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Lieber Herbst, von mir aus kannst du ein halbes Jahr bleiben!

Bild: watson

Eine Liebeserklärung an die dunkle Hälfte des Jahres.

15.10.17, 16:11 16.10.17, 06:48

Freunde des Sommers, ihr könnt eure ausgeblasenen Luftmatratzen in den Händen halten und über den Herbst sagen, was ihr wollt – dass er dunkel ist und kalt, euch eurer Sommerkleider beraubt und die Endlichkeit des Tages offenbart – und doch: Es gibt keine andere Jahreszeit, in der das Licht perfekter auf seine Umgebung fällt und darin alles potenziell Hässliche wie mit einem Pinsel in ein schmeichelhaftes Licht taucht, als diese.

Der Herbst, mit seinen heruntergefallenen Kastanien und gelbbraunen, auf dem Gehsteig liegengebliebenen Blättern, die man zum Höhepunkt ihrer Jugend glasieren und am liebsten gar nicht aus dem Weg räumen würde, er gehört zur Standardausstattung eines erfolgreichen Nachmittagsspaziergangs dazu. Selbst die kahlste Vorstadtstrasse und der vernachlässigte Zaun um Nachbars Garten wirkt sonnentrunken liebevoll. Im Herbst, da wird alles und jeder leise, nachdem sich die Feierwütigen monatelang vollgesogen haben, mit Gerüchen und neuen Menschen samt ihrer Eigenheiten. Im Herbst heisst es Tiefgang und das, was kam, auf Langzeit testen.

Es reicht nicht, die Präferenz für die dunkle Hälfte des Jahres auf den Herbst allein zu schieben. Es ist ein charakterimmanentes Hingezogensein zur Melancholie und Brutalität nordischer Städte, ohne in ihnen verloren zu sein oder das, was anderen an ebendiesen Orten fehlt, zu missen.  

Das Gefühl, erst in einem Mantel mit passenden Schuhen angezogen zu sein.

Die so oft wie möglich vermiedene Qual, bei Temperaturen um die 35 Grad touristischen Attraktionen in Südeuropa nachzueifern und der Zwang, dabei bis in die frühen Morgenstunden mit anderen lustig zu sein. Wer den Herbst wahrhaftig liebt, könnte selbst auf die Baderei verzichten, wenn er stattdessen Laub und eiskalte, saubere Luft vor seiner Haustür hätte.  

Die, die sich schon ab Dezember auf den Sommer freuen, vergessen, dass sie spätestens im Juni mit schweissverklebten Oberschenkeln in viel zu vollen Verkehrsmitteln sitzen werden, und sich darüber beschweren. Beschweren, dass es heiss ist, beschweren, dass es stinkt. Dass die Trinkflasche zuhause vergessen wurde und der Durst Überhand nimmt, wenn man erst auf halbem Weg zum Schwimmbad ist. Dass alle Orte, die man so gerne hat, hoffnungslos überfüllt sind mit Touristen in Flip-Flops mit Chips.  

Der Sommer, er hat trotz seiner nicht zu verneinenden Höhepunkte dieses treibende, hastige Element, das eine Panik verbreitet, als ob es für alle Beteiligten der letzte ihres Lebens wäre. Schnell, schnell, noch ein letztes Mal ins Schwimmbad, noch ein letztes Mal Eisessen, ein letztes Mal ins Sommer-Open-Air-Kino – kurz nachdem man gemerkt hat, dass es überhaupt offen ist. Die Eventbranche hat einen Narren an ihm gefressen. Der Sommer füllt die Kassen für die ereignisarmen Monate bis zur Weihnachtszeit, in der der rote Teppich für den Trubel aus einer neuen Perspektive ausgerollt wird.  

Der Herbst wird gerne vernachlässigt mit Liebeserklärungen.

Dabei gibt es vieles, das man ihm sagen könnte. Dass er die Ruhe nach Hause bringt, gemeinsam mit einer Kanne heisser Schokolade und uns endlich wieder erlaubt, abends nicht das Haus zu verlassen.

Er hat uns die Freiheit zurückgegeben, ohne uns dafür verantwortlich zu machen und den sozialen Druck aus Veranstaltungen genommen, zu denen wir nicht gehen wollten.

Er bringt Kürbisse und Kürbissuppen, orangefarbene Felder und sich im Licht räkelnde Baumspitzen. Wollsocken zurück in die oberste Schublade der Kommode und Spaziergänge mit den Liebsten, die in heimeligen Cafés und guten Gesprächen enden. 

Der Herbst, er steht auch immer für einen Neuanfang der eigenen Geschichte, selbst wenn man schon längst nicht mehr zur Schule geht. Er ist die beste Zeit, um Sprachkurse und neue Hobbys für sich zu entdecken und in den noch leeren Kalender einzutragen. Er ist die Zeit, um wieder mit dem Sport anzufangen, den man in seiner Jugend aufgegeben hat und er ist auch die Zeit, in der sich das getriebene Herz nach all den Auf und Abs, Enttäuschungen und Klagen bei Freundinnen festlegen kann, auf jemanden, der genauso gerne gemeinsam morgens aufwacht wie abends schlafengeht.

Der Herbst könnte ruhig das halbe Jahr dauern und dem Sommer ein paar dieser Tage stehlen, an denen man vor Hitze geplagt auf dem Sofa liegt und wie ein gemeuchelter Hund mit ausgestreckter Zunge nach Atem hechelt. Ein paar dieser Tage, an denen man insgeheim schon auf Abkühlung hofft, ohne den anderen mit dieser vorlauten Äusserung den Tag zu verderben.

Der Herbst ist der heimliche Sieger unter den Jahreszeiten, wenn es einen Wettkampf gebe; der, der langsam aufholt und dann kommt, wenn man schon gar nicht mehr mit ihm gerechnet hätte. 

Und dann ist er da. Der Moment, in dem man merkt, dass man abends eine dünne Jacke brauchen wird und die Sandalen gemeinsam mit den guten Erinnerungen an die Hitzemonate zurück in den Keller packen kann.  

Wer den Herbst liebt, bevorzugt das, wofür er von anderen gefürchtet wird und erkennt die Schönheit in einer Art, die nicht für jeden offensichtlich ist.

Herbst, wie habe ich dich vermisst.

So schön ist der Herbst in der Schweiz:

Corsin Manser mag es hingegen nicht gerne kalt: 

2m 11s

«Hör auf zu lüften! Es ist sch**sskalt!»

Video: watson/Corsin Manser, Emily Engkent

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Zeno Hirt, 25.6.2017
Immer wieder mal schmunzeln und sich freuen an dem, was da weltweit alles passiert! Genial!
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19Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • The Origin Gra 16.10.2017 20:54
    Highlight Ist zwar schon Drei Wochen her. Geschossen auf der Schwägalp.
    Ich fuhr vom Toggenburg richtung Schwägalp in einen Wald...
    Plötzlich öffnete sich mir eine Pracht aus Gelben, Goldenen und Blutroten Blättern so das ich kurz innehalten musste um die Pracht zu geniessen😊

    @ Bianca: Wunderschöner Artikel 😃
    Ich mag den Herbst auch, die frühe Dunkelheit, die Kuschelsucht und das verlangen nach Wärme
    4 0 Melden
  • Schnuderbueb 16.10.2017 20:45
    Highlight Bianca Xenia Jankovska und die weiteren Spassgesellschafter! Ist euch bewusst, dass in der NW CH und anderen Gebieten der CH seit einigen Jahren sich eine schleichende Trockenheit ausbreitet? Ich bete zu Petrus, dass er es soviel regnen lässt, das ihr auf der Couch beim Psychiater platz nehmen müsst oder in die Sahara auswandert.
    3 3 Melden
  • #tschanforpresident 16.10.2017 18:18
    Highlight Meine Worte ❤️ besonders an Tagen wie heute
    5 0 Melden
  • swiss_stone 15.10.2017 21:56
    Highlight Herbst auch im Norden der Schweiz 😃



    4 0 Melden
  • jjjj 15.10.2017 21:16
    Highlight 25 Grad, Sonne. und ihr schreibt von "düstere Jahreszeit"

    lol
    23 2 Melden
  • Statler 15.10.2017 20:52
    Highlight Hach, genau so... Bis auf die Kürbisse... ich mag keine Kürbisse und im Herbst ist plötzlich überall Kürbis drin... immer...
    Aber sonst... es lebe der Herbst!
    Übrigens - das hab' ich zwar glaub' schon letzten Herbst geschrieben, aber egal - die Farben des Herbstes sind das Versprechen der Natur, im nächsten Jahr wiederzukommen...
    24 2 Melden
  • exeswiss 15.10.2017 20:50
    Highlight <3 herbst
    21 0 Melden
  • Mr_Burton 15.10.2017 20:46
    Highlight Der Herbst ist der Frühling des Winters.
    27 1 Melden
  • maljian 15.10.2017 20:34
    Highlight Ich liebe den Herbst und den Frühling. Von mir aus könnte das Jahr aus den beiden Jahreszeiten bestehen.

    Der Winter kommt dann an dritter Stelle und der Sommer für mich persönlich ist abgeschlagen auf dem letzten Rang.

    Als Kind mochte ich vor allem Kastanien und Eicheln sammeln und aus diesen dann Figuren basteln. In keiner anderen Jahreszeit geht das 😊
    20 5 Melden
  • Luca Brasi 15.10.2017 20:25
    Highlight Gegendarstellung:

    Der Herbst bringt uns auch Pumpkin Spice Latte, Kinder, die sich dem kommerzialisierten irischen Spukfest hingeben und zum Spass Häuser mit faulen Eiern bewerfen, wenig Feiertage und häufig auch politische Wahlen mit immer stärker werdender Effekthascherei.

    :P
    17 15 Melden
  • EnteEnteEnte 15.10.2017 19:58
    Highlight Schöner Text über den wunderschönen Herbst. Leider hast du die aufkommenden Düfte ganz aussenvor gelassen. ;)
    Marroni, Zimt, heisse Schoggi, kalte, frische Luft, diverse Tees, Fondue,...ach allerlei!
    29 2 Melden
    • Rendel 15.10.2017 23:02
      Highlight Die Düfte die Du beschreibst gehören zum Winter und sind menschgemacht. Im Herbst riecht es nach welkem Laub, Pilzen, modrig, erdig wenn es neblig ist, nach Fallobst, usw. .
      16 4 Melden
  • TheDude10 15.10.2017 19:52
    Highlight Bei mir ist leider Frühling (Neuseeland)
    4 6 Melden
  • CWe 15.10.2017 19:15
    Highlight Was für ein toller Artikel! 😊 mehr davon bitte ☺
    18 2 Melden
  • dommen 15.10.2017 17:43
    Highlight Und der Nachmittag auf dem Üetliberg war ebenfalls genau so, wie ich ihn mag
    60 1 Melden
  • dommen 15.10.2017 17:42
    Highlight Zürich heute morgen war genau so, wie ich es mag
    55 3 Melden
    • maljian 15.10.2017 20:30
      Highlight Um welche Uhrzeit war das denn?
      1 0 Melden
    • dommen 15.10.2017 21:58
      Highlight Etwa um 09:00
      8 0 Melden
    • Statler 16.10.2017 00:19
      Highlight Nebel ist schön!
      In San Francisco hat er sogar 'nen Namen gekriegt. Sie nennen ihn liebevoll «Karl the Fog»... ;)
      9 0 Melden

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