die Hoffnung, dass die «religiöse Therapie» funktioniert.

Ein «Rückfall» führt jedoch zum Schock, der das Selbstwertgefühl noch tiefer in den Keller sausen lässt. Sie fühlen sich vor Gott als Versager. Ich kenne mehrere Fälle, die im Suizid endeten. So kann der radikale Glaube zum Tod führen. Die Verantwortung dafür übernehmen die Gottesdiener aber nicht.

Therapien bei der Heilsarmee

Ein SRF-Reporter erbrachte kürzlich den Beweis, dass auch die Heilsarmee versucht, Homosexuelle zu «heilen». Er gab sich als Schwuler aus und wurde prompt «therapiert». Das Beispiel zeigt, wie radikal die Krieger Gottes sind. Nach aussen geben sie sich bieder und geniessen dank ihrer sozialen Werke einen vergleichsweise guten Ruf. Doch hinter der Fassade verbirgt sich ein radikaler Glaube.

Für Pink Cross, dem Dachverband schwuler Männer, ist dies ein Ärger. Er schrieb auf seiner Homepage:

«Im Jahr 2020 wurde die Heilsarmee mit gut 57 Millionen von der öffentlichen Hand unterstützt und führt damit verschiedene Projekte und Angebote im Auftrag von Gemeinden, Kantonen und dem Bund durch.»

Der Bundesrat zögert

Inzwischen hat das Unverständnis über die Konversionstherapien mancher Freikirchen auch die Politik erreicht. So wurden in Deutschland, Frankreich und Österreich die Konversionstherapien bereits verboten.

Einmal mehr sind wir in der Schweiz rückständig. Der Bundesrat sah bisher keine Notwendigkeit, einzugreifen. Vor etwa sechs Jahren sagte er in einer Interpellationsantwort immerhin: «Solche Therapien sind nicht nur wirkungslos, sondern mit erheblichem Leid für die betroffenen Kinder und Jugendlichen verbunden.» Trotzdem sah er keine Notwendigkeit, Massnahmen zu ergreifen.

Vor ein paar Monaten haben deshalb Nationalräte eine parlamentarische Initiative eingereicht, die ein Verbot von Konversionsmassnahmen fordern.

Der Zürcher Regierungsrat stuft zwar die Konversionstherapien als unethisch und menschenrechtsverletzend ein, sieht aber ebenfalls keine Möglichkeit, diese auf dem Kantonsgebiet zu verbieten. Immerhin regt sich nun in mehreren kantonalen Parlamenten Widerstand, wurden doch entsprechende Vorstösse lanciert.

So bleibt zu hoffen, dass die Kantone dem Bund bald Beine machen. Denn nur ein Verbot auf nationaler Ebene kann die radikalen Freikirchen wirksam in die Schranken weisen.

Sektenblog

Alle Storys anzeigen
Bild: zvg
Hugo Stamm
Glaube, Gott oder Gesundbeter – nichts ist ihm heilig: Religions-Blogger und Sekten-Kenner Hugo Stamm befasst sich seit den Siebzigerjahren mit neureligiösen Bewegungen, Sekten, Esoterik, Okkultismus und Scharlatanerie. Er hält Vorträge, schreibt Bücher und berät Betroffene.
Mit seinem Blog bedient Hugo Stamm seit Jahren eine treue Leserschaft mit seinen kritischen Gedanken zu Religion und Seelenfängerei.

Du kannst Hugo Stamm auf Facebook und auf Twitter folgen.
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Themen

«Wir verhalten und so, als ob Homosexualität nicht extisiert» – Imam erzählt

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

585 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Ti Amo
07.05.2022 09:43registriert Dezember 2021
Früher gab es wenigstens noch die Young Men's Christian Association wo man als Gay unter dem christlichen Dach noch willkommen war.
1380
Melden
Zum Kommentar
avatar
Maracuja
07.05.2022 11:12registriert Februar 2016
Wenn Frau vergewaltigt und schwanger wird, darf sie gemäß Fundamentalisten nicht abtreiben und muss akzeptieren, dass dies irgendwie Gottes Plan gewesen sein soll. Wenn sich Transmenschen in ihrem Körper nicht wohlfühlen, müssen sie diesen akzeptieren, weil Gottes Plan. Hat jemand eine bei Fundamentalisten nicht erwünschte sexuelle Orientierung, dann ist es aber vorbei mit Akzeptanz von göttlichen Plänen.
7711
Melden
Zum Kommentar
avatar
Prometheus Disk
07.05.2022 09:22registriert Dezember 2020
Konversionstherapien sind dermassen absurd schwachsinnig und inakzeptabel, weshalb da für ein striktes Verbot gezögert wird und weshalb erst jetzt, ist mir ein Rätsel wie kaum ein anderes. (Eigentlich ist es ja genau das selbe, als würde man versuchen Heterosexuelle Menschen zu Homosexuellen umpolen).
Übrigens argumentierte und diskreditierte die PNOS auch schon mit diesem hetzerischen Blödsinn.
4217
Melden
Zum Kommentar
585
Sommer, Sonne, Alkohol – ein Prost auf unsere Gesundheit
Der After-Work-Aperol-Spritz und das Bier am Grill gehören gesellschaftlich akzeptiert zum Alltag. Sind Wein, Wodka, Gin und Co. ein normales Konsumgut oder machen sie uns einfach nur krank?

Ich bin mit Alkohol aufgewachsen. Also nicht, dass ich als Kind selbst getrunken hätte, aber es war normal, dass meine Eltern es taten. Vor allem im südländisch geprägten Haushalt meiner Grosseltern wurde nicht selten bereits mittags Wein aufgetischt, und mein Grossvater gönnte sich auch schon mal vormittags Schnaps in seinen Kaffee. Ich habe das nie hinterfragt. Ich hatte als Teenager aber auch nie das Bedürfnis, mir einen Rausch anzutrinken. Vermutlich gerade deshalb, weil Alkohol bei mir zu Hause immer ein Genussmittel war, wie zum Beispiel Kuchen, und nicht den Reiz des Verbotenen hatte. Den hatte er erst, als ich mit 17 in Australien lebte und dort nicht legal trinken durfte. Das war wohl die Zeit, in der ich am meisten Alkohol konsumiert habe im Leben.

Zur Story