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In this Thursday, Aug. 27, 2015 photo former Soviet missile defense forces officer Stanislav Petrov poses for a photo at his home in Fryazino, Moscow region, Russia. On Sept. 26, 1983, despite the data coming in from the Soviet Union’s early-warning satellites over the United States, Petrov, a Soviet military officer, decided to consider it a false alarm. If he had decided otherwise, the Soviet leadership could have responded by ordering a retaliatory nuclear strike on the United States. (AP Photo/Pavel Golovkin)

Bescheidener Rentner: Petrow im Jahr 2015. Bild: AP/AP

Dieser Herr rettete die Welt vor einem Atomkrieg. Jetzt starb er einen stillen Tod



26. September 1983, kurz nach Mitternacht: In einem Bunker in der Stadt Serpuchow, rund 50 Kilometer südlich von Moskau, beginnt eine schrille Sirene zu heulen. Ein Computer in der Kommandozentrale der sowjetischen Luftraumüberwachung schlägt Alarm: Er meldet eine amerikanische Atomrakete, die sich im Anflug befindet. 

Dem diensthabenden Offizier, Oberstleutnant Stanislaw Petrow, bleiben nur wenige Minuten. Der 44-Jährige muss entscheiden: Handelt es sich um einen Fehlalarm – oder sind die USA dabei, die Sowjetunion mit einem nuklearen Erstschlag anzugreifen? Für den Fall eines atomaren Angriffs kennt die sowjetische Doktrin nur eine Antwort: einen massiven nuklearen Gegenschlag mit allen verfügbaren Mitteln.

Petrow zögert. Seltsam ist, dass die Amerikaner nur eine Rakete lanciert haben – ein nuklearer Enthauptungsschlag, mit dem die USA versuchen könnten, die sowjetische Kapazität für einen Vergeltungsschlag auszuschalten, sieht anders aus. Zudem hat es in der Vergangenheit mehrmals Zweifel an der Zuverlässigkeit des Frühwarnsystems gegeben.  

Fünf Minutemen-Atomraketen

Satellitenbilder der amerikanischen Raketenbasis verschaffen Petrow keine Klarheit. Zwar sind darauf keine Raketenstarts erkennbar, aber da die Basis sich gerade auf der Tag-Nacht-Grenze befindet, sind die Aufnahmen undeutlich. Petrow entschliesst sich, dem Militärkommando einen Fehlalarm zu melden. 

Kaum hat der Offizier den Alarm als Fehler eingestuft, meldet der Computer erneut einen amerikanischen Angriff. Nun sollen es vier weitere Atomraketen sein, die sich kurz nacheinander dem sowjetischen Luftraum nähern. Insgesamt fünf Minutemen-Atomraketen, jede davon mit zehn Sprengköpfen ausgerüstet – es ist das mehrhundertfache Vernichtungspotenzial der Hiroshima-Bombe, das hier im Anflug ist. 

«Ich fühlte mich, als sässe ich auf glühenden Kohlen.»

Stanislaw Petrow

Wieder steht Petrow, der nicht auf weitere Daten zurückgreifen kann, vor demselben Dilemma: Den Angriff melden und damit den Atomkrieg auslösen – oder von einem Fehlalarm ausgehen und damit den Amerikanern möglicherweise einen vernichtenden Schlag gegen das sowjetische Vergeltungspotenzial ermöglichen. 

In this Thursday, Aug. 27, 2015 photo former Soviet missile defense forces officer Stanislav Petrov poses for a photo at his home in Fryazino, Moscow region, Russia. On Sept. 26, 1983, despite the data coming in from the Soviet Union’s early-warning satellites over the United States, Petrov, a Soviet military officer, decided to consider it a false alarm. If he had decided otherwise, the Soviet leadership could have responded by ordering a retaliatory nuclear strike on the United States. (AP Photo/Pavel Golovkin)

Petrow starb am 19. Mai 2017 in Frjasino bei Moskau. Bild: AP/AP

Viel später, im Jahr 2013, schilderte Petrow dem russischen Dienst der BBC, wie die Situation sich damals für ihn darstellte: «Ich hatte alle Daten [die für einen Raketenangriff sprachen]. Hätte ich meinen Bericht die Befehlskette hinaufgeschickt, niemand hätte ein Wort dagegen gesagt.» Er fügte hinzu: «Ich hätte nur das Telefon in die Hand nehmen und die direkte Linie zum Kommando wählen müssen  – aber ich konnte mich nicht bewegen. Ich fühlte mich, als sässe ich auf glühenden Kohlen.» 

«Was für eine Erleichterung!»

Petrow überlegt. Er kommt zum Schluss, dass vier bis fünf Atomraketen zu wenig sind, um einen US-Angriff plausibel erscheinen zu lassen. Ein amerikanischer Erstschlag, so seine Einschätzung, müsste mit viel massiveren Mitteln erfolgen. Wieder meldet er einen Fehlalarm. 

«23 Minuten später wurde mir klar, dass nichts passiert war. Wäre es ein realer Angriff gewesen, hätte ich zu diesem Zeitpunkt schon davon erfahren. Was für eine Erleichterung!», erzählte Petrow der BBC. Die vermeintlichen amerikanischen Atomraketen waren in Wahrheit von Wolken reflektierte Sonnenstrahlen gewesen – das sowjetische Frühwarnsystem hatte sie irrtümlich als Raketenstarts interpretiert. 

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Trailer: «The Man Who Saved The World» (2015). Video: YouTube/Movieclips Film Festivals & Indie Films

Gespannte Atmosphäre

Der Fehlalarm war umso gefährlicher, als sich die Beziehungen zwischen den beiden Supermächten 1983 auf einem Tiefpunkt befanden. In diesem Jahr hatte US-Präsident Ronald Reagan die Sowjetunion zum «Reich des Bösen» ernannt und zudem den Aufbau eines Abwehrschirms gegen Interkontinentalraketen (SDI) angekündigt.

Erst am 1. September hatte zudem ein sowjetischer Abfangjäger ein verirrtes koreanisches Passagierflugzeug abgeschossen, das irrtümlich den sowjetischen Luftraum verletzt hatte. Die relativ entspannten 70er Jahre waren vorbei, zwischen den Supermächten herrschte abgrundtiefes Misstrauen. 

Anzahl nukleare Sprengköpfe

Grafik: Anzahl der nuklearen Sprengköpfe im Arsenal der USA und der Sowjetunion / von Russland, 1945 bis 2014.

Die Grafik zeigt das nukleare Arsenal der Supermächte von der ersten Atombombe 1945 bis 2014. 1983 übertraf das sowjetische Arsenal bereits das amerikanische.  Grafik: Wikimedia

Für seine Entscheidung wurde der Oberstleutnant weder belobigt noch bestraft. Seine Vorgesetzten zogen es vor, die Angelegenheit diskret unter den Teppich zu kehren – schliesslich hatte der Vorfall gezeigt, dass das sowjetische Frühwarnsystem gefährlich fehleranfällig war. Erst später, nach dem Ende des Kalten Krieges und dem Untergang der Sowjetunion, wurde Petrow ausgezeichnet. So erhielt er 2006 den World Citizen Award und 2013 den Dresden-Preis. 

Am 19. Mai 2017 starb Stanislas Petrow, der ein bescheidenes Rentnerdasein geführt hatte, im Alter von 77 Jahren in Frjasino bei Moskau. Sein Tod blieb von der Öffentlichkeit zunächst unbemerkt; Petrow hatte zurückgezogen gelebt. Er hatte immer wieder betont, er habe nicht die Welt gerettet, sondern «nur seinen Job gemacht». 

Haarscharf an der Apokalypse vorbei

Schon 1979, als die Beziehungen zwischen den USA und der Sowjetunion noch bedeutend entspannter waren, hatte ein Frühwarnsystem beinahe einen Atomkrieg verursacht. Diesmal war es jedoch das US-System NORAD, das Präsident Jimmy Carter aufgrund eines Softwarefehlers hunderte von anfliegenden Atomraketen meldete. Später wurden sogar tausende daraus. In Wahrheit handelte es sich lediglich um Phantomdaten einer Simulation. 

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    Alle Leser-Kommentare
  • gummibaum 20.09.2017 21:33
    Highlight Highlight
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    Stimmt auch Heute noch so.

    AI ist im Übrigen genau so hilfreich oder vernichtend wie es die zugrundeliegenden Lern Algorithmen zulassen.

    Hierbei spielt die Lebenseinstellung und Weisheit der Erschaffer/Programmierer eine entscheidende Rolle!

    Bleibt zu hoffen, dass nicht nur kompetitive Games, Trollbots, Gewinnmaximierung und Propaganda als Trainingsfeld für die entstehenden AI-Persönlichkeiten dienen.
    Sonst werden wir wohl zukünftig von verlogenen AI-Psychopathen verwaltet oder gar vernichtet, statt von Stanislaw Petrow gerettet.
  • dääd 19.09.2017 20:43
    Highlight Highlight Und heute haben wir Angst vor Burkas.

    Wie sich die Zeiten ändern.... (her mit den Blitzen!)
  • URSS 19.09.2017 16:40
    Highlight Highlight Petrow dachte selber mit seinem Gehirn . Er war kein seelenloser Soldat.
    Das er die Welt nicht in die Apokalypse schickte, bekam er nicht einmal ein Dankeschön.
    Und jetzt redet der mächtigste Trampel der Welt von der totalen Apokalypse.
    RIP Petrow
  • Hans Jürg 19.09.2017 16:37
    Highlight Highlight Man sollte ihm posthum den Friedensnobelpreis verleihen. Er hätte ihn schon zu Lebzeiten verdient.
    • Patsia 20.09.2017 04:43
      Highlight Highlight Ich bin ganz deiner Meinung. Er hätte den Friedensnobelpreis viel mehr verdient als viele. Leider darf der Friedensnobelpreis nicht posthum verliehen werden. Aber als Zeichen könnte er ein Jahr quasi ihm zu Ehren nicht verliehen werden (wie damals im Jahr von Ghandis Tod). Das wäre eine mehr als angemessene Würde, auch wenn er es nicht mehr erleben könnte. Und gerade in Zeiten wie diesen auch ein Zeichen für die gesamte Welt bzw einigen Narzissten an der Macht.
  • Baba 19.09.2017 13:39
    Highlight Highlight Danke Herr Huber für diese Geschichte über einen wahren Helden. Er schien Nerven aus Stahl gehabt zu haben. Stanislas Petrow hat einen Nachruf definitiv verdient!

    Die kurz angeführte Geschichte von NORAD, das aufgrund von Simulationsdaten beinahe einen Atomkrieg verursacht hätte, erinnert fatal an den Film "War Games" von 1983. War der also viel näher an der Realität als gedacht 😨! Ich gehe nicht davon aus, dass diese beinahe-Katastrophe damals schon öffentlich bekannt war...
    • Baba 19.09.2017 14:36
      Highlight Highlight Uuups, die War Games Story ist ja weiter unten in den Kommentaren schon ausgeführt... Hätte die auch zuerst lesen sollen 😊
  • Posersalami 19.09.2017 10:12
    Highlight Highlight Danke für ihren Einsatz und RIP. Sie sind ein Held der Menschheit. Menschen mit einem solchen Rückgrat gibt es heute wohl nicht mehr all zu viele.
  • c-bra 19.09.2017 09:37
    Highlight Highlight Ein Glück sind die momentanen Befehlshaber der Atommächte auch so klar im Kopf wie der Herr Petrow.

    *Ironie aus
  • Lamino 420 19.09.2017 09:34
    Highlight Highlight Herr Petrow:
    Solche Leute, wie Sie einer waren, braucht es: Diplomaten, Brückenbauer, Vermittler, Schlichter.
  • InfinityLoop 19.09.2017 09:34
    Highlight Highlight Es braucht viel mehr solcher Menschen die ihr Hirn für einen Moment einschalten.Gerade in der heutigen Zeit
  • Ahab Dent 19.09.2017 09:23
    Highlight Highlight Geile siech!
  • Wenn Åre = Are dann Zürich = Zorich 19.09.2017 09:19
    Highlight Highlight Ruhe in Frieden Grosser Weltenretter 🙂
    Danke das Du uns das Leben geschenkt hast 🙂
  • Karl33 19.09.2017 09:17
    Highlight Highlight Künstliche Intelligenz wird in Zukunft weniger zaudern...
  • Bolly 19.09.2017 09:11
    Highlight Highlight Hoffen wir auf weitere "Fehler". Und das man keine schickt. Das es mehr wie ihn gibt die das Hirn einschalten und sich nicht nur auf die Technik alleine verlassen. ✌🏼 R.I.P.

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Der Volkszorn kocht, und der Redner weiss genau, was die Leute hören wollen: «Die Flücht­lin­ge müs­sen hin­aus­ge­wor­fen wer­den, und die Bau­ern müs­sen da­bei tat­kräf­tig mit­hel­fen», ruft Josef Fischbacher. Der Kreisdirektor des bayerischen Bauernverbandes giesst kräftig Öl ins Feuer und nimmt sogar das Nazi-Wort «Blutschande» in den Mund.

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